G. Maisuradze u.a.: Medeas Heimat

Cover
Titel
Medeas Heimat. Georgien in der Antike


Autor(en)
Maisuradze, Giorgi; Schollmeyer, Patrick
Reihe
Zaberns Bildbände zur Archäologie
Erschienen
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annegret Plontke-Lüning, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Patrick Schollmeyer und Giorgi Maisuradze gebührt das Verdienst, Geschichte und Kultur Georgiens, gelegen am Rande Europas, erneut ins europäische Interesse zu rücken. Als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 hatte Georgien die Vielfalt seiner Literatur in deutschen Übersetzungen eindrucksvoll präsentieren können, und die anlässlich der Buchmesse eröffnete Ausstellung „Georgien – Gold und Wein“ im Archäologischen Museum Frankfurt ermöglichte einen faszinierenden Blick auf die frühen Kulturen südlich des Kaukasus.

Das mit prächtigen Abbildungen ausgestattete, an ein breites Publikum gerichtete Buch fokussiert auf die Antike im Gebiet des heutigen Georgien. Anliegen der Autoren ist es, „das Wechselspiel zwischen der materiellen Realität der antiken Kaukasuskultur(en) einerseits und die durch Griechen wie Römer gleichermaßen geprägten ideellen Vorstellungen von Medeas [...] Heimat andererseits“ in den Blick zu nehmen – also „aus der griechisch-römisch geprägten europäischen Erinnerungsperspektive auf das antike Georgien zu blicken“ (S. 6). So sind die vier großen Kapitel [1] den mit dem Kaukasus verbundenen Mythen verpflichtet: „Der Kaukasus – das Ende der zivilisierten Welt oder doch der Ursprung Europas?“ (S. 10–21), „Das Goldene Vlies – Mythos und Wahrheit“ (S. 22–71), „Besondere Beziehungen – Medeias Kolchis und die Griechen“ (S. 72–116) und schließlich „Im Schatten des Imperiums – Roms Interessen an den Königreichen im Kaukasus“ (S. 117–141), in dem den Mythen in der sehr viel rationaleren römischen Vorstellungswelt nachgegangen wird. Diese Sichtweise ermöglicht interessante Schlaglichter auf Bildzeugnisse zu den mit dem Kaukasus verbundenen Mythen, die wie alle antiken Mythen den Heutigen eher fremd geworden sind. Sie weitet aber auch den Blick auf Georgien, das so besonders nah an das „traditionelle“ Europa heranrückt.

Das erste Kapitel betrachtet den Mythos des an einen Felsen am Rande der Welt geschmiedeten und vom Adler des Zeus gepeinigten Prometheus, der bereits im 7. Jahrhundert v.Chr. bekannt war, aber erst seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. zunehmend mit dem Kaukasus verbunden wurde. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Gefangenschaft des Prometheus am Kaukasus im Lichte der ältesten außerafrikanischen Hominidenfunde im südgeorgischen Dmanisi, die 1,6 bis 1,8 Millionen Jahre alt sind und am Anfang der Entwicklung des Menschen in Europa stehen, als eine „besondere Ironie der Geschichte“ erscheint, da Prometheus in der Antike auch als Menschenbildner betrachtet wurde. Zudem werden die mit dem Kaukasus verbundenen geographischen Irrtümer der Antike anschaulich erläutert.

Im zweiten Kapitel wird zunächst die Entwicklung der – im antiken Mythenverständnis vor dem Trojanischen Krieg angesiedelten – Argonautenerzählung von der archaischen bis in die hellenistische Zeit verfolgt und festgestellt, dass sich die Reise der Argonauten, ähnlich wie die Odyssee, in ihrer gesamten Überlieferungsgeschichte „offenbar stets hervorragend dazu eignete, die unterschiedlichen Erfahrungen seereisender Griechen auf ihren Entdeckungsfahrten in unbekannte Weltgegenden mythisch zu bündeln und ihnen damit gewissermaßen einen besonderen Anspruch auf dauerhafte Gültigkeit zu verleihen“ (S. 26) und zugleich zum „bestimmenden Faktor bei der Wahrnehmung der fremden Völker am Schwarzen Meer durch die Griechen“ (S. 26) wurde. Es folgen ein Überblick über die einigermaßen verworrenen Erzählstränge und antike Bildzeugnisse, deren eigener Wert neben den Texten hervorgehoben wird. Dabei fehlen auch nicht gründerzeitliche Darstellungen zum Argonautenmythos – Sammelbilder zu Liebigs Fleischextrakt, die die Geschichte in populärer Weise verbreiteten.

Die Ausführungen zu antiken Erklärungsversuchen der Argonautengeschichte, zu denen auch eine Verbindung des Goldenen Vlieses mit der von antiken Autoren überlieferten Goldgewinnung durch in Bergflüssen ausgelegte Schaffelle gehörte, führen zu der Frage, „ob das Kaukasusgebiet in der Bronzezeit tatsächlich goldreich gewesen ist und über lokale Kulturen verfügte, die im Austausch mit externen Handelspartnern gestanden haben könnten und zugleich über Sozialstrukturen verfügten, die mit den im Mythos dargestellten zumindest annähernd vergleichbar sind“, also „mögliche real-historische Szenarien zu rekonstruieren, die allenfalls einen plausiblen geschichtlichen Hintergrund für diese mythische Erzählung bilden“ könnten (S. 40). So könne man durchaus behaupten, „die Argonautensage stelle eine mythisch überhöhte, folglich sagenhaft ausgeschmückte Rückerinnerung an eine zur Zeit der ersten Fassung dieser Erzählung schon sehr ferne Vergangenheit dar: die der bronzezeitlichen Staatenwelt mit ihren vielfältigen interkulturellen Verflechtungen in der 2. Hälfte des 2. Jts. v.Chr.“ Dies leitet über zu einer knappen Darstellung der bronzezeitlichen Kulturen auf dem Gebiet des heutigen Georgien – der frühbronzezeitlichen Kura-Araxes-Kultur (S. 41–44) vom späten 4. bis in die Mitte des 3. Jahrtausends v.Chr., deren Hinterlassenschaften „noch kaum größere Sozialhierarchien erkennen lassen“ (S. 43), der frühen Kurgan-Kultur der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr. (S. 44–50) und der Trialeti-Kultur vom späten 3. bis in die Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr. mit ihren reich ausgestatteten Kurganen, die eine starke soziale Elitenbildung bezeugen (S. 51–60). Zu den neuesten Erkenntnissen der Forschung sei auf den zeitgleich mit vorliegender Publikation erschienenen Frankfurter Ausstellungskatalog „Gold und Wein“ verwiesen.[2] Die letzten Abschnitte des zweiten Kapitels betrachten die materielle Kultur des spätbronzezeitlichen Kaukasien auf der Suche nach realen Hintergründen der mythischen Herrschaft des Kolcherkönigs Aietes (S. 61–66). Die Frage, ob Mykener bis in den Kaukasusraum gelangt sein könnten, wird mit großer Vorsicht behandelt, da archäologische Belege dazu bisher sehr rar seien (S. 66–71).

Kapitel III zu den Beziehungen zwischen Griechen und Kolchis und auch dem Kaukasischen Iberien, dem heutigen Ostgeorgien, verdeutlicht, dass eine weiter verbreitete Kenntnis der Medea-Heimat Kolchis archäologisch sicher belegbar erst für das 7. Jahrhundert v.Chr. ist (S. 72–75). Auch die vieldiskutierte Frage des Kolchischen Königreiches wird kritisch betrachtet (S. 84–86), ebenso die Probleme der griechischen Kolonisation und der permanenten Anwesenheit von Griechen in der Kolchis, zumal die literarisch überlieferten Städte Dioskourias, Gyenos und Phasis archäologisch nicht sicher lokalisiert sind (S. 86f.). Vorsichtig bleiben die Autoren ebenfalls bezüglich ethnischer Zuweisungen für die Nekropole von Pitschwnari nördlich bei Batumi (S. 88–92), wo häufig anhand des Grabinventars – attischer Importkeramik des 5.–4. Jahrhunderts v.Chr. und lokaler kolchischer Waren – auf unterschiedliche „Abteilungen“ des Friedhofes geschlossen wurde. Ihr bisher nicht berücksichtigtes Argument ist naheliegend: In Etrurien würde man anhand der Masse griechischer Keramik nicht auf die Anwesenheit von Griechen schließen (S. 92), die attischen Waren in Pitschwnari seien eher Belege für intensive Kontakte zwischen Griechen und Kolchern „denn eindeutige Indizien für eine griechische Siedlung“ (S. 92). Die reichen Gräber des 5.–4. Jahrhunderts v.Chr. in Vani werden in gleicher Weise als Zeugnisse der „Kontaktkultur“ interpretiert (S. 96); auch für das 4./3. Jahrhundert v.Chr. wird für Vani eine Zuweisung griechischen Einflusses kritisch betrachtet, da eindeutig griechische Architekturtypen nicht entdeckt sind: Es sei „vollständig fehl am Platz, von einer wie auch immer gearteten, gewissermaßen zwanghaften Hellenisierung sprechen zu wollen. Die Kolcher eigneten sich allein das an, was ihnen zusagte und was sie problemlos in ihrem eigenen kulturellen Wertesystem unterzubringen wußten“ (S. 96).

Zum Kaukasischen Iberien (S. 102–107) referieren die Autoren den wesentlichen Inhalt der ersten ausführlichen Beschreibung des heutigen Ostgeorgien bei Strabo aus der augusteischen Zeit, das in georgischen Texten „Kartli“, bei den antiken Autoren „Iberia“ genannt wird; zudem weisen sie auf die möglichen Verwechslungen mit dem Iberien am Westende der antiken Welt, dem heutigen Spanien, hin. Wichtig ist ihr Hinweis, dass die lange gültige Datierung der Gründung des „Iberischen Reiches“ durch den ersten Herrscher Pharnawas anhand mittelalterlicher georgischer Überlieferung ins frühe 3. Jahrhundert v.Chr. kritisch zu betrachten ist und dass neuere quellenkritische Überlegungen für das 2. Jahrhundert v.Chr. plädieren (S. 103). Die bilinguale Inschrift der Seraphita aus Armasis-chewi bezeichnet den Autoren zufolge Ostgeorgien mit den Synonymen Iberien und Kartli (S. 102). Dies ist unzutreffend - der griechische Text nennt „Iberien“, der aramäische Text hingegen bezeichnet das Land, zu dessen Hocharistokratie die junge Dame gehörte, nicht namentlich. Die Autoren datieren die Inschrift entsprechend der allgemeinen Auffassung ins 2.–3. Jahrhundert, neue Forschungen von Jost Gippert plädieren für eine Datierung bereits ins 1. Jahrhundert n.Chr.[3]

Die vor einigen Jahren entdeckten Palastanlage nach dem Vorbild achämenidischer Zentren in Gumbati im Osten des Landes müsse nicht als Residenz eines achämenidischen Governeurs interpretiert werden, sondern es spräche „schließlich nichts dagegen, sich lokale Herrscher vorzustellen, die in Ermangelung einer eigenen lokalen Tradition ihren Status allein aus prestigesteigernden Gründen durch die Herrschaftsarchitektur eines mächtigen Großreiches, mit denen (sic!) sie nachweislich in Kontakt standen, visualisiert sehen wollten“ (S. 107). Medeas Rolle in Euripides’ Tragödie wird „nicht als Stereotype einer generellen Bösartigkeit des Fremden schlechthin“ verstanden, „vielmehr als ein besonderes Individuum, aus dem das zeitgenössische Publikum sicherlich keinerlei Rückschlüsse auf ein bestimmtes kollektives Verhalten in ihrer Heimat Kolchis gezogen hat“, also „gerade nicht als Klischee einer typischen Kolcherin, sondern allein in ihrer Einzigartigkeit“ (S. 110). Schließlich werden im großen dritten Kapitel noch zwei „Exportschlager“ des antiken Georgien, der Fasan als Luxusvogel und der Wein, erörtert (S. 114–116). Dem Resümee der Autoren zu den Vorstellungen, die sich Griechen und Kolcher voneinander machten, ist zuzustimmen: diese „blieben wohl mehr oder weniger stereotyp und sicher oftmals nebulös“ (S. 116).

Das vierte Kapitel behandelt schließlich die Kontakte der Staaten im Gebiet des heutigen Georgien zum Imperium Romanum, die sich auch in den reichen Grabinventaren mit diplomatischen Geschenken aus Rom widerspiegeln, sowie die römische Sicht auf die Kolcherin Medea, wobei es den Römern vor allem um den Ausdruck eigener Vorstellungswelten gegangen sei (S. 135). Die abschließende Verbindung der Medea mit Nino, der christlichen Erleuchterin Iberiens, darf allerdings als steile These betrachtet werden, da wir nicht wissen, wie die Medea-Gestalt im frühmittelalterlichen Kaukasien reflektiert wurde.

In jedem Fall bringt das mit Abbildungen und Karten [4] reich ausgestaltete Buch dem deutschen Leser das nur scheinbar ferne Georgien als Teil des antiken Kosmos nahe, obgleich die Vorstellungen der Griechen von dem fernen Land eher diffus waren. Gerade die Einbindung in den griechischen Mythos und die vielfältigen Darstellungen des Mythos in Literatur, in Malerei und Mosaik und auf dem Theater banden das ferne Land in die antike Vorstellungswelt ein. Dies haben die Autoren beispielhaft vorgeführt und zugleich die faszinierenden archäologischen Funde, die eine gewisse – die Autoren weisen immer wieder auf offene Fragen hin – Rekonstruktion der Lebenswelt in Kolchis und Iberien ermöglichen, anschaulich präsentiert.

Anmerkungen:
[1] Als Einstieg wählten die Autoren im Vorwort einen 1931 abgeschlossenen ‚Antiken-Handel‘ zwischen dem georgisch-deutschen Schriftsteller Grigol Robakidze (1880–1962) und dem Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte Wilhelm Unverzagt (1892–1971), der zum Ankauf einer Bronzeaxt kaukasischen Typs und einer Bronzekette durch das Museum führte. Gern würde man die beiden Stücke oder zumindest einen Verweis darauf sehen. Denn das Berliner Museum beherbergt schon seit den Tagen des bedeutenden Arztes und Prähistorikers Rudolf Virchow (1821–1902) eine umfangreiche Sammlung kaukasischer Altertümer, die durch Virchow selbst vor allem nach seiner Reise zum Fünften Allrussischen Archäologenkongress in Tiflis im September 1881, aber auch durch Schenkungen und Ankäufe sowie die Armenien-Expedition von C. F. Lehmann-Haupt und W. Belck (1898/99) hierher gelangt sind. Robakidze ist vielleicht nicht der günstigste Einstieg in die faszinierende Thematik des Buches, obgleich mit seinem Schicksal auf Flucht und Vertreibung georgischer Intellektueller in der Stalinzeit hingewiesen wird. Aber Robakidzes Lobeshymnen zu Hitler und Mussolini wurde auch von georgischen Emigranten kritisch gesehen.
[2] Liane Giemsch / Svend Hansen (Hrsg.), Gold und Wein. Georgiens älteste Schätze. Begleitband zur Sonderausstellung, 6. Oktober 2018 – 10. Februar 2019, Archäologisches Museum Frankfurt, Mainz 2018.
[3] Vgl. Jost Gippert / Manana Tandashvili, Armazi, <http://armazi.uni-frankfurt.de/armazibl.htm> (Stand: 21.07.2019).
[4] In der Karte in Abb. 67 ist die Lage von Ratscha und Swanetien vertauscht, Nr. 10 in der Karte entspricht der Erklärung „Nr. 9 Mazrayeh“. Die Erklärung zur Karte Georgiens Abb. 75 („Die Karte zeigt die vielfältige landschaftliche Gliederung der heutigen Republik Georgien.“) ist etwas unglücklich: Wiedergegeben ist die Provinzgliederung Georgiens. Diese orientiert sich natürlich an der geomorphologischen bzw. landschaftlichen Situation, aber diese ist in der Karte nicht erkennbar.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.08.2019
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