Cover
Titel
Tschechen auf Reisen. Repräsentationen der außereuropäischen Welt und nationale Identität in Ostmitteleuropa 1890–1938


Autor(en)
Lemmen, Sarah
Reihe
Peripherien 2
Erschienen
Köln 2018: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
358 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Brigitta Triebel, Leipzig

Forschungen zur tschechischen bzw. tschechoslowakischen Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der Zwischenkriegszeit haben sich lange Zeit auf gesellschaftliche Nationalisierungsprozesse und den mitteleuropäischen Kontext konzentriert. Demgegenüber eröffnet das Buch von Sarah Lemmen, bei dem es sich um eine leicht veränderte Version ihrer an der Universität Wien eingereichten Dissertation handelt, eine neue und bisher wenig beachtete Perspektive auf die Zeitspanne von 1890 bis 1938.

Denn parallel zur Nationalisierung wuchs mit der wachsenden weltweiten politischen wie ökonomischen Vernetzung während der „ersten Globalisierungsphase“ (S. 7) auch in der tschechischen Gesellschaft das Interesse an der außereuropäischen Welt. Die Auseinandersetzung mit den als „fremd“ und „exotisch“ wahrgenommen Weltregionen diente nicht zuletzt der nationalen Selbstdefinition – und dies, obgleich oder vielleicht gerade weil es den Tschechen an eigenen Kolonien fehlte und sie erst ab 1918 auf eine eigene Staatlichkeit zurückgreifen konnten, eine institutionalisierte Beschäftigung mit diesen Regionen ermöglichte.

Lemmen will herausfinden, wie Tschechen die außereuropäische Welt wahrgenommen und sich selbst im globalen Maßstab verortet haben. Dafür hat sie eine Vielzahl von Reiseberichten analysiert, die Tschechen – meist waren es Lehrer, Wissenschaftler oder Journalisten – über ihre Erfahrungen in Afrika, Asien, Australien, Lateinamerika oder Ozeanien geschrieben und publiziert haben. Zudem nimmt sie die Debatten von Ökonomen, Wissenschaftlern und Staatsvertretern über die Beziehungen mit der außereuropäischen Welt in den Blick, die insbesondere in den Gründungsjahren der ersten tschechoslowakischen Republik geführt wurden. Das Interesse in der tschechischen Gesellschaft an der Welt außerhalb Europas war demnach nicht auf wenige Reisende beschränkt, sondern erfasste größere Kreise des nationalbewussten tschechischsprachigen Bürgertums insbesondere in Prag, dem politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der tschechischen Nationalbewegung.

Sarah Lemmen hat eine gut strukturierte und kenntnisreiche Studie vorgelegt. In der Einleitung skizziert sie ihr Forschungsvorhaben verständlich und bezieht die für einen transnationalen Ansatz zentralen Forschungsfelder mit ein: Sie greift sowohl auf postkoloniale Theorien und Globalgeschichte als auch auf ostmitteleuropäische Area Studies und tschechische Geschichtsforschungen zur außereuropäischen Welt zurück. Mit ihrem Fokus auf tschechische Selbst- und Fremdbilder will sie die postkolonialen Theorien erweitern, indem sie neben den Kategorien Kolonialmacht und Kolonie für die Kategorie der nicht-kolonialen europäischen Nation plädiert. Am tschechischen Beispiel geht sie der Frage nach, wie sich eine Nation, die nicht aktiv an der kolonialen Expansion anderer europäischer Staaten beteiligt war, mit den Kolonien auseinandergesetzt hat und inwieweit dabei eigene Erfahrungen mit Fremdherrschaft und Nationalisierungsprozessen eine Rolle spielten.

Im ersten inhaltlichen Kapitel schildert Lemmen anhand der Diskussion um die Gründung eines Orientalischen Institutes in Prag kurz nach der Staatsgründung 1918 das wachsende Interesse an der außereuropäischen Welt (Kapitel 2). Im Anschluss richtet sie den Fokus auf die Reiseberichte. Sie ordnet die reisenden Autoren entsprechend ihrer gesellschaftlichen Position ein, untersucht deren Reisepraktiken und Reiseziele. Damit klärt sie entscheidende Faktoren, die die Schreibenden in Übersee beeinflusst haben (Kapitel 3). Die Interpretation der Reiseberichte folgt in den Kapiteln 4 und 5. Hier konkretisiert Lemmen die Wahrnehmung der Fremde sowie die Weltvorstellungen der Reisenden und ordnet deren nationales Selbstverständnis in einen globalen Kontext ein. Sie fächert das Thema detailreich auf, unter anderem indem sie geographische Karten und Fotografien aus den Reiseberichten einbezieht, ohne aber ihre übergeordneten Fragen nach Selbst- und Fremdwahrnehmung aus dem Blick zu verlieren.

Lemmens Erkenntnisse sind hochinteressant. Sie arbeitet heraus, dass die Bedeutung der außereuropäischen Welt in den Diskursen des tschechischen Bürgertums im gesamten Zeitraum zugenommen hat. Sowohl auf ökonomischer und kultureller als auch auf wissenschaftlicher Ebene intensivierte sich die Auseinandersetzung. Zugleich wird deutlich, dass das tschechische Interesse an der Welt Besonderheiten aufwies. In den Schilderungen der reisenden Autoren dominierten zwar die gängigen europäischen Repräsentationen von der außereuropäischen Welt. Auch sie stellten dem „unzivilisierten Anderen“ das „zivilisierte Eigene“ gegenüber und nutzten die bereisten Regionen als relativ homogene Projektionsfläche. Die tschechischen Reisenden deuteten jedoch die (west)europäischen Diskurse vielfach um, wie Lemmen etwa anhand der Kategorie des „universellen Eingeborenen“ veranschaulicht (S. 293): Ganz gleich, ob sie von Orten in Nordafrika oder Ost- wie Südasien berichteten, die tschechischen Reisenden schrieben den einheimischen Gesellschaften ähnliche Eigenschaften und Verhaltensweisen zu. Sie unterschieden noch weniger als britische oder französische Autoren zwischen Bevölkerungen und Regionen. Durch diese deutliche Abgrenzung zur nicht-europäischen Welt verwischten sie innereuropäische Unterschiede und rückten die eigene „kolonielose“ Nation näher an die europäischen Kolonialmächte. Sofern es der positiven Selbstdefinition dienlich war, distanzierten sich die tschechischen Reisenden freilich mitunter von der Lebenswelt der Kolonialmächte in Übersee. Ihre eigene, weniger luxuriöse Reisepraxis benannten sie beispielsweise als einen typisch tschechischen Weg, die Länder zu erkunden, und führten sie im Einklang mit dem gern gepflegten Selbstbild der damaligen Tschechoslowakei auf ein dezidiert demokratisches Verständnis der Tschechen zurück (S. 202).

Die tschechische Weltwahrnehmung war zudem stark durch Rückbezüge auf die eigene Nation geprägt. Sarah Lemmen bezeichnet das Austarieren der eigenen nationalen Rolle in der Welt sogar als eines der zentralen Motive vieler Reiseberichte (S. 295). Fast in jedem Bericht finden sich beispielsweise Verweise auf die weltweite Präsenz tschechischer Produkte oder auf Begegnungen mit Landsleuten, die die Schreibenden als Belege des globalen Engagements ihrer Nation anführten. Lemmen deutet diese Strategie als „Tschechisierung der Welt“ (S. 243). Aufschlussreich ist, wie sich die tschechische Selbstwahrnehmung in den Jahren bis 1938 gewandelt hat. Während aus den Reiseberichten nach der Gründung der Tschechoslowakei zunächst die damals weitverbreitete Euphorie herauszulesen war, nun zu den bedeutenden europäischen Nationen zu gehören, spricht aus Dokumenten der späten 1920er-Jahre ein stärkeres Arrangieren mit den internationalen Mächteverhältnissen. So kommt Lemmen zu dem schlüssigen Fazit, dass es dem tschechischen Agieren in der Welt im gesamten Zeitraum an einer gewissen Selbstverständlichkeit fehlte.

Insgesamt erweitert Sarah Lemmen zum einen den Blick auf die tschechische Geschichte am Ende des 19. Jahrhunderts und in der Zwischenkriegszeit. Ihre Studie belegt, dass die Globalisierung der Welt- und Selbstwahrnehmung in der Hochphase des europäischen Kolonialismus nicht auf imperiale Mächte beschränkt blieb, sondern auch „kleinere“ und nichtkoloniale Gesellschaften wie die tschechische stark beeinflusst hat. Zum anderen ist ihre Arbeit ein gelungenes Beispiel dafür, wie Ostmitteleuropa in der transnationalen Geschichtsschreibung verortet werden kann. Sie setzt sich nicht nur kritisch mit der weiterhin dominierenden nationszentrierten Geschichtswissenschaft in der Region auseinander. Vielmehr gelingt es ihr, eine fundierte Fallstudie aus transnationaler Perspektive vorzulegen, die vertiefte theoretische Reflexion mit einer breiten, auf Regional- und Sprachkenntnissen basierenden empirischen Analyse verbindet.

Hilfreich wäre es freilich gewesen, zu Beginn den Begriff der „tschechischen Gesellschaft“ klarer zu konturieren. Es leuchtet zwar ein, die reisende und diskutierende Mittelschicht als repräsentativ für eine größere Öffentlichkeit zu verstehen und von deren Selbst- und Fremdbildern Schlüsse auf ein kollektives Bild der tschechischen Gesellschaft zu ziehen. Schließlich war das Bürgertum die Trägerschicht des Diskurses um die nationale Identität und um die Verortung der eigenen Nation im globalen Kontext. Dabei von „tschechischer Gesellschaft“ zu sprechen, erscheint dennoch unscharf. Denn der Begriff könnte nicht nur die gesamte tschechischsprachige Bevölkerung in Österreich-Ungarn oder später in der Tschechoslowakei umfassen, sondern auch die dort lebenden Minderheiten wie die deutsche einbeziehen.

Ungeachtet dessen lässt sich an Lemmens Arbeit vielfach anknüpfen. Die tschechische Variante der globalen Positionierung kann durchaus als Modell auch für andere „kleine“ nicht-koloniale Nationen betrachtet werden (S. 294). Wie sahen polnische, ungarische oder gar slowakische Selbstverortungen in der „ersten Globalisierungsphase“ aus? Zudem nahm in der ersten Tschechoslowakischen Republik nicht nur das gesellschaftliche Interesse an der außereuropäischen Welt zu. Die Zwischenkriegszeit war auch eine erste Hochphase für diplomatische und ökonomische Bemühungen der Prager Regierungen in Übersee. Diese Entwicklungen im Zusammenhang zu erforschen und danach zu fragen, inwieweit in der staatssozialistischen Tschechoslowakei nach 1945 auf die gesellschaftlichen wie politischen Auseinandersetzungen mit der außereuropäischen Welt in der Zwischenkriegszeit zurückgegriffen wurde, erscheint ebenfalls als lohnender Forschungsansatz.