J.L. Caradonna (Hrsg.): Handbook of the History of Sustainability

Cover
Titel
Routledge Handbook of the History of Sustainability.


Herausgeber
Caradonna, Jeremy L.
Reihe
Routledge International Handbooks
Erschienen
London 2018: Routledge
Anzahl Seiten
XII, 443 S., 24 SW-Abb.
Preis
£ 175.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Pawlitta, Institut für Zeitgeschichte München - Berlin

Der Band reiht sich in die zunehmenden Bestrebungen ein, den ubiquitär gewordenen Komplex der „Nachhaltigkeit“ in seiner historischen Dimension zu erfassen.[1] Im Sinne eines bündelnden Überblicks versteht sich das „Handbook of the History of Sustainability“ als Einführung in Trends, zentrale Themen und Schlüsseldebatten „on the deep roots and recent history of sustainability“ (S. 3). Neben diese grundlegende Orientierungsfunktion für die (historische) Nachhaltigkeitsforschung tritt das Bestreben, durch den Blick in die Vergangenheit zum einen zu verstehen, wie die gegenwärtigen sozio-ökologischen Probleme des Planeten entstanden sind, und dadurch zum anderen auch ein spezifisches Grundlagenwissen für mögliche Lösungsstrategien zu liefern. So äußert der Herausgeber Jeremy L. Caradonna am Ende seiner einführenden Bemerkungen die Hoffnung, „that this volume will do its part […] toward creating a more sustainable world“ (S. 5).

Anordnung, Auswahl und inhaltliche Gestaltung der über 20 Handbuch-Beiträge folgen im Wesentlichen drei verbindenden Annahmen. Erstens werden die Lebensweisen vieler indigener und präindustrieller Gesellschaften, die teils über sehr lange Zeitspannen Bestand hatten, als grundsätzlich nachhaltig angesehen. Unter dem Schlagwort „historical sustainability“ (S. 4) bildet diese Prämisse den Rahmen für den dritten, auf die Einleitung und ein historiographisches Überblickskapitel folgenden Gliederungsabschnitt. Im Vordergrund steht hierbei die Frage nach grundlegenden Faktoren für die „Resilienz“ und den letztendlichen „Zusammenbruch“ („collapse“) vergangener Zivilisationen wie beispielsweise der Kultur der Maya – nicht zuletzt mit der Stoßrichtung, daraus Rückschlüsse für die Umformung unserer gegenwärtigen, als „nicht nachhaltig“ charakterisierten Industriegesellschaften zu ziehen. Der Titel des Beitrags von Joseph A. Tainter, „Understanding sustainability through history: resources and complexity“, bringt dieses – keinesfalls als unproblematisch anzusehende – Ziel einer Nutzbarmachung von Geschichte für gegenwärtige Zwecke prägnant zum Ausdruck.

Die zweite konzeptionelle Grundannahme verortet die Ursprünge der modernen Nachhaltigkeitsbewegung im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts, als sich angesichts von (Produktions-)Krisen neue Ansätze des Ressourcenmanagements entwickelten (S. 4). Weiter ausgeführt wird dieser Zusammenhang wiederum in einem eigenen Abschnitt („The roots of sustainability“) mit insgesamt vier Kapiteln, die beispielsweise der sprachlichen Herkunft und Bedeutung des Nachhaltigkeitsbegriffs in der frühneuzeitlichen Forstwirtschaft oder auch entsprechenden Überlegungen im Zuge der Industriellen Revolution nachgehen. Die dritte und letzte Prämisse betrifft schließlich den Betrachtungsgegenstand selbst: Da „sustainability“ als Kategorie nicht einheitlich zu definieren sei, verfolgt das Handbuch einen pluralen Ansatz, der sich in einem breiten Spektrum unterschiedlicher Bedeutungsgehalte und Konzeptionen von „Nachhaltigkeit“ und damit auch in der inhaltlichen Spannweite des Bandes niederschlägt (S. 4).

Wenngleich die Grundausrichtung eine epochenübergreifende ist, liegt der Schwerpunkt doch klar auf der zeitgeschichtlichen Dimension. Mit neun Kapiteln finden sich im Abschnitt „The recent history of sustainability“ ebenso viele Beiträge wie in den Teilen zu den frühneuzeitlichen Wurzeln und den „nachhaltigen Zivilisationen“ zusammen. Aus dem insgesamt recht weiten thematischen Spektrum – die Palette reicht von der Geschichte des Wachstumsparadigmas über „nachhaltige Architektur“ bis hin zur Wasserversorgung in Indien – sind hier im Hinblick auf eine allgemeine Historisierung des modernen Nachhaltigkeitsgedankens insbesondere die Ausführungen von Erik W. Johnson und Pierce Greenberg zu den Verbindungslinien zwischen der Nachhaltigkeits- und der US-Umweltbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre hervorzuheben. Bei der Nachhaltigkeitsbewegung der vergangenen 30 bis 40 Jahre, so die wesentliche These, handele es sich um „a dynamic elaboration of the environmental movement“ (S. 147). Vor allem die allgemeine Neuvermessung der Mensch-Natur-Beziehungen mit ihrem Zusammendenken von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten lasse sich als intellektuelle Vorleistung für jene Nachhaltigkeitsidee betrachten, die international maßgeblich seit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 verbreitet wurde. Die Reziprozität dieses Verhältnisses zeige sich zugleich aber darin, dass das derart geformte Nachhaltigkeitskonzept wiederum auf die US-Umweltbewegung als einigendes Moment zwischen traditionellem Wildlife-Konservatismus und neueren Ökologie-Bewegungen zurückgewirkt habe.

Auf die von Beginn an wirkmächtige internationale Dimension des (zeithistorischen) Nachhaltigkeitsdiskurses verweist Iris Borowy in ihrem Aufsatz „Sustainable development and the United Nations“. Auf Grundlage der von ihr betrachteten Aushandlungsprozesse konstatiert Borowy, dass es sich bei der Herausbildung und Formung des Konzepts der „nachhaltigen Entwicklung“ vor allem um permanente Versuche des Interessenausgleichs handelte – wie der Gewichtung der Bedürfnisse zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Generationen, zwischen globalem Norden und Süden oder auch im Verhältnis von Wirtschaft und Umwelt. Dementsprechend seien die vorherrschenden Bewertungen zur Genese und (gegenwärtigen) Ausformung des Nachhaltigkeitsgedankens im UN-Kontext, entweder als Aneinanderreihung „verpasster Chancen“ oder als fortschreitende Erfolgsgeschichte, primär Ausdruck dessen, welchen Interessen jeweils Vorrang eingeräumt werde. Unabhängig von solchen Wertentscheidungen ließen sich der permanente Bedeutungszuwachs und damit auch die Wirkmächtigkeit des Konzepts der „nachhaltigen Entwicklung“ aber kaum bestreiten.

Im letzten, ebenfalls sehr umfangreichen Teil zu zentralen Konzepten und Debatten rund um Nachhaltigkeit tritt der in der Grundkonzeption des Handbuchs angelegte Gegenwartsbezug wiederum deutlich zutage. So betonen Barbara Muraca und Ralf Döring in ihrem Überblick zu wachstumskritischen Ansätzen und damit korrespondierenden Konzepten einer „starken Nachhaltigkeit“, dass ihr Beitrag weniger eine historische Auseinandersetzung als eine normativ orientierte Kritik am gegenwärtig dominanten – und ihrer Ansicht nach primär ökonomisch ausgerichteten – Nachhaltigkeitskonzept darstelle (S. 355). Die dabei vorgenommene Differenzierung zwischen der Vielzahl unterschiedlicher Konzepte, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mit dem Topos „Nachhaltigkeit“ assoziiert wurden, und der mittlerweile gängigen Deutung unter dem Schlagwort der „nachhaltigen Entwicklung“ zeigt sich aber auch jenseits derartiger wachstumskritischer Implikationen durchaus anschlussfähig für eine weitere Tiefenschärfung des Nachhaltigkeitsdiskurses der jüngsten Vergangenheit.[2]

Neben weiteren Kapiteln, die sich ebenfalls meist kritisch dem Verhältnis von Wachstumsparadigma und Nachhaltigkeit zuwenden, wird hier unter anderem auch der (anthropogene) Klimawandel als ein „core issue on sustainability“ behandelt. In groben Zügen zeichnen Hervé Le Treut und Claire Weill nach, wie die Klimathematik zunächst innerhalb wissenschaftlicher Zirkel an Bedeutung gewann und sich seit den 1990er-Jahren zunehmend in internationalen politischen Regelungsbemühungen niederschlug. Der Schwerpunkt ihrer Ausführungen liegt aber erkennbar darauf, bestehende Defizite bisheriger Maßnahmen und mögliche Lösungsstrategien aufzuzeigen. Dabei wird vor allem der wissenschaftlichen Beratungsfunktion eine bedeutende Rolle zugeschrieben, die, wolle sie erfolgreich sein, neben den dominanten meteorologisch-physikalischen verstärkt auch gesellschaftliche Faktoren berücksichtigen müsse. Diese auf die Gegenwart gerichteten Gestaltungs- und Verbesserungsbemühungen mögen mit Blick auf die erhebliche politische Relevanz der Klimathematik verständlich sein. Dennoch bleibt die Frage – wie bei zahlreichen anderen Beiträgen auch –, inwiefern eine solche Perspektive für die historische Erschließung der Nachhaltigkeitsthematik tatsächlich weiter- und zielführend sein kann.

Insgesamt gesehen verfolgt das Handbuch die in der Einleitung erläuterte Konzeption durchaus stringent; es deckt zeitlich, räumlich und inhaltlich ein breites Spektrum ab. Der damit eröffnete facettenreiche Zugang wird durch die interdisziplinäre Zusammenstellung der Autorinnen und Autoren noch verstärkt. Nicht nur Letzteres geht allerdings mitunter zu Lasten einer genuin historischen Perspektive, die in diversen Beiträgen doch erkennbar hinter einer Orientierung auf aktuelle Problemlagen zurücktritt. Dieser – vom Herausgeber explizit vorgegebene – Gegenwartsbezug und die damit häufig verbundene normative Stoßrichtung stehen in einem Spannungsverhältnis zum Anspruch des Bandes, ein Grundlagenwerk für die historische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit zu sein. Hier schlägt das Pendel doch eher in Richtung der interdisziplinären und stärker auf die Entwicklung konkreter Lösungsstrategien zielenden „Sustainability Studies“ aus.

Anmerkungen:
[1] Neben dem zunehmenden Umfang an Forschungsliteratur zeigt sich dies u. a. auch in entsprechenden Projektkonstruktionen. Für Vormoderne und Frühe Neuzeit siehe z. B. das am Institut für Historische Landesforschung der Universität Göttingen angesiedelte Projekt „Nachhaltigkeit als Argument: Suffizienz, Effizienz und Resilienz als Parameter anthropogenen Handelns in der Geschichte“: http://www.uni-goettingen.de/de/528465.html (04.03.2019). Für die zeitgeschichtliche Dimension siehe das beim Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, der Universität Augsburg und dem Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg laufende Kooperationsprojekt „Geschichte der Nachhaltigkeit(en). Diskurse und Praktiken seit den 1970er Jahren“: https://www.ifz-muenchen.de/aktuelles/themen/geschichte-der-nachhaltigkeiten/ (04.03.2019). Am letzteren Verbundprojekt ist der Rezensent beteiligt.
[2] Dazu etwa Elke Seefried, Rethinking Progress. On the Origin of the Modern Sustainability Discourse, 1970–2000, in: Journal of Modern European History 13 (2015), S. 377–399.