T. Broser: Der päpstliche Briefstil im 13. Jahrhundert

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Titel
Der päpstliche Briefstil im 13. Jahrhundert. Eine stilistische Analyse der Epistole et dictamina Clementis pape quarti


Autor(en)
Broser, Tanja
Reihe
Beihefte zum Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde 17
Erschienen
Köln 2018: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
406 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benoît Grévin, École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris

Mit dieser stilistischen Untersuchung der päpstlichen Briefsammlung, die als Epistole et dictamina Clementis Papae quarti bekannt ist und 556 Briefe des Pontifikats Clemens‘ IV. (1265–1269) umfasst, versucht Tanja Broser, eine neue Methodik zur Erforschung der spätmittelalterlichen päpstlichen Schreibkunst und infolgedessen des potentiell einflussreichsten Modells der politischen Kommunikation im lateinischen Europa zu erarbeiten. Wie von Broser in ihrer kenntnisreichen bibliographischen und methodischen Einführung beschrieben, ist diese besondere Briefsammlung (von ihrem Lehrer Matthias Thumser hervorragend kontextualisiert und elektronisch veröffentlicht) ein herausragender Ausgangspunkt, um eine erste Untersuchung zum Thema der „klassischen“ päpstlichen Briefkunst anzustellen. Andere berühmte (und zumeist nicht oder nicht gut edierte) päpstliche Briefsammlungen des 13. Jahrhunderts sind in verschiedenen Prozessen (Wiederschreibungen, Integration einer hohen Anzahl von fiktiven Schreiben) überarbeitet worden und deswegen als „Forschungsterrain“ weit unsicherer. Im Fall der Epistole handelt es sich um eine Briefsammlung, die das Register eines Protosekretärs direkt widerspiegelt und deswegen noch sehr nah an der Urquelle stehen dürfte.

Obwohl das Papsttum wirklich nicht als ein nachrangiges Thema der mittelalterlichen Forschung bezeichnet werden kann, weist Broser zu Recht darauf hin, dass die briefliche Stilistik des päpstlichen Spätmittelalters eine Art von terra incognita geblieben ist. Der Bereich wurde für gewissen Perioden des Frühmittelalters (z. B. Gregor der Große) oder der Diplomatik ziemlich gut erforscht, aber manche Desiderata, was die Zeit der päpstlichen Theokratie betrifft, blieben bis heute unerforscht. Besonders dürftig erscheint der Forschungsstand über die Beziehungen zwischen der spätmittelalterlichen Theorie der ars dictaminis und der Pragmatik der Briefkunst an den Schreiborten (Kanzleien etc.) größerer Institutionen. Zudem fehlt es an soliden Arbeiten, die den Weg für vergleichende Studien (innerhalb und außerhalb des Papsttums) ebnen könnten (Broser erinnert daran, dass mehr Arbeiten, wie die Forschungen von Sebastian Gleixner[1], auf dem Feld der damaligen kaiserlichen und königlichen Schreibkunst entstanden sind).

Die hier gewählte Methodik orientiert sich an der sogenannten linguistischen Textanalyse, wie sie zum Beispiel von Klaus Brinker nach der Illokutionstheorie eines John R. Searle entwickelt wurde. Die Verwendung eines breiten Analyserasters, das fünf wichtige Kommunikationsfunktionen unterscheidet (Informations-, Appell-, Obligations-, Kontakt- und Deklarationsfunktion), erlaubt es Broser, eine stilistische Analyse durchzuführen, die die Funktionalität der Briefe als Analyserahmen bevorzugt, diese aber mit einer vergleichenden Studie zu den Grundregeln und Ideen der theoretischen Traktate der ars dictaminis kombiniert, ohne Gefahr zu laufen, zu rigide Kategorien unter den Briefen zu schaffen. Diese Funktionen konnten in den einzelnen Briefen miteinander verbunden sein (ähnlich waren die Regeln der ars dictaminis zur Strukturierung des Briefes ziemlich flexibel).

Nach dem methodischen und forschungsgeschichtlichen ersten Teil (S. 14–99) ist das Kernstück des Buches einer “funktionsorientierten Analyse” (S. 99–256) gewidmet, die die fünf genannten Kategorien benutzt, um den Aufbau der päpstlichen Briefe zu erforschen. Ein kürzerer dritter Teil (S. 266-–365) analysiert auf der Basis dieser Ergebnisse die Briefe in ihrer Situativität. In diesem letzten Teil vor der Schlussfolgerung droht die Gefahr, die Frage der Stilistik teilweise zu vernachlässigen, um eine Kommunikationsgeschichte des Briefes am Beispiel der Epistole zu schreiben. Es ist zum Beispiel nicht sicher, dass die an sich höchst interessante Frage des Botenverkehrs (S. 267–279) so zentral ist, um die stilistischen Aspekte der Dokumente besser zu verstehen. Eine Reihe von Mikrostudien über gewisse situative Aspekte des Briefverkehrs (persönlichere Briefe des Papstes, Briefe an Gelehrte, Beispielfall der florentinischen Briefe) vervollständigt die sehr feinen Unterscheidungen zwischen bestimmten Gruppen von Briefen (etwa an Könige oder an Kardinäle), die schon im Kernteil erarbeitet wurden.

Die stilistische Analyse der hier diskutierten Briefe erweist sich als teils sehr erhellend, teils frustrierend. Einerseits kann man sagen, dass die innovative Methode und die manchmal sehr feine Analyse ein reiches Material verfügbar macht, was die päpstliche Stilistik der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts betrifft. Der Satzbau ist besonders gut analysiert (reiche vergleichende Beispiele für die Grade von Komplexität, entsprechend der Funktion und der Typologie der Briefe); zudem wird der Leser manche sinnvollen Informationen über den Einklang zwischen der ars dictaminis und der pragmatischen Schreibkunst dieser Briefe in dem zentralen Teil des Buches finden. Das Problem der Grenzen zwischen den Bestandteilen des Briefes ist ebenfalls besonders gut untersucht. Aus der Perspektive der colores rhetorici (rhetorische Figuren) gesehen würden wir jedoch vielleicht eher von einem halb vollen Glas sprechen: Broser ist hier ihrer eigenen Methode nur teilweise gefolgt und sie bahnt sich nicht immer einen sicheren Weg durch die Welt der mittelalterlichen colores. Während viele zentrale Mechanismen wie die Anapher, die figura etimologica zitiert und kommentiert werden, gibt es eine ganze Reihe von Begriffen, die im 13. Jahrhundert üblich waren, um zum Beispiel von der Metapher und der Amplifikation zu sprechen, die hier übergangen worden sind (transumptio, circuitio); fundamentale Dimensionen des rhetorischer Techniken sind nur en passant berücksichtigt worden.

Eine größere Schwäche der Arbeit bleibt aber für mich der Umgang mit Formular und Rhythmus. Beim Lesen der Seite 73, wo Broser von den Studien Sebastian Gleixners über den Stil der Kanzlei Friedrichs II. spricht, wird deutlich, dass sie die Idee einer kombinatorischen Kunst, in der „Urkunden grundsätzlich wie Flickenteppiche, aus teils bereits vorgefertigten Formularteilen zusammengesetzt [wurden]“, als höchst vereinfachend einschätzt. Man kann damit einverstanden sein, dass die naive Vorstellung, diese kombinatorische Kunst sei als ein einfaches „Copy and Paste“ zu interpretieren, nicht der Realität der päpstlichen oder kaiserlichen Schreibpragmatik des 13. Jahrhunderts entspricht. Doch kann die Frage des Formulars nicht nur auf Studien einiger Formeln (zum Beispiel im Kontext der Appellfunktion) begrenzt bleiben: Die Forschung über die päpstlichen Briefe des späteren Mittelalters wird sich immer mit der Frage der Variabilität analoger Makro- und Mikrostrukturen auseinandersetzen müssen: Wie von Broser an manchen Stellen des Buchs bemerkt, sind typologisch oder funktionell ähnliche Briefe oft dadurch gekennzeichnet, dass sie die gleiche Rhetorik mit anderen Worten entwickeln.

Die Möglichkeit, eine flexiblere Sprache im Rahmen einer höchst formalisierten Reihe von Kommunikationsregeln zu schaffen, war aber wahrscheinlich im 13. Jahrhundert durch die intensive Verwendung des cursus rhythmicus (nicht nur ein rhythmischer Satzschluss, wie auf S. 58 definiert, sondern eine potentiell ubiquitäre rhythmische Verzierung) geschaffen, da die rhythmischen Schemen des cursus rhythmicus nicht nur die Wahl ganzer Wörter und Satzteile bedingte, sondern dem Autor auch eine ganze Reihe von Alternativen bot. In dem Buch ist zwar vom cursus manchmal die Rede, aber in der Regel sehr abstrakt (fast ohne konkretes Beispiel) und ohne den Versuch, die Beziehung zwischen der Verwendung des cursus, den lexikalischen Alternativen und der Umstrukturierung der Sätze zu kontextualisieren. Hier scheint mir die große Lücke dieser Untersuchung zu liegen.

In den päpstlichen Briefen sehe ich eher eine Kunst des „halbformularischen Schreibens“ (im Sinne der Schreibtechnik mancher Altkultur) als eine freie Disziplin. Aus dieser Einschätzung resultiert meine Bewertung, dass mit Brosers gelungenem Buch manch fundamentaler Aspekt des päpstlichen Stils des 13. Jahrhunderts zwar gut untersucht wurde, dass jedoch die Kernfrage dieses Problems hier noch nicht ausgearbeitet wurde. Dieses Buch leistet einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag zur Frage der päpstlichen Kommunikation und sollte von Fachleuten gelesen und diskutiert werden. Doch liefert es meiner Meinung nach noch nicht die Methodik, um diese Frage gründlich zu beantworten.

Anmerkung:
[1] Sebastian Gleixner, Sprachrohr kaiserlichen Willens. Die Kanzlei Kaiser Friedrichs II, 1226–1236 (Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde. Beiheft 11), Köln 2006.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.05.2019
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