C. Rauhut: Praxis der Baustelle um 1900

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Titel
Die Praxis der Baustelle um 1900. Das Zürcher Stadthaus


Autor(en)
Rauhut, Christoph
Erschienen
Zürich 2017: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
347 S.
Preis
€ 71,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Britta Kägler, Institutt for historiske studier, Norwegian University of Science and Technology (NTNU) Trondheim

Im Herbst 1897 waren dem Zürcher Stadtrat und dem städtischen Baukollegium Pläne für ein neues Verwaltungsgebäude vorgelegt worden, das auf dem Gelände der früheren Fraumünsterabtei im ehemaligen Kratzquartier erbaut werden sollte. In den anschließenden Diskussionen ging es vor allem um den Standort sowie darum, den Platzmangel der städtischen Verwaltung möglichst rasch zu beheben. Nur wenige Überarbeitungsphasen später wurden die Pläne erneut vorgelegt und das Bauvorhaben am 13. April 1898 vom Stadtrat schließlich genehmigt. Der Abbruch der Abtei und die anschließende Herrichtung des Bauplatzes läuteten dann im Sommer desselben Jahres den Beginn des Bauvorhabens ein. Am 1. September begannen die Aushubarbeiten.

Christoph Rauhut stellt die Abläufe auf der Baustelle und die Verflechtung der verschiedenen Aufgaben, die von unterschiedlichen Betrieben übernommen wurden, ins Zentrum seiner Arbeit. Gleichzeitig gelingt es ihm überzeugend, seine Ergebnisse nicht nur als Einzelfall zu präsentieren. Vielmehr ordnet er den Baufortschritt am Stadthaus mitsamt seinen vielfältigen Entscheidungsprozessen und Spezialisierungen innerhalb verschiedener Gewerke stets in den Zusammenhang des „langen 19. Jahrhunderts“ ein. Einerseits zeigt er auf, welche traditionellen Praktiken nach wie vor Bestand hatten. Andererseits geht er auf Neuerungen ein, die nur zum Teil mit technischen Errungenschaften zusammenhängen. Ein Aspekt, den sich mancher Leser/manche Leserin sicherlich relevanter vorgestellt hätte. Insbesondere das dritte Kapitel, das Rauhut unter das Thema „Kontinuitäten und Spezialisierungen der Arbeitspraktiken“ stellt (S. 89–182), greift bis ins 18. Jahrhundert zurück, um herauszustellen, welche Innovationen den Arbeitsablauf von Maurern und Zimmerern, Steinarbeitern, Tapezierern, Verputzern, Gipsern, Glasern oder Monteuren veränderten.

Auf den ersten zehn Seiten erläutert Rauhut die Struktur seiner Arbeit und einzelne Axiome, die den nachfolgenden fünf Großkapiteln zugrunde liegen. Hierbei handelt es sich fast durchweg um Entwicklungen, die bereits am Ende des 18. und im Verlauf des 19. Jahrhunderts begonnen hatten. Um die Jahrhundertwende 1900 konnten sie als etabliert bezeichnet werden. Konkret benennt Rauhut Formalisierungsprozesse, die als Folgen der Industrialisierung zu erkennen sind und „im Zusammenhang mit den Prozessen von Verwissenschaftlichung, Verrechtlichung und Ökonomisierung“ (S. 15) stehen. Während die Ausbildung der (Bau-)Handwerker bis ins 18. Jahrhundert in der Regel als Lehrling bei einem Meister erfolgte und die Zünfte dafür verantwortlich waren, allgemeine Standards festzusetzen, professionalisierten sich im 19. Jahrhundert nicht nur Berufsbilder, sondern auch Ausbildungsinstitutionen (S. 15, 69).

Rauhut stellt konsequenterweise Fragen nach den Formalisierungen an den Anfang seiner Überlegungen: Waren spezifische Gesetzesänderungen prägend für den Baubetrieb? Welche Rolle spielten Maße und ihre überregionale Vereinheitlichung? Welche Auswirkungen hatte beispielsweise die Meterkonvention von 1875? Was die vorliegende Arbeit aber besonders lesenswert macht, ist, dass Rauhut nach den allgemeineren Feststellungen auch stets auf das konkrete Geschehen auf dem Bau in Zürich zurückkommt. Im Fall der Formalisierungsbestrebungen des 19. Jahrhundert stellt er die Frage, inwiefern die Bauprozesse selbst formalisiert(er) wurden: Gab es genormte Vergabeverfahren? Welche Rolle spielten Baupläne und die Verwendung von (genormten) Parametern bei Bauentscheidungen?

Die Studie zum Zürcher Stadthaus führt damit Forschungen in die Moderne, die bislang vor allem aus dem Hoch- und Spätmittelalter bekannt sind: Kunstgeschichtliche Studien, die sich innovativ mit Baugeschichte, deren Organisation und technischen sowie prozessualen Neuerungen beschäftigen, sind vor allem von und um Günter Binding und Norbert Nussbaum entstanden. Zuletzt griffen Bruno Klein, Katja Schröck und Stefan Bürger den Themenkomplex 2013 an der Technischen Universität Dresden mit einem Sammelband auf. Gerhard Fouquets Arbeiten zum Baugeschehen im Mittelalter zeichnet insbesondere eine wirtschafts- und sozialgeschichtliche Perspektive aus. Zur frühneuzeitlichen Baustelle ist in den vergangenen Jahrzehnten hingegen deutlich weniger geforscht worden. Kunstgeschichtliches Innovationspotential scheint hier eher im Mittelalter gesehen worden zu sein.

Rauhut selbst verweist in seinem Forschungsüberblick daher zu Recht nur auf wenige Autor/innen, die sich mit dem historischen Baubetrieb und der Bauorganisation ab der Renaissance auseinandersetzen. Hierzu gehören beispielsweise Nicoletta Marconi und Maria Grazia D’Amelio. Mit Blick auf die Arbeiten zu römischen Baustellen wären sicherlich auch Horst Bredekamps Arbeiten zu St. Peter und Gerhard Eimers umfangreiche Studien zur Fabbrica S. Agnese an der Piazza Navona zu nennen. Achim Hubel und Manfred Schuller betrachten mittelalterliche Sakralbaustellen wie den Regensburger Dom aus Perspektive der historischen Bauforschung. Außerdem laufen derzeit Studien zu frühneuzeitlichen Baustellen am Institut für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, das kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche, aber auch kunstgeschichtliche und rechtsgeschichtliche Perspektiven auf die barocke Baustelle zusammenführt. Gemeinsam ist diesen Studien jeweils das Interesse an den Arbeitsabläufen – an der „Betriebsorganisation“ (S. 13) wie Rauhut es nennt – auf Großbaustellen. Technische Neuerungen blieben bis ins 18. Jahrhundert vergleichsweise belanglos.

Erst die Arbeiten von Thomas Schumacher zum Weiterbau des Kölner Doms im 19. Jahrhundert und die ingenieurtechnischen Studien von Tom F. Peters, die ebenfalls das 19. Jahrhundert in den Blick nehmen, bieten seit den 1990er-Jahren verstärkt neue Ansätze in der Bauforschung. Diese Arbeiten konzentrieren sich vor allem auf städtische Baustellen, zu denen auch Industriebauten hinzukommen. Das Bauen im ländlichen Raum des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts lässt sich hingegen anhand von Studien der europäischen Hausforschung erschließen, die in den vergangenen zehn Jahren mehrere gewichtige Tagungsbände vorgelegt hat.

Das interdisziplinäre Interesse am Themenfeld „Baustelle“ ist unübersehbar, auch wenn Rauhut selbst betont, dass er nicht versucht, Baustellen von Hochbauten um 1900 grundsätzlich zu diskutieren. Vielmehr schränkt er ein, dass seine Studie sich konkret mit Hochbau-Baustellen befasst, die um 1900 im öffentlichen Sektor entstanden (S. 192). Und trotzdem bietet die vorliegende Studie nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern auch für Kunstgeschichte, Hausforschung, Denkmalpflege und Bauforschung interessante Befunde.

Die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit konzentrieren sich auf drei Bereiche: das Baumaterial, die Akteure und die Organisation des Bauvorhabens. Rauhut hebt hervor, dass der zunehmende Einsatz von Maschinen und die Mechanisierung von Produktionsabläufen zu den entscheidenden Neuerungen um 1900 zählten. Am Stadthaus kann er den gleichzeitigen Einsatz traditioneller Geräte und Praktiken sowie neuer Arbeitsmaschinen nachweisen. Rampen oder Paternoster für den vertikalen Lastenbetrieb stehen stellvertretend für diese Parallelität von Bewährtem und Neuem (S. 324–338). Überhaupt stellt er den Pluralismus von Produkten und Praktiken als ein Charakteristikum des Bauwesens im ausgehenden 19. Jahrhundert vor und lässt Diskurse in zeitgenössischen Lehrbüchern und Zeitschriften lebendig werden. Anhand der Baustelle des Stadthauses zeigt Rauhut die Bandbreite verschiedener Materialien und Maschinen eindrücklich auf: Er führt aus, dass es grundsätzlich Alternativen gab, die entweder aus verschiedenen Teilvarianten ein und desselben Produkts oder auch aus Substitutionsprodukten bestehen konnte. Beispielhaft können hierfür Farben und Anstriche genannt werden. Für die neuen Möglichkeiten, die mit neuen Materialien und Praktiken einhergingen, sind vielleicht die Deckenkonstruktionen das beste Beispiel: Über den gesamten Verlauf des Bauprojekts von der Ausschreibung über die Logistik bis zur Ausführung zeigt Rauhut wie der Wandel von der Holzbalkendecke zur Eisenbetonkonstruktion (S. 186–203) Anlass für ökonomische und bautechnische Diskussionen gab (Hourdisdecken oder Kappengewölbe, S. 189).

Ausgehend von der Natursteinbeschaffung arbeitet Rauhut schließlich heraus, dass sich der „Produktionsort Baustelle“ (S. 353) auf verschiedenen Ebenen mit der räumlichen Umgebung verbinden lässt. Zwei Tendenzen postuliert er für die Zürcher Baustelle. Einerseits weitete sich der Lieferradius für Baumaterialien (z.B. Glasbausteine, Linoleum, Naturstein), andererseits blieb der räumliche Bezugsrahmen für Bauarbeiter eng auf die Stadt Zürich begrenzt. Eine Überlagerung dieser beiden Tendenzen macht Rauhut dann wieder an der Planung der Eisenbetonkonstruktion fest. Die modernen Verfahrenstechniken waren Teil einer europaweiten Diskussion, während „zentrale Entscheide ... auf die räumliche Nähe zum Zürcher Polytechnikum zurückzuführen“ (S. 353) waren.

Die Relevanz von Spezialwissen verbindet wiederum den Einsatz neuester Technik und bestimmtes Baumaterial mit den Akteuren am Bau. Rauhut konstatiert, dass auf der Baustelle unterschiedlichstes Bauwissen zusammenkam: Wissen über Konstruktion, Materialeigenschaften. Implizites Wissen, explizites Wissen, aber auch Handlungswissen trennt er – wo möglich – voneinander und ordnet es den jeweiligen Akteuren und Akteursgruppen auf der Baustelle zu; freilich ohne über den Aspekt der „Wissenspopularisierung“ hinwegzugehen, der auf dem Bau eine große Rolle zukam.

Und so steckt in der Dissertation, die vielleicht auf den ersten Blick „nur“ eine Baustelle in den Blick rückt, eine ganze Welt: Vom Anteil der ausländischen Bauarbeiter, den Rauhut schnell als eine Besonderheit des schweizerischen Baugewerbes offenbart, über den Professionalisierungsschub des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis hin zur Baustelle als „Ort des Wissenstransfers“ (S. 236). Rauhut ist ein beeindruckendes Werk gelungen, dem eine breite Rezeption zu wünschen ist. Ein Buch für Forschungsbibliotheken, den Einsatz im Proseminar und für den Nachttisch.

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27.03.2019
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