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Titel
Transnationale Philosophie. Hannah Arendt und die Zirkulation des Politischen


Autor(en)
Maffeis, Stefania
Erschienen
Frankfurt am Main 2019: Campus Verlag
Anzahl Seiten
542 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Pischel, Department of German, Russian and East European Studies, Vanderbilt University

„So hat nicht die Philosophie die Historizität des Geistes entdeckt, sondern das politisierte Leben jener Zeit.“ Dieses Bekenntnis zu einer fundamentalen Philosophiekritik stammt aus Karl Mannheims „Ideologie und Utopie“.[1] 1930 rezensiert Hannah Arendt sein Buch für die Zeitschrift „Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik“.[2] Wie ihr überliefertes Handexemplar zeigt, markierte sie das Zitat mit dicken Bleistiftstrichen und Anmerkungen.[3] Es steht prismatisch für ein historisches „Relationieren“ des Philosophierens, das Mannheim mit Arendt und beide wiederum mit Stefania Maffeis’ Habilitation „Transnationale Philosophie. Hannah Arendt und die Zirkulation des Politischen“ verbindet.

Maffeis‘ Studie ist bereits vor zwei Jahren erschienen. Die anhaltende Konjunktur, mit der Relektüren von Arendts Schriften auf den Markt gespült werden, ist mittlerweile eine ambivalente Startbedingung. Viele Studien zu Arendt treten gerade in Zeiten politischer Krisen mit dem Anspruch auf Aktualität auf, nur manchen gelingt tatsächlich ein „de-canonizing“[4] ihrer Schriften. Maffeis’ Buch gehört zu den Arbeiten, die es in diesem Umfeld vielleicht schwer haben, gilt ihr Augenmerk doch einer Neukonstellierung von Arendts Denken, die erst im minutiösen Rückgang auf die Quellenlage und im Lichte Maffeis' ambitionierter Methodologie deutlich wird. Gerade deshalb aber verdient die Arbeit Aufmerksamkeit. Maffeis präsentiert eine sorgfältige, quellengestützte Analyse, die uns die historischen Bedingungen, spezifischen Zug- und Druckkräfte und nicht zuletzt den Eigensinn erschließt, die Arendts Denken immer wieder neu modelliert haben.

„Transnationale Zirkulation“, so die Überschrift des ersten Kapitels, markiert zweierlei: Einerseits die sich globalisierende Welt, die Arendt wieder und wieder zum Fluchtpunkt ihres Verstehen-Wollens gewählt hatte – eine Welt, die in der imperialistischen Expansion, zwei verheerenden Weltkriegen, im „Verwaltungsmassenmord“[5] und in Fluchtbewegungen zusammenrückte und gleichzeitig „auseinanderflog“. Nationalstaaten erodierten, politische Bewegungen rollten über vermeintliche Sicherheiten hinweg – „transnational“ meint in dieser Hinsicht Arendts eigene Erfahrungen, ihre eigenen Anlässe und Gegenstände des Denkens und nicht zuletzt ihre Praxis als public intellectual. Andererseits bezeichnet „transnationale Zirkulation“ Maffeis‘ Anspruch, die politischen und intellektuellen Bedingungen und Dynamiken zu reflektieren, die Arendts Denken formten und dessen Rezeption prägten.

Maffeis mobilisiert einen beachtlichen Theoriebestand, der ihr Vorgehen an die aktuellen Diskurse der Wissensgeschichte und -soziologie anschließt und ihre Studie von einer planen Rezeptions- und Ideengeschichte abgrenzt. Vieles wird ausbuchstabiert in den Begrifflichkeiten einer „entangled history“, eines „zirkulierenden Wissens“ oder einer praxeologisch fundierten Analyse der „Felder“ und „Akteure“. Maffeis bringt eine methodische Doppelperspektive in Stellung: Zum einen werden aus vermeintlich überzeitlichen Ideen und Argumentationen situierte „Philosopheme“, die durch ihre Vorortung in bestimmten historischen und sozialen Gemengelagen Plastizität bekommen. Zum anderen setzt Maffeis Arendt methodisch in Anführungszeichen, das heißt sie wird als „Figur“ konzipiert, deren Kontur aus der Spannung zwischen Selbstverortung und öffentlicher Adressierung hervorgeht. Erst diese Justierung macht eine Rede vom politischen Denken Arendts möglich, die nicht abstrakt oder reduktionistisch ist; erst dann werden politics according to Arendt greifbar.

Maffeis‘ Agenda einer historisierten Philosophie wird im ersten Kapitel auf ein hohes theoretisches Niveau gebracht, weitaus anschaulicher sind aber die folgenden Teile. Zwei große Blöcke gliedern die Studie: Der erste behandelt die Schaffensperioden Arendts von den 1920er-Jahren bis zu ihrem Tod 1975, der zweite widmet sich den wechselhaften Konjunkturen, die die „Figur‚ Hannah Arendt‘“ und ihr Denken posthum durchliefen. Im Takt der Chronologie wechseln hervorragend recherchierte soziographische Milieuskizzen mit sorgfältigen Miniaturen zu Arendts zentralen Werksabschnitten und ihrem öffentlichen Nachhall in akademischen und nicht-akademischen Resonanzräumen.

Maffeis beginnt mit Arendt als junger Studentin der Philosophie, Theologie und Philologie, die sie sich in der Sphäre der süddeutschen Universitätsstädte der späten 1920er-Jahre bewegt – in einer Konstellation machtvoller Denktraditionen, disziplinärer Institutionalisierung und sozialer Stratifizierung, die mehr und mehr fraglich werden. Die biographischen Stationen faltet Maffeis zu einem intellektuellen Mosaik auf, das maßgeblich von der Spannung zwischen Existenzphilosophie (Martin Heidegger, Edmund Husserl und Karl Jaspers) und Soziologie (Mannheim) geprägt ist, aber auch von zionistischen und kommunistischen Einflüssen, an denen Arendt ihr intellektuelles Profil schärft. Kurze Lektüren ihrer frühen Schriften von „Augustinus‘ Liebesbegriff“ (1929) zu der erst nach dem Krieg publizierten Biographie „Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ (auf Deutsch 1959) flankieren die Milieuschilderung. Themen, Perspektiven und die Selbstverortung Arendts verschieben sich schockartig, als die Nazis die Macht übernehmen und sie zunächst ins Pariser Exil, schließlich in die amerikanische Emigration zwingen. Aus der Existenzphilosophin wird, so Maffeis, die Historikerin des Antisemitismus, eine zionistische Aktivistin, eine staatenlose Jüdin, eine Paria.

Namen und Stationen paradieren auch in Maffeis’ Darstellung der neuen intellektuellen Welt, die sich Arendt ab 1941 in New York aufbaut. Es sind die Kreise der Exilanten, der New York intellectuals, der publizistischen Öffentlichkeit, dann später die Angehörigen der amerikanischen academia, die in den Quellen zu Wort kommen. Wieder schont Maffeis die Lesenden nicht mit vielfältigen Verästelungen, die einerseits in Richtung akademischer Reputation weisen, andererseits ihr politisches und publizistisches Engagement prägen. Dann aber, mit der Veröffentlichung von „Origins of Totalitarianism“ (1951), ist Arendt herausgefordert, sich zur disziplinären Ordnung des amerikanischen Universitätssystem zu verhalten: Ist sie Existenzphilosophin, Soziologin oder Historikerin? Political Scientist? Wie Maffeis darlegt, gewinnt Arendt im öffentlichen Echo das Profil einer intellektuellen Außenseiterin, der Brillanz, methodische Eigenwilligkeit und ein provokanter, oft weiblicher Duktus attestiert werden.

Wie Maffeis zeigt, kommt im Zuge der zeitgenössischen Totalitarismusdebatten eine Leitkategorie von „Origins of Totalitarianism“ in den Vordergrund, nämlich das „Politische“. Was zuerst noch implizit angesprochen wurde, formuliert Maffeis im Kapitel zu dem Buch „The Human Condition“ (1958) aus. Allerdings entspricht das „Politische“ in dieser Substantivierung nicht Arendts eigener Begrifflichkeit. Es bleibt ein Platzhalter für ihr politisches Denken, das Maffeis weder von Carl Schmitts „Begriff des Politischen“[6] abgrenzt noch auf die jüngere Theoriebildung bezieht, die im „Politischen“ eine Möglichkeit sieht, die Bedingungen von konkreter Politik zu reflektieren.[7] Diese offene Kontur des Begriffs verwundert in Maffeis‘ Studie, die sonst nichts unverbunden lässt, aber sie erleichtert es ihr, die praxeologische Wendung einzuleiten, die für die weitere Darstellung von Arendts Philosophie maßgeblich wird: das Denken der Pluralität, der Öffentlichkeit des Handelns, die Exponierung der sprechenden Person.

Diese zentralen Kategorien in ihrem Werk sollen nach Maffeis auch eine „Reflexion der unterschiedlichen sozialen Räume und Gruppierungen darstellen, in denen Arendt selbst als soziale Akteurin sichtbar wurde.“ (S. 157) Insbesondere die Schilderung der Little Rock-Debatten (1959) und des Eichmann-Streits (ab 1963) profitieren von diesem Reflexionsverhältnis, auch wenn Maffeis’ exzellent recherchierte Darstellung der Selbst- und Fremdpositionierung Arendts in den westdeutschen und amerikanischen „Erscheinungsräumen“ sich darauf beschränkt, die Divergenz ihrer Rollen in den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern zu rekapitulieren. Während Arendt sich nach der Eichmann-Diskussion aus der breiten Öffentlichkeit in den geschützten Raum der universitären Lehre zurückzieht, zunächst an die University of Chicago, dann an die New School in New York, avanciert sie in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit zur jüdischen public intellectual – die allerdings von der universitären Politikwissenschaft und Philosophie weitgehend ignoriert wurde.

Im zweiten Teil zu den posthumen Konjunkturen von Arendts Schriften versteht es Maffeis, mittels einer akribischen Materialarbeit nicht nur die unterschiedlichen Rezeptionsweisen zu referieren, sondern auch die Dynamiken der jeweiligen politischen und wissenschaftspolitischen Bezugsfelder in die Beschreibung zu integrieren. In drei Etappen werden die „Prozesse der Verwissenschaftlichung, der Kanonisierung und Globalisierung“ (S. 461) nachgezeichnet: Von 1975 bis etwa 1989 konstituiert sich laut Maffeis eine universitäre Arendt-Forschung, die sich einerseits – wie die Holocaustforschung – von Arendt anregen lässt und andererseits Abgrenzungen und Ausschlüsse vornimmt, etwa in der Frage nach dem Sozialen oder des Feminismus. Wieder verläuft dieser Prozess weitgehend asynchron in den USA und West-Deutschland: Während in Deutschland die Akademisierung erst nach 1989 wirklich ansetzt, war Arendt in den USA bereits kanonische Autorin der „Political Theory“. Wie Maffeis instruktiv darlegt, greifen immer neue Generationen von Forschenden Arendts Denken auf: Sie diskutieren sie nach Ende des Kalten Kriegs als antitotalitäre Denkerin, in postkolonialen Kontexten oder unter der Fragestellung nach universellen Menschenrechten.

Die Leistung, die Verzweigungen der transatlantischen Arendt-Rezeption in diesem Umfang und dieser Trennschärfe dokumentiert und aufbereitet zu haben, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dennoch stellt sich nach der Lektüre ein gemischtes Bild ein: Auf der einen Seite besticht Maffeis’ Arbeit durch die detaillierte Aufarbeitung eines immensen Quellenkorpus. Auf der anderen Seite entsteht ein paradoxer Panoramaeffekt: Während die Aufmerksamkeit sich scharfsichtig auf das Detail richtet, verschwimmt das Gesamtbild in der Abstraktheit einer universellen „Relationalität“. Die Resonanzen zwischen den verschiedenen Beschreibungsebenen, die Maffeis aufarbeitet, sind vielfältig und reichhaltig, und sie wird durchaus ihrem Anspruch gerecht, Philosophie „als soziale Praxis [zu beschreiben], die in einer globalisierten Welt im Modus der transnationalen Ideenzirkulation vollzogen wird“ (S. 17). Aber manchmal wirkt Maffeis‘ Versuch, Arendt neu zu kartieren, zu ungewichtet und enzyklopädisch, sodass „Transnationale Philosophie“ in erster Linie denjenigen Leser:Innen zu empfehlen ist, die den Lichtkegel ihres eigenen Interesses auf spezifische Punkte zu setzen wissen.

Anmerkungen:
[1] Hannah Arendt, Philosophie und Soziologie. Anlässlich Karl Mannheim, Ideologie und Utopie, in: Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik, 7. Jg, 1. Bd. 1930, S. 163–176.
[2] Karl Mannheim, Ideologie und Utopie, Bonn 1929, S. 20.
[3] Arendts Exemplar ist Bestandteil der Hannah Arendt Collection am Bard College, New York. Digitalisat der markierten Seiten auf: https://www.bard.edu/library/arendt/pdfs/Mannheim_IdeologieUndUtopie.pdf (10.08.2021).
[4] Jana V. Schmidt, De-Centering Arendt. On the First Edition of Hannah Arendt’s Complete Works, https://lareviewofbooks.org/article/de-centering-arendt-on-the-first-edition-of-hannah-arendts-complete-works/ (10.08.2021).
[5] Seit ihrer Auseinandersetzung mit Imperialismus und Totalitarismus kommt Arendt immer wieder auf diese Formel zurück, die sie Al Carthills Ausdruck „adminstrative massmurder“ entlehnt hat. Al Carthill, The Lost Dominion, London 1924, S. 93, 94 und 97.
[6] Carl Schmitt, Über den Begriff des Politischen, Berlin 2015.
[7] Siehe Uwe Hebekus / Jan Völker, Neue Philosophien des Politischen zur Einführung, Hamburg 2012.