N. Furrer: Des Burgers Bibliothek

Cover
Titel
Des Burgers Bibliothek. Persönliche Buchbestände in der Stadt Bern des 17. Jahrhunderts


Autor(en)
Furrer, Norbert
Erschienen
Zürich 2018: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
688 S.
Preis
CHF 78,00; € 78,00
Urs B. Leu, Abteilung Alte Drucke und Rara, Zentralbibliothek Zürich

Nach dem grossartigen Werk «Des Burgers Buch» über Stadtberner Privatbibliotheken im 18. Jahrhundert[1] legt der bis 2018 an der Universität Bern wirkende Historiker Norbert Furrer ein zweites in jeder Hinsicht gewichtiges Werk über die Stadtberner Privatbibliotheken der frühen Neuzeit vor. Wie bereits für den Band über das 18. Jahrhundert bilden auch für diesen die sogenannten «Geltstagsrödel» (Versteigerungsinventare) die Quellengrundlage. Aufgrund dieser leider nicht in allen Schweizer Städten vorhandenen Dokumente gelang es ihm, die Privatbibliotheken von Dutzenden von Haushalten aus dem Zeitraum von 1657 bis 1699 zu rekonstruieren. Sie gewähren einen interessanten Einblick in die Lesestoffe und in den geistigen Kosmos der Bevölkerung Berns zwischen dem Dreissigjährigen Krieg und der Aufklärung.

Furrers Werk gliedert sich in sieben Hauptkapitel: 1. Einleitung, 2. Kleinstbibliotheken und undifferenzierte Buchbestände, 3. Rekonstruktion von 34 mittleren, kleinen und Kleinstbibliotheken, 4. Bibliothek und geistiger Horizont des Junkers und Offiziers Johann Jakob von Diesbach (1622 bis nach 1685), 5. Schlussbetrachtung, 6. Quellentexte und 7. Anhang. Was Furrer unprätentiös als «Einleitung» bezeichnet, ist allein schon eine Fundgrube für sich. Neben Quellenkorpus und Forschungsstand werden dort die 63 Bibliotheksbesitzer vorgestellt, die in den Inventaren namentlich genannt werden. Man erfährt nicht nur, dass sich darunter eine Frau befand, nämlich Anna Maria Ougspurger, sondern auch, dass sich Buchbesitz in fast allen sozialen Schichten feststellen lässt. Furrer konnte unter den Lesern zwei Geistliche, zwei Juristen, fünf Magistraten, vier Beamte, drei Militärpersonen, zwei Kunsthandwerker, zwei Händler, zwei Wirte und zehn Handwerker identifizieren. Die Anzahl an Büchern, die sie besassen, unterschied sich zum Teil beträchtlich, denn Bücher waren in der frühen Neuzeit vergleichsweise viel teurer als heute. Darum tauchen die Titel oft auch in den Nachlassinventaren auf, denn sie stellten einen nennenswerten Besitz dar. Die umfangreichste Sammlung besass der Junker und Offizier Johann Jakob von Diesbach, der 474 Titel sein eigen nennen konnte, was einem Schätzwert von 8.282 Batzen entsprach. Aus Furrers nützlicher Tabelle über Preise und Löhne in Bern (S. 57–66) geht hervor, dass ein Zimmermannsknecht sechs Batzen pro Tag verdiente. Für die Erwerbung von Diesbachs Bibliothek hätte er demnach 1.380 Tage arbeiten müssen! Kein Wunder, sind es ausser der Diesbachschen Bibliothek nur drei weitere, welche eine dreistellige Zahl von Büchern umfassten, nämlich die Sammlungen von Wachtmeister Hans Bauernkönig (210 Titel), Apotheker Daniel Lauterburg (223 Titel) und dem Schreiber Emanuel Wyss (100 Titel). Auch der Theologieprofessor David Maser muss viel gelesen haben, doch ist keine genaue Titelzahl, sondern nur der Schätzwert von 4.937 Batzen überliefert, was etwa 250 Titeln entsprochen haben dürfte.

Bei 28 Bibliotheken sind die Angaben in den «Geltstagsrödeln» ungenau, doch bei 34 mittleren und kleinen Bibliotheken sind die Inventare qualitativ besser, deren Edition den Hauptteil des Buches ausmacht. Furrer hat in minutiöser Kleinarbeit die zum Teil in den Quellen nur in kryptischer Kurzform aufgelisteten Titel Stück für Stück identifiziert und die Bibliotheken rekonstruiert, so dass man sich nun ein konkretes Bild von den Berner Lektürestoffen machen kann. Während im 17. Jahrhundert die Anzahl geistlicher und weltlicher Bücher sich etwa die Waage hielten, schrumpfte der geistliche Anteil im 18. Jahrhundert auf etwa 30 Prozent, was dem veränderten Zeitgeist zuzuschreiben ist. Zu den gängigen Werken in einer Stadtberner Privatbibliothek der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehörten nebst Bibeln und Bibelteilen Titel aus der Feder der in der ganzen protestantischen Schweiz gern gelesenen pietistischen Autoren Johann Arndt und Lewis Bayly. Zu den verbreitetsten weltlichen Büchern zählten Kräuterbücher oder Michael Stettlers Schweizer Chronik (162–1631). Vertieft man sich in Furrers Listen, so wartet manch weitere spannende Entdeckung auf den Leser. Es bleibt zu hoffen, dass für andere Schweizer Städte ähnliche Werke erarbeitet werden.

Anmerkung:
[1] Norbert Furrer, Des Burgers Buch. Stadtberner Privatbibliotheken im 18. Jahrhundert, Zürich 2012.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.10.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/