M. Flecker u.a. (Hrsg.): Augustus ist tot - Lang lebe der Kaiser!

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Titel
Augustus ist tot – Lang lebe der Kaiser!. Internationales Kolloquium anlässlich des 2000. Todesjahres des römischen Kaisers vom 20.–22. November 2014 in Tübingen


Herausgeber
Flecker, Manuel; Krmnicek, Stefan; Lipps, Johannes; Posamentir, Richard; Schäfer, Thomas
Reihe
Tübinger archäologische Forschungen 24
Erschienen
Rahden/Westf. 2017: Verlag Marie Leidorf
Anzahl Seiten
620 S., 440 Abb., 11 Tab.
Preis
€ 69,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Havener, Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Dieser aufwendig produzierte Band des ersten römischen Kaisers vereint 24 in erster Linie archäologische Beiträge einer Tagung, die im Jubiläumsjahr 2014 vom Institut für Klassische Archäologie an der Universität Tübingen veranstaltet wurde. In ihrer kurzen Einleitung (S. 7–13) konstatieren die Herausgeber ein auffallendes Fehlen neuerer archäologischer Beiträge im Rahmen der deutschsprachigen Augustusforschung. Zu Recht stellen sie fest, dass das Thema als solches dabei keineswegs an Relevanz verloren hat und dass „aus Sicht der materiellen Kultur“ (S. 9) der augusteische Prinzipat noch lange nicht erschöpfend erforscht ist – ein Befund, der sich auch aus der althistorischen Perspektive des Rezensenten bestätigen lässt.

Die Herausgeber erklären offen, dass im Rahmen der Tagung auf eine leitende inhaltliche Fragestellung verzichtet worden sei, um stattdessen ein Panorama aktueller archäologischer Ansätze zu bieten. Tatsächlich reichen die in den Beiträgen behandelten Themen von „Klassikern“ der Augustusforschung wie der Gestaltung des Augustusforums (Martin Spannagel und Andreas Grüner mit zwei vollkommen unterschiedlichen Ansätzen) und anderer augusteischer Monumente (etwa Sven Th. Schipporeit zur columna rostrata, Jean-Luc Schenck-David und Thomas Schäfer zum tropaeum von St. Bertrand-de-Comminges oder Stephan G. Schmid zur Ara Pacis) über Ikonographie und Organisation der augusteischen Münzprägung (Reinhard Wolters, Alexa Küter und Bernhard Weisser) bis hin zu zeitgenössisch-augusteischen, kaiserzeitlichen und modernen Rezeptionsphänomenen (unter anderem Kai M. Töpfer zu augusteischen Militaria, Richard Posamentir zu den Inschriften mit litterae aureae im Osten des Reiches, Vibeke Goldbecks Überlegungen zu einer analytischen Terminologie zur Erfassung unterschiedlicher Rezeptionsphänomene oder Sylvia Diebners Ausführungen zur Instrumentalisierung augusteischer Monumente durch das faschistische Regime im Italien der 1920er und 1930er-Jahre). Mag man darin auch auf den ersten Blick Anlass zur Kritik sehen, so ist dem Band das „Hinzufügen, […] Schärfen oder [die] erstmalige Zusammenschau bisher kaum beachteter Phänomene“ (S. 9) aber grundsätzlich durchaus als Verdienst anzurechnen. Wenn sich auch bei einzelnen Beiträgen die Frage stellt, worin dieses „Hinzufügen und Schärfen“ bestehen soll, so bieten viele der präsentierten Befunde und Analysen Anlass zu mitunter sicher kontroverser Diskussion.

Aufgrund des Umfangs des Bandes muss im Rahmen dieser Rezension auf eine ausführliche Besprechung einzelner Beiträge verzichtet werden. Stattdessen soll der Fokus auf übergreifende und verbindende Fragestellungen gelegt werden, die sich aus der Lektüre ergeben. Sie sind zweifellos vorhanden und hätten durchaus im Rahmen der Einleitung oder eines auswertenden Schlusskapitels stärker thematisiert werden können, um dem Band trotz der Diversität der vertretenen Themen und Methoden einen Rahmen zu verleihen. Wenn im Folgenden verstärkt auf für die Alte Geschichte anschlussfähige Punkte eingegangen wird, soll damit keineswegs einem von Grüner kritisierten (und so kaum vorhandenen) Diktat althistorischer Diskurse Vorschub geleistet werden (S. 560). Vielmehr soll gegen eine derartige Sichtweise zum Ausdruck gebracht werden, welchen Mehrwert eine interdisziplinäre Herangehensweise an die archäologischen Befunde für alle beteiligten Disziplinen erbringen kann.[1]

Als besonders ergiebig erweist sich ein Ansatz, der auf Akteure, ihre Handlungsspielräume, Einflussmöglichkeiten und Motivationen fokussiert und der bereits von Tonio Hölscher in seinem einleitenden Beitrag (S. 15–37) in den Mittelpunkt gestellt wird. Auch in den anderen altertumswissenschaftlichen Disziplinen ist in den letzten Jahren ein verstärktes Bemühen erkennbar, den augusteischen Prinzipat nicht als ein durch den princeps und seine Umgebung gesteuertes, von Anfang an auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtetes und kontinuierliches System darzustellen. Stattdessen werden vermehrt Dynamiken und die Prozesshaftigkeit der Ausbildung neuer politischer, sozialer oder kultureller Strukturen in den Blick genommen. Dabei ist für diverse Themenbereiche herausgearbeitet worden, welche Bedeutung der komplexen Zusammensetzung der auf unterschiedlichsten Ebenen an diesen Prozessen beteiligten Akteure zukommt. Zahlreiche Beiträge des Bandes widmen sich explizit oder zumindest implizit diesen Fragestellungen und zeigen auf, dass sie auch auf den Bereich der materiellen Kultur gewinnbringend angewendet werden können: Während an einigen Stellen zweifellos ein direkter Einfluss des princeps oder seiner Vertrauten nachzuweisen ist (siehe die Beiträge von Spannagel oder von Patrizio Pensabene und Enrico Gallocchio zu den neuen Ergebnissen, die die Grabungen auf dem Palatin erbracht haben), lassen sich zugleich Bereiche ausmachen, in denen ein solcher Einfluss entweder von untergeordneter Bedeutung oder unter Umständen überhaupt nicht vorhanden war (so etwa im Bereich der von Töpfer behandelten Militaria, der von Frank Hildebrandt in den Blick genommenen Prunkbecherpaare oder der von Harald Schulze vorgestellten Gattung der bronzenen Reliefspiegel). Wolters demonstriert in seiner systematischen Analyse der Münzprägung von 49 v.Chr. bis 14 n.Chr. (S. 41–61), wie sich durch eine differenzierte Periodisierung erhebliche Verschiebungen im Bereich der thematischen Schwerpunkte nachweisen lassen.

Woltersʼ Beitrag berührt damit einen zweiten Aspekt: Zentral ist auch die immer wieder hervorgehobene reziproke Verbindung zwischen Medium und historischem Kontext, die sich gegenseitig beeinflussen oder gar bedingen können. So argumentiert beispielsweise Schäfer plausibel für einen Zusammenhang der in ihrer spezifischen Form außergewöhnlichen Gestaltung des tropaeum von Lugdunum Convenarum und den Bürgerkriegen der 30er Jahre (S. 337–366). Caterina Maderna und Alexander Heinemann zeigen anhand des Kaiserportraits bzw. zentraler Elemente der in augusteischer Zeit entwickelten und etablierten Bildersprache, wie bestimmte Botschaften an sich wandelnde Rahmenbedingungen angepasst wurden und auf diese Weise neue Bedeutungsebenen erschließen konnten. Es zeigt sich, dass neue Befunde beziehungsweise die Neuauswertung alter Befunde auch für bereits seit langem diskutierte, deshalb jedoch für den augusteischen Prinzipat nicht weniger zentrale Fragestellungen wie diejenige nach dem Spannungsverhältnis von Tradition und Innovation neue Erkenntnisse liefern können – und dies auf ganz unterschiedlichen Ebenen, wie Robert Nawracalas Ausführungen zur Entwicklung großformatiger Fensterscheiben oder Angela Pabsts Beitrag zum clupeus virtutis vor Augen führen.

Gerade vor dem Hintergrund dieser (und anderer) Querverbindungen zwischen den einzelnen Beiträgen ist auf das bedauerliche Fehlen eines Registers hinzuweisen, das eine bessere Erschließung des Bandes ermöglicht hätte. Hervorzuheben ist dagegen die sehr gute Qualität der oftmals farbigen Abbildungen, die insbesondere Ausführungen zu numismatischen Quellen gut nachvollziehbar machen.[2] Insgesamt lässt sich festhalten, dass viele der einzelnen Beiträge in exemplarischer Weise das reichhaltige Potential aufzeigen, das sowohl die Entdeckung und Aufarbeitung neuer Befunde als auch die Auseinandersetzung mit bereits bekanntem Material unter neuen Fragestellungen bietet. Der Band stellt somit zweifellos eine Bereicherung nicht nur der archäologischen Augustusforschung dar und liefert vielfältige Grundlagen für eine weitere eingehende Beschäftigung mit den behandelten Themen.

Anmerkungen:
[1] Schließlich konstatiert Grüner selbst in seinem Beitrag zur Farbgestaltung des Augustusforums am Ende zutreffend, dass es sich bei dem von ihm herausgearbeiteten ästhetischen System um eine Kategorie handelt, die parallel zu anderen Deutungsmöglichkeiten existierte (S. 573). Ästhetische und „politische“ Interpretation eines so komplexen Monuments wie des Augustusforums schließen sich natürlich keineswegs aus.
[2] Erschwert wird dies mitunter allerdings durch Vertauschungen von Abbildungen oder falsche Verweise im Text (etwa im Beitrag von Küter, S. 114, mit einer Vertauschung von Abb. 1 und 2 oder der Verweis auf Abb. 1 statt 5 im Beitrag von Heinemann, S. 525) sowie ungenaue Bildunterschriften im Beitrag von Weisser, die nur mithilfe des vorangehenden Katalogteils aufzulösen sind.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.07.2018
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