P. Bürger: Geschichte im Dienst für das Vaterland

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Titel
Geschichte im Dienst für das Vaterland. Traditionen und Ziele der russländischen Geschichtspolitik seit 2000


Autor(en)
Bürger, Philipp
Reihe
Schnittstellen / Studien zum östlichen und südöstlichen Europa 11
Erschienen
Göttingen 2018: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
341 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mischa Gabowitsch, Einstein Forum, Potsdam

Der Umgang verschiedener Länder mit der eigenen Vergangenheit wird in der deutschsprachigen Diskussion gerne unter dem überstrapazierten und amorphen Begriff der „Erinnerungskultur“ thematisiert. Die entsprechenden Diskurse differenzieren oft kaum zwischen verschiedenen Akteuren und würfeln unterschiedliche Repräsentationsformen und Gedenkpraktiken gerne zusammen. Gerade in Bezug auf Osteuropa resultiert dies häufig in einer analytischen Beliebigkeit: Aus dem Kontext gerissenen Aussagen von Politikern, unkritisch wiedergegebenen Umfrageergebnissen oder einzelnen Historienfilmen wird – zuweilen in alarmistischen Tönen – ein exemplarischer Charakter zugeschrieben.

Von derlei verschwommenen Betrachtungen setzt sich Philipp Bürgers nun in Buchform vorliegende Münchner Dissertation wohltuend ab. Auch er bemängelt vorsichtig den unspezifischen Charakter des inflationär gebrauchten Begriffs „Erinnerungskultur“ und benennt für seine eigene Arbeit daher präzisere Grenzen: Sie setze sich „nicht die Erforschung des kollektiven Gedächtnisses oder der Erinnerungskultur im postsowjetischen Russland zum Ziel“ (S. 14), auch nicht die der gesamten russländischen Geschichtspolitik, an der ja auch zahlreiche nichtstaatliche Akteure beteiligt sind (S. 26). Stattdessen geht es ihm konkret um die offizielle Geschichtspolitik, definiert als das staatliche „Handeln, das sich darauf richtet, individuelle und kollektive Formen des Gedächtnisses, das Geschichtsbewusstsein sowie die Erinnerungskultur zu beeinflussen“ (S. 14). Umsichtig trennt er die Untersuchung von Inhalt und Form staatlicher Geschichtsdeutungen von der Frage nach dem Erfolg dieser Einflussnahme (S. 26). Tatsächlich würde deren systematische Erörterung ein ganz anderes Instrumentarium erfordern und wäre – mindestens – ein eigenes Buch wert. Dennoch finden sich in Bürgers Band wichtige Anhaltspunkte für ein Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Einflussnahme auf Geschichtsbilder in Russland, vor allem in seiner Analyse des Markts für Schulbücher im Fach Geschichte.

Innerhalb der selbst gesteckten Grenzen jedoch behandelt Bürger eine sehr breite Palette an geschichtspolitischen Interventionen. Im ersten der drei empirischen Hauptteile des Buchs – „Patriotismus und Erinnerungspolitik“ betitelt – geht er zum Beispiel auf die staatlichen „Programme zur patriotischen Erziehung“, die Neugestaltung des Feiertagskalenders, die Veteranenparaden am 7. November sowie auf Web-basierte Patriotismuskampagnen ein und schildert zudem in einigen seiner Fallbeispiele die staatliche Kooperation mit nicht- oder halbstaatlichen Akteuren. Der zweite Teil fasst die Entwicklung des Schulbuchmarkts zusammen und arbeitet akribisch die Entwicklung der sukzessiven staatlichen Standards für den Geschichtsunterricht auf. Der dritte Teil ist der Erinnerungspolitik in Präsidentenreden gewidmet, wobei Bürger nicht nur auf Reden und Paraden aus Anlass des Tags des Sieges am 9. Mai eingeht, sondern auch Reden der Präsidenten vor der Föderalversammlung oder aus Anlass staatlicher Gedenktage wie dem Tag des Vaterlandsverteidigers oder dem Tag Russlands auf ihren geschichtspolitischen Gehalt hin untersucht.

Das Buch dokumentiert eine bemerkenswerte Fleißarbeit bei der Lektüre unterschiedlicher Gesetzestexte, staatlicher Konzeptionen und Politikerreden, die ein stilistisches Spektrum von drögem Bürokratensprech bis hin zu bombastisch-emotionalen Hymnen an Glorie, Lob, Ehr und Herrlichkeit der Nation abdecken. Zu den verwendeten Quellen gehören darüber hinaus Pressepublikationen sowie, im Abschnitt zur Bildungspolitik, zahlreiche Schulbücher. Allein schon die thematische Breite, der Materialreichtum und die übersichtliche Gliederung machen Bürgers Studie nicht nur zu einer anregenden Lektüre, sondern auch zu einem wertvollen Kompendium, das als Startpunkt für die weitere Beschäftigung mit den behandelten Themen dienen kann. Hervorzuheben ist auch die Aktualität der behandelten Quellen – Bürger geht detailliert auf Entwicklungen bis einschließlich 2016 ein und erwähnt vereinzelt auch spätere Ereignisse wie etwa die Einweihung des Denkmals für die Opfer politischer Repressionen (Mauer der Trauer) in Moskau im Oktober 2017.

Inhaltlich bewegt sich der Autor eng an den analysierten Texten. Man könnte seinen Zugriff phänomenologisch nennen – eine Bezeichnung, die als Lob verstanden werden sollte. Überspitzt politisierte Einschätzungen gerade der Putin‘schen Geschichtspolitik kaschieren mangelnde Quellenkenntnis gerne mit Begriffskonstrukten wie „Neostalinismus“ oder „Totalitarismus“ – ganz so, als ersetze ein handlicher Terminus die nuancierte Beschäftigung mit der Realität. Ein Beispiel: Autoren wie Timothy Snyder stellen regelmäßig die prägnante, aber völlig haltlose These in den Raum, Vladimir Putins Geschichtsbild oder gar seine gesamte Weltsicht gehe zu großen Teilen auf den nationalkonservativen Philosophen Ivan Il’jin (1883–1954) oder aber auf den neofaschistischen Intellektuellen Aleksandr Dugin (geboren 1962) zurück.[1] Bisweilen werden dem Präsidenten und dadurch auch der offiziellen Staatsdoktrin auch ein russischer Ethnonationalismus oder gar Islamophobie unterstellt. Bürger zeigt hingegen in seiner Analyse von Putins Äußerungen in den verschiedensten Kontexten, dass sich als roter Faden durch Putins Äußerungen eher eine Betonung von Staatlichkeit und Stolz auf die Heimat zieht; diese wird jedoch stets als Vielvölkerstaat dargestellt. Bürger führt die Aufwertung patriotischer Diskurse und Symbole korrekt auf die Jelzin-Zeit und insbesondere auf das Wahljahr 1996 zurück, als der angeschlagene Präsident seinem nationalkommunistischen Widersacher Gennadij Zjuganov das Monopol auf positive Bezüge zur sowjetischen Vergangenheit streitig machen musste. In seiner Lektüre von Vladimir Putins und Dmitrij Medvedevs Reden macht Bürger zwar eine Evolution in der Interpretation und Kontextualisierung historischer Ereignisse aus, zeigt aber auch wichtige Konstanten auf. So betont selbst Putin auf rhetorischer Ebene stets die Bedeutung der Menschenrechte; während deren Achtung in Russland jedoch zu Beginn seiner Präsidentschaft noch als Aufschluss zu universellen Werten präsentiert wird, erscheint sie in der aktuellen Phase des patriotischen Konservatismus als Rückkehr zu einer originär russländischen Erfindung. Kennzeichen insbesondere der Zeit seit 2012 ist die Betonung imperialer Glorie und vor allem epochenübergreifender militärischer Größe.[2] In diesem Zusammenhang häufen sich auch die Zitate aus Klassikern des russländischen Konservatismus, wobei Il’jin jedoch nur einer unter vielen ist. Eine weitere wichtige Beobachtung bezieht sich auf die Bewertung der 1990er-Jahre. Zwar gelten diese im heutigen Russland den meisten als Inbegriff des Chaos, dem erst Putin ein Ende setzte. Bürger zeigt jedoch, dass Putin selbst diese Periode, in der ja auch seine eigene politische Karriere begann, stets als notwendige Umbruchsphase darstellt -- trotz der berühmten Formulierung vom Zusammenbruch der Sowjetunion als „größter geopolitischer Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.

Immer wieder zeigt Bürger Kontinuitäten zwischen der sowjetischen Periode, den Jelzin-Jahren und der Ära Putin auf, was das Repertoire und bestimmte geschichtspolitische Inhalte angeht. Zuweilen weist er auch auf ältere Traditionslinien hin, wenn er zum Beispiel einen Bogen von den postsowjetischen militärischen Gedenktagen zu den vorrevolutionären Victorientagen schlägt (S. 58). An anderen Stellen hingegen versäumt er es, eine historische Kontextualisierung vorzunehmen oder den russländischen Fall in einen internationalen Zusammenhang einzubetten. So beschreibt er in einem Unterkapitel über die patriotische Bike-Show der „Nachtwölfe“ in Sevastopol im Jahr 2013 den Mythos um das russische Sevastopol als postsowjetische Aktualisierung eines vorrevolutionären Motivs. Der Sevastopol-Kult lebte jedoch auch während der gesamten sowjetischen Zeit im militärischen Milieu fast nahtlos weiter und wurde auch durch Literaten wie Sergej Sergeev-Censkij (1875–1958) oder den Ultranationalisten Ivan Ševcov (1920–2013) am Leben gehalten. Den seit den 2000er-Jahren wieder eingeführten „Schwur der Jugend“ als Teil von Veteranenparaden führt Bürger auf eine Moskauer Veranstaltung im Jahr 1966 zurück, erwähnt jedoch nicht die vielen in Ablauf und Funktion ähnlichen Schwurrituale aus der Geschichte nationalistischer und sozialistischer Bewegungen – unmittelbarer Vorläufer der sowjetischen Jugendeide mag durchaus das dreifache „Wir schwören“ aus der Hymne des jüdischen Arbeiterbunds gewesen sein.

Abgesehen von solchen Details schafft auch Bürgers genereller Ansatz zwar einerseits Stringenz, hinterlässt aber andererseits Lücken. Zum einen ist trotz der Breite seiner Quellenbasis die Auswahl nicht immer nachvollziehbar. Warum etwa durchforstet er die Präsidentenreden am relativ wenig beachteten Tag der Einheit des Volkes nach geschichtspolitischen Statements, lässt aber die alljährlich millionenfach verfolgten Live-Fragestunden aus? Zum anderen scheint der Autor sehr auf formale staatliche Institutionen fokussiert und geht bis auf die Präsidenten kaum auf individuelle Akteure ein, obwohl Einzelpersonen und informelle Netzwerke in der russländischen (Geschichts-)Politik eine herausragende Rolle spielen. Vladimir Medinskij etwa – Tabaklobbyist, Hobbyhistoriker und seit 2012 amtierender Kulturminister – wird in dem Buch nur einmal kurz erwähnt (S. 300). Dabei gibt es in Russland wohl kaum einen zweiten Politiker, der so aktiv und so regelmäßig in historische Debatten eingreift. Unter der Schirmherrschaft der von Medinskij geleiteten Russländischen Militärhistorischen Vereinigung sind zahllose geschichtspolitische Projekte aus der Taufe gehoben worden – von Spielfilmen über Reenactment-Festivals und Jugendlager bis hin zu Ausstellungen. Sie stellt die derzeit vielleicht wichtigste Schnittstelle zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren der patriotischen Geschichtspolitik dar. Medinskijs eigene populärhistorische Bücher werden landesweit im Buchhandel und über Museen vertrieben; er selbst tritt gewissermaßen parallel als Minister und als historischer Publizist auf. Für eine Fallstudie zum Verhältnis zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Handlungsebenen hätte es keine geeignetere Figur gegeben.

Solche und andere Auslassungen weisen dann doch auf den Preis hin, den Bürger für die Konzentration auf staatliche Geschichtspolitik unter Ausklammerung ihres Kontextes zahlt. So spricht er kaum über die gesellschaftliche Bedeutung einiger der analysierten Gedenktage – der Tag des Vaterlandsverteidigers als allgemeiner Männertag, der Tag der Einheit des Volkes als Anlass zu landesweiten Aufmärschen der Ultranationalisten. Auch Konkurrenten des offiziellen Geschichtsdiskurses kommen kaum zur Sprache, seien es Historiendramen im Fernsehen oder etwa die millionenfach genutzten Vorlesungs-Podcasts des liberalen Aufklärungs-Portals „Arzamas“. So bleibt die Reichweite und Wirksamkeit der vorgestellten geschichtspolitischen Interventionen weitgehend im Dunkeln. Eine systematische Beschäftigung mit dem Thema hätte den Rahmen des Buchs gesprengt, aber bereits ein kurzer Überblick und Verweise auf die bestehende empirische Forschung etwa zum Alltagspatriotismus[3] hätten eine Studie abgerundet, die jedoch trotz solcher kleinen Mängel als Glanzleistung gelten kann.

Zum Abschluss ein Wort an das Haus Vandenhoeck & Ruprecht. Reihenweise unkorrigierte Tipp- und Flüchtigkeitsfehler, falsche Namen im Index, Zeilenumbrüche mitten im Satz – so etwas darf bei einer nicht gerade günstigen Monographie in einem renommierten Verlag nicht passieren.

Anmerkungen:
[1] Timothy Snyder, The Road to Unfreedom. Russia, Europe, America, New York 2018.
[2] Ich habe dafür den Begriff des panhistorischen Militarismus vorgeschlagen: Mischa Gabowitsch, Russlands Arlington? Der Föderale Militärische Gedenkfriedhof bei Moskau, in: Osteuropa 67/5 (2017), S. 25–59, hier S. 41.
[3] Vgl. das Themenheft der Europe-Asia Studies „Patriotism from Below in Russia“ (67/1).