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Titel
Die Zähringer. Dynastie und Herrschaft


Autor(en)
Zotz, Thomas
Reihe
Urban-Taschenbücher 776
Erschienen
Stuttgart 2018: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
296 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Gramsch-Stehfest, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Ein „Laboratorium eigener Art“ sei die Geschichte der Zähringer – mit diesen Worten schließt Thomas Zotz, langjähriger Lehrstuhlinhaber für mittelalterliche Geschichte der Universität Freiburg im Breisgau, seine Überblicksdarstellung, mit welcher der Kohlhammer-Verlag zum Zähringer-Jubiläum aufwartet. Vor 800 Jahren, am 18. Februar 1218, verstarb mit Herzog Berthold V. der letzte männliche Vertreter dieser Adelsfamilie. Sie hat die Geschichte des deutschen Südwestens und der heutigen Schweiz nachhaltig geprägt, so dass man sich ihrer bis heute lebhaft erinnert – sei es im institutionellen Verbund der „Zähringerstädte“, sei es in den regen Forschungsbemühungen ganzer Historikergenerationen, namentlich solchen, die in Freiburg wirkten, wo Berthold V., der Enkel des Stadtgründers, im Münster begraben liegt. Mit dieser professionellen Pflege der fürstlichen Memoria sind die Zähringer nicht schlecht gefahren: Obwohl sie zu ihrer Zeit im Schatten mächtiger Konkurrenten in Schwaben, den Staufern, standen und Historiographen vom Range eines Otto von Freising nicht allzu freundlich mit ihnen umgegangen sind, hat sich die Forschung bis in jüngste Zeit rege jenes „Staates der Herzöge von Zähringen“ angenommen, den Theodor Mayer 1935 als innovative Schöpfung gewürdigt hat.

Das Taschenbuch, mit dem der Kohlhammer-Verlag seine Reihe zu mittelalterlichen Königs- und Fürstenhäusern fortsetzt, stellt in altbewährter Weise die Geschichte der Zähringer in einer durchlaufenden, chronologischen Narration vor, ohne viele Schnörkel, wenig bebildert (mit Ausnahme einiger Illustrationen im Kapitel 7, die die eindrucksvollen baulichen Hinterlassenschaften der Zähringer in der Schweiz und in Freiburg zeigen) und mit einem Stammbaum der Familie zum Schluss (S. 248f.). Die übersichtliche, klar gegliederte Darstellung konzentriert sich auf die ereignisgeschichtlichen Verläufe, „Überraschungen“ erwarten den Leser kaum, dafür aber erhält man solide Information auf der Basis umfangreicher Quellen und Literatur. Nach einer Einleitung, die unter anderem die Forschungsgeschichte kurz skizziert, setzt die Darstellung mit der bekannten Tabula Consanguinitatis aus dem Briefbuch des Wibald von Stablo ein, die eben nicht nur die staufischen Vorfahren Friedrich Barbarossas aufzählt, sondern auch die frühesten bekannten Zähringer, Bezelin von Villingen und Berthold I. „cum barba“ (S. 24–27). Schon hier wird deutlich, dass Zotz zuallererst eine „verflochtene Geschichte“ zu erzählen hat, die neben den Zähringern und ihrem regionalen Herrschaftsaufbau im Südwesten des römisch-deutschen Reiches immer auch das Königtum und vor allem die Staufer in den Blick nimmt.

So entfaltet sich in den folgenden Kapiteln die zähringische Geschichte der verpassten Möglichkeiten seit der Zeit der Salier: die Anfänge des Geschlechts im späten 10. Jahrhundert, Bertholds I. Anspruch auf das Herzogtum Schwaben, das dann jedoch nicht ihm, sondern Rudolf von Rheinfelden zufällt (S. 39–43). Im Zeichen des Investiturstreits, welcher die Zähringer auf der Seite der kirchlichen Reformpartei sieht, führt Bertholds gleichnamiger Sohn 1079 Rudolfs Tochter Agnes heim, was den Zähringern langfristig ein reiches Erbe sichert und sie in größte Nähe zum Gegenkönig bringt. Hier tritt die Parallele zu den Staufern deutlich hervor, deren Familienoberhaupt zur selben Zeit eine andere Agnes, die Tochter König Heinrichs IV. heiratet (S. 48). Rudolfs Schlachtentod gegen Heinrich IV. an der Elster (1080) wurde somit zugleich zur entscheidenden Weichenstellung im Konkurrenzkampf von Staufern und Zähringern – man kann sich in einer Anwandlung kontrafaktischer Geschichtsschreibung einen Rollentausch der beiden Geschlechter leicht ausmalen. Dass die Zähringer in dieser Krise nicht untergingen und sie sich in den folgenden Jahrzehnten zu geschätzten Partnern des salischen Königtums aufschwangen, sollte man ruhig als ein sprechendes Beispiel für die Flexibilität und Integrationsfähigkeit der politischen Ordnung des hochmittelalterlichen Reiches würdigen. Mit der Verleihung eines eigenen Herzogtitels „de Zaringen“, vielleicht direkt gekoppelt an die Belehnung mit der Burg Zähringen und der Stadt Zürich (S. 55–58), wurde der Familie um 1100 der reichsfürstliche Rang endgültig zuerkannt. Die Geschichte dieses „Herzogtums zweiter Klasse“, als welches der staufernahe Chronist Otto von Freising die Zähringerherrschaft zu diffamieren suchte, wird in den anschließenden Kapiteln 3 bis 7 detailliert auserzählt, unter besonderer Berücksichtigung markanter Wegmarken: der Erwerb des Rektorats Burgund 1127, die Einigung mit Friedrich Barbarossa 1152 und das folgende „Auf und Ab“ der Beziehungen zu ihm, das nicht zuletzt durch erneute territoriale Konkurrenz, diesmal in Burgund, gekennzeichnet war. Nach dem ebenfalls konfliktreichen Intermezzo der Regierungszeit Heinrichs VI. folgte zuletzt der spektakulärste Moment der zähringischen Familiengeschichte, die halb ungewollte und schließlich geplatzte Königskandidatur Bertholds V. 1198, gefolgt von einer Phase recht guter Zusammenarbeit mit den Staufern bis zum Tod des letzten Zähringers 1218.

Mit der Ebene der Reichspolitik geht die Geschichte zähringischen Herrschaftsauf- und Landesausbaus einher, sie wird von Zotz in enger Verschränkung und unter besonderer Berücksichtigung landes-, stadt- und kirchengeschichtlicher Aspekte sowie der Prosopographie der adlig-ministerialischen Herrschaftseliten detailliert geschildert. Gerade auf dem Gebiet der (Territorial-) „Staatsbildung“ hat, wie erwähnt, die ältere Forschung den Zähringern besondere Leistungen zugesprochen, was bei Zotz durchaus noch vorsichtig anklingt (zum Beispiel S. 212). Ob dieses Urteil tragfähig ist, muss freilich zweifelhaft erscheinen: Andere fürstliche Protagonisten der Zeit, etwa die Ludowinger in Thüringen oder die Welfen in Sachsen, waren in ihrem Vorgehen nicht weniger zielstrebig und umtriebig, sie nutzten dieselben Instrumente des Herrschaftsausbaus und haben ein nicht weniger „dichtes“ herrschaftliches Netz gespannt. Zudem ist in den alten Forschungsurteilen ein gewisses Maß an Apologetik angesichts eines auf Reichsebene eher glücklosen Agierens der Zähringer einzukalkulieren, worauf schon Gerd Althoff hingewiesen hat: „Das historische Urteil über die Zähringer hängt nämlich stark davon ab, ob durch ihre Politik tatsächlich Neuerungen realisiert wurden, die zur Ablösung der mittelalterlichen Herrschaftsformen und zur Entstehung des modernen Staates führten“.[1]

Von einem übermäßig ausgeprägten Rechtfertigungszwang oder gar dem offensiven Bemühen, den eigenen Forschungsgegenstand aus naheliegendem Jubiläums-PR-Interesse aufzuwerten, ist Thomas Zotz´ sachliche Darstellung natürlich weit entfernt. Trotzdem hätte es wohl gut getan, wenn man sich etwas von der sehr auf die Zähringer verengten Perspektive hätte lösen können. Dies gilt etwa für die Errichtung des Rektorats Burgund durch Lothar III. 1127 (S. 82), die mit Entstehung der Landgrafschaft Thüringen nur wenige Jahre später in Beziehung zu setzen wäre (überhaupt würden die thüringischen Ludowinger wiederholt eine gute Vergleichsfolie abgeben). Auch die folgende Aussage Zotz´ verrät einen eher engen Blickwinkel: „Nirgendwo sonst im Reich führte der […] Konflikt des sog. ‚Investiturstreits‘ zu solcher Turbulenz in der regionalen politischen Ordnung“ (S. 205). Ob man dies angesichts der dramatischen Umwälzungen in Sachsen, die bis zur Extinktion großer Teile des alten Hochadels reichten, sagen kann, scheint doch mehr als diskussionswürdig. Die Vergleichsperspektive hätte hier und an anderen Stellen geholfen, das Phänomen zähringischer Fürstenherrschaft in seinen Besonderheiten, etwa dem „schwäbischen Dualismus“ gegenüber den Staufern und der starken Westausrichtung ihrer territorialen und Heiratspolitik (S. 207f.), wie auch in seinen zeittypischen Erscheinungen – der Politik des territorialen Herrschaftsausbaus, des Mäzenatentums, der wachsenden Bedeutung der Geldwirtschaft (wofür das Epitheton des „geizigen“ Berthold V. letztlich steht) – noch klarer und anschaulicher herauszuarbeiten. Dass die Geschichte der Zähringer es wert ist, erzählt zu werden, dies zeigt das Buch von Thomas Zotz gleichwohl in überzeugender Weise.

Anmerkung:
[1] Gerd Althoff, Die Zähringerherrschaft im Urteil Ottos von Freising, in: Die Zähringer. Veröffentlichung zur Zähringer–Ausstellung Freiburg im Breisgau 1986, hrsg. von Karl Schmid, Bd. 1, Sigmaringen 1986, S. 43–58, hier S. 43.

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21.08.2019
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