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Titel
Ausleseinstrument, Denkschule und Muttersprache des Abendlandes. Debatten um den Lateinunterricht in Deutschland 1920–1980


Autor(en)
Kranzdorf, Anna
Reihe
Wertewandel im 20. Jahrhundert 5
Erschienen
Anzahl Seiten
439 S.
Preis
€ 64,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Islème Sassi, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich

Über kein anderes Schulfach wurde und wird so emotional diskutiert wie über Latein; eine mögliche Abschaffung oder Reduktion wird hier als überfälliges Abschneiden eines alten Zopfs, dort als das Ende der humanistischen Schulbildung gewertet. In ihrer Dissertation zum Lateinunterricht in Deutschland will Anna Kranzdorf nachzeichnen, woher diese Emotionalität rührt, welche Akteure sich für oder gegen den Lateinunterricht wandten, welche Argumente sie ins Feld führten und welche Kontinuitäten und Brüche der diachrone Diskurs aufweist. Sie erzählt eine Erfolgsgeschichte der Alten Sprachen, die sich während all den tiefgreifenden Umwälzungen des 20. Jahrhunderts immer wieder von Neuem den veränderten Bedingungen anzupassen und sich so in der deutschen Bildungslandschaft zu behaupten wussten: Latein ist heute in Deutschland die am dritthäufigsten gelernte Fremdsprache. Aus der vorliegenden Untersuchung wird klar, dass dies vor allem der Reformbereitschaft der betroffenen Lehrpersonen zu verdanken ist.

Im Gegensatz zu Stefan Kipfs Arbeit, die sich auf den fachinternen Wandel von didaktischen Konzepten im Lateinunterricht des 20. Jahrhunderts konzentriert[1], interessiert sich Kranzdorf für extern angestossene Reformen und Reformvorschläge. Dabei dient ihr der Lateinunterricht, seit je das Distinktivum des Gymnasiums, als Indikator für grundsätzliche Veränderungen im höheren Bildungswesen. Die Dissertation gliedert sich in die drei grossen Abschnitte „Weimarer Republik“, „Nationalsozialismus“ und „Bundesrepublik Deutschland“. Als Quellen werden zahlreiche Reformschriften, Akten von Kultusministerien, Artikel in einschlägigen Fachzeitschriften und Presseberichte herangezogen. Sie knüpft damit dort an, wo Manfred Fuhrmanns Studie „Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Grossen bis Wilhelm II.“[2] aufhört.

Anhand vieler Beispiele zeigt Kranzdorf, dass bereits auf der Reichsschulkonferenz 1920 den Alten Sprachen Weltfremdheit vorgeworfen wurde; die Vermittlung von Latein habe über die Anwendung in einigen geisteswissenschaftlichen Fächern hinaus keinen praktischen Nutzen. Dabei wurde nicht die Bedeutung der Antike an sich in Frage gestellt, sondern der hochdotierte Grammatikunterricht und die Forderung nach aktiver Beherrschung des Lateinischen kritisiert. Die Altphilologen reagierten apologetisch und betonten die allgemeinbildende Wirkung des Lateinunterrichts, der eben gerade nicht auf einen konkreten Nutzen abziele. Während die Gegner im Fach Latein eine Konkurrenz des Deutschen, ja gar des deutschen Patriotismus erkannten, stellten sich seine Befürworter auf den Standpunkt, dass die Niederlage im 1. Weltkrieg durch eine Überschätzung des Materialismus und Utilitarismus verursacht worden sei. Für den Lateinunterricht reklamierten Letztere eine Ausbildung humanistischer Ideale, die jener Hybris entgegenstehe, und führten Goethes Bewunderung und Beherrschung der Alten Sprachen als Argument für deren Vereinbarkeit mit nationalen Gefühlen an.

Zeitgleich wurde unter den Altphilologen die Forderung nach Erneuerung der eigenen Fächer laut: Zusammen mit anderen Vereinen hinterfragte und überarbeitete der neu gegründete Deutsche Altphilologenverband (DAV) Lehrpläne und Unterrichtsmethoden, veranstaltete Konferenzen und bot Weiterbildungen an. Man kam den Kritikern insofern entgegen, als man darauf verzichtete, die aktive Beherrschung des Lateinischen beim Abitur einzufordern, und das sogenannte Skriptum aufhob. Auch der Wunsch nach weniger Spracharbeit und mehr Lektüre und Kulturkunde wurde aufgenommen; sogar den grosszügigen Einsatz von deutschen Übersetzungen wollte man zulassen. Trotz dieser Bereitschaft zu moderaten Reformen scheint in vielen Äusserungen die Überzeugung auf, dass der altsprachliche Unterricht der Elitenbildung dienen und deshalb keinesfalls zu einfach werden sollte.

Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten zwang die Altphilologen zu einer Anpassung ihres Argumentariums. Der angestrebten „Volksgemeinschaft“ stand das Gymnasium mit seinem elitenbildenden Sprachunterricht entgegen, weshalb die Nazis Latein als erste Fremdsprache durch Englisch ersetzen wollten; nur noch ein kleines Kontingent von Schülern sollte Latein und Griechisch belegen können. Zwar wurde nicht der Wert der Antike hinterfragt – Hitler hatte sich in „Mein Kampf“ positiv zu ihr geäussert –, doch ihre Lehren sollten ohne den Umweg über die Alten Sprachen erschlossen werden. Darum bemüht, das Gymnasium und die eigenen Fächer zu retten, stellte sich der DAV auf den Standpunkt, der Lateinunterricht fördere nicht die Individualisierung, sondern das Bewusstsein für Staat und Gemeinschaft. Nach Kranzdorf wurden die alten Prinzipien grösstenteils gewahrt und bloss eine Akzentverschiebung in der Argumentation vorgenommen. Der DAV habe sich „opportun, aber nicht direkt andienend“ (S. 157) verhalten. Dabei wurde aber durchaus rassistisch argumentiert, Griechen und Germanen seien artverwandt. Auch für die angebliche Reinigung der deutschen Sprache sollten Lateinkenntnisse nützlich sein: Schliesslich könne (lateinische) Fremdwörter nur erkennen und durch ein passendes deutsches Wort ersetzen, wer Latein beherrsche. Da die Nazis weniger Schüler an den höheren Schulen wollten, wurde erneut das Selektionspotenzial der Alten Sprachen betont. 1935 ging der DAV im Nationalsozialistischen Lehrerbund auf.

Die Bemühungen des DAV waren insofern von Erfolg gekrönt, als die Lektionenzahl zwar um circa ein Drittel gekürzt wurde, Latein aber neu an allen höheren Schulen Pflichtfach wurde. Der Stundenreduktion wurde mit einer Anpassung des Lehrplans begegnet: Auf eine aktive Beherrschung der Sprache wurde verzichtet, der Grammatikunterricht geriet vollends zum Mittel zum Zweck und in den Mittelpunkt rückte die Lektüre ausgewählter Autoren. Die Auswahl hatte die „Erziehung zum deutschen politischen Menschen“ (S. 196) zum Ziel, weshalb Historiker wie Caesar, Livius, Sallust und Sueton dominierten, während Dichter fast gar nicht mehr gelesen wurden. Caesar wurde zur Führungspersönlichkeit par excellence stilisiert; die Germanenexkurse im Bellum Gallicum und die Germania des Tacitus erfreuten sich grösster Aufmerksamkeit. Abgesehen von der Lektüreauswahl wurden während des „Dritten Reichs“ Weichen gestellt, die den Lateinunterricht bis heute prägen, da sie ihn in einem um zusätzliche Fächer erweiterten Lehrplan positionierten.

Nach Ende des 2. Weltkriegs trieben die alliierten Besatzungsmächte nicht nur die Entnazifizierung und -militarisierung voran, sondern wünschten auch die Demokratisierung des deutschen Schulwesens; das als elitär wahrgenommene Gymnasium war ihnen ein Dorn im Auge. Die Altphilologen setzten sich vehement für die höheren Schulen ein, da ihr Erhalt untrennbar mit dem Fortbestehen der Alten Sprachen als Schulfach verbunden schien, und argumentierten, Latein sei Vermittlerin eines völkerverbindenden christlichen Humanismus. Als in den 1960er-Jahren mehr Abiturienten gefordert wurden, geriet Latein als Selektionsfach in die Kritik. Es verhindere die Durchlässigkeit des Schulsystems und lasse zu viele Schüler und Schülerinnen scheitern. Man wollte abrücken von klassisch-humanistischen Bildungsvorstellungen; der Modellcharakter der Antike und die Transferwirkung der Alten Sprachen für Sprachverständnis und Denkvermögen wurden in Zweifel gezogen. Aufgrund der Vehemenz dieser Kritik fürchteten viele Altphilologinnen und -philologen, ihr Fach stehe kurz vor dem Aus, setzten sich aber gleichzeitig produktiv mit den kritisierten Aspekten auseinander, was ihnen Lob auch von ihren Kritikern einbrachte. Der neugegründete DAV betrieb empirische Forschung zwecks Modernisierung des Curriculums und bildete die Lehrpersonen ständig fort. Die Argumente für den Altsprachlichen Unterricht blieben sich grundsätzlich gleich, bekamen jedoch einen modernen Anstrich: Latein erlaube den Aufbau eines kategorialen Sprachsystems, was die Beherrschung von Mutter- und Fremdsprache fördere; es sei eine Denkschule und fördere genaues und gewissenhaftes Arbeiten. Die Antike wurde zum Kontrastbild, das eine eigene Standortbestimmung von den Schülerinnen und Schülern verlange. Neu war das Argument der Chancengleichheit, da Latein die milieubestimmten Sprachbarrieren abzubauen helfe. So legten die Alten Sprachen allmählich den Dünkel ab, alleinige Hüterinnen des Humanismus zu sein, und gliederten sich ein in einen breiten Fächerkanon.

Dem Werk ist ein Personenregister angefügt; leider fehlt ein Sachwortregister. Dafür sind die Hauptteile in viele Unterkapitel mit aussagekräftigen Titeln gegliedert, die eine Orientierung erleichtern. In der Auffächerung und Besprechung der Argumente bemüht sich Kranzdorf um Unparteilichkeit; sie hinterfragt Schlagworte wie „Humanismus“ und fügt entsprechende Exkurse ein, die für die Beurteilung der Diskussion wertvoll sind. Einer Bewertung der Argumentation enthält sie sich vollständig, was der Arbeit sehr zugute kommt. Gerade weil Kranzdorf dank grossem Fleiss und viel Sorgfalt ein aufschlussreicher Überblick über den Wandel des Schulfachs Latein in Deutschland gelingt, wäre es sehr wünschenswert gewesen, den Zeithorizont auf das 21. Jahrhundert und damit in die Gegenwart auszudehnen.

Anmerkungen:
[1] Stefan Kipf, Altsprachlicher Unterricht in der Bundesrepublik Deutschland. Historische Entwicklung, didaktische Konzepte und methodische Grundfragen von der Nachkriegszeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bamberg 2006.
[2] Manfred Fuhrmann, Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Grossen bis Wilhelm II., Köln 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.04.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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