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Titel
Zwischen Biafra und Bonn. Hungerkatastrophen und Konsumkritik im deutschen Katholizismus 1958–1979


Autor(en)
Stollhof, Johannes
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte 135
Erschienen
Paderborn 2019: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
XIII, 410 S.
Preis
€ 118,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Möckel, Abteilung für Neuere Geschichte, Universität zu Köln

Johannes Stollhofs an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und dem Tübinger Sonderforschungsbereich „Bedrohte Ordnungen“ entstandene Dissertation nimmt die Frage in den Blick, in welcher Weise die katholische Kirche in der Bundesrepublik in den 1950er- bis 1970er-Jahren auf globale Hungerkatastrophen reagierte und welchen Einfluss die gestiegene mediale Präsenz dieser humanitären Notlagen auf die Wahrnehmungen und Handlungsmuster der kirchlichen Akteure und Institutionen ausübten. Die Arbeit steht damit im Kontext neuerer Forschungen, die in den letzten Jahren die Rolle der Kirchen in den sozialen und humanitären Initiativen der Nachkriegsjahrzehnte in den Blick genommen und nach möglicherweise damit verbundenen Prozessen der Politisierung, Globalisierung und Medialisierung der kirchlichen Praxis gefragt haben.[1] Beide Perspektiven prägen auch Stollhofs Studie: Einerseits betont er die Bedeutung der katholischen Kirche in der Etablierung neuer Formen des humanitären Engagements in der (frühen) Bundesrepublik. Andererseits untersucht er, wie die hiermit verbundenen neuen politischen und sozialen Herausforderungen auf die Kirche und deren Akteure zurückwirkten und auf verschiedenen Ebenen Veränderungen anstießen: auf der theologischen Ebene ebenso wie im praktischen Engagement von Kirchenmitgliedern sowie im Verhältnis zwischen Amtskirche und engagierten Laien.

Diese innerkirchlichen Transformationsprozesse stehen im Zentrum der Arbeit. Das humanitäre Engagement der Kirche wird somit vor allem unter der Frage diskutiert, welche Auswirkungen die veränderten Diskurse und Bilder der humanitären Krisen in der Bundesrepublik auf die kirchlichen Akteure hatten. Dieser Prozess wird in drei Hauptkapiteln analysiert, die einerseits chronologisch angelegt sind, andererseits aber unter den Schlagworten „Bedrohung“, „Bewältigung“ und „Re-Ordering“ auch ein Analyseschema dieses Transformationsprozesses vorschlagen. Das erste Kapitel über den Zeitraum von 1959 bis 1967 analysiert die Entdeckung der humanitären Themenfelder innerhalb der katholischen Kirche, wobei vor allem die Gründung des Hilfswerks „Misereor“ im Jahr 1959 sowie die Debatten des Zweiten Vatikanischen Konzils die zentralen Wegmarken bilden. Ähnlich geht auch das zweite Kapitel über die Zeit zwischen 1967 und 1972 vor: Auch hier verschränkt der Autor transnationale Impulse – in dem Fall vor allem die Enzyklika „Populorum Progressio“ Pauls VI. aus dem Jahr 1967 – mit neuen Initiativen der westdeutschen Kirche, wie sie etwa auf dem Essener Katholikentag im Jahr 1968 oder über die ökumenischen Friedensmärsche und die Initiativen des „fairen Handels“ entstanden. Das dritte Kapitel über den Zeitraum 1972 bis 1979 beschreibt hieran anknüpfend vor allem einen Prozess der Konsolidierung dieser neuen Diskurse und Aktionsformen, die zum Beispiel in neuen Ansätzen der Entwicklungshilfe, aber auch in Formen der Konsumkritik und einer Suche nach „neuen Lebensstilen“ ihren Ausdruck fand.

Die Dialektik aus „Bedrohung“, „Bewältigung“ und „Re-Ordering“ als Ordnungsprinzip der drei Kapitel erscheint auf den ersten Blick recht funktionalistisch und legt ein modernisierungstheoretisches Narrativ nahe, das man in Bezug auf die katholische Kirche in der Bundesrepublik durchaus auch hinterfragen könnte. Die Frage nach möglichen Kontinuitäten zwischen den humanitären Initiativen und den mit ihnen verbundenen Deutungsmustern zu früheren Formen des Kolonialismus und der christlichen Missionstätigkeit bleibt in diesem Schema ebenfalls außen vor. Jedoch gehen die empirischen Kapitel mit diesem Gerüst recht flexibel um, sodass an vielen Stellen durchaus die Überschneidungen, Konflikte und Ambivalenzen der unterschiedlichen Problemwahrnehmungen und Lösungsstrategien deutlich werden. Hierin liegt eine Stärke des Buches, das multiperspektivisch und auf breiter Quellengrundlage die Heterogenität der Stimmen innerhalb der katholischen Kirche in Bezug auf Fragen von humanitärer Hilfe und globaler Gerechtigkeit in den Blick nimmt.

Auf theoretisch-methodischer Ebene bleibt die Arbeit dagegen etwas unentschlossen. Sie hält sich oft sehr eng an die kircheninternen Quellen und Diskussionen. Dies führt zu einer gewissen Engführung des vom Autor proklamierten Anspruchs einer „historischen Diskursanalyse“. Zugleich schließt es auch andere Perspektiven und Ansätze aus, die für das Thema weiterführend gewesen wären. Gerade die religiöse Beschäftigung mit der Hungerthematik und deren Verschränkung mit konsumkritischen Gegenwartsdiagnosen hätten durch eine Erweiterung des diskursgeschichtlichen Ansatzes noch an Prägnanz gewinnen können. So verweisen zum Beispiel die von den Kirchen häufig genutzten Fasten-Aktionen auch auf praxeologische und körpergeschichtliche Fragestellungen. Mediengeschichtliche Fragestellungen und Ansätze der Visual History werden an mehreren Stellen ebenso angerissen, aber nicht systematisch als Analysemethode weiterverfolgt. Am deutlichsten kommt dies im abschließenden vierten Kapitel des Buches zum Ausdruck, das im Anschluss an die drei chronologischen Hauptkapitel noch einmal ganz neu ansetzt und auf der Basis von drei autobiographischen Darstellungen und sechs vom Autor geführten Interviews eine erfahrungs- und mentalitätsgeschichtliche Perspektive auf die zuvor untersuchten Phänomene einnimmt. Die dort in langen Passagen zitierten Selbstdarstellungen sind für die Fragestellungen der Arbeit äußerst relevant und geben wichtige Aufschlüsse zu biographischen Prägungen, religiösen Motivationen und Praktiken. In ein separates Kapitel ausgelagert und kaum in den theoretisch-methodischen Rahmen der Studie eingebunden, erscheinen sie jedoch eher als ein Quellenanhang, dessen Status für die Gesamtargumentation nicht völlig deutlich wird. Überspringen sollte man das Kapitel jedoch nicht, denn es zeigt, welches Potenzial in einer solchen mentalitätsgeschichtlichen Perspektive auf die religiösen und humanitären Praktiken im westdeutschen Katholizismus der Nachkriegsjahrzehnte liegt.

Als kirchengeschichtliche Arbeit ist Johannes Stollhofs Dissertation ein Gewinn. Sie verbindet die zeitgenössischen theologischen Debatten mit den humanitären und gesellschaftspolitischen Initiativen der katholischen Kirche und verdeutlicht den Einfluss, den Laienmitglieder und zivilgesellschaftliche Initiativen innerhalb der Kirche in den 1960er- und 1970er-Jahren gewannen. Auch aus zeitgeschichtlicher Perspektive lohnt sich die Lektüre, obwohl sich der Rezensent an einigen Stellen eine stärkere Kontextualisierung, Einordnung und Verschränkung der Befunde mit anderen Entwicklungen gewünscht hätte. Wie verhielten sich beispielsweise die katholischen Initiativen zu parallelen Entwicklungen im Protestantismus, nicht zuletzt auch in Hinblick auf Versuche von beiden Seiten, die humanitären Initiativen für den Prozess einer ökumenischen Annäherung und Zusammenarbeit zu nutzen? Auch Vergleichsperspektiven zu anderen europäischen Ländern – inklusive der DDR – fehlen größtenteils und insbesondere der Blick auf transnationale und globale Austauschprozesse bleibt jenseits der zentralen päpstlichen Initiativen recht blass. In diachroner Perspektive wiederum hätte das Thema die Chance geboten, die langen Kontinuitätslinien der sozialen und humanitären Initiativen zu verdeutlichen. Inwiefern spielten zum Beispiel die Traditionen der katholischen Soziallehre und die Diskussionen der „sozialen Frage“ im späten 19. Jahrhundert in den Debatten der Nachkriegsjahrzehnte eine Rolle? Welche längeren Deutungstraditionen lassen sich für die konsumkritischen Deutungsmuster aufzeigen? Und welche ideen-, akteurs- und institutionsgeschichtlichen Kontinuitäten bestanden zwischen den kolonialen Missionstätigkeiten und den postkolonialen humanitären Projekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Das Thema bietet also noch genug Potenzial für weitere Forschungen. Johannes Stollhof hat eine kompetente Arbeit geschrieben, die das Feld in nationalgeschichtlicher Perspektive und bezogen auf den Binnenkontext der katholischen Kirche fachkundig und ausgewogen analysiert.

Anmerkung:
[1] Siehe z. B. Chris Dols / Benjamin Ziemann, Progressive Participation and Transnational Activism in the Catholic Church after Vatican II. The Dutch and West German Examples, in: Journal of Contemporary History 50 (2015), S. 465–485; Sebastian Tripp, Fromm und politisch. Christliche Anti-Apartheid-Gruppen und die Transformation des westdeutschen Protestantismus 1970–1990, Göttingen 2015.