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Titel
Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft. Biographie und Werkentwicklung. Band 1. 1818–1841


Autor(en)
Heinrich, Michael
Erschienen
Stuttgart 2018: Schmetterling Verlag
Anzahl Seiten
422 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kolja Lindner, Université Paris VIII

Wenige historische Figuren können sich der über 30 Biographien rühmen, die Karl Marx gewidmet wurden. Und immer noch werden Anläufe zur Rekonstruktion und Erzählung seines Lebens unternommen – wie zuletzt etwa von Francis Wheen[1] und Gareth Stedman Jones.[2] Braucht es da noch eine neue Marx-Biographie?

Nach der Lektüre von „Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft“ aus der Feder von Michael Heinrich kann an der positiven Antwort auf diese Frage kein Zweifel bestehen. Mehr noch: Es scheint nicht übertrieben, den pünktlich zum 200. Geburtstag im Stuttgarter Schmetterling-Verlag erschienen Band als die erste wirklich wissenschaftliche Marx-Biographie zu bezeichnen[3] – allerdings beschränkt auf die ersten 23 Lebensjahre. Der Autor, der der Öffentlichkeit bisher vor allem als genauer und theoretisch versierter Interpret der Marxschen Ökonomiekritik bekannt ist[4], leistet dies durch drei Zugriffe, die in einem Anhang ausführlich methodisch reflektiert werden.

Erstens beansprucht er, „jede biographische Fiktion zu vermeiden“ (S. 26). Damit ist eine Erzählung gemeint, die entstanden ist, weil viele Biographen nicht richtig zwischen gesichertem Wissen, plausiblen Vermutungen und bloßen Spekulationen unterschieden haben. Zwar stellt Heinrich auch Vermutungen auf, diese sind aber sprachlich klar als solche gekennzeichnet („es ist gut möglich“) und von dem unterschieden, was auf Basis der vorliegenden Quellen als gesichert gelten darf. Da Heinrich sämtliche ihm vorhergehende Marx-Biographik rezipiert hat, setzt er sich in Anmerkungen durch den ganzen Band hindurch mit dieser auseinander und dekonstruiert dabei reihenweise Spekulationen und Erfindungen. Zudem hat er es „aufgrund des fragwürdigen Umgangs mit Quellen [...] unterlassen, Aussagen aus anderen Biographien einfach zu übernehmen“ (S. 27). Jede biographische Aussage über Marx wird durch eine möglichst zuverlässige, zeitgenössische Quelle abgestützt.

Zweitens nimmt Heinrichs Biographie Leben und Werk zugleich umfassend in den Blick. Dass den allermeisten bisherigen Biographen eine solide Werkskenntnis abging, ist besonders problematisch, da Marx seinen Einfluss bekanntlich weniger durch sein politisches Handeln als durch sein theoretisches Werk erlangte. „Die Inhalte dieses Werkes hatten für Marx’ Leben eine ganz entscheidende Bedeutung“, schreibt Heinrich. „Oft trugen neue Einsichten dazu bei, dass sich Marx von alten Freunden entfremdete und er neue Bündnisse suchte. Ohne die Werkentwicklung lassen sich viele Aspekte des marxschen Lebens nicht verstehen. Umgekehrt bleiben auch die immer wieder stattfindenden Unterbrechungen und Neuansätze in der Werkentwicklung ohne die Wendungen in Marx’ Lebenslauf nicht ganz verständlich“ (S. 376).

Drittens leistet Heinrich eine neuartige historische Kontextualisierung von Leben und Werk. Wo bisherige Arbeiten durch diesen Kontext auf Notwendigkeiten der Entwicklung schlossen, will er die Bedingungen von Brüchen und Kontingenzen deutlich machen: „Marx umfassend in den Konflikten seiner Zeit zu verorten, seine originären Leistungen, genauso wie seine intellektuellen Abhängigkeiten und Grenzen deutlich zu machen, ist eine Aufgabe, die in den bisherigen Biographien nur unzureichend gelöst wurde. Deshalb werden wir uns nicht nur mit der Politik, sondern auch der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, mit den marxschen Quellen und mit seinen Zeitgenossen, auch manchen, die keine enge oder nur eine indirekte Beziehung zu ihm hatten, ausführlich beschäftigen müssen“ (S. 33).

Das erste Kapitel präsentiert ein umfassendes, auf Lokalhistoriographie sowie Arbeiten deutscher Sozial- und Geistesgeschichte gestütztes Panorama der Geburtsstadt Trier. Mit großer Sensibilität für Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse rekonstruiert Heinrich dabei die Lebenswege der Eltern. So macht er an dem von der bisherigen Marx-Biographik verbreiteten „Bild von Henriette als ungebildeter Hausfrau [....] erhebliche Zweifel“ (S. 67) geltend und rückt die oftmals als willentliche Emanzipation vom Judentum gewertete Taufe des Vaters in ein neues Licht.

Der noch relativ jungen Einrichtung des preußischen Gymnasiums, das Karl Marx ab 1830 besuchte, schreibt Heinrich großen Einfluss auf dessen Entwicklung zu. Durch ein Portrait der verschiedenen Lehrer zeigt er, wie Marx mit der humanistischen Idee der „Vervollkommnung des Menschen“ durch Bildung in Berührung gekommen ist. Insbesondere der Marxsche Deutsch-Abituraufsatz „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes“ hat in der biographischen Literatur zu Diskussionen geführt: „Dabei wurde der Text in der Regel als unmittelbarer Ausdruck des Denkens und Fühlens des jungen Marx aufgefasst. [...] Eine ernsthafte Interpretation dieses Aufsatzes muss zunächst einmal unterscheiden, was der originär marxsche Anteil an diesem Text ist und was eher als Resultat des Unterrichts gelten kann. Diese Unterscheidung ist möglich, wenn man den marxschen Aufsatz mit den Aufsätzen seiner Mitschüler vergleicht“ (S. 118). Hier wird das dekonstruktive Potenzial der vorliegenden Publikation deutlich. Hatte der Marx-Biograph der Arbeiterbewegung, Franz Mehring, behauptet, der Abituraufsatz bringe den „ersten Keim der materialistischen Geschichtsauffassung in unbewusster Vorahnung“[5] zum Ausdruck, verweist Heinrich dagegen auf einen verbreiteten Diskurs und die Verarbeitung von Lebenserfahrungen des Vaters, dem in seiner Berufswahl qua Herkunft materielle und rechtliche Grenzen gesetzt waren.

Der Umstand, dass Marx aus einer jüdischen Familie stammte, hat zu großen Spekulationen geführt, inwieweit sein Denken Analogien zur jüdischen Überlieferung aufweise. Auch hier gibt sich Heinrich bewusst nüchtern: „Tatsächlich existiert kein einziger Hinweis darauf, dass in der Familie von Karl Marx jüdische Feiertage begangen wurden oder die Kinder eine jüdische Erziehung genossen hätten. Aus pragmatischen Gründen ist dies auch wenig wahrscheinlich“ (S. 128). Für die Prägung des jungen Marx sei neben seiner Bildung vielmehr das bewusste Miterleben des demokratischen Aufbruchs nach 1830 entscheidend gewesen. Statt wie Auguste Cornu davon auszugehen, dass Marx als Abiturient „in dem großen Zeitkampf zwischen Reaktion und Demokratie schon entschieden Partei ergriffen hatte“[6], vertritt Heinrich, „dass der Abiturient Marx die Politik noch gar nicht als das Feld sah, auf dem er für das ‘Wohl der Menschheit’ arbeiten wollte. Als Karl nach dem Abitur sein Elternhaus verließ, war noch Vieles offen. Was ihn weit mehr interessierte als Politik, war Literatur und Kunst. [...] Der spätere Revolutionär und sozialistische Theoretiker deutete sich beim Abiturienten jedenfalls noch nicht an“ (S. 137).

Das zweite Kapitel ist dem Jura-Studium in Bonn und Berlin ab 1835 gewidmet. Hier liefert Heinrich nicht nur Anekdotisches – Marx, eine Universitätsstrafe bekundet es, „hat wohl ganz gerne mit seinen Kumpanen gezecht und sich dann nicht immer leise auf den Nachhauseweg gemacht“ (S. 151); zudem sei er in eine Straßenschlägerei in Köln verwickelt gewesen –, sondern konstatiert vor allem einen Aufbruch und eine erste Krise. Durch das rechtswissenschaftliche Studium kommt Marx in Berührung mit der Hegelschen Philosophie. Detailliert kontextualisiert Heinrich dieses Studium in der Konfrontation zwischen dem progressiven, jüdischen Hegelianer Eduard Gans und dem konservativen, antisemitischen Begründer der sogenannten historischen Rechtsschule, Friedrich Carl von Savigny. Die Abkehr von der zunächst geplanten dichterischen Laufbahn sei dabei keineswegs der oft behaupteten Einsicht in das mangelnde Talent geschuldet gewesen. Diese Orientierung sei vielmehr unter dem Einfluss der Hegelschen Philosophie erfolgt und „war die Aufgabe einer bestimmten Auffassung von Wirklichkeit und deren möglicher Kritik und damit auch die Aufgabe von all dem, was ihm bislang eine im weitesten Sinne moralische und politische Orientierung gegeben hatte“ (S. 214).

Das dritte Kapitel nimmt sich den Jahren Ende 1837 bis Ende 1840 an, für die die Quellenlage äußerst schlecht ist und die daher in anderen Marx-Biographien oft einfach übergangen worden sind. Heinrich dagegen stellt sie ins Zentrum des längsten Teils des vorliegenden Buches, da der Zeitraum für Marx’ intellektuelle Entwicklung „überaus wichtig“ (S. 235) gewesen sei. Dabei werden auch seine intellektuellen und freundschaftlichen Beziehungen rekonstruiert – auch dies eine Innovation gegenüber der bisherigen Biographik, die tendenziell die Geschichte der Marxschen Freunde, die spätere Gegner wurden, vom Ende her erzählte und sich dabei unkritisch die Marxsche Perspektive zu eigen machte. Einen besonderen Fokus legt Heinrich auf Arnold Ruge, der die für die politische Opposition der 1830er- und 1840er-Jahre wichtigen „Hallischen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst“ herausgab, sowie Bruno Bauer, einem Theologen, der sich in dieser Zeit zum Atheisten radikalisierte.

Nach Gans’ Tod 1839 und der Machtübernahme König Friedrich Wilhelm IV 1840 wurde der progressive Hegelianismus aus den preußischen Universitäten verdrängt und erhielten nationalistische und antisemitische Professoren wie Ernst Moritz Arndt Lehrstühle. Die religionsphilosophischen Kontroversen, an denen Marx in dieser Zeit teilnahm, hatten von dem Hintergrund der engen Verquickung von Staat und Kirche in Preußen unmittelbar politische Relevanz. Sie führten zudem zur Ausdifferenzierung der Hegelschen Schule, wobei sich Heinrich gegenüber der oftmals vorgenommenen Abgrenzung zwischen fortschrittlichen Jung- und konservativen Althegelianern bzw. Marx’ Zuordnung zu ersteren skeptisch gibt.

In diesem Kontext erarbeitet Marx seine Dissertation „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ – den Versuch einer „Rekonstruktion der inneren Logik einer fremden Theorie mittels der Kategorien Hegels“ (S. 346). Es sei schon häufig diskutiert worden, „ob Marx in seiner Dissertation ‘noch’ einen philosophischen Idealismus oder ‘schon’ einen Materialismus vertreten habe. Solchen Fragen liegt die Vorstellung zugrunde, dass es einen wohldefinierten idealistischen Kontinent und einen ebenso wohldefinierten materialistischen Kontinent gibt und dass sich der junge Marx wie auf einer Fähre vom einen zum anderen Kontinent bewegt, so dass man stets prüfen kann, wie weit er denn schon gekommen ist. Für Marx selbst spielen diese Fragen in der Dissertation jedoch keine Rolle“ (S. 352f.).

Man braucht allerdings nicht über einen wohldefinierten materialistischen Kontinent unter den Füßen zu verfügen, um von Marx her kommend das Unternehmen einer Biographie seiner Person als grundsätzlich problematisch zu empfinden, sind doch Biographien naturgemäß auf ein Individuum fokussiert. Heinrich selbst hat in seiner Arbeit über die Marxsche Ökonomiekritik vertreten, dass Individualismus (neben Anthropologismus, Ahistorismus und Empirismus) ein zentraler Bestandteil des theoretischen Feldes der klassischen politischen Ökonomie sei, der gegenüber Marx eine wissenschaftliche Revolution durchführe[7]. „Dass man die Rolle eines Individuums im geschichtlichen Prozess untersucht, heißt nicht automatisch, dass man eine individualisierende Auffassung von Geschichte hat“, stellt er daher in einem Interview klar, das begleitend zur Publikation veröffentlich wurde. „Natürlich ist auch Karl Marx ein Produkt seiner Zeit. Deshalb spielen nicht nur seine Familienverhältnisse, sondern auch die zeitgeschichtlichen Umstände und auch die Diskurse, von denen er geprägt wurde und auf die er sich bezieht, in meiner Biografie eine ganz wichtige Rolle. Und das alles ist für mich nicht bloß Hintergrund, aus dem man dann ein paar Anregungen identifizieren kann, die Marx aufgenommen hat. Es geht für mich immer auch um die Frage, was war in der jeweiligen Zeit eigentlich möglich zu denken, wo hat sich Marx da angeschlossen und wo ging er darüber hinaus? [...] Eine biographische Untersuchung muss nicht im Widerspruch zu den Einsichten der Sozialgeschichte stehen oder zu dem, was Foucault ‘Archäologie des Wissens’ genannt hat. Im Gegenteil, für mich macht es eigentlich nur innerhalb einer solchen Rahmung Sinn, mich mit der Rolle eines einzelnen Individuums zu beschäftigen“.[8]

Aus diesen Überlegungen werden im bereits erwähnten Anhang, der historistische, sozialgeschichtliche, diskursanalytische und „neue“ Biographik diskutiert, Schlussfolgerungen für das Unternehmen einer neuen Marx-Biographie gezogen. Von dieser sind bereits zwei weitere Bände angekündigt. Wenn Heinrich allerdings weiterhin so akribisch vorgehen sollte, sind durchaus auch mehr Bände denkbar - über deren historische Relativität sich der Autor jedoch keinerlei Illusionen macht: „Jede Generation wird unter den historisch veränderten Umständen eine neue Perspektive auf Leben und Werk von Marx entwickeln, was dann auch zu einer neuen Marx-Biographie führen wird“ (S. 384).

Anmerkungen:
[1] Francis Wheen, Karl Marx, London 1999.
[2] Gareth S. Jones, Karl Marx. Greatness and Illusion, Cambridge 2016.
[3] Gewisse Ausnahmen stellen die in drei Bänden zwischen 1954 und 1968 im Berliner Aufbau-Verlag erschienene Doppelbiographie von Marx und Engels von Auguste Cornu (Karl Marx und Friedrich Engels. Leben und Werk) sowie die Arbeit von David McLellan (Karl Marx. A Biography, London u.a., 1973) dar. Beide sind aber veraltet, vor allem da sie auf dem editorischen Stand der späten 1960er- bzw. frühen 1970er-Jahre beruhen, das heißt veröffentlicht wurden, bevor eine historisch-kritische Marxedition überhaupt verfügbar war (die zweite Marx-Engels-Gesamtausgabe erscheint ab 1975).
[4] Siehe die einschlägigen, mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzten Publikationen von Michael Heinrich, insbesondere „Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition“ (2. erw. und überarb. Aufl. Münster 1999) und „Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung“ (Stuttgart 2004).
[5] Franz Mehring, Aus dem literarischen Nachlass von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle. Vierter Band. Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels 1849–1862, Stuttgart 1913, S. 366.
[6] Auguste Cornu, Karl Marx und Friedrich Engels. Leben und Werk. Band 1. 1818-1844, Berlin 1954, S. 62.
[7] Vgl. Heinrich, Die Wissenschaft, S. 82.
[8] Michael Heinrich, „Und warum jetzt noch eine Marx-Biographie?“, in: Karl-Marx-Biografie, 27.09.2017, http://marx-biografie.de/und-warum-jetzt-noch-eine-marx-biografie/ (06.07.2018).