Cover
Titel
Haunting History. For a Deconstructive Approach to the Past


Autor(en)
Kleinberg, Ethan
Reihe
Meridian: Crossing Aesthetics
Erschienen
Anzahl Seiten
208 S.
Preis
$ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruben Hackler, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich

2015 erschien in der Neuen Zürcher Zeitung ein Artikel des Literaturwissenschaftlers Hans Ulrich Gumbrecht unter dem Titel „Was ist aus der Dekonstruktion geworden?“[1] Was wie eine offene Frage klingt, entpuppt sich bald als Abgesang auf die Philosophie Jacques Derridas. Die Dekonstruktion, so das Lead von Gumbrechts Text, sei akademisch und politisch „aus der Mode gekommen“. Folgt man hingegen der Argumentation von Ethan Kleinberg in „Haunting History“, ist ihre Zeit gerade erst angebrochen. Zumindest kann dies von der Geschichtswissenschaft gesagt werden, in der die Dekonstruktion als Denkweise oder Methode bislang nur in bestimmten Bereichen Eingang gefunden hat. Zu kompliziert und anspielungsreich sind Derridas Texte, zu gering ist seine Beschäftigung mit historischen Phänomenen, sofern man darunter mehr als Philosophie- und Ideengeschichte begreift.

Kleinberg, Professor für Geschichte an der Wesleyan University und Chefredakteur von History and Theory, kann als Derridarianer im besten Sinn bezeichnet werden: Er argumentiert ausgehend von der Dekonstruktion, ohne bloß Textexegese zu betreiben oder Derridas eigenwilligen Sprachstil zu kopieren. Auch wenn Kleinberg seine Überlegungen gut verständlich präsentiert, ist sein an der Schnittstelle von Geschichtsphilosophie und wissenschaftlicher Methodik angesiedeltes Projekt ziemlich anspruchsvoll: Er will zeigen, dass unserem „ontologischem Realismus“, mit dem wir die Vergangenheit als Sammlung von abgeschlossenen, unveränderlichen Ereignissen betrachten, eine wahlweise positivistische oder theologische Weltsicht zugrunde liegt. Dafür stützt er sich auf die Schriften Derridas, aber auch auf Historiker wie Johann Gustav Droysen und Wilhelm Dilthey sowie auf Schriftsteller wie Franz Kafka und Herman Melville.

„Haunting History“ ist in fünf Kapitel plus Einleitung gegliedert, die als jeweils eigenständige Essays gelesen werden können, doch empfiehlt es sich, das gesamte Buch durchzuarbeiten, denn Kleinberg adressiert gerade am Schluss zahlreiche Einwände, die einem zu Beginn kommen können.

Das erste Kapitel behandelt die Rezeption von Derridas Philosophie in der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft seit Ende der 1970er-Jahre. Die Dekonstruktion wurde auch stark mit dem Werk anderer französischer Autoren assoziiert, insbesondere mit dem von Michel Foucault, der in dem, was als der „linksliberale Mainstream“ der akademischen Geschichtsschreibung in den USA bezeichnet wird, mittlerweile eine feste Größe ist. Kleinberg legt völlig zu Recht großen Wert darauf, die Dekonstruktion nicht einfach mit dem Linguistic Turn oder der Postmoderne in einen Topf zu werfen, wie dies lange üblich war. Er zeigt auf, dass diese Vermischung mit herber Polemik einherging, insbesondere mit dem Vorwurf, die French Theory beruhe auf einem relativistischen Wahrheitsverständnis und sei deshalb verheerend für jede Form seriöser Geschichtswissenschaft. Eine zentrale Akteurin in diesem Zusammenhang ist die Kulturhistorikerin Lynn Hunt, die, wie Kleinberg detailliert nachweist, der French Theory Mitte der 1980er-Jahre mit Offenheit begegnete, diese dann aber in kurzer Zeit wieder ablegte. Bemerkenswert ist, dass Derrida anscheinend nur wenig gelesen wurde, auch wenn die „Dekonstruktion“ ein häufig benutztes Schlagwort war.

Man hätte dieses Kapitel sicherlich anders schreiben und neben der negativen auch eine partiell positive Bilanz ziehen können. So geht Kleinberg zwar auf Joan Scott ein, die sich auf Derrida beruft, erwähnt aber Autorinnen und Autoren wie Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak und Hans-Jörg Rheinberger, die sich ebenfalls sehr stark auf die Dekonstruktion beziehen, mit keinem Wort, obwohl sie seit den 1990er- beziehungsweise den 2000er-Jahren die akademische Geschichtsschreibung beeinflussen. Besonders Rheinberger, der Derridas Buch „De la grammatologie“[2] ins Deutsche übersetzt hat, ist in der Wissenschaftsgeschichte eine der prägenden Gestalten geworden[3]; Spivak, die das Werk ins Englische übersetzt hat, ist eine wichtige Figur der Subaltern Studies, die in der Geschichtswissenschaft ebenfalls einiges an Bekanntheit erlangt haben.

Kleinberg geht es aber weniger um Einflussmargen als um die inhaltlichen Vorzüge der Dekonstruktion. Im zweiten Kapitel zeigt er, dass die Vergangenheit nicht von der Gegenwart getrennt werden kann, auch wenn die Bemühungen der Geschichtswissenschaft um Objektivität dies suggerieren. Das Argument ist hier, dass die Beschreibungen der beiden Zeiträume auf derselben bedeutungstheoretischen Ebene angesiedelt sind und deshalb ständig ineinander übergehen. Kleinberg ist insofern ganz der Dekonstruktion verpflichtet, als er den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht einzieht, sondern lediglich deren Nahtstellen und Verflechtungen belegt.

Auch das dritte Kapitel destabilisiert eine in der Geschichtswissenschaft beliebte Dichotomie, ohne sie kollabieren zu lassen: die zwischen Philosophie und Methode. Anhand der kanonischen Texte von Johann Martin Chladenius, Droysen und Dilthey macht er deutlich, dass die Methoden der Geschichtsschreibung schon lange dekonstruktive Tendenzen aufwiesen, die jedoch durch verschiedene metaphysische Grundannahmen entschärft oder annuliert wurden. Kleinberg registriert etwa die Verunsicherung, die von Chladenius' Konzept der „Sehe-Punckte“ für die Suche nach unumstößlichen Tatsachen ausgehen musste: Folgt man dessen Annahme, dass Erkenntnis unweigerlich von der Perspektive der jeweiligen Person abhängt, stellt sich grundsätzlich die Frage, was unter objektiver Erkenntnis zu verstehen sei. Chladenius entging diesem Problem, indem er annahm, die ursprüngliche Bedeutung der Quellentexte – ähnlich wie der Heiligen Schrift – stehe unverrückbar fest. Droysen und Dilthey sahen die damit verbundenen wissenschaftstheoretischen Schwierigkeiten, fanden aber teilweise Wege, um die Verunsicherung des methodologisch bedingten Relativismus, die sie selbst mit erzeugt hatten, zu kanalisieren. Droysen orientierte sich an Hegels Konzept der „Sittlichkeit“, dass die Objektivität der historischen Erkenntnis sicherstellen sollte: „‚history’ is the ‚moral world’ of our historical moment and this is the guarantor of our certainty“ (S. 93). Diltheys Konzept des „Verstehens“ beruht darauf, sich durch den Akt der Imagination in die Vergangenheit hineinzuversetzen und dadurch objektives Wissen zu erlangen, doch anders als etwa die Historiker David Harland und David Hollinger meinten, blieb die Vorstellung einer „universell gültigen Interpretation“ (S. 108) ein unerreichbares Ideal für ihn.

Im vierten Kapitel stellt Kleinberg die These auf, dass die digitalen Möglichkeiten des Publizierens, die nicht auf ein lineares Lesen verpflichten, aufs Beste zum polysemischen Sprach- und Schriftverständnis der Dekonstruktion passen. Die Argumentation bleibt insgesamt etwas konturlos, ist aber von zentraler Bedeutung für Kleinbergs Projekt einer „haunting history“, weil sie es als wahrscheinlich erscheinen lässt, dass die Dekonstruktion in Zukunft eine (noch) größere Rolle in der Geschichtswissenschaft spielen kann.

Im letzten Kapitel wird noch einmal ausführlich erläutert, was mit dem titelgebenden Begriff der „haunting history“ gemeint ist (weshalb es mir ratsam scheint, nach der Einleitung das Buch von hinten nach vorne zu lesen). Folgt man Kleinbergs Derrida-Interpretation, sind die vergangenen Ereignisse weder unveränderliche Dinge, derer man mit den richtigen Methoden einfach habhaft werden kann, noch hängen sie bloß von der Willkür der historischen Deutung ab, durch die sie beliebig geformt werden. Auch diese Dichotomie ist zu destabilisieren, wobei es Kleinberg nicht darum geht, einen Einwand gegen methodisch kontrollierte Quelleninterpretationen zu entwickeln. Vielmehr bekommen wir, so seine These, immer nur bestimmte Versionen der Vergangenheit zu Gesicht, weshalb stets damit zu rechnen ist, dass sich ganz unvorhergesehen oder ungewollt andere Auslegungen Bahn brechen. Dafür steht das Adjektiv haunted (dt. heimgesucht): Die Geschichte kehrt als Gespenst zurück, das die Lebenden heimsucht. Ein Beispiel von Kleinberg für eine solche ungewollte Geschichtsdeutung ist das Buch „The Making of the English Working Class“ von E. P. Thompson[4], das eine Sicht auf die Vergangenheit enthalte, die lange durch die whig history unterdrückt worden sei: „In one way for Thompson, it was precisely the presence of the ‚owning class’ that made the absence of the working one so glaringly visible. The absence of the working class in prior historical accounts haunted those histories.“ (S. 141f.).

Hier ist nicht Raum, Kleinbergs Argumenten im Einzelnen zu folgen. Stattdessen sei auf Kritikpunkte eingegangen, die sich bei der Lektüre seines Buches ergeben: Erstens fehlt in „Haunting History“ ein Kapitel, in dem auf rund zehn Seiten die Philosophie der Dekonstruktion vorgestellt wird. Das würde das Buch gerade auch für diejenigen zugänglicher machen, die sich eher selten mit geschichtsphilosophischen Fragen befassen. Zweitens gibt es in Kleinbergs Darstellung eine Spannung zwischen seiner Geschichtsphilosophie und der von ihm verwendeten Sprache. So wäre es nur konsequent, nicht von der Vergangenheit im Singular zu sprechen, wie das in „Haunting History“ überwiegend der Fall ist, sondern im Plural. Dies könnte dazu beitragen, die Analyse stärker an empirische Beispiele heranzuführen. Drittens gehört es zum Selbstverständnis der Dekonstruktion, dass sie „immer schon“[5] am Werk ist – eine These, die durch das dritte Kapitel ein weiteres Mal gestützt wird. Das wirft zum einen die Frage auf, ob die Dekonstruktion nicht selbst eine Art überzeitliche Metaphysik ist, was gerade aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive eine problematische Voraussetzung wäre. Zum anderen ist unklar, wie sehr der Erfolg der Dekonstruktion in der akademischen Geschichtsschreibung davon abhängt, dass sie in ihren Methodenkanon aufgenommen wird. Dies ist wünschenswert, für ihr Wirken aber vielleicht gar nicht notwendig.

Insgesamt stellt sich die Frage, wie der Ansatz der „haunting history“ auf die Zunahme autoritärer und rechtsradikaler Bewegungen überall in der Welt, die revisionistischen Erzählungen Auftrieb gibt, reagiert. Dies ist auch eine Form von Heimsuchung, aber keine im Sinne der Dekonstruktion, die bei Derrida stets einem emanzipatorischen Impetus gefolgt ist. Mir erscheint dies im Moment als ein strategisch wichtiges Terrain, auf dem die dekonstruktive Geschichtsschreibung unter Beweis stellen kann, wie sehr sie an der Zeit ist.

Anmerkungen:
[1] Hans Ulrich Gumbrecht, Was ist aus der Dekonstruktion geworden?, in: Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2015, https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-aus-der-dekonstruktion-geworden-1.18657732 (24.10.2018).
[2] Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt am Main 1974.
[3] Hans-Jörg Rheinberger, Toward a History of Epistemic Things. Synthesizing Proteins in the Test Tube, Stanford 1997.
[4] Edward P. Thompson, The Making of the English Working Class, London 1965.
[5] Jacques Derrida, Mémoires. Für Paul de Man, Wien 1988, S. 168.