Cover
Titel
Après Marignan. La paix perpétuelle entre la France et la Suisse. Actes des colloques Paris, 27 septembre / Fribourg, 30 novembre 2016


Herausgeber
Dafflon, Alexandre; Dorthe, Lionel; Gantet, Claire
Reihe
Mémoires et documents publiés par la Société d'Histoire de la Suisse Romande, 4/XIV
Anzahl Seiten
685 S.
Preis
CHF 55.00
Andreas Würgler, Département d'histoire générale Unité d'histoire suisse, Universität Genf

Krieg und Frieden gehören zweifellos zu den großen und klassischen Themen der Geschichtswissenschaft. Lange war der Fokus auf die Kriege oder gar die Schlachten gerichtet, während Prozesse der Friedensstiftung und -wahrung eher im Schatten blieben. Auch wenn gegenläufige Trends seit einiger Zeit zu beobachten sind[1] und eine neue Militärgeschichte die Heldenkriegserzählungen abgelöst hat: In der breiteren Öffentlichkeit dominieren nach wie vor die Schlachten das historische Bewusstsein. Jedenfalls in der Schweiz. Und ganz besonders im Falle der Schlacht von Marignano 1515, die den „ewigen Frieden“ von Freiburg (Schweiz) 1516 in den Schatten stellt.

Über das ganze Jahr 2015, ein Wahljahr, hinweg wurde intensiv und öffentlich in allen Medien über Marignano gestritten. Einzelne Beobachter wollten gar einen Schweizer „Historikerstreit“[2] ausmachen, dabei lief die Debatte vielmehr zwischen universitären Historikern einerseits und Politikern des nationalkonservativen Spektrums andererseits.[3] Es ging um das Narrativ, wonach die Eidgenossen, die seit ihren Erfolgen in den Burgunderkriegen (1474–1477) zu den begehrtesten und teuersten Söldner in Europa mutierten und die in den italienischen Kriegen an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert als „seit Caesar unbesiegt“ gehandelt wurden, nach ihrer heftigen Niederlage gegen den französischen König Franz I. sich weise dazu entschlossen hätten, neutral zu werden und sich künftig aus den europäischen Kriegen herauszuhalten. Ein Narrativ, das die wissenschaftliche Forschung schon seit längerer Zeit dekonstruiert hat, ohne dass der politische Diskurs davon Kenntnis zu nehmen bereit gewesen wäre. Der vorliegende Sammelband zum Frieden von Freiburg verschiebt nun den Blick vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch und bietet deshalb interessante Ergänzungen zur öffentlichen Debatte.

Die umfangreiche Publikation dokumentiert zwei wissenschaftliche Tagungen aus dem Jubiläumsjahr zum „ewigen Frieden“, der auch in den Medien erstmals eine gewisse Beachtung fand. Sie bietet zunächst die Entstehungsgeschichte (Kathrin Utz Tremp, S. 17–51) sowie eine annotierte Edition des Vertrages von 1516 in der lateinischen (für Frankreich) und deutschen Version (für die Eidgenossenschaft) (Kathrin Utz Tremp und Lionel Dorthe, S. 52–161). Daran schließen sich die Beiträge zweier Konferenzen in Paris (zehn Artikel auf Französisch) und Freiburg (vier Artikel auf Deutsch, acht auf Französisch) an. Auch wenn diese Komposition den Band etwas sperrig macht und nicht alle Beiträge gleich nahe am Thema bleiben, ergeben sich gerade aus der erstmaligen Zusammenschau der verschiedenen Perspektiven auf die Entstehung und die Auswirkungen der „paix perpétuelle“ bis zum Ende des Ancien Régime wertvolle und oft neue Einsichten, die hier nur in Auswahl referiert werden können.

Dazu gehört zunächst die Vorgeschichte, die von der – schon in Marignano sichtbaren – Uneinigkeit der Kantone unter sich (Ruth Binz-Wohlhauser, S. 165–179; André Holenstein, S. 181–207) und den massiven Protesten der Untertanen gegen die Außenpolitik der Eliten (Philippe Rogger, S. 319–335) geprägt war. Sodann zählt dazu die Erklärung der erstaunlichen Tatsache, dass die Verlierer einen Friedensvertrag aushandelten, der sie wie Gewinner aussehen ließ. Denn Franz I. versprach den Eidgenossen nicht nur horrende Summen als einmalige Entschädigung für ihren bisherigen Aufwand, sondern auch jährliche Pensionen für die Zusicherung, dass eidgenössische Söldner nicht gegen Frankreich kämpften. Im Allianzvertrag von 1521 wurde dann präzisiert, dass Frankreich pro Jahr bis zu 16.000 eidgenössische Söldner werben durfte, die natürlich extra zu bezahlen waren. Dabei erhielten die Eidgenossen das Recht, ihre Männer im Bedarfsfall jederzeit nach Hause rufen zu können. Auf diese Weise konnten sie sich gewissermaßen eine stehende Armee avant la lettre einrichten, die zudem im Ausland stationiert und von Frankreich finanziert wurde (André Holenstein, S. 181–207). Weiter garantierte der Vertrag von 1516 den Schweizer Kaufleuten Zoll- und Handelsprivilegien in Frankreich und Mailand (dessen Herzog Franz I. 1515 geworden war). Gegenseitig gelobten sich die beiden Partner gutnachbarschaftliches Einvernehmen und sie installierten zwei Schiedsgerichte zur Regelung allfälliger Konflikte.

Was zunächst wie eine unerklärliche Gnade Frankreichs aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kluge Taktik. Denn Franz I. konnte das eroberte Herzogtum Mailand langfristig nicht mit französischen Truppen verteidigen. Da waren die eidgenössischen Krieger schneller vor Ort und effizienter. Auch als er Mailand schon 1521 wieder verlor, behielt er – wie auch alle seine Nachfolger – den privilegierten Zugang zum Schweizer Söldnermarkt, und sei es nur, um ihn nicht einfach anderen Kunden – dem Kaiser, Spanien, Savoyen, Venedig usw. – zu überlassen (Guillaume Poisson, S. 421–437). Aus dem mirakulösen Schweizer Sieg am Verhandlungstisch wird so eine von Frankreich eingefädelte Zweckgemeinschaft zweier ungleicher Partner, die für die Eidgenossen auch eine starke Abhängigkeit vom immer näher rückenden und mächtiger werdenden Nachbarn nach sich ziehen sollte. Somit wurde die Eidgenossenschaft nach Marignano nicht etwa neutral, wie die Legende will, sondern ein Allianzpartner Frankreichs (André Holenstein, S. 206).

Aus Mailänder Perspektive war der Vertrag von Freiburg insofern ein Desaster, als Frankreich die Lombardei dazu auserwählt hatte, die hohen Kosten des Friedens zu tragen. Bei der Beschaffung der Steuern, Kriegskontributionen und Darlehen gingen die französischen Kommissare nicht gerade zimperlich vor, indem sie unter anderem reiche Mailänder Kaufleute als Geiseln nahmen (Séverin Duc, S. 229–245). Da erging es jenen Gebieten des Herzogtums Mailand besser, die durch den Freiburger Vertrag an die Eidgenossen abgetreten wurden und von diesen als Gemeine Herrschaft (Kondominium) verwaltet wurden: Dies ersparte Lugano, Locarno, Mendrisio und Vallemaggia zusätzliche Belastungen (Leonardo Broillet, S. 209–227). Doch auch für französische Steuerzahler waren die Schweizer teuer: Unter Franz I., der die Hälfte bis drei Viertel der Staatseinnahmen in den Krieg investierte, gingen laut Amable Sablon du Corail 10–15 Prozent der königlichen Einnahmen in Form von Pensionen und Soldzahlungen an die Eidgenossen (S. 301–317).

Den Frieden ins Zentrum zu rücken bedeutet im vorliegenden Fall keineswegs, einem naiven Pazifismus zu huldigen. Denn der geschlossene Friede galt ja nur für Frankreich und die Eidgenossenschaft. Für alle anderen bedeutete er aber, dass die Eidgenossen fortan dazu dienten, Frankreichs Kriege gegen europäische Mächte zu unterstützen. Sei es in den italienischen Kriegen, die sich bis 1559 hinzogen (Jean-Marie Le Gall, S. 265–299), sei es in den französischen Expansionskriegen unter Ludwig XIV. oder in den zahlreichen Erbfolgekriegen – immer waren eidgenössische Offiziere und Soldaten auf der Seite Frankreichs dabei und stellten z.B. 1671 21 Prozent der Infanterie. Der Friede von Freiburg ermöglichte insofern auch die kriegerische Expansion unter Ludwig XIV. Allerdings fanden sich eidgenössische Söldner oft, und dies seit Beginn des 16. Jahrhunderts, auch in den Heeren der Gegner Frankreichs. Denn die französische Krone konnte ihren Monopolanspruch auf das schweizerische Kriegerreservoir nicht durchsetzen (Bertrand Fonck, S. 531–551).

Umgekehrt war Frankreich aber auch wichtig für die Eidgenossen: nicht nur als militärischer Arbeitsmarkt für nachgeborene Söhne ohne Aussicht auf einen Bauernhof, einen Handwerksbetrieb oder eine Stelle im städtischen Rat, sondern vor allem auch für die Kaufleute der Handelsstädte Zürich, Basel und St. Gallen, später auch Genf, Neuenburg und andere (Marco Schnyder, S. 337–356; Guillaume Poisson, S. 421–437). Sie profitierten vom privilegierten Zugang zum großen französischen Markt mit seinen kolonialen Weiterungen, auf dem sie nicht nur Käse und Vieh, sondern auch Tuche und im 18. Jahrhundert (verbotene) Bücher, bedruckte Baumwollstoffe („Indiennes“) und Uhren absetzten. Nicht zuletzt dank französischer Kontakte reichten die schweizerischen Exporte bis ins Osmanische Reich, nach Persien und China (André Holenstein, S. 573–588).

Erstaunlich ist, wie Thomas Maissen (S. 589–613) zeigt, dass die schweizerische Historiographie zwar erstmals bereits am Ende des 17. Jahrhunderts (Franz Michael Büeler) eine Zäsur in der Zeit um 1515/1516 ansiedelt. Zum bedeutenden Wendepunkt wurde Marignano aber erst am Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Neuerfindung der Neutralität. Während die Historiker als Wegmarke sowohl die Schlacht (Emil Dürr 1915) als auch den Ewigen Frieden (Paul Schweizer 1895) anboten, siegte „Marignano“ spätestens in der geistigen Landesverteidigung der 1930er- und 1940er-Jahre. Zur nationalen Identitätskonstruktion in Zeiten des Krieges eigneten sich Schlachten besser als Friedensschlüsse, so scheint es im historischen Rückblick. Dabei wurden Kriege nicht durch Schlachten, sondern durch Kassen entschieden: Franz I. triumphierte bei Marignano, verlor dann aber Italien. Sein Nachfolger Heinrich II. dagegen verlor eine Schlacht nach der andern, aber gewann Calais von den Engländern und Toul, Metz sowie Verdun vom Reich (1559): Schlachten zu gewinnen ist nicht nötig, so Amable Sablon du Corail (S. 311), das Heer mit Sold bei der Stange zu halten hingegen schon. Und seit den 1540er-Jahren verdienten die Schweizer Kantone durch ihre Kredite an die französische Krone am Krieg mit, wie Martin Körner schon 1980 vorgerechnet hat.[4]

Das Verhältnis von Krieg und Frieden bleibt komplex. Denn nur dank ihrer Schlachtensiege von 1476 bis 1513 wurden die Schweizer Kantone potentielle Partner am Verhandlungstisch in Freiburg. Und erst jetzt konnte ein glücklicher Verhandlungserfolg die verlorene Schlacht vergessen lassen. Umgekehrt begünstigte der Friede mit den Eidgenossen den Aufbau der französischen Hegemonialstellung im 17. Jahrhundert. Und die Schweiz konnte sich zur „Friedensinsel“ entwickeln, weil sie ihre Krieger permanent exportierte und ihre strukturelle Unfähigkeit, als Föderation von Minirepubliken Offensivkriege führen zu können, faktisch akzeptierte.

Ob der schön bebilderte Sammelband den ewigen Frieden von Freiburg im öffentlichen Bewusstsein vor Marignano wird schieben können, bleibt abzuwarten. Er liefert dazu gewichtige Argumente, auch wenn er im Titel nicht auf den magischen Namen der Schlacht verzichten zu können meint.

Anmerkungen:
[1] Z.B. die Datenbank „Europäische Friedensverträge der Vormoderne online“, http://www.ieg-friedensvertraege.de/ (01.02.2019).
[2] Oliver Zimmer, Politische Bühne und historischer Strohmann, in: Neue Zürcher Zeitung, 8. April 2015.
[3] Philipp Sarasin, Die Debatte über die Schweizer Geschichte wird fahrlässig, in: Neue Zürcher Zeitung, 10. April 2015.
[4] Martin Körner, Solidarités financières suisses au XVIe siècle, Lausanne 1980, S. 126.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.04.2019
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/