Cover
Titel
Global Entanglements of a Man Who Never Traveled. A Seventeenth-Century Chinese Christian and His Conflicted Worlds


Autor(en)
Sachsenmaier, Dominic
Reihe
Columbia Studies in International and Global History
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 268 S.
Preis
£ 47.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nadine Amsler, Abteilung für Neuere Geschichte, Historisches Institut, Universität Bern

Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet die Forschung zum Christentum im spätkaiserzeitlichen China an dem Projekt, dessen Geschichte unter systematischem Einbezug der chinesischen Perspektive zu schreiben. In diesem Kontext erwies sich der Vorschlag von Eugenio Menegon, das chinesische Christentum als „lokale Religion“ zu verstehen, als ein besonders breit rezipierter Ansatz.1 Mit dem vorliegenden Buch schlägt Dominic Sachsenmaier, Professor für Modernes China mit Schwerpunkt auf Globalhistorischen Perspektiven an der Universität Göttingen, eine andere Perspektivierung vor: Das Christentum, so eine zentrale Ausgangshypothese des Buches, wurde in China nie gänzlich lokalisiert. Dies ist grundsätzlich keine neue Erkenntnis. Was Sachsenmaiers Buch aber innovativ und äußerst lesenswert macht, ist seine spezifische Perspektivierung der Geschichte des Christentums in China. Denn weit davon entfernt, in alte, von der expansionistisch gedachten katholischen Eigengeschichtsschreibung abgeleitete Deutungen zurückzufallen, versucht Sachsenmaier, die Potentiale einer globalhistorischen Betrachtung des Christentums der späten Kaiserzeit auszuloten.

Das für dieses Experiment ausgewählte Beispiel scheint auf den ersten Blick nicht unbedingt augenfällig. Das Buch kreist nämlich um das schmale Oeuvre des im Großen und Ganzen recht unauffälligen Christen Zhu Zongyuan (ca. 1616–1660), welches Sachsenmaier bereits in seiner 2001 veröffentlichten, allerdings noch nicht aus der Sicht des Globalhistorikers verfassten Dissertation in den Blick genommen hat.2 Zhus Biographie – das zeigt Sachsenmaier im ersten Kapitel seines Buches – lässt sich nur in groben Zügen rekonstruieren. Die chinesischen Quellen lassen lediglich darauf schließen, dass Zhu zu einer Literaten-Familie der Hafenstadt Ningbo in der ostchinesischen Provinz Zhejiang gehörte und dass er in den späten 1640er-Jahren – kurz nach der Machtübernahme durch die Mandschu – zwei kaiserliche Beamtenprüfungen bestand, ohne danach aber ein Amt zu übernehmen. Christliche Quellen geben darüber Auskunft, dass Zhu in engem Kontakt mit Missionaren (Jesuiten und Dominikanern) stand und diese manchmal auch bei sich beherbergte. In den städtischen Quellen taucht Zhus Name nicht auf. Ein Blick in die Stadtgeschichte lässt aber erahnen, in welch turbulenten Zeiten er lebte, war der einst reiche wirtschaftliche Umschlagplatz Ningbo doch vom allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ebenso betroffen wie vom Blutvergießen während des Sturzes der Ming-Dynastie und der darauffolgenden Eroberung durch die Mandschu. Von all dem mag Zhu Augenzeuge gewesen sein, denn er bewegte sich, wie der Titel des Buches andeutet, zeit seines Lebens nie weit über seine Heimatstadt hinaus.

Dass sich die Person Zhus trotz dieser lokalen Gebundenheit und den in Bezug auf seine Biographie wortkargen Quellen für eine von globalhistorischen Fragestellungen geleitete Untersuchung eignet, liegt in seinen drei zwischen den späten 1630er- und frühen 1650er-Jahren verfassten Schriften begründet, in denen er sich mit der „Lehre des Himmelsherrn“ (Tianzhujiao) auseinandersetzt (Kapitel 2). Wie Sachsenmaier zeigt, verhandeln diese nämlich intensiv die Frage, wie Zhus lokales Leben mit seiner translokalen Religion zusammenzudenken sei. Dabei waren, so die These des dritten Kapitels, der Kreativität Zhus durchaus klare Grenzen gesetzt. Sowohl die herrschaftstragende konfuzianische Orthodoxie Chinas wie auch der von nachreformatorischen Impulsen geprägte Katholizismus erlaubten nur gewisse Zugeständnisse, sodass die „Lehre des Himmelsherrn“ als ein „teaching shaped by constraints“ (S. 65) zu verstehen ist, welches zudem durchaus durch innere Ambivalenzen geprägt war. So erreichten die jesuitischen Missionare und die chinesischen Literaten beispielsweise ihre konfuzianisch-christliche Synthese, indem sie wie konfuzianische „Puristen“ Buddhismus und Daoismus verwarfen, aber wie konfuzianische „Synkretisten“ die „Lücken“ der konfuzianischen Tradition mit der christlichen Lehre füllen wollten. Diese Kombination von sich widersprechenden Argumentationsweisen war selbstredend mit unlösbaren Dilemmata verbunden.

Die Integration seiner translokalen Religion in Zhus lokale Lebenswelt bot aber noch andere Herausforderungen. So betonten die katholischen Missionare in China nicht nur den universellen Gehalt ihrer Lehre, sondern auch explizit ihre fremden, im Westen zu verortenden Wurzeln. Im Kapitel 4 verfolgt Sachsenmaier deshalb Zhus Denkbewegungen um die Frage, welche Wertigkeit eine fremde Lehre im konfuzianischen Denkhorizont haben könne. Diese Denkbewegungen kreisten jeweils um klassische konfuzianische Texte und deren Exegese. Sachsenmaier ordnet sie sachkundig in ihre geistesgeschichtlichen Kontexte ein und macht dadurch nachvollziehbar, wie Zhu Zongyuan zum Schluss kommt, dass der Meister selbst, Konfuzius also, Fremdheit nicht zwingend mit Unkultiviertheit gleichgesetzt habe. Eine weitere Schwierigkeit bestand für Zhu darin, sich ein Bild von der ihm fremden Welt, aus der die „Lehre des Himmelsherrn“ stammte, zu machen. Denn obwohl die europäischen Missionare in ihren Schriften nur spärliche und ausschließlich positive Informationen über ihre Herkunftsländer verbreiteten, waren vermittels der weitgespannten chinesischen Handelsnetzwerke doch auch weitaus weniger positive Nachrichten über das gewaltsame koloniale Gebaren der Europäer in Südostasien nach China gelangt. Wie Sachsenmaier im fünften und letzten Kapitel seines Buches zeigt, wusste Zhu ihnen nichts anderes entgegenzusetzen als ein idealisiertes Bild Europas, welches auf das im Buch der Riten (Liji) beschriebene Goldene Zeitalter anspielte. Das chinesische Lesepublikum hatte seinerseits mangels unabhängiger Zugänge zu systematischem Wissen über Europa kaum Möglichkeiten, solche idealisierten Bilder zu überprüfen: „In these circumstances, the Society of Jesus played out its advantages as a global organization that could systematically gather and disseminate information about other societies, cultures, and religions.“ (S. 139)

Sachsenmaiers Studie über Zhu Zongyuan ist dank seiner innovativen methodologischen Herangehensweise und seiner feinsinnigen Exegese der Werke Zhu Zongyuans ein überaus anregender Beitrag zur Geschichte des Christentums in China und zur Global Microhistory. Der Autor moniert zu Recht, die zu starre Dichotomie von Kulturkontakt-Modellen aufzubrechen, und schlägt vor, Zhu Zongyuan „as a part of an encounter zone between manifold global and local structures“ zu begreifen (Einleitung, S. 10). Durch seine Aufmerksamkeit für die verschiedenen Denktraditionen, die in Zhus Werk zusammenfließen, kann er sein Programm auch tatsächlich umsetzen. Anzumerken ist allerdings, dass das Vorhaben, das chinesische Christentum aus globalhistorischer Perspektive zu beleuchten, in der detailreichen Analyse der Schriften von Zhu zwar zahlreiche spannende und neue Aspekte zum Vorschein bringt, dass aber die These der globalen Bezogenheit des gesamten chinesischen Christentums noch genauerer Betrachtung bedürfte. Zwar lässt sich der Feststellung, dass christliche Gemeinschaften auch in China mit einer weltumspannenden Organisation verbunden waren, nicht leugnen. Den vielfältigen und mehrfach gestuften Übersetzungsprozessen, die zwischen den global agierenden Missionaren und den lokal verankerten Laien stattfanden, wird aber etwa die Aussage, dass „the Christian community leader […] a de facto part of – and responsible to – a global network“ war, nicht gerecht (S. 62). Diese Übersetzungsprozesse im Spannungsfeld zwischen unleugbarer Lokalisierung und ebenso klar vorhandenem globalem Bezug nochmals neu auszuloten, könnte ein lohnendes Unterfangen künftiger Forschung sein.

Sachsenmaier schließt sein Buch mit einem Epilog ab, der sein Fallbeispiel nochmals in größere globalhistorische Zusammenhänge einbettet. Insbesondere weist er darauf hin, dass die Spannungen zwischen synkretistischen und auf Orthodoxie beharrenden Strömungen in der Frühen Neuzeit kein Alleinstellungsmerkmal des Katholizismus war. Stattdessen fanden sich, bedingt durch die Intensivierung von Handelsbeziehungen und der Expansion religiöser Netzwerke, zeitgleich ähnliche Gemengelagen auch in buddhistischen und muslimischen Glaubenssystemen. Damit verortet er das Buch nochmals klar in einem globalhistorischen Kontext, der nicht nur Spezialist/innen der Geschichte des chinesischen Christentums, sondern auch ein globalhistorisch interessiertes Lesepublikum ansprechen soll. Tatsächlich macht Sachsenmaier die hochspezialisierte Materie seines Buches durch umsichtige Kontextualisierung auch für einen breiteren Rezipient/innenkreis zugänglich. Wer sich vom Potential globalhistorischer Perspektivverschiebung auch für mikrohistorische Forschungen überzeugen möchte, dem sei dieses Buch deshalb empfohlen.

Anmerkungen:
1 Eugenio Menegon, Ancestors, Virgins, and Friars. Christianity as a Local Religion in Late Imperial China, Harvard 2009.
2 Dominic Sachsenmaier, Die Aufnahme europäischer Inhalte in die chinesische Kultur durch Zhu Zongyuan (ca. 1616–1660), Sankt Augustin 2001.

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