G. v. Büren u.a. (Hrsg.): Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg

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Titel
Herrschaft, Hof und Humanismus. Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg und seine Zeit


Herausgeber
von Büren, Guido; Fuchs, Ralf-Peter; Mölich, Georg
Reihe
Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie 11
Erschienen
Anzahl Seiten
608 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Jablinski, Bielefeld

Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg gehörte zweifelsohne zu den bedeutendsten Fürsten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Über fünf Jahrzehnte (1539–1592) regierte er seine drei Herzogtümer sowie die zugehörigen Grafschaften Mark und Ravensberg mit bemerkenswerter Souveränität und führte diesen gewaltigen Territorienkomplex aus den mittelalterlichen Herrschaftsverhältnissen in die Welt vormoderner Staatlichkeit. Der 500. Geburtstag dieses Fürsten war ein vorzüglicher Anlass, sein Wirken und Schaffen im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung zu würdigen. Auf Einladung der Universität Duisburg-Essen, des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte im Landschaftsverband Rheinland sowie des Jülichschen Geschichtsvereins und des Klevischen Vereins für Kultur und Geschichte trafen sich zahlreiche Interessenten am 25. und 26. August 2016 in der Wasserburg Rindern/Kleve. Der daraus hervorgegangene, äußerst gelungene Tagungsband ist hier vorzustellen. Namhafte Autor/innen haben nicht nur biografische Daten zusammengetragen, sondern aufschlussreiche Analysen zu Herrschaft und Hof verfasst, die den Leser/innen erhellende Einblicke in die oftmals geheimnisvoll anmutende Zeit der Renaissance und des Humanismus bieten. Die 22 Beiträge verteilen sich auf die vier Sektionen Biografie, Herrschaft, Hof und Humanismus, wobei eine knappe Biografie des Herzogs ihren Platz bereits in der Einleitung findet. Sie führt die wichtigsten Lebensdaten des Fürsten zusammen, die Guido von Büren durch seinen Beitrag zur herzoglichen Familie unter Verwendung zeitgenössischer Bilddokumente trefflich ergänzt.

Die zehn Beiträge in der Sektion „Herrschaft“ greifen die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten fürstlichen Handelns im spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Reich auf. Stefan Gorißen etwa beleuchtet das Bemühen des Herzogs, seine Herrschaft mithilfe einer ausgeklügelten Allianz- und Heiratspolitik sowohl im Reich als auch auf der europäischen Bühne zu verankern, wobei die engen Schranken des Handelns immer wieder durch Unwägbarkeiten dynastisch-biologischer Zufälle vorgegeben wurden. Die Entscheidungsprozesse des Herzogs überprüft Matthias Böck am Beispiel des Geldrischen Erbfolgekriegs, bei dem kein Geringerer als Karl V. sein Kontrahent war. Dieses ungleiche, häufig als wagemutig bezeichnete Kräftemessen mit dem Kaiser gründete auf einer wohldurchdachten Bündnispolitik mit England und Frankreich, die durch fein abgestimmte Heiratsabsprachen eine scheinbar sichere Ausgangslage bot. Dass sich dieses Konzept im entscheidenden Augenblick als hinfällig erwies, ist nicht dem Herzog anzukreiden, sondern den europäischen Kräfteverhältnissen geschuldet. Die bittere Niederlage war unter den veränderten Bedingungen unvermeidbar. Für Herzog Wilhelm war es nicht nur eine militärische Niederlage mit einem zu verschmerzenden Verlust von Geldern. Weitaus gravierender dürfte die vom Kaiser geforderte Verpflichtung des Herzogs gewesen sein, zur altkirchlichen Religionspolitik zurückkehren zu müssen.

Eine Intensivierung der Herrschaft im eigenen Land konnte der Herzog gleichfalls nicht nach eigenem Ermessen voranbringen, vielmehr war er auf ein Zusammenwirken mit den Landständen angewiesen. Wie Michael Kaiser demonstriert, sprachen die Stände keinesfalls mit einer Stimme, sondern zerfielen in (regionale) Substrukturen mit durchaus unterschiedlichen Zielsetzungen. Unbedingt zu empfehlen ist der Aufsatz von Lothar Schilling über die Rolle von Justiz und „guter Policey“ als Grundlagen fürstlicher Herrschaftsverdichtung. Der wohltuend knappen Einführung in das Thema folgt die überzeugende Darstellung der konkreten Maßnahmen in den Vereinigten Herzogtümern, und zwar mit dem Nachweis einer wirksamen Beteiligung territorialer Eliten.

Das 16. Jahrhundert lässt sich nicht ohne die Frage nach dem Einfluss der Reformation auf die Politik des Herzogs behandeln. Mehrere Beiträge beleuchten den „Sonderweg“ Wilhelms, der sowohl altkirchliche als auch lutherische Glaubensinhalte und Glaubenspraktiken zuließ. Sein offensichtliches Wohlwollen gegenüber neuen Liturgien, Verhaltensweisen und Ansichten fand allerdings feste Grenzen im Vertrag von Venlo, mit dem Kaiser Karl den Herzog verpflichtete, der alten Kirche die Treue zu halten. Das zwang ihn zu einem nicht ganz einfachen Spagat und hat mittlerweile mit der Kennung „via media“ seinen Platz in der Literatur eingenommen. Nach Ansicht Susanne Beckers hat es im Jahr 1576 einen Wechsel von einer aktiven zu einer passiven Reformpolitik gegeben. Diese Veränderung war weder der Gegenreformation noch einer geänderten Gesinnung des Herzogs geschuldet, sondern findet in den zunehmenden körperlichen Gebrechen des Herzogs ihre Erklärung. Antje Flüchter stellt die Entscheidung des Herzogs für eine ambiguitätstolerante Kirchenpolitik vor und entwickelt den Gedanken, dass der Herzog die Gelegenheit genutzt habe, Konfessionalisierung als bewusste Strategie im Sinne einer Staatsbildung einzusetzen. Ihrer Ansicht nach boten die wiederholt durchgeführten Kirchenvisitationen gute Möglichkeiten für eine direkte Interaktion und Kommunikation mit der Bevölkerung auf lokaler Ebene, die einer Herrschaftsverdichtung durchaus zuträglich waren. Die Überlegungen von Ralf-Peter Fuchs zur religiösen Positionierung am Hof und in den Territorien Herzog Wilhelms V. seit den 1550er-Jahren unterstreichen die Absicht des Herzogs, unterschiedliche Wege zum Heil in seinen Ländern zu dulden.

In der dritten Sektion geben die Autor/innen einen Einblick in das glanzvolle Geschehen am Hof. Guido von Büren führt die Leser/innen zudem durch die weitläufige Residenz- und Festungsanlage, die verschiedenen Beschreibungen des höfischen Lebens sind überwältigend. Alleine die Vorstellung, dass zum Hof zeitweilig bis zu 400 Personen gehörten, lässt erahnen, welche Aufgaben täglich zu bewerkstelligen waren. Über zahlreiche (Hof-)Ordnungen wurde versucht, das Miteinander zu regeln. Anmerkungen zur Jagd, eine der großen Leidenschaften des Herzogs, und der Beitrag von Martin Lubenow zur künstlerischen Vielfalt der höfischen Musikszene runden das Bild ab. Breiten Raum nehmen die Darstellungen zu den Taufen und Hochzeiten ein. Der Beitrag von Rebecca Anna über die Hochzeitsfeierlichkeiten von drei der sieben Kinder der Fürstenfamilie in den Jahren 1573, 1574 und 1585 bringt uns diese Ereignisse auf der Grundlage der vorhandenen Festbeschreibungen näher.

Rita Voltmer trägt dazu bei, ein weitreichendes Verständnis für Medizin, Astrologie, Magie, Dämonomie und Exorzismus des 16. Jahrhunderts zu entwickeln. Sie korrigiert das teilweise euphorisch überzeichnete Idealbild einer in Kunst und Kultur schwelgenden Hofgesellschaft und bereitet die Leser/innen auf das nahende Ende von Pracht und höfischer Selbstdarstellung vor, das sich mit dem zunehmenden Verlauf der Krankheit des Herzogs abzuzeichnen begann. Innerfamiliäre Zwistigkeiten warfen ihre Schatten auf den Niedergang einer punkvollen Herrschaft, die 1609 mit dem Erlöschen der Dynastie endete. Stefan Heinz berichtet auf der Grundlage des 1592 von Dietrich Graminäus verfassten Textes Spiegel und Abbildung der Vergänglichkeit über Tod und Beisetzung dieses großen Fürsten.

In der letzten Sektion geht es um die Frage, in welchem Maß humanistisches Gedankengut die Politik des Herzogs prägte. Die Liste der am Hof wirkenden Gelehrten ist beeindruckend. Konrad Heresbach ist wohl ihr prominentester Vertreter. Ihm oblag die Erziehung des etwa siebenjährigen Prinzen. Er dürfte wie kein zweiter das Leben des Jungherzogs geprägt haben. Martin Szameitat bietet einen Einblick in das Leben dieses großen Humanisten. Peter Arnold Heuser berichtet über die Tätigkeit von Georgius Cassander (1513–1566) am Fürstenhof und Marc Laureys stellt ausführlich Stephanus Pighius und dessen Werk (Hercules Prodicius) vor. Als Hauslehrer war Pighius nicht nur für die Erziehung des erstgeborenen Sohnes Karl Friedrich verantwortlich, sondern bereitete auch dessen Italienreise vor, an der er persönlich teilnahm. Der Jungherzog starb am 9. Februar 1575 auf dieser Reise. Den letzten Beitrag des Bandes widmet Hans de Waardt dem Hofarzt Johann Wier. Es bleibt offen, welchem Lager er letztendlich zuzuordnen ist; er scheint weder eindeutig dem katholischen, noch dem lutherischen oder calvinistischem Lager zugehörig. Schon deswegen passt er gut zu der „via media“-Politik, wie sie am Hof Herzog Wilhelms gepflegt wurde.

Weitere Beiträge ergänzen das breite Informationsangebot. Ein Personen- und Autorenverzeichnis schließen den Band ab. Der Fußnotenapparat bietet vielfältige Ansatzpunkte für vertiefende Untersuchungen. Ein Beitrag zur Herrschaftsfinanzierung hätte das Bild abgerundet. Das Fehlen ist nicht unbedingt als Mangel des Buches zu bewerten, aber es darf auch nicht unerwähnt bleiben. Immerhin gehörte es angeblich zu den Verdiensten dieses Fürsten, die ständige Unterdeckung des Haushalts in den Griff bekommen zu haben, was ihm den Namenszusatz „der Reiche“ einbrachte. Der Verzicht auf ein Sach- und Ortsverzeichnis erschwert das gezielte Suchen nach Informationen. Ungeachtet dieser wenigen Einschränkungen lässt sich der Tagungsband aber als ein absolut gelungenes Werk bezeichnen, das viele aktuelle Forschungsthemen aufgreift und für künftige Studien richtungsweisende Impulse gibt.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.09.2019
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