J. Vaïsse: Zbigniew Brzezinski

Cover
Titel
Zbigniew Brzezinski. America's Grand Strategist


Autor(en)
Vaïsse, Justin
Erschienen
Anzahl Seiten
544 S.
Preis
€ 25,60
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cora Schmidt-Ott, Seminar für Zeitgeschichte, Universität Tübingen

Der Untertitel lässt keinen Zweifel am Urteil des Autors über den 2017 gestorbenen Sicherheitsberater Jimmy Carters: Zbigniew Brzezinski sei ein großer, wenn nicht sogar der strategische Denker der Vereinigten Staaten gewesen. Die amerikanische Außenpolitik prägte er in einer Phase, die von sich rasch verändernden Bedingungen, Wahrnehmungen und der Suche nach alternativen Ordnungsmöglichkeiten gekennzeichnet war. Anders als sein mediengewandter Vorgänger Henry Kissinger hat Brzezinski in der Forschung bislang jedoch wenig Aufmerksamkeit erfahren.[1] Justin Vaïsses Biographie, die nun in englischer Übersetzung erschienen ist, ist die erste umfassende Studie; zudem konnte der Autor als bislang einziger Forscher auf Brzezinskis Unterlagen in der Library of Congress zurückgreifen.[2] Der französische Historiker geht sowohl dessen strategischem Denken nach als auch der Frage, wie der gebürtige Pole zu einer außenpolitischen Autorität der USA aufsteigen konnte. Vaïsse will eindimensionale Deutungen als Falke und Kalter Krieger korrigieren – „to remember Brzezinski as he should be remembered“ (S. 14) – und damit auch die umstrittene Außenpolitik Carters rehabilitieren.[3]

Drei miteinander verflochtene Themen ziehen sich durch das Buch, das sich im Aufbau an den wichtigsten Karrierestationen des Protagonisten orientiert. Vaïsse zeigt erstens, wie sich das außenpolitische Establishment der USA nach 1945 veränderte. Anders als die zeitgenössische und die spätere wissenschaftliche Kritik an den „Cold War social sciences“ und „Cold War universities“ betont Vaïsse weniger die Indienstnahme der Wissenschaft durch die Politik als vielmehr die Chancen, die diese Institutionen Immigranten wie Brzezinski und Kissinger eröffneten. Durch die Nachfrage nach Expertise für den Kalten Krieg, so der Tenor, wurden erst die akademische Welt und dann auch die Außenpolitik der USA seit den 1950er-Jahren offener und demokratischer. Brzezinski wurde zum gefragten Berater und ergriff selbst die Initiative: 1973 gründete er mit David Rockefeller die Trilaterale Kommission, ein Gremium amerikanischer, westeuropäischer und japanischer Experten und Politiker. Kritisch anmerken ließe sich freilich, dass die Zusammensetzung und das Selbstverständnis dieses internationalen Think Tanks deutlich vor Augen führen, wie exklusiv auch das ‚neue‘ außenpolitische Establishment der USA blieb.

Zweitens beleuchtet die Biographie Brzezinskis Denken, dessen Dimensionen und Hintergründe Vaïsse in einem gesonderten Kapitel zum „Academic in Politics“ differenziert darstellt und gewichtet. Der Sohn eines polnischen Diplomaten begann seine Karriere in den 1950er-Jahren am Russian Research Center in Harvard. Mit dem Ziel, die sowjetische Herrschaft in Osteuropa zu brechen, entwickelte er das Konzept des „peaceful engagement“ als eine Art kontinuierliche ideologische Offensive. Ab Mitte der 1960er-Jahre schienen dem Sowjetologen jedoch zunehmend andere Entwicklungen wichtig: Der Anbruch des „technetronischen“ Zeitalters, wie er es bezeichnete, und die zunehmende „Interdependenz“ der Weltregionen und -probleme erforderten für Brzezinski neue Strategien, um die amerikanische Vormachtstellung zu behaupten. Statt ein Machtgleichgewicht aufrechtzuerhalten, von dem die Sowjetunion im Zweifelsfall profitiere, gelte es, Beziehungen unter den Industriestaaten ebenso wie zu den wichtigsten Staaten des globalen Südens zu stärken.

Der Befund, Brzezinski entziehe sich der Einordnung als Realist oder als Liberaler und bleibe als Denker letztlich unkategorisierbar, ließe sich allerdings noch weiter denken. So könnte man fragen, ob die außenpolitischen Etiketten der Nachkriegsära für die Zeit seit den 1970er-Jahren überhaupt analytisch tragfähig sind oder ob nicht vielmehr ihre Auflösung symptomatisch für diese Phase ist. Ähnlich schwer einzuordnen wie Brzezinski ist beispielsweise sein enger Kollege Samuel Huntington, der ihm in die Trilaterale Kommission und in den Sicherheitsrat folgte. Darüber hinaus ließe sich angesichts von Brzezinskis eigenem globalen Blick auch nach intellektuellen Verwandten und Gesprächspartnern außerhalb der USA fragen.

Drittens analysiert Vaïsse sowohl Brzezinskis Rolle als Sicherheitsberater als auch die Beziehungen zwischen den Entscheidungsträgern im Weißen Haus. Der Berater versuchte, das bipolare Denken zu erweitern, indem er eine Vielzahl von Problemen rund um den Globus auf die Tagesordnung setzte. Vaïsses Bilanz fällt wohlwollender als andere Deutungen aus: Durch eine ambitionierte und vielseitige Außenpolitik sei es gelungen, die USA nach Vietnam international zumindest ein Stück weit zu rehabilitieren. Die Verträge von Camp David, die Rückgabe des Panama-Kanals und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China stellten wichtige außenpolitische Erfolge für das Verhältnis zum globalen Süden dar, bevor sie von den Krisen in Iran und Afghanistan überschattet wurden. Dass der Kalte Krieg am Ende der 1970er-Jahre doch wieder aufflammte, erklärt Vaïsse überzeugend aus dem Zusammenspiel einer chaotischen internationalen Situation, neuer sowjetischer Ambitionen im globalen Süden und steigenden innenpolitischen Drucks in den USA. Auch wenn Brzezinski in dieser Lesart nicht der Auslöser war, blieb er ein Verfechter einer harten Linie gegenüber der Sowjetunion und setzte gegen moderatere Stimmen im Weißen Haus langfristig desaströse Maßnahmen wie die Bewaffnung der afghanischen Mudschahedin durch. In Bezug auf die Außenpolitik der 1970er-Jahre bestätigt die Biographie in Vielem das Bild, das Daniel Sargent in A Superpower Transformed entworfen hat: Im Vergleich mit der Nixon-Administration sei der Regierung Carter die Entwicklung einer „post-Cold War strategy“ gelungen, auch wenn diese letztendlich an der Komplexität der Probleme scheiterte.[4]

America’s Grand Strategist zeigt eindrücklich, worin Brzezinskis besondere Qualität als Denker und Berater in dieser dynamischen Phase der internationalen Politik bestand: Er war in der Lage, gleichzeitig über die Konfrontation der Supermächte, gesellschaftliche Veränderungen in den Industriestaaten und die neuen Herausforderungen einer als „interdependent“ verstandenen Welt nachzudenken. Auf diese Weise entsteht ein differenziertes Bild, das Brzezinski nicht auf seinen Antikommunismus reduziert; und es wird verständlich, warum er auch nach Carters Präsidentschaft und dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Jahrzehnt später ein wichtiger Kritiker der amerikanischen Außenpolitik blieb. Als nüchternes Fazit lässt sich herauslesen, dass die Politik Brzezinskis zwar nicht immer erfolgreich, immerhin aber intellektuell fundiert und kohärent gewesen sei. Vaïsses Anerkennung für die Kunst des Machbaren mag seiner eigenen Tätigkeit als Berater und der Nähe zu Brzezinski selbst geschuldet sein. Nichtsdestotrotz erhalten Leserinnen und Leser, auch unabhängig von der politischen Bewertung, eine gute Vorstellung von den Wahrnehmungen und Handlungslogiken hinter den strategischen Entscheidungen.

Offen lässt die Studie, inwiefern sich über die Einzelfigur breitere Veränderungen des vielzitierten „age of fracture“[5] seit den 1970er-Jahren erschließen lassen. Das Spezifische an Brzezinski mag weniger die Aufmerksamkeit für globale Probleme an sich sein als seine Unerschrockenheit und sein Optimismus im Umgang mit rapidem Wandel: Dies scheint bemerkenswert und erklärungsbedürftig für eine Zeit, in der die USA selbst zum Objekt weitreichender Transformationen wurden, statt diese zu orchestrieren, und bisherige Metanarrative wie die „Modernisierung“ in eine Krise geraten waren. Nicht immer wird in dem Buch klar, wie sich das Verhältnis zwischen Beobachtung und der Schaffung neuer Realitäten gestaltete. Brzezinski, so Vaïsse, „adjusted his conceptions to make room for the greater complexity of what was for the first time a ‚global‘ world in the 1970s“ (S. 227). Dass die Welt in den 1970er-Jahren auf einmal „global“ erschien, war allerdings auch das Ergebnis von Beschreibungen globaler Zusammenhänge, wie sie der Berater formulierte und auf die er mit der programmatischen weiteren Vernetzung von Experten und Staaten antwortete. Will man diese intellektuellen und politischen Verschiebungen verstehen und weiter erforschen, ist Justin Vaïsses Biographie ein idealer Ausgangspunkt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Charles Gati (Hrsg.), Zbig. The Strategy and Statecraft of Zbigniew Brzezinski, Baltimore 2013; Andrzej Lubowski, Zbig. The Man Who Cracked The Kremlin, New York 2013.
[2] Justin Vaïsse, Zbigniew Brzezinski. Stratège de l’empire, Paris 2015.
[3] Siehe auch: Justin Vaïsse, Thank You, Jimmy Carter. Restoring the reputation of America’s most underrated foreign-policy president, in: Foreign Policy, 18.7.2018, https://foreignpolicy.com/2018/07/16/thank-you-jimmy-carter-obama-soviet-union-foreign-policy/ (02.09.2018).
[4] Daniel Sargent, A Superpower Transformed. The Remaking of American Foreign Relations in the 1970s, New York 2015, S. 11.
[5] Daniel T. Rodgers, Age of Fracture, Cambridge MA 2011.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.10.2018
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