D. Burgersdijk u.a. (Hrsg.): Imagining emperors

Cover
Titel
Imagining Emperors in the Later Roman Empire.


Herausgeber
Burgersdijk, Diederik W. P.; Ross, Alan J.
Reihe
Cultural Interactions in the Mediterranean 1
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 353 S.
Preis
€ 129,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael Brendel, München

Der Band enthält die Beiträge einer Konferenz an der Radboud University in Nimwegen (17.–19. September 2015), die sich vor allem mit dem Kaiserbild in der Panegyrik und der Historiographie des 4. Jahrhunderts befasste. Nicht aufgenommen sind die Vorträge von Gavin Kelly und Catherine Schneider/Valérie Pageau (S. VII). Nach einem kurzen Vorwort (S. VII–VIII) und den Kurzviten der Beiträger (S. IX–XI) folgt eine Einleitung der Herausgeber, in der die Inhalte des Bandes erläutert werden: Er behandelt „the reception of the imperial figure’s image in the sources themselves, particularly literary texts, not just during the reign of the emperor but after his death“ (S. 2) und „tackles the question of how these imperial figures are presented and which are the underlying reasons for those presentations“ (S. 9). Am Schluss werden ein Stellen- (S. 331–346) und ein Namensregister (S. 347–353) geboten.

David Potter (S. 18–38) widmet sich der Darstellung des Decius und Valerian in den Quellen und zeigt, dass sich das Bild Valerians im Lauf des 4. Jahrhunderts verschlechterte, das des Decius hingegen verbesserte. Der Wert des Beitrages leidet allerdings unter den mangelhaften Kenntnissen zur spätantiken Literatur.[1] Jürgen K. Zangenberg (S. 39–62) vergleicht die Selbstdarstellung Diokletians mit der Kritik des Laktanz. Der Aufsatz bietet gute Einzelbeobachtungen, doch kann die These, die Kritik des Laktanz an Diokletian sei wesentlich darin begründet, dass er für ein von nur einem Kaiser regiertes Reich mit Rom als Hauptstadt eintrete (S. 60), nicht überzeugen; entscheidend für sein Urteil ist vielmehr der Umgang mit den Christen. Auch im Einzelnen erweist sich der Aufsatz als schlecht informiert.[2]

Gelungen sind dagegen die drei weiteren Aufsätze zur Zeit der späteren Tetrarchie: Alessandro Maranesi (S. 63–82) wirft einen Blick auf das Bild des Maximianus in den Quellen und legt dar, dass auch nach seinem Rücktritt eine Sakralisierung stattfand und ihm in den Panegyrici immer noch dieselben Qualitäten zugeschrieben wurden; erst bei Laktanz und im Panegyricus von 310 habe dann eine Desakralisierung stattgefunden. Irritierend ist nur das Zitat aus De rebus bellicis (S. 65 mit Anm. 19), das keine Verbindung zu Maximianus aufweist. Raphael G. R. Hunsucker (S. 83–112) vergleicht die Romideologie des Maxentius mit derjenigen der Tetrarchen und kann zeigen, dass Maxentius kein systematisch gegen die Tetrarchen gerichtetes Programm entwarf, sondern dieses sogar Überschneidungen mit der Programmatik Diokletians aufwies. Catherine Ware (S. 113–136) nimmt das Motiv des Kaisers Augustus in den Panegyrici von 307 und 310 in den Blick, das 307 für Maximianus verwendet und 310 auf Konstantin übertragen wurde. Den Inhalt der Rede von 310 wertet sie als Kombination aus kaiserlicher Propaganda und Interessen des Redners, der wohl auch die Apollon-Vision Konstantins in Gallien erfunden habe (S. 133).[3]

Diederik Burgersdijk (S. 137–157) verfolgt die Spuren des Crispus in den zeitgenössischen Quellen und gelangt zu dem Ergebnis, dass dessen religiöse Haltung nicht sicher ermittelbar ist und sich kaum individuelle Züge in der Panegyrik aufzeigen lassen. George Woudhuysen (S. 158–182) versucht, Constans auf Basis vor allem der Gesetze und des Firmicus Maternus zu erfassen und stellt fest, dass in der späteren Historiographie, die ihn negativ beurteilt, eine Umkehrung der von Constans propagierten Herrschertugenden stattfindet, was Woudhuysen als Folge der Propaganda des Magnentius ansieht. Die beachtenswerten Ausführungen weisen indes zwei Probleme auf: Erstens bleiben Inschriften und Münzen weitgehend unbeachtet. Dann erscheint es unwahrscheinlich, dass die Propaganda des Magnentius eine solche Nachwirkung entfalten konnte, wenn Constantius II. sich, wie Woudhuysen (S. 179f.) bemerkt, um das Andenken seines Bruders bemühte. Verantwortlich für das negative Bild dürfte eher Julian gewesen sein, der klar Stellung gegen Konstantin und seine Söhne bezog; ein Rückgriff auf die Propaganda des Magnentius, der in den Werken Julians verhältnismäßig positiv beurteilt wird, ist aber durchaus denkbar. Sollte Constans nie den Titel des pontifex maximus getragen haben (es gibt keine Belege dafür), könnte das eine spezifische Abneigung Julians erklären.

Alan J. Ross (S. 183–203) untersucht die erste Rede Julians auf Constantius II., die er als Propaganda im Vorfeld des Rom-Zuges von 357 ansieht. Er wendet sich gegen Versuche, die Rede als versteckte Kritik zu deuten, und erklärt entsprechende Elemente mit dem westlichen Publikum der Rede. María Pilar García Ruiz (S. 204–233) vergleicht die Selbstdarstellung Julians in seiner Münzprägung und seinen Schriften und behauptet vor allem für seine Alleinherrschaft eine enge Verbindung beider Gattungen. Der Nachweis ist jedoch nur begrenzt gelungen: Während die Parallelen vor allem für die früheste Phase (Julian als Caesar) sich deutlich aufzeigen lassen, wirken die für die Alleinherrschaft angegebenen eher konstruiert, zumal die „chronological sequence for his growing self-consciousness as ruler“ (S. 216) außer Acht lässt, dass die Schriften Julians zu unterschiedlichen Anlässen an ein unterschiedliches Publikum gerichtet sind. Die Diskussion der Stiermünzen (S. 227f.), die Gilliard folgt und den Stier als astrologisches Symbol deutet, da Julian im Zeichen des Stieres geboren sei, übergeht praktisch alle neueren Forschungen.[4] Zuletzt liegt die Besonderheit Julians nicht so sehr darin, dass er sein Bild auch durch seine eigenen Schriften beeinflusste (S. 204), sondern darin, dass diese Schriften erhalten sind.

Der anregende Beitrag von Jan Willem Drijvers (S. 234–256) bietet eine Analyse der Quellen zu Kaiser Jovian, in der aber die Epitome de Caesaribus und Zonaras, deren Berichte einige Eigenheiten aufweisen, nicht berücksichtigt sind. Auch wäre es sinnvoller gewesen, statt der bloßen Unterscheidung zwischen „auto-image“ und „hetero-image“ (S. 235), die S. 240 relativiert werden muss, zwischen offiziellen, offiziösen und privaten Zeugnissen zu unterscheiden, wie dies Martin Wallraff im Fall Konstantins tat. Daniël den Hengst (S. 257–269) wirft einen Blick auf die Darstellung Valentinians I. bei Ammianus und sieht diese als weitgehend positiv an, wenngleich Ammianus es als pflichtbewusster Historiker seinen Lesern ermögliche, durch eine andere Gewichtung zu einem abweichenden Urteil zu gelangen.

Bruce Gibson (S. 270–288) untersucht die Dankrede des Ausonius für dessen Konsulat vor Gratian. Die Betonung des privaten Charakters des Kaisers und die Perspektive des Lehrers sieht Gibson darin begründet, dass Ausonius vor dem Problem stand, dass der junge Kaiser keine großen Erfolge vorweisen konnte, aber der dienstälteste Kaiser war. Roger Rees (S. 289–309) behandelt die Redefreiheit unter Theodosius I., wozu er vor allem Ambrosius und Pacatus heranzieht. Beide bieten laut Rees keine Beschreibung der tatsächlichen Zustände, sondern bedienen sich ihrer Argumentation als Mittel, um den Kaiser zu überzeugen. Allerdings bleibt mit dem Gesetz Codex Theodosianus 9,4,1 ein wichtiges Zeugnis unbeachtet. Das Thema von Álvaro Sánchez-Ostiz (S. 310–330) ist die dritte Rede des Claudianus auf das Konsulat des Stilicho, die beim Einzug des Heermeisters in Rom Anfang 400 gehalten wurde. Sánchez-Ostiz kommt zu dem Schluss, dass der Halbbarbarenstatus Stilichos bis zu seinem Tod kein Problem darstellte, aber dessen Darstellung als „ultra-roman and liberal quasi-emperor“ (S. 327) den Unmut traditioneller aristokratischer Kreise erregt haben könnte.

Die Qualität der Beiträge ist somit sehr unterschiedlich, wobei die qualitätsvollen Aufsätze überwiegen. Viele Beiträge bieten zudem Betrachtungen zu bislang nicht behandelten Facetten des Kaiserbildes im 4. Jahrhundert, so dass der Kongressband eine nützliche Ergänzung zu den bisherigen Forschungen über die Panegyrik und die Historiographie des 4. Jahrhunderts darstellt. Nicht recht überzeugen konnte die Gesamtkonzeption des Bandes, der zudem einige Druckfehler enthält[5]; die Breite der Thematik, die behandelte Zeitspanne von den Tetrarchen bis zur theodosianischen Dynastie und der unterschiedliche Charakter der untersuchten Quellen erschweren Vergleiche, deren Bedeutung in der Einleitung (S. 11f.) betont wird. Es wäre daher wohl sinnvoller gewesen, das Thema des Bandes zeitlich oder thematisch einzuschränken, um dann etwa die Wechselwirkungen zwischen kaiserlicher Selbstdarstellung und den Panegyrici konzentrierter in den Blick nehmen zu können. Der Sammelband (von dem übrigens auch nicht klar wird, in welcher Verbindung er zum Thema der Reihe „Cultural Interactions in the Mediterranean“ steht, die er begründet) hat damit durchaus seinen Wert, auch wenn der Rezensent sich insgesamt mehr erhofft hatte.[6]

Anmerkungen:
[1] Die Epitome de Caesaribus heißt wahlweise so (S. 31), „Liber de Caesaribus“ (S. 30) oder „De Caesaribus“ (S. 31, Anm. 38; S. 33; S. 33, Anm. 46; so auch bei Rees S. 289, Anm. 2); die letzten beiden Varianten meinen jedoch üblicherweise das Werk des Aurelius Victor. Das Werk des Eutropius wird auf 364 vordatiert, der 360/61 schreibende Victor dagegen in die theodosianische Zeit verlegt (S. 34). Die fehlende Erwähnung der Verfolgung Valerians in Julians Caesares (S. 31) ist nicht zu diskutieren, da Julian auch sonst keine Christenverfolgungen erwähnt. Die Chronik des Hieronymus bleibt gänzlich unbeachtet.
[2] S. 41 „Maximianus the Elder (i.e., Galerius)“; S. 42 „Marcus Aurelius and Lucius Verus, who jointly ruled with Lucius Commodus and Annius Verus“. Herkules war nicht der Schutzgott der Caesares (S. 45), sondern der des Maximianus und seiner Nachfolger. Eine prinzipielle Distanz christlicher Intellektueller zum römischen Staat (S. 46f.) ist so nicht gegeben. Maxentius wurde nie von Galerius zum Nachfolger bestimmt (so aber S. 53).
[3] Leider bleiben wichtige Beiträge unbeachtet: Christian Ronning, Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin, Tübingen 2007; Johannes Wienand, Der Kaiser als Sieger, Berlin 2012.
[4] Eine Sammlung bei Raphael Brendel, Die Münzprägung Kaiser Julians, in: Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte 66 (2016), S. 241–266 (hier S. 251–259). Zu S. 221, Anm. 63 ist zu bemerken, dass Eutropius hier nicht vom Christentum spricht; das „in another passage“ (S. 225, Anm. 80) ist irreführend, da auf dieselbe Passage Bezug genommen wird.
[5] S. 19, Anm. 3 „Wein“ (richtig: Wien); S. 19 „occasined“; S. 40 „six“ (five); S. 41 „Tetrachic“; S. 51 „agianst“; S. 104, Anm. 101 „Stad“ (Stadt); S. 138 „Maximinian“; S. 138 Tod des Constantius 305 (306); S. 152, Anm. 62 Querverweis auf Anm. 4 (Anm. 5); S. 156 Paschoud 2003 (richtig S. 154, Anm. 67); S. 188, Anm. 21 „Hostien“ (Hostein); S. 208, Anm. 15 und S. 218, Anm. 52 ist trotz unterschiedlicher Angaben dasselbe Werk gemeint; S. 220, Anm. 60 „Sterz“ (Stertz); S. 235 ist die fünfte, nicht die sechste Rede des Themistios gemeint; S. 238, Anm. 15 und S. 255 „Eling“ (Ehling); S. 264, Anm. 29 Querverweis auf Anm. 3 (Anm. 2); S. 285, Anm. 27 und S. 288 Lenski 2003 (2002).
[6] Weitere Rezensionen: George Ivaşcu in: Classica & Christiana 14 (2019), S. 360–366; Felix K. Maier in: Sehepunkte 19 (2019), 4, 15.04.2019, http://sehepunkte.de/2019/04/32599.html (17.07.2019); Muriel Moser, in: Bryn Mawr Classical Review, März (2019), 33, http://bmcr.brynmawr.edu/2019/2019-03-33.html (17.07.2019).

Redaktion
Veröffentlicht am
29.07.2019
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