Pod klątwą. Społeczny portret pogromu kieleckiego

: Pod klatwa. Społeczny portret pogromu kieleckiego, tom 1. Warszawa  2018. ISBN 978-83-7554-936-2

: Pod klatwa. Społeczny portret pogromu kieleckiego, tom 2: Dokumenty. Warszawa  2018. ISBN 978-83-801-5851-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kai Struve, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Am 4. Juli 1946 wurden in der zentralpolnischen Stadt Kielce mehr als 50 Juden bei einem Pogrom getötet. Am Morgen dieses Tages hatte sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, dass in einem von Juden bewohnten Haus christliche Kinder festgehalten würden oder getötet worden seien. Entsprechende auf Ritualmordlegenden zurückgehende Vorstellungen führten in den Jahren 1945 und 1946 an verschiedenen Orten in Polen zu Ausschreitungen und Gewalttaten gegen Juden. Sie hatten jedoch nirgends ein solches Ausmaß und an keinem anderen Ort gab es dabei eine auch nur annähernd so hohe Zahl von Toten. Der Pogrom erscheint vor dem Hintergrund dessen, dass es sich bei den Opfern um Überlebende des Holocaust handelte, besonders entsetzlich. Zu seinen unmittelbaren Folgen gehörte, dass die Auswanderung von Juden aus Polen beträchtlich zunahm.

Die Deutung des Pogroms war schon 1946 umstritten. Die von der Sowjetunion installierte, kommunistische Regierung machte dafür antikommunistische Kräfte verantwortlich, die das neue kommunistische Regime bekämpften, teilweise auch bewaffnet. Diese wiederum deuteten den Pogrom als eine kommunistische „Provokation“. Sie vermuteten, dass er gezielt von den Sicherheitsorganen des Regimes ausgelöst worden sei, um dessen Gegner propagandistisch als Antisemiten und Faschisten angreifen zu können.

Abgesehen davon, dass der Pogrom im Jahr 1946 tatsächlich entsprechend genutzt wurde, wurden die Geschehnisse in Kielce in der Volksrepublik Polen während der folgenden Jahrzehnte jedoch weitgehend verschwiegen. In der internationalen Öffentlichkeit wurde „Kielce“ hingegen bald zu einem zentralen Symbol für polnischen Antisemitismus, über den die Vorstellungen allerdings selbst nicht immer frei von Stereotypen waren.

In Polen begann eine Diskussion über die Geschehnisse in Kielce erst in den 1980er-Jahren, als mit der Solidarność-Bewegung eine größere unabhängige Öffentlichkeit entstand. Seit den 1990er-Jahren sind dazu dann mehrere größere Forschungsarbeiten und Dokumenteneditionen erschienen. Während weitgehend unumstritten ist, dass der Pogrom einen starken Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, gibt es weiterhin unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit die Ausschreitungen am 4. Juli 1946 von den kommunistischen Sicherheitsorganen mit propagandistischen Zielen ausgelöst worden sind.[1]

Tatsächlich ist es nicht erstaunlich, dass das Verhalten von Polizei und Militär diesen Verdacht hervorrief. Als sich am Morgen des 4. Juli eine aufgebrachte Menge vor dem von Juden bewohnten Gebäude an der ul. Planty versammelt hatte, in dem angeblich christliche Kinder festgehalten worden waren, trugen Polizei- und Militärkräfte zur Eskalation der Gewalt bei, statt die jüdischen Bewohner des Hauses zu schützen. Die ersten Morde gingen von ihnen aus. Später trieben sie Juden aus dem Haus in die Arme der Menge, in der sie geschlagen und viele getötet wurden. Es dauerte bis in den Nachmittag des 4. Juli, bevor entschiedenes Eingreifen anderer Militär- und Polizeikräfte die Gewalt beendete, die sich inzwischen auch auf weitere Teile der Stadt ausgebreitet hatte.

Joanna Tokarska-Bakir hat nun die bisher detaillierteste Untersuchung der Geschehnisse am 4. Juli 1946 vorgelegt. Sie zeigt darin, dass Vorstellungen, Juden würden christlichen Kindern das Blut abzapfen, weit verbreitet waren. Die früheren Ritualmordbeschuldigungen hatten sich in der Nachkriegszeit oft zur Vorstellung gewandelt, dass die überlebenden Juden, die durch den Aufenthalt in den deutschen Lagern oder in Verstecken in der Zeit der deutschen Herrschaft geschwächt worden waren, „Transfusionen“ benötigen würden, um wieder zu Kräften zu kommen. Die Judenfeindschaft in dieser Zeit ging aber auch auf ein stereotypes Bild von Juden als Unterstützern des kommunistischen Regimes und auf Konflikte um das Eigentum zurückgekehrter Juden zurück.

Der wesentliche neue Beitrag der Studie besteht in der genauen Untersuchung der Rolle der Polizei- und Militärkräfte. Joanna Tokarska-Bakir argumentiert überzeugend, dass diese nicht an einer geplanten Provokation zur Auslösung der Gewalt beteiligt waren. Vielmehr bestand der Grund, warum sie selbst Gewalt gegen Juden ausübten oder zuließen und damit Zivilisten zu weiteren Gewalttaten ermutigten, darin, dass viele selbst den Gerüchten über festgehaltene Kinder Glauben schenkten und antisemitische Einstellungen teilten. Tokarska-Bakir kann darüber hinaus zeigen, dass auch auf den höheren Ebenen der Polizei- und Militärorgane sowie der staatlichen Verwaltung in Kielce eine Mischung aus antisemitisch geprägtem Desinteresse am Schicksal der Juden und Inkompetenz vorherrschte, die dazu führte, dass erst mehrere Stunden nach Beginn der Ausschreitungen ein höherer Offizier den klaren Auftrag erhielt, die Gewalttaten zu beenden, und diesen Befehl dann auch kompetent und zügig umsetzte.

Tokarska-Bakir untersucht hier nicht nur detailliert das Verhalten der verantwortlichen Personen auf unterschiedlichen Ebenen der staatlichen Institutionen am 4. Juli, sondern trägt auch zahlreiche Informationen zu ihren Biographien zusammen. Damit kann sie zeigen, dass sich auch in der Polizei, dem Militär und anderen Institutionen des kommunistischen Staates in dieser Zeit in Kielce zahlreiche Personen befanden, die in der Vergangenheit antisemitischen Organisationen angehört hatten. Manche hatten gar mit Polizeikräften in der Zeit der deutschen Besatzung in Verbindung gestanden und waren an Verbrechen gegen Juden beteiligt gewesen.

Insgesamt macht die Studie aber auch deutlich, dass der brutale Gewaltakt am 4. Juli 1946 aus einer durch die zahlreichen Gewalterfahrungen in der Zeit der deutschen Herrschaft zutiefst traumatisierten Gesellschaft entstand, wie sie jüngst auch Marcin Zaremba beschrieben hat.[2] Der Massenmord an den Juden in der Zeit der deutschen Herrschaft, der zu einem beträchtlichen Teil praktisch vor Augen der polnischen Gesellschaft stattfand, hatte die Erfahrung vermittelt, dass das Leben von Juden nichts wert sei. Eine weitere Erfahrung aus der deutschen Besatzungszeit war, dass der Mord an Juden materiellen Gewinn bringen konnte. Auch dieses Motiv spielte bei den Gewalttaten am 4. Juli 1946 eine Rolle.

Joanna Tokarska-Bakir verbindet ihre Analyse mit einer dichten Beschreibung der Gewaltakte durch umfangreiche Auszüge aus den Quellen, vor allem aus Aussagen und Erinnerungen überlebender Juden. Nicht unproblematisch ist hier allerdings, dass die Autorin bei umfangreicheren Wiedergaben von Quellentexten, offenbar um die Lesbarkeit zu erhöhen, auf die Kennzeichnung von direkten Zitaten verzichtet. So ist nicht immer erkennbar, welche Teile wörtliche Zitate und welche Paraphrase und damit auch Interpretation sind. Zwar hat die Autorin die entsprechenden Quellentexte vollständig in der originalen Form in den zweiten Band aufgenommen, der Dokumente enthält, so dass ihre Wiedergabe überprüfbar ist. Gleichwohl erscheint dies als eine problematische Vermischung von Quellenwiedergabe und Interpretation.

Die Quellen zeigen ein breites Panorama von exzessiven Gewalttaten, Habgier, Niedertracht, antisemitischen Vorurteilen auf Seiten der Täter und großem Leid auf Seiten der Juden. Letztlich bleibt die Frage, wie allgegenwärtig ein gewalt- und mordbereiter Antisemitismus in dieser Zeit in der polnischen Gesellschaft tatsächlich war, aber doch offen. Vor dem von Juden bewohnten Gebäude an der ul. Planty versammelten sich am Vormittag des 4. Juli mehrere hundert der ungefähr 50.000 Einwohner, die Kielce im Jahr 1946 hatte. Gegen Mittag kamen noch einige hundert weitere hinzu, als Arbeiter aus einem oder mehreren Industriebetrieben in einem anderen Stadtviertel auf das Gerücht hin, dass Juden christliche Kinder ermorden würden, ins Zentrum gezogen waren. Gewalttaten und Morde gab es zwar auch an anderen Orten in der Stadt und der Umgebung, sie gingen jedoch von kleinen Tätergruppen aus. Damit war letztlich nur ein kleiner Teil der Einwohner aktiv an den Ausschreitungen beteiligt. Radikale antisemitische Einstellungen waren zwar nicht auf sie beschränkt. Jedoch bleibt ungewiss, welche gesellschaftliche Reichweite sie tatsächlich hatten, auch wenn diese zweifellos beträchtlich war.

Insgesamt hat Joanna Tokarska-Bakir jedoch eine umfassende, sehr überzeugende Analyse der Geschehnisse am 4. Juli 1946 vorgelegt. Insbesondere gilt dies für die Frage nach der Rolle der verschiedenen staatlichen Institutionen. Während ihren Ergebnissen zu den Geschehnissen am 4. Juli durch weitere Forschungen wenig hinzuzufügen sein dürfte, wird die Diskussion über die polnische Gesellschaft der Nachkriegszeit ohne Zweifel weitergehen.

Anmerkungen:
[1] Während beispielsweise Jan Tomas Gross in seinem Buch Fear. Anti-Semitism in Poland After Auschwitz, New York 2006 (deutsch: Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen, Berlin 2012), die Geschehnisse in Kielce als Folge starker antisemitischer Stimmungen deutet, stellen Beiträge in einer anderen, im gleichen Jahr erschienenen Publikation den Verdacht, dass eine kommunistische Provokation eine wesentliche Rolle gespielt hatte, heraus, Łukasz Kamiński / Jan Żaryn (Hg.): Wokół pogromu kieleckiego, 2 Bde, Warszawa 2006 u. 2008.
[2] Marcin Zaremba, Die große Angst. Polen 1944–1947: Leben im Ausnahmezustand, Paderborn 2016 (zuerst polnisch 2012).

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04.10.2018
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