K. Porges: Evolutionsbiologie im Biologieunterricht der SBZ/DDR

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Titel
Evolutionsbiologie im Biologieunterricht der SBZ/DDR.


Autor(en)
Porges, Karl
Reihe
Annals of the History and Philosophy of Biology 18
Erschienen
Anzahl Seiten
310 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sylvia Schütze, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Universität Bielefeld

In diesem Buch analysiert der Autor die Stellung und Entwicklung der Evolutionsbiologie im Biologieunterricht der SBZ/DDR, also für den Zeitraum von 1945 bis 1989. Er tut dies mittels einer Analyse der einschlägigen Biologie-Lehrbücher, von denen das erste – das Lehrbuch für das 7. und 8. Schuljahr – bereits 1946 erschien.

Ziel der Untersuchung ist es, über die Darstellung der „inhaltlichen, strukturellen und visuellen Realitäten der Quellen“ einen „Einblick in das gesellschaftlich gewünschte Schulgeschehen“ (S. 12) zu vermitteln, wie der Autor in seiner Einleitung schreibt. Während für geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Schulfächer sowie Fibeln bereits zahlreiche Untersuchungen zu DDR-Schulbüchern vorliegen[1], fehlten bislang Darstellungen zur Geschichte naturwissenschaftlicher Unterrichtsfächer und ihrer Lehrmittel in der DDR. Diesem Desiderat begegnet die Studie von Karl Porges mit Blick auf den Biologieunterricht – jenes Fach, das die Kultusministerkonferenz 2004 explizit als „Brückenfach“ bezeichnet, und zwar „zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften auf der einen Seite sowie Naturwissenschaften und ihre[n] technischen Anwendungen auf der anderen Seite“[2] (S. 13). Den Schwerpunkt der Untersuchung legt der Autor auf die Evolutionsbiologie als verbindendes Element innerhalb der Biowissenschaften, zumal dieser Teildisziplin im Rahmen der marxistisch-leninistischen Weltanschauung ein besonderes Gewicht zukam (s.u.). Der Autor selbst hat in diesem Bereich einen Forschungsschwerpunkt, wie zahlreiche weitere Publikationen belegen.[3]

Zu Beginn seiner Ausführungen legt Karl Porges den „Stellenwert der Schulbuchforschung“ für die Geschichte der Bildung und der Unterrichtsfächer dar. Nach einem kurzen Abriss der Entwicklung der Schulbuchforschung in Deutschland im 20. Jahrhundert werden das Verhältnis von Lehrplänen und staatlich zugelassenen Bildungsmedien sowie deren spezifische Struktur und didaktische Funktionen erläutert. Dieses Kapitel, das sich auf einschlägige Forschungsliteratur stützt, ist für die Einordnung und Bewertung des Untersuchungsgegenstandes unverzichtbar.

Anschließend erläutert der Autor sein methodisches Vorgehen, insbesondere die Verfahren der Raumanalyse (Bestimmung des von Themen eingenommenen Raums sowie des Anteils bestimmter Bild- und Textelemente und deren Veränderungen über die Zeit) und der strukturierenden Inhaltsanalyse – zwei in der hermeneutischen Schulbuchforschung gängige und ergiebige Verfahren. Als theoretischen Hintergrund für die Analyse der Schulbücher gibt er schließlich einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Wissenschaftsdisziplin Evolutionsbiologie, in deren Rahmen auch die Kategorien „Theorien“, „Neontologie“ und „Paläontologie“ eingeführt werden, die seine inhaltliche Schulbuchanalyse strukturieren.

Ausführlich geht der Autor dann auf das Bildungssystem der DDR und auf die besondere Stellung der Biologie im Kanon der Unterrichtsfächer ein. Dabei macht er deutlich – gestützt auf einschlägige Quellen und Dokumente –, dass die Lehrpläne der DDR gleich zu Beginn „konsequent und parteilich auf der Wissenschaft des Marxismus-Leninismus“[4] gründeten (S. 76). Im Rahmen der sozialistischen Allgemeinbildung kam dem Biologieunterricht die besondere Funktion zu, den Schüler/innen ein modernes wissenschaftliches Weltbild zu vermitteln, das auf allgemeinen Naturgesetzen fußte (S. 91f.), und damit einen spezifischen Beitrag für die Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit zu leisten. Weltanschauliche Bildung und Erziehung waren, so zeigt Porges auf, inhärenter Bestandteil des biologischen Fachunterrichts.

Im darauffolgenden Kapitel führt der Autor die Unterrichtsmedien für den Biologieunterricht ein. Dabei verfährt er konsequent kontextualisierend und stellt zunächst Lehrpläne, Direktiven und sogenannte methodische Hilfen vor, die er durchgängig und systematisch auf die Lehrbücher für die Klassen 8 bis 12 bezieht. Vor dem Hintergrund der Lehrplananalyse, in der der Autor die Ausdifferenzierung und unterschiedliche Gewichtung von Teilen der Evolutionsbiologie (wie Genetik, Abstammungslehre) im Laufe der untersuchten viereinhalb Jahrzehnte herausarbeitet, nimmt er eine gründliche Untersuchung der Biologielehrbücher für die Klassen 8 (5 Auflagen), 10 (5 Auflagen) und 12 (3 Auflagen) vor. Dabei gilt sein Forschungsinteresse jeweils zunächst dem Design (Umfang, Textformat, Einband, Abbildungen), dann der Struktur, die er mittels Raumanalyse erhebt, und schließlich den Fachinhalten (Evolutionstheorie, Neontologie, Paläontologie). Die Ausführungen gewinnen durch die Wiedergabe vieler einschlägiger Abbildungen aus den Schulbüchern sowie die Präsentation der Ergebnisse von Raum- und Inhaltsanalysen in zahlreichen Tabellen einen hohen Grad an Anschaulichkeit.

Die längsschnittliche Untersuchung zeigt zum einen, dass die Evolutionsbiologie während des gesamten Untersuchungszeitraums eine bedeutende Rolle im Unterricht einnahm. Zum anderen belegen Veränderungen in Struktur und Inhalt, dass gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurse und Entwicklungen sich auf die Präsentation in den Schulbüchern auswirkten: „Der Wandel vollzog sich […] von einer humanistischen Orientierung in den Anfangsjahren, über eine Aufnahme des Schöpferischen Darwinismus in den 1950er-Jahren, der Betonung einer materialistischen Sichtweise im Zusammenhang mit der Herausbildung eines sozialistischen Menschenbildes hin zu einer weitgehend ideologiefreien Darstellung.“ (S. 258) Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung fanden so nach Ablösung des sogenannten „Schöpferischen Darwinismus“, also der pseudowissenschaftlichen Theorie des stalinistischen Biologen Trofim Lysenko, Erkenntnisse des Neodarwinismus und des Synthetischen Darwinismus Eingang in die Schulbücher. Theorien fanden – und darin liegt wiederum eine Konstante – in allen Lehrbüchern besondere Beachtung.

In seinem Fazit hebt der Autor die enorme Bedeutung hervor, die die für Schule und Unterricht Verantwortlichen in der DDR den Bildungsmedien beimaßen, sollte doch mit deren Hilfe zugleich ein fachliches und ein weltanschauliches Fundament gelegt werden. Von Klasse 5 an sollte mit dem Verständnis für die Evolution zugleich ein wissenschaftliches Weltverständnis angebahnt werden, dessen Fundierung dann in Klasse 10 (der höchsten Stufe der für alle Schüler/innen verbindlichen Polytechnischen Oberschule) abgeschlossen sein sollte. Da der Unterricht mit den Maximen des dialektischen Materialismus vereinbar sein musste, hatte die Fachdisziplin Evolutionsbiologie zwischen 1945 und 1989 etliche ideologische Modifikationen mitzuvollziehen. Porges sieht hierin eine durchaus „progressive Entwicklung, die in ein gesamtgesellschaftliches Bedingungsgefüge eingebettet war“ (S. 264), sodass die inhaltlichen Veränderungen in den Bildungsmedien letztendlich „die Evolution der Evolutionstheorien selbst“ (ebd.) widerspiegeln.

Ihre pädagogische Vorrangstellung – einen entscheidenden Beitrag zum „Aufbau eines wissenschaftlichen Weltbildes“ (S. 258) zu leisten – verlor die Evolutionsbiologie nach dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten; das Ministerium für Bildung und Wissenschaft distanzierte sich 1990 von der in seiner Einschätzung ideologisch-dogmatischen Bildungspolitik der DDR und ordnete die Vermittlung unterschiedlicher Auffassungen über die Entstehung des Lebens auf der Erde, die Evolution der Organismen und über die Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich an, was der Autor kommentarlos zitiert (S. 259).

Ein Schwachpunkt der Arbeit liegt darin, dass der Autor Positionen der DDR-Bildungspolitik mitunter zu unkritisch wiedergibt, etwa wenn er die DDR-Pädagogen Karl-Heinz Günther und Gottfried Uhlig mit der Aussage zitiert, dass die DDR „[e]rstmals in der deutschen Schulgeschichte […] eine in sich geschlossene, relativ einheitliche […] Bildung für die Kinder des Volkes entwickelt“[5] habe (S. 77), ohne die ideologischen Hintergründe für die Einrichtung der sozialistischen Einheitsschule und die Benachteiligung weltanschaulich abweichender Schüler/innen zu erwähnen, wenn er das Landeskulturgesetz von 1970 mit seinen Leistungen für Nutzung und Schutz von Boden, Gewässern und Wäldern sowie Reinhaltung der Luft anführt, ohne auf die faktischen massiven Umweltverschmutzungen in der DDR hinzuweisen (S. 84f.), oder wenn er die „Verbindungen zwischen sozialistischer Ideologie und evolutionsbiologischen Inhalten“ in den Lehrplänen (S. 163, auch S. 166) beschreibt, ohne diese Verknüpfung zu problematisieren. Hier hätte man sich als Leser/in im Fazit der Arbeit eine kritische Stellungnahme des Autors gewünscht.

Dies tut dem Erkenntnisgewinn, den man aus dieser Untersuchung ziehen kann, aber keinen Abbruch. Insgesamt gesehen hat Karl Porges anhand der gültigen Lehrpläne und der verwendeten Schulbücher eine äußerst kenntnisreiche Darstellung von Stellung und Funktionen der Evolutionsbiologie im Biologieunterricht der SBZ/DDR vorgelegt. Die Ausführungen sind sowohl wissenschaftsgeschichtlich als auch bildungspolitisch gerahmt und bieten einen guten Einblick in das Wechselspiel zwischen staatlichen Vorgaben und didaktischer Umsetzung. Das macht die Lektüre des Buches für historisch interessierte Biolog/innen, aber insbesondere Fachdidaktiker/innen, Bildungsmedienforscher/innen und historische Bildungsforscher/innen sehr empfehlenswert.

Anmerkungen:
[1] Verena Stürmer, Kindheitskonzepte in den Fibeln der SBZ/DDR 1945–1990, Bad Heilbrunn 2014; Patrick Wagner, Englischunterricht in der DDR im Spiegel der Lehrwerke, Bad Heilbrunn 2016.
[2] Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Beschluss der Kultusministerkonferenz. Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Biologie, München 2004.
[3] Exemplarisch: Karl Porges, Evolution und Schule, in: Michael Kaasch / Joachim Kaasch / Torsten K.D. Himmel (Hrsg.), Biologie in der DDR, Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie, Bd. 20, Berlin 2017, S. 215–242.
[4] Karl-Heinz Günther / Gottfried Uhlig, Geschichte der Schule in der Deutschen Demokratischen Republik, 1945 bis 1968, Berlin 1969, S. 70.
[5] Günther / Uhlig, Geschichte, S. 125; zit. in Porges, S. 77.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.12.2020
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