C. Jordan: Kaderschmiede Humboldt-Universität zu Berlin

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Titel
Kaderschmiede Humboldt-Universität zu Berlin. Aufbegehren, Säuberungen und Militarisierung 1945-1989


Autor(en)
Jordan, Carlo
Reihe
Forschungen zur DDR-Gesellschaft
Erschienen
Anzahl Seiten
248 S.
Preis
DM 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erich Nickel

Die ebenso interessante wie weitgesteckte Thematik, die nicht nur Institutions-, sondern auch deutsche Zeit- und Wissenschaftsgeschichte über einen Zeitraum von fast 45 Jahren erfasst, wird von Carlo Jordan auf 248 Druckseiten in 12 nicht ausdrücklich als Kapitel gekennzeichneten Problemgruppen abgehandelt. Diese stellen in wesentlichen Fragen auch chronologisch Ereignisse heraus, die dem Anliegen des Buches entsprechen. Dazu gehören z.B. Problemkomplexe wie die Wiedereröffnung der Berliner Universität Anfang 1946 im Sowjetischen Sektor Berlins, die Entnazifizierung des Lehrkörpers der ehemaligen Friedrich-Wilhelm-Universität, die Anwendung der Zulassungsbedingungen im Sinne der Gesetze des Interalliierten Kontrollrats für Deutschland usw.(S.13ff.).

Carlo Jordan hebt in seiner Darstellung besonders die Absage der Besatzungsmächte an jedwede Form des preußisch-deutschen Militarismus hervor, die an den deutschen Nachkriegshochschulen, also auch an der Berliner Universität, u.a. zunächst Aufnahmesperren bzw. erschwerte Zulassungsbedingungen zum Studium für ehemalige Offiziere der Wehrmacht bewirkte (S.21). Dieser Ausgangspunkt ist, wie aus dem Text hervorgeht, für Carlo Jordan insofern wichtig, als die allmähliche Einbindung des Lehrkörpers und der Studentenschaft sowohl der Humboldt-Universität als auch der anderen Universitäten und Hochschulen in militärische Ausbildungsstrukturen im Rahmen der Wehrpflicht in der DDR und, parallel dazu, in das System der paramilitärischen Kampfgruppen als Gegensatz zu den alliierten Entmilitarisierungsvorschriften von 1945/46 in den meisten der folgenden Abschnitte seines Buches eine tragende Rolle spielt.

Mit dem Blick auf die politischen Auseinandersetzungen an der Berliner Universität im beginnenden Kalten Krieg zwischen der Sowjetunion und ihren ehemaligen Alliierten des Zweiten Weltkrieges beschreibt Jordan die Zuspitzung der politischen Situation in Berlin, die auf die Spaltung der Stadt und Nachkriegsdeutschlands hinauslief. Im Vorfeld dieser Entwicklung begann der Widerstand von Teilen der Studentenschaft gegen die Anlehnung der Berliner und aller ostdeutschen Universitäten an das sowjetische zentralistische Universitätsmodel, das als Bestandteil des unter sowjetischer Vorherrschaft stehenden gesellschaftlichen Umbruchprozesses im Osten Deutschlands und Ostmitteleuropas durchgesetzt wurde. Im Jahre 1948 kam es in Berlin zur Gegengründung der Freien Universität im US-amerikanischen Sektor, die in mehr als einem halben Jahrhundert ihre eigenen Traditionen entwickelte (S.29ff.).

Carlo Jordans Anliegen besteht, zusammengefasst, in dem Versuch nachzuweisen, dass die KADERSCHMIEDE HUMBOLDT-UNIVERSITÄT in besonderer Weise dazu bestimmt war, Personal zur Festigung des Machtsystems der DDR auszubilden, das gleichzeitig (in den Traditionen preußisch-militaristischen Geistes) in die Militärstrukturen der DDR einzubeziehen war (S.9). In der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin, die im Kalten Krieg, nach der Gründung der beiden deutschen Staaten, wegen ihres internationalen Status (trotz der de facto Integration Ostberlins in die DDR) als Vier-Sektoren-Stadt und als "Hauptstadt Deutschlands im Wartestand" ihren herausgehobenen Symbolwert behielt, erlangten studentische Konflikte an der Humboldt-Universität bis 1989/90 in der Tat ihr jeweils besonderes politisches Gewicht.

Jordan beschreibt eine ganze Reihe von ihnen, wenn auch längst nicht lückenlos. Zu den wichtigsten Ereigniskomplexen gehören in seiner Beschreibung diejenigen, die im Zusammenhang mit den Folgen des XX. Parteitages der KPdSU in den Jahren 1956/57 an der Humboldt-Universität in Ost und West wahrgenommen wurden (Abschnitt 5 und 6, S.77ff.u.S.103ff.; Zählung von E.N.), vor allem die studentischen Demonstrationen für die Demokratisierung der Universität an der Veterinärwissenschaftlichen Fakultät im Sommer 1956 und ihre Unterdrückung durch das Zusammenspiel von SED, Universitätsleitung, von (weitgehend außeruniversitären) FDJ-Funktionären und dem (damals allerdings noch nicht vollkommen ausgebauten MfS-Apparat (S. 85ff.; S.103 ff.). In den weiteren Abschnitten stellt Jordan die systematische Vorbereitung und die Einbeziehung der Studentenschaft (einschließlich der weiblichen Studenten) in das System militärischer Hilfsdienste und des Reserveoffizierskaders der Nationalen Volksarmee dar.

Insbesondere seit Anfang der siebziger Jahre, als das Problem der geburtenschwachen Jahrgänge in der DDR mit den Verpflichtungen zur qualifizierten militärischen Bereitschaft im Warschauer Pakt zu kollidieren begann, wuchsen sich die künstlich aufgerichteten Immatrikulationshürden an der Humboldt-Universität und an den anderen Universitäten und Hochschulen mehr und mehr zu einer starken Belastung für eine innerlich so oder so immer weniger wehrdienstbereite Studentenschaft aus. Jordans Nachzeichnung dieser Entwicklung, die nach dem Mauerbau 1961 und mit der Einführung der Wehrpflicht in der DDR forciert wurde, vermittelt vor allem interessante Details zur Entwicklung der militärischen Ausbildungsorganisation bis 1989. Allerdings wird der Wert des Buches verschiedentlich durch plakative Sprachanhäufungen und undifferenzierte oder fehlende Auseinandersetzungen mit den vorgelegten Fakten gemindert (vgl. z.B. S.91, S.108, S.130ff.).

Es erheben sich auch viele Fragen, die weniger seine subjektive Sichtweise als vielmehr die unvollkommene wissenschaftliche Bearbeitung des Themas betreffen, zumal der Leser aus der Vita Carlo Jordans im Anhang erfährt, dass sein Buch auf der Grundlage einer Dissertation (mit einem etwas anderen Titel) entstanden ist. Die ebenfalls im Anhang abgedruckten Thesen zur Dissertation sind sprachlich besser formuliert und logischer aufgebaut als der Text des eigentlichen Buches (S.236ff.). Allerdings wird darin - im Gegensatz zum Buchtext - gesagt, dass nach den Ereignissen von 1953 "die an der Berliner Universität aufgebauten militärischen Strukturen der Gesellschaft für Sport und Technik" noch durch Universitätskampfgruppen mit militärisch kampfbereiten SED-Genossen und einem Drittel parteiloser Kämpfer, um den Eindruck einer Parteikampfgruppe zu verbergen, verstärkt wurden ( These 4, S.237). Aus dem Buchtext geht jedoch hervor, dass die Kampfgruppen an der Universität erst im Jahre 1975 aufgestellt wurden und dass die Verantwortlichen Mühe hatten, eine Kompanie zusammen zu bringen (S.179). Was ist nun richtig?

Mit der "doppelten Staatsgründung" im geteilten Deutschland im Jahre 1949 wurden auf beiden Seiten schon bald Kader für den Aufbau militärischer Formationen wieder interessant. Auch nominelle und wenig belastete Mitglieder der NSDAP erhielten wieder weitreichende Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs. Es macht sicher nicht viel Sinn, wenn Jordan die partielle Einbeziehung der Humboldt-Universität in militärische Ausbildungsstrukturen der DDR mit dem Gründungsvorgang einer preußischen Kadettenanstalt vergleicht. Die zentralistisch umfunktionierte Berliner Universität reflektierte eben, genau wie die anderen Universitäten und Hochschulen der DDR oder der anderen ostmitteleuropäischen Länder im Machtbereich der UdSSR, das entsprechende gesellschaftliche System.

Die Humboldt-Universität war zwar geographisch und im Hinblick auf die von ihr nach wie vor gepflegten Traditionsbezüge für Ost und West interessant, aber sie war während der DDR-Zeit - ein Fakt, der nicht jedem bekannt sein dürfte - keineswegs die alles überragende Hochschule. Mit Selbstbewusstsein wurden in der DDR die starken , viel älteren eigenständigen Traditionen (wenn auch häufig offiziell im sozialistischen Gewande) Leipzigs, Jenas, Greifswalds und Rostocks bewahrt. Die Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität entstand 1810 als preußische Reform-Universität. Die entscheidende Rolle spielten hierbei die Gebrüder Humboldt. Im Laufe des 19.und des frühen 20. Jahrhunderts erlangte sie bis 1933 in der Welt einen hervorragenden wissenschaftlichen Ruf. Auch das war Preußen.

Im Buch von Jordan spielt das geistige Gesicht der KADERSCHMIEDE HUMBOLDT-UNIVERSITÄT keine Rolle. Die Aussagen hierzu erschöpfen sich im Kampf von Studentengruppen gegen den Marxismus-Leninismus-Unterricht. Es wurden aber Mediziner, Mathematiker, Physiker usw. ausgebildet, die nicht nur für staatliche Führungsaufgaben vorgesehen waren. Die fünf Universitäten in der DDR wiesen gegenüber den Universitäten der ostmitteleuropäischen Länder eine Besonderheit auf; es gab Institute, an denen protestantische Theologie vermittelt wurde. Jordan geht nur im Zusammenhang mit dem Protest von Theologiestudenten gegen den staatlich verordneten Marxismus-Leninismus-Unterricht darauf ein. Dabei würde sich die Untersuchung der Geschichte einer Institution inmitten eines atheistisch konzipierten Umfeldes durchaus lohnen (S.190ff.).

Zur Heranbildung des politischen Nachwuchses gab es in Ostberlin und der DDR ein spezielles System von politischen Lehreinrichtungen. Die Spitze dieses hierarchisch angelegten Systems bildete die Ostberliner Parteihochschule "Karl Marx". In der Tendenz ist das Buch Jordans so angelegt, als ob die Humboldt-Universität diese Rolle zu übernehmen hatte.

Ihm stand für sein Buch eine enorme Materialfülle aus den verschiedensten staatlichen und Privatarchiven zur Verfügung. Er verwandte daraus manches wenig bekannte Dokument, doch vermochte er die ganze Breite und Tiefe des Dokumentenbergs nicht annähernd zu erschließen. Es fällt auf, dass er die damaligen politischen, wissenschaftlichen und Verwaltungsstrukturen der Humboldt-Universität nur unvollkommen überblickt, obwohl er, wie aus seiner Vita hervorgeht, wenn auch im Fernstudium, an der KADERSCHMIEDE studiert hat. Einige Personen werden von ihm zu Professoren ernannt, die es nicht gewesen sind, bei anderen ist es umgekehrt (z.B. S. 134ff., S. 191ff.). Auch die Schreibweise der Namen von Rektoren und die der jeweils aktuellen Prorektorate hätten ordentlich recherchiert werden können (S.168, S.101ff.).

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19.03.2002
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