Cover
Titel
Menschenzucht. Frühe Ideen und Strategien 1500–1870


Autor(en)
Lorenz, Maren
Erschienen
Göttingen 2018: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
416 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Regine Maritz, Historisches Institut, Universität Bern

Sicherlich zu Recht besteht Maren Lorenz in der Einführung zu ihrem hier zu rezensierenden Buch auf die historische Relevanz des Themas Menschenzucht; zumal heute die aktive genetische Manipulation von menschlichen Embryonen in greifbare Nähe rückt und sich medizinisch unterstützte Fortpflanzungsmethoden immer weiter verbreiten. In ihrer Studie will sie „Normalisierungsprozesse“ untersuchen, durch die „gedankliche Grenzen und kollektive Wertvorstellungen“ verschoben wurden (S. 10). Daher arbeitet der vorliegende Beitrag zur Ideengeschichte mit Michel Foucaults Konzepten zu Gouvernementalität und Bio-Macht, sowie mit Ludwik Flecks Überlegungen zu Denkkollektiven und strebt somit eine breite Kontextualisierung der Diskussionen um bevölkerungspolitische Optimierungen an. Dies gelingt Lorenz auch beispielhaft. Sie liefert eine wichtige Untersuchung proto-eugenischer Ideen und führt souverän in ein bisher wenig bearbeitetes Thema ein. Der überwiegende Fokus der Studie liegt auf dem 18. und 19. Jahrhundert, was angesichts des recht offen gehaltenen Titels erwähnt werden muss. Gerade der Fokus auf die Vorgeschichte der Eugenik ist besonders interessant, da die Autorin hier die tiefen Wurzeln der (pseudo-)wissenschaftlichen Unterfütterung dieser Bewegung auf nuancierte Art und Weise historisieren kann. Die Studie verfolgt einen transnationalen Fokus und beschäftigt sich ausführlich mit dem Alten Reich, Frankreich, Großbritannien und Nordamerika. Dem Leser oder der Leserin wird es so ermöglicht zu beobachten, wie einzelne proto-eugenische Konzepte und Vorschläge in verschiedenen Kontexten entwickelt und entweder aufgegriffen oder zurückgewiesen wurden.

In ihrem ersten Kapitel unterstreicht Lorenz, wie Überlegungen zur Entwicklung idealer Staatlichkeit bereits im voraufklärerischen Europa fast immer auch beim Thema menschliche Reproduktion ansetzten. Das Kapitel analysiert diverse Textstellen in den Utopien von Thomas More, Francis Bacon und einer Reihe anderer frühneuzeitlicher Denker, sowie in den staatstheoretischen Schriften Jean Bodins. Lorenz betont, dass religiöse und ständische Logiken zu dieser Zeit variabel eingesetzt werden konnten, um körperliche Differenzen auf unterschiedliche Art und Weise zu interpretieren. Insgesamt bestätigt Lorenz für die ausgehende Frühe Neuzeit eine fortschreitende Abwendung von religiösen Erklärungsmustern hin zu einer vermehrten Privilegierung von Naturbeobachtungen, worauf zum Beispiel der Erfolg von Johann Caspar Lavaters Physiognomie hindeutet.

Kapitel zwei und drei befassen sich mit der Epoche, die von Lorenz als für die vorliegende Thematik am ausschlaggebendsten identifiziert wird: der Aufklärung. Das zweite Kapitel untersucht die Sattelzeit im Alten Reich. Im Kontext landesfürstlicher Herrschaft wurden dort Konzepte und Ordnungen zur besseren Kontrolle des Volkskörpers entwickelt, wie zum Beispiel Johann Peter Franks „medicinische Policey“ (S. 100). Die Kernideen Franks und seiner Kollegen zu Themen wie Samenökonomie und Gesundheitschecks für Heiratswillige, gepaart mit dem erwachenden Selbstbewusstsein von Medizinern, die nun als Experten über gesellschaftliche Ordnungen präsidierten, führt die Autorin gekonnt anhand von einigen spannenden Fallstudien vor.

Im folgenden Kapitel werden die Debatten in Frankreich für dieselbe Periode vergleichend analysiert. Dort verstärkten die Revolution und ihre unsteten Nachwirkungen die Beschäftigung mit Problemfeldern wie Bevölkerungsschwund und „Degeneration“ (S. 149–51). Lorenz bespricht unter anderem die Vorschläge zur sozialen Restrukturierung von Sexualität und Fortpflanzung anhand der Schriften von Jean-Jacques Rousseau und dem Marquis de Sade, sowie die Reflexionen von Maupertuis und Diderot zur Erblichkeit physischer und moralischer Qualitäten. In den französischen Kolonien konnten diese Gedankenspiele zur Optimierung menschlicher Zucht schließlich in die Praxis umgesetzt werden. Die Autorin zeigt hier, dass die Machtstrukturen in den Kolonien mit den Hierarchien der neuen gegenderten, rassistischen Konzeption der Gesellschaft deckungsgleich waren. Sie liefert somit ein weiteres implizites Argument für ihren Zugang: „neue“ Ideen erweisen sich nämlich stets als Modifikationen und Anpassungen von vorbestehenden Strukturen und Ideen.

Das vierte Kapitel der Studie nimmt Großbritannien in den Blick. Literarische Auseinandersetzungen mit dem Thema Reproduktion und Vererblichkeit bilden hier den Ausgangspunkt für eine Betrachtung der internen britischen Diskussionen zum Thema. Zum Beispiel schlug Jonathan Swift in einer Polemik von 1729 vor, verarmte irische Kinder als Nahrungsmittel zu verwenden, um ihnen einen gesellschaftlichen Nutzen abzugewinnen. Diese analytische Verknüpfung der Diskussionen um menschlichen Überschuss und Ressourcenknappheit wurde schließlich etwa 70 Jahre später effektvoll von Thomas Robert Malthus bearbeitet. Der Schockfaktor war sowohl für die zeitgenössische Literatur als auch für die Wissenschaft in diesem Bereich zentral, wie die regen sich entfaltenden Diskussionen über die Implikationen von kontrollierter Bevölkerungspolitik in Zeitungen und anderen öffentlichen Räumen beweisen.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Neuen Welt. Lorenz argumentiert, dass proto-eugenisches Gedankengut gerade dort auf besonders fruchtbaren Boden stieß. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg war die lokale Elite stark dezimiert und die Frage nach den künftigen Führungsschichten der USA stellte sich mit Dringlichkeit. Darüber hinaus verlangte die heikle Frage der Integration der schwarzen Bevölkerung Aufmerksamkeit, weshalb Schriften, Vorträge und Debatten, die sich mit der Optimierung von menschlicher Reproduktion auseinandersetzten, auf großes Interesse stießen und nicht nur intellektuelle, sondern auch kommerzielle Chancen eröffneten. Diese Vorschläge und Ideen bildeten ein breites Spektrum ab und die Autorin geht im Besonderen auf die Phrenologie ein, also jene Idee, dass Vermessungen des Schädels eines Menschen dessen Talente und Einschränkungen nachweisen können.

Im letzten Kapitel untersucht Lorenz die Modalitäten der Übernahme proto-eugenischen Gedankenguts in den privaten Haushalt und liefert somit einen angemessenen Schluss für ihre auf Foucault aufbauende Studie. Sowohl für Alteuropa als auch in den USA verfolgt sie die Publikationsgeschichten von Eheratgebern, die behaupteten, bei der Zeugung von besonders schönen (und männlichen) Kindern Hilfe leisten zu können. Neben dem Wunsch, zur Optimierung der Bevölkerung beizutragen, sieht Lorenz den Erfolg dieser Schriften auch darin begründet, dass hier oft anatomisch bis schlüpfrige Illustrationen enthalten waren, und nebenbei auch stets Tipps zur Verhütung erlernt werden konnten. Diese Texte sowie die Vorträge und Demonstrationen ihrer Autoren trugen dazu bei, breiten Bevölkerungsschichten das Vertrauen zu den medizinischen Wissenschaften und deren Vertretern anzuerziehen und somit den gesellschaftlichen und privaten Rahmen für die Empfängnis von praktischen Anwendungen der Menschenzucht vorzubereiten.

Da Lorenz spezifisch an Normalisierungsprozessen – also an Veränderung – interessiert ist, wirft ihr Material, welches von zentralen Kontinuitäten zeugt, weitere Fragen auf. Zum Beispiel fällt auf, dass die in der antiken Imaginationstheorie angelegte Annahme der engen Verbindung zwischen den mentalen Zuständen einer Schwangeren und der Unversehrtheit ihres Fötus bis weit ins 19. Jahrhundert weiterlebte (S. 50–53 und 299). Dieses Konzept entfaltete also über Jahrhunderte seinen Einfluss und es wäre interessant zu fragen, was die Resilienz dieses Diskurses ausmachte. Des Weiteren nimmt das vorliegende Buch Religion zumeist als ein normsetzendes Bündel von Argumenten in den Blick, welches dank der Grundsätze von Barmherzigkeit und Nächstenliebe radikalere Vorschläge von Naturwissenschaftlern für einige Zeit abfederte (z.B. S. 104, 111, 152, 319). Jedoch scheinen Glauben und Religion in manchen von der Autorin angesprochenen Situationen auch in andere Richtungen zu weisen. So etwa im Fall von John Humphrey Noyes, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts danach strebte, seine – angeblich – von Gott auserwählte Blutlinie in innovativen, sektiererisch anmutenden Familienstrukturen fortzupflanzen (S. 265–271). Für die Rezensentin regen solche Handlungen auch zu Überlegungen dazu an, welche Wechselwirkungen sich zwischen spirituellen Bedürfnissen und entstehenden Individualisierungskonzepten entfalteten und ob diese proto-eugenischen Praktiken weiter den Weg bereiteten. Solche weiterführenden Fragen aufzuwerfen, ist ein weiterer Verdienst dieser lesenswerten Studie. Darüber hinaus ist die Genderperspektive, die sich gewinnbringend durch das gesamte Buch zieht, ein besonders interessanter und methodisch wertvoller Beitrag zur nach wie vor sehr männlich konnotierten Wissenschafts- und Ideengeschichte.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.02.2020
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