A. Prause: Catwalk wider den Sozialismus

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Titel
Catwalk wider den Sozialismus. Die alternative Modeszene der DDR in den 1980er Jahren


Autor(en)
Prause, Andrea
Erschienen
Berlin 2018: be.bra Verlag
Anzahl Seiten
500 S.
Preis
€ 52,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Donth, Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

In der DDR gab es in vielen gesellschaftsrelevanten Bereichen kulturpolitische Machtkämpfe. Neben der bildenden Kunst und der Literatur gehörte dazu auch die Mode. Nachdem 1972 alle größeren Konfektionsbetriebe verstaatlich worden waren und als Antwort auf den stetigen Einfluss aus dem Westen auch ein eigenes Modeinstitut gegründet worden war, bildete sich in den 1980er-Jahren in Ost-Berlin, Dresden, Leipzig, Erfurt und zahlreichen anderen Städten der DDR eine alternative Modeszene heraus: Junge Designer, Models, Fotografen und Künstler artikulierten in Modenschauen und Performances ihren Widerspruch gegen die kulturelle Enge der SED-Diktatur. Auch wurde deutlich, dass der Westen nichts von seiner Anziehungskraft verlieren würde – die SED-Herrschaft sah sich gezwungen, zu reagieren.

Andrea Prause untersucht in ihrer Dissertation, die von Wolfgang Kaschuba und Gerd Dietrich an der Humboldt-Universität zu Berlin betreut und von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert wurde, zunächst die vielfaltigen künstlerischen Subkulturen und unkonventionellen Inszenierungen, die in das Fadenkreuz aus Überwachung, Repression, Duldung und Instrumentalisierung gerieten. Die Autorin geht der Frage nach, wie in der Mode-Parallelwelt gelebt und gearbeitet wurde, die sich letztlich nicht von den obrigkeitlichen Strukturen zähmen ließ. Auf der Grundlage zahlreicher Zeitzeugeninterviews zeichnet Prause ein beeindruckendes Bild der Szene, die die SED-Führung letztlich nicht beeinflussen konnte. Weitere Quellen fand sie in neun Archiven, Filmen und zeitgenössischen Publikationen.

Die DDR war eine „modische Mangelgesellschaft“: Fehlendes Angebot einerseits und Modehunger andererseits entluden sich in Kreativität und Vielfalt. Eine Mehrheit der unabhängigen Näher und Näherinnen stand anfangs noch der sozialistischen Idee wohlwollend gegenüber. Mit den wachsenden kapitalistischen Strukturen vollzog sich der Abschied von der Anpassungsgesellschaft. In der Schattenökonomie brachten es einige der alternativen Modeschaffenden zu großem Reichtum. Hohe Gewinne wurden aber nicht nur in künstlerische Kreativität kanalisiert - viele Künstlerinnen und Künstler genossen laut Prause ein „extrem dekadentes“ Boheme-Leben.

Die zahlreichen Modenschauen, die teils schrille Inszenierung der eigenen Arbeit und der eigenen Persönlichkeit im öffentlichen und halböffentlichen, geduldeten Raum sowie die Nonkonformität blieben der Diktatur nicht verborgen. Obwohl sich viele Protagonisten als „nichtpolitisch“ verstanden und eher gegen das „Normalsein“ rebellierten, entfalteten die Modeshows ein enormes oppositionelles Potential.

Die SED-Diktatur antwortete mit Einschüchterung und Repression. Für viele Funktionäre bestand „aus gesellschaftlicher Sicht kein Interesse am Fortbestand derartiger Modegruppen […], da deren Zahl in letzter Zeit sprunghaft angestiegen ist und dadurch in unvertretbarem Maße Arbeitskräfte dem Produktions- und Dienstleistungssektor entzogen“ würden (S. 336). Dennoch wurden viele Gruppen toleriert – wohl auch, weil ihre Mode Konsumbedürfnisse der Bevölkerung befriedigte und sich dadurch abweichendes Verhalten in vermeintlich unpolitische Bahnen lenken ließ. Ende der 1980er-Jahre wirkten 300 bis 400 öffentlich agierende Mode-Gruppen in der DDR.

Wo es möglich war, ließen die alternativen Modeschöpfer bürokratische Schikanen ins Leere laufen und umgingen restriktive Zulassungsverfahren für Auftritte. Mit Scheinanstellungen konnten sie Strafen nach dem „Asozialenparagraphen“ 249 des DDR-Strafgesetzbuches aus dem Weg gehen. Das MfS griff auch zu Zersetzungsmaßnahmen und versuchte, die jungen Künstler als Spitzel zu werben.

Wenn die Jugendlichen gegen die politischen Verhältnisse in der DDR öffentlich protestierten, gingen Volkspolizei und MfS wie gegen jeden anderen Protest hart vor. Davon betroffen waren auch junge Ost-Berliner Kreative, die am Vorabend des 20. Jahrestages der Errichtung des sogenannten „Antifaschistischen Schutzwalls“ unter Alkoholeinfluss das „Anarcho-A“ und „Langsam werden wir sauer, 20 Jahre Mauer“ an einen Zaun gesprüht hatten. Zunächst wurden sie in das Volkspolizeipräsidium in der Keibelstraße gebracht, bevor das MfS die jungen Künstler wochenlang in seiner Untersuchungshaftanstalt in Pankow inhaftierte und verhörte. Die Verurteilungen zu mehrmonatigen Haftstrafen hatten jedoch nur kurz Bestand. Prominente systemtreue Familienangehörige ließen ihre Beziehungen zum SED-Chefideologen Kurt Hager spielen, der seinerseits bei Staatssicherheitsminister Erich Mielke intervenierte. Der ordnete schließlich die Freilassung der Jugendlichen an.

Mitglieder des Mode-Establishments, die sich bei modischen Standards nicht den altbackenen Vorgaben der SED beugen wollten, hatten bis zur Friedlichen Revolution 1989 unter brutaler Verfolgung zu leiden: Dazu gehörte Margarete Fuchs, eine der exponiertesten Modegestalterinnen der DDR. Für ihre Kollektionen erhielt sie hohe staatliche Auszeichnungen. Als sie Anfang der 1980er Jahre mehr Unabhängigkeit und Partizipation einforderte, setzte das MfS sieben Spitzel auf sie an und überzog sie mit Zersetzungsmaßnahmen: Ihr Auto wurde aufgebrochen, die Wohnung konspirativ durchsucht, die Handtasche gestohlen. Zudem dichtete die Stasi ihr eine Affäre an. Auch vor der Drohung mit der Psychiatrie zur Disziplinierung unbequemer Menschen schreckte das MfS nicht zurück. „Ich sollte etwas unterschrieben, wo ich mich für verrückt erklärt hätte …“. (278) Letztlich konnte sich Margarete Fuchs behaupten und 1984 die Rückgabe ihrer Berufszulassung erzwingen.

Trotz der umfassenden Beobachtung, Kontrolle, Überwachung und Reglementierung gelang es dem MfS nicht, das Phänomen „alternative Modeszene“ adäquat einzuordnen. Prause zeigt, dass es nicht die eigenen Erfahrungen um Verhaftungen und Verhöre, die Inhaftierungen enger Freunde und die Ablehnung der Zumutungen der SED-Diktatur waren, die als entscheidende „Triebfeder für die Shows“ fungierten. Als wichtiger erwies sich vielmehr der Wille, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, der schnell an die Grenzen der offiziellen sozialistischen Jugendpolitik stieß. Andrea Prause orientiert sich in ihrer Untersuchung an den Begriffsdefinitionen, die von Martin Broszat und Elke Fröhlich zur Beschreibung widerständiger Verhaltensweisen in der NS-Diktatur entwickelt wurden. Als zielführend stellt sich auch Prauses Rückgriff auf das zehnstufige Modell von Hubertus Knabe – Resistenz, partielle Kritik, sozialer Protest, passiver Widerstand, neue soziale Bewegungen, politischer Protest, Dissidenz, politische Opposition, aktiver Widerstand und Aufstand – heraus. Sie zeigt, dass sich die unterschiedlichen Phänomene abweichenden Verhaltens im Sozialismus auch für die alternative Modeszene begrifflich fassen lassen. [1]

Andrea Prause vermittelt einen mit Fotografien, Interviews und Zeitdokumenten überaus gelungenen, reich illustrierten kulturhistorischen Einblick in eine schillernde Parallelwelt, die in der DDR abseits von Anpassung und Tristesse entstanden war. „Catwalk wider den Sozialismus“ leistet über das Thema im engeren Sinne hinaus einen wichtigen Beitrag, um die verschiedenen Phänomene von Opposition, Widerstand und Dissidenz in der Endphase der SED-Diktatur zu definieren.

Anmerkung:
[1] Vgl. Martin Broszat / Elke Fröhlich, Alltag und Widerstand – Bayern im Nationalsozialismus, München 1987, S. 49–73. Hubertus Knabe, Was war die DDR-Opposition?, in: DA 2/96, S. 184–198.

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Veröffentlicht am
18.09.2019
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