C. Dora u.a. (Hrsg.): An der Wiege Europas

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Titel
An der Wiege Europas. Irische Buchkultur des Frühmittelalters. Sommerausstellung 13. März bis 4. November 2018


Herausgeber
Dora, Cornel
Erschienen
Basel 2018: Schwabe Verlag
Anzahl Seiten
116 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kirsten Wallenwein, SFB 933 "Materiale Textkulturen", Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit am Historischen Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Die Stiftsbibliothek St. Gallen widmete die Sommerausstellung des Jahres 2018 ihren insularen Schriftzeugnissen; die „Wiege Europas“ steht hier entgegen der allgemeinen Erwartung im äußersten Westen. Der Ausstellungskatalog besticht durch seine Konzeption, denn die darin versammelten Beiträge von Cornel Dora, Philipp Lenz, Andreas Nievergelt, Dáibhí Ó Cróinín, Karl Schmuki und Franziska Schnoor verstehen es auf beeindruckende Weise, die handschriftliche Überlieferung zum Sprechen zu bringen. Ihnen gelingt es nicht nur anhand der überlieferten Texte, sondern auch durch kleine schriftgeschichtliche und kunsthistorische Beobachtungen, Kulturgeschichte zu vermitteln. Die irische Missionsbewegung, die Peregrinatio von Irland auf den Kontinent sowie irische Klostergründungen auf dem Kontinent und in Schottland werden dabei ebenso thematisiert wie spezifische Kontakte St. Gallens mit seinen irischen Besuchern, welche sich bisweilen zum Bleiben entschieden (z. B. Moengal und Marcus), und Besonderheiten wie der abweichende Ostertermin oder die andere Art der Tonsur. Dem „Irischen Evangeliar von St. Gallen“ (Sang. 51) sowie den irischen und St. Galler Heiligen (nähere Betrachtung erfahren: Patrick, Columba von Iona, Blathmac, Kolumban, Gallus, Magnus, Eusebius vom Viktorsberg) ist jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet. Man erfährt auch, dass sich der früheste Beleg des Sprichwortes, dass Rom nicht an einem Tag erbaut wurde, bei Ermenrich von Ellwangen († 874) findet (S. 32, Epistola ad Grimoldum 28: cum nec Roma una die sit condita) und dass die älteste Beschreibung des Ungeheuers von Loch Ness aus der Lebensbeschreibung des Columba von Iona († 597) stammt (S. 55, Adamnan von Iona, Vita S. Columbae II 27).

Die irische Buchkultur in St. Gallen lässt sich „in gut einem Dutzend irischer Handschriften und Fragmente aus dem 7. bis 12. Jahrhundert“ (S. 6) demonstrieren; unter ihnen findet sich mit dem Sang. 1399a, Nr. 1 eines der ersten Beispiele „für die charakteristische ‚irische‘ Schrift“ (S. 11). Die vier Pergamentfragmente sind außerdem das älteste handschriftliche Zeugnis der Etymologien Isidors von Sevilla († 636).[1] Zu den Zimelien der Stiftsbibliothek gehört auch ein Verzeichnis aus dem ausgehenden 9. Jahrhundert, das eigens Bücher in insularer Schrift anführt (S. 8).[2] Nur eine der heute in der Stiftsbibliothek verwahrten Handschriften kann diesem Bücherkatalog mit großer Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden – das Evangelium secundum Iohannem in volumine I, Sang. 60 (S. 90). Die Collectio canonum Hibernensis im Sang. 243 hingegen ist sicher nicht mit dem kirchenrechtlichen Handbuch – Instructio eclesiastici ordinis in codicillo I – identisch, welches unter den Libri scottice scripti angeführt wird (S. 12). Der Codex steht in karolingischer Minuskel, insulare Einflüsse demonstrieren lediglich die rot umpunkteten Initialbuchstaben, auf eine insulare Vorlage verweist der kopialüberlieferte Kolophon, in dem sich der Schreiber Eadberct nennt.[3] Hinsichtlich der traditionellen Lokalisierung des Sang. 243 nach St. Gallen (S. 38) lassen sich Zweifel anmelden: Die ab p. 205 (und auch im Katalog abgebildete) als Auszeichnungsschrift verwandte Capitalis zeigt große Ähnlichkeit zur stilisierten Rustica, die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts im Reichenauer Skriptorium unter Reginbert gepflegt wurde.[4] Auf die Reichenau führen auch zwei der Zeugnisse (Sang. 114 und 128), deren Initialen in der vorliegenden Publikation als vielleicht irisch beeinflusst diskutiert werden (S. 92).[5] Sie gehören zu den Handschriften der sogenannten Wolfcoz-Gruppe, deren Reichenauer Schriftheimat inzwischen gesichert ist.[6] An der Anzahl der insularen Schriftzeugnisse in St. Gallen ändern diese Befunde nichts. Bedauerlicherweise hat das jüngste Beispiel insularer Schriftlichkeit der St. Galler Stiftsbibliothek (Sang. 1397, p. 157sq.) keinen Eingang in den Katalog gefunden. Es handelt sich um „das einzige irische Musikbeispiel in St. Gallen und zudem ein für diese späte Zeit und diese Gegend sehr seltenes Zeugnis der irischen Schrift.“[7]

Manche Aussagen bleiben rätselhaft oder unbewiesen, so die Zählung der in den Libri scottice scripti verzeichneten Schriften (S. 12), die besondere Verehrung des Johannesevangeliums in der frühen irischen Kirche (S. 22), die Osterfestberechnung „am ersten Sonntag nach der Tagundnachtgleiche des Frühlings“ (S. 41), die Anzahl der Werke Isidors (S. 70), oder dass der Todeseintrag Congans „aus unbekannter Quelle nachgetragen“ sei (S. 102).

Einige wenige Transkriptionsversehen sind zu verzeichnen: Dubslani statt Dubsalani und Faillani Scoti statt Faillani Scotti (S. 25), aussit [!] statt aussi [!] (S. 70), agenti statt mergenti (S. 81), cognomine statt cognomento (Anm. 184), hic statt hinc (Anm. 189), auf S. 15 fehlt obiit (Marcus episcopus obiit), auf S. 49 der Zusatz in I volumine.

Ein Markenzeichen der Publikationen aus der St. Galler Stiftsbibliothek sind die qualitätvollen Abbildungen, die es sogar ermöglichen, Griffelglossen (S. 100) sichtbar zu machen (einziger Wehrmutstropfen: Leider lässt sich die lateinische Beschreibung Irlands, die über die Seiten 32 und 33 abgedruckt wurde, nicht ohne weiteres lesen, weil die Abbildung im Falz liegt und daher Buchstaben ausgefallen sind). Das im Inhaltsverzeichnis überschriebene Kapitel „& Gäste und Lehrer aus Irland im Kloster St. Gallen“ hält überraschenderweise den Beitrag von Andreas Nievergelt bereit, der im Inhaltsverzeichnis nicht genannt wird. Nievergelt stellt die Frage, ob „im Kloster St. Gallen auch insular geschrieben“ wurde (S. 101), und führt als einen der möglichen Nachweise den Sang. 11 an, in dem sich unter anderem eine „Einritzung [...], bei der es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um Ogham-Schrift handelt“ (S. 101), befindet. Dieses in Irland entstandene Schriftsystem fand vor allem auf Steinen seine inschriftliche Verwendung.[8]

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Beiträge des schönen kleinen Bandes (überwiegend) den aktuellen Forschungsstand zu den Handschriften der Stiftsbibliothek abbilden und allesamt zum Lesen einladen. Einem internationalen Publikum wird die Veröffentlichung durch die englische Übersetzung The Cradle of European Culture. Early Medieval Irish Book Art zugänglich gemacht.

Anmerkungen:
[1] Die Herausgeber der Codices Latini Antiquiores verzeichneten drei Fragmente und weisen auf ein verlorenes hin, das nur als Offset im vorderen Buchdeckel von St. Gallen, Stiftsbibliothek 230, https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0230 (02.05.2019) erhalten sei, vgl. Codices Latini Antiquiores, Bd. 7, hrsg. von Elias A. Lowe </ Bernhard Bischoff>, Oxford 1956, S. 44, Nr. 995. Die Vorderseite der Fragmente wird im St. Galler Katalog (S. 71) abgebildet, die Rückseite im Beitrag von Philipp Lenz zu den insularen Schriften im Katalog: Im Paradies des Alphabets. Die Entwicklung der lateinischen Schrift. Winterausstellung 26. November 2016 bis 12. März 2017, St. Gallen 2016, S. 35 mit dem Hinweis (ebd., S. 34) „Die Herkunft des vierten Fragments (möglicherweise aus Cod. Sang. 230) ist nicht dokumentiert.“
[2] St. Gallen, Stiftsbibliothek 728, p. 4, https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0728/4 (02.05.2019). Das Verzeichnis der insular geschriebenen Bücher steht selbst in einer karolingischen Minuskel, die wegen ihrer charakteristischen Schriftmerkmale ( Doppelformen rundes und gerades d sowie u/v und _litterae subscriptae ) als „Hartmutminuskel“ bezeichnet wird, vgl. Walter Berschin, Eremus und Insula. St. Gallen und die Reichenau im Mittelalter – Modell einer lateinischen Literaturlandschaft, 2. Aufl., Wiesbaden 2005, S. 167, ebd. auch eine genauere Datierung „aus internen Gründen in das Jahrfünft 884-888“.
[3] St. Gallen, Stiftsbibliothek 243, p. 254, https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0243/254 (02.05.2019). Vgl. Johannes Duft, Mittelalterliche Schreiber. Bilder, Anekdoten und Sprüche aus der Stiftsbibliothek St. Gallen, 2. Aufl., St. Gallen 1964, S. 32 sowie der Eintrag in den Colophons de manuscrits occidentaux des origines au XVIe siècle, Bd. 2, hrsg. von den Bénédictins du Bouveret, Fribourg 1967, S. 5, Nr. 3591, der allerdings zu _Eadberct verbessert werden muss. Im ältesten St. Galler Bibliothekskatalog ist nur acht Seiten nach den Libri scottice scripti eine Collectio Eadberti de diversis opusculis sanctorum patrum volumen I verzeichnet, Sang. 728, p. 12, https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0728/12 (02.05.2019).
[4] St. Gallen, Stiftsbibliothek 243, p. 205 und 223 zeigen „gehörntes“ P, E mit mittig angebrachten Balken, N und U haben Zierstriche am rechten Schaft. Zu Reginberts Capitalis rustica vgl. Natalie Maag, Alemannische Minuskel (744-846 n. Chr.). Frühe Schriftkultur im Bodenseeraum und Voralpenland, Stuttgart 2014, S. 82.
[5] Der irische Einfluss soll in dem ausgesparten Bandgeflecht, das auf schwarzem Grund realisiert wird, bestehen (S. 87).
[6] Maag, Alemannische Minuskel (wie Anm. 4), S. 91–94 sowie 198f.
[7] Johannes Duft / Peter Meyer (Hrsg.), Die irischen Miniaturen der Stiftsbibliothek St. Gallen, Olten 1953, S. 44.
[8] Zur Ogamschrift siehe Jost Gippert, Ogam. Eine frühe keltische Schrifterfindung, Prag 1992; Sabine Ziegler, Die Sprache der altirischen Ogam-Inschriften, Göttingen 1994, S. 7–24.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.05.2019
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