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Titel
Der spätantike Philosoph. Die Lebenswelten der paganen Gelehrten und ihre hagiographische Ausgestaltung in den Philosophenviten von Porphyrios bis Damaskios


Autor(en)
Hartmann, Udo
Reihe
Antiquitas I, 72.1–72.3
Erschienen
Anzahl Seiten
XXVI, 2273 S. in 3 Bde.
Preis
€ 198,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Haake, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Für die Erforschung der Philosophie in der Spätantike war 2018 ein überaus ertragreiches Jahr, wurden doch unter anderem zwei dreibändige, deutschsprachige Werke publiziert, die für lange Zeit Maßstäbe setzen und die Grundlage für alle weiteren Forschungen auf diesem Gebiet bilden werden. Einerseits wurde der von Christoph Riedweg, Christoph Horn und Dietmar Wyrwa herausgegebene, philosophiegeschichtlich ausgerichtete dreibändige „Neue Ueberweg“ zur „Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike“ im Umfang von 2599 Seiten veröffentlicht, an dem 58 Autorinnen und Autoren mitwirkten[1]; andererseits erschien die hier zu besprechende, historisch angelegte dreibändige Monographie zum „spätantiken Philosophen“ von Udo Hartmann im Umfang von 2273 Seiten. Schon der schiere Umfang dieses Werkes aus der Feder eines einzelnen Autors lässt dessen monumentalen Charakter mehr als erahnen – und das präsentierte Panorama der Philosophen (und einiger weniger Philosophinnen) in ihrer spätantiken Umwelt ist aufgrund der Fülle an Informationen, die allen entgegentritt, die auch nur einen der drei Bände aufschlagen, überwältigend. Deswegen ist es auch schlechterdings nicht möglich, sich im Rahmen einer Rezension angemessen mit dem Werk auseinanderzusetzen und es auf eine Art und Weise kritisch zu würdigen, wie es ein derartiges Opus verdient hätte.

Schlägt man das vierseitige Inhaltsverzeichnis auf, um sich einen ersten Überblick über Hartmanns Arbeit zu verschaffen, bei der es sich um seine überarbeitete Jenaer Habilitationsschrift handelt, so fällt unmittelbar auf, dass der Autor keinem Aspekt bezüglich der paganen Philosophen zwischen der Mitte des dritten und der ersten Hälfte des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts aus dem Weg gegangen ist. Vielmehr ist er jedem Weg nachgegangen, der einen Zugang zu seinem Thema ermöglicht. Zugleich wird aber auch offenbar, dass Hartmann eigentlich nicht ein, sondern in gewisser Weise gleich mehrere, teils äußerst umfangreiche, ja den Rahmen einer Monographie sprengende Bücher in einem geschrieben hat – die fünf Hauptkapitel. Das erste dieser Bücher im Buch behandelt vier pagane spätantike Lebensbeschreibungen von Philosophen aus den Federn von Porphyrios von Tyros, Eunapios von Sardeis, Marinos von Neapolis und Damaskios von Damaskos (S. 35–354), das zweite ist „Philosophen und Schulen in der Spätantike“ gewidmet (S. 355–1088), das dritte handelt von der „Welt der spätantiken Philosophen“ (S. 1089–1431), das vierte hat den „Philosoph[en] und das Römische Reich“ zum Gegenstand (S. 1433–1817) und das fünfte thematisiert den „‚heilige[n] Mann‘ in den Philosophenviten“ (S. 1819–2064). In sich schlüssig zusammengehalten und zusammengeführt wird diese ungeheure Stoffmenge durch das einleitende Kapitel über die „Philosophen der Spätantike im Spiegel ihrer Viten“ (S. 1–33) sowie das Schlusskapitel „Der spätantike Philosoph und seine hagiographische Ausgestaltung“ (S. 2065–2088).

Bei einem derart umfassenden Unternehmen wie es Hartmann auf sich genommen und gemeistert hat, liegt es auf der Hand, dass hinsichtlich der zahllosen kleinen und großen Fragen, die der Autor im Rahmen seiner Studie stets profund erörtert hat, auch andere Antworten hätten gegeben werden können. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Diskussion um die Identität des anonymen neoplatonischen Philosophen, der um die Mitte des vierten Jahrhunderts das an der peloponnesischen Küste des Korinthischen Golfes gelegene Sikyon verließ, um seine Lehrtätigkeit in Konstantinopel fortzusetzen (S. 552–553 mit Anm. 68), wird zweifellos weiter geführt werden. Und die Kontroverse um den Themenkomplex der Schließung der athenischen Akademie in Folge eines Gesetzes Iustinians aus dem Jahre 529, dem daraus resultierenden Exodus der neoplatonischen Philosophen aus Athen in das Reich der Sasaniden und der bald darauf erfolgten enttäuschungsbedingten Rückkehr vom Hof des Großkönigs Xusrō I. in das römische Reich sowie die angebliche Gründung einer Philosophenschule in Karrhai / Ḥarrān (S. 874–920) wird mit Sicherheit ebenfalls kein Ende finden. Doch um diese kleinen und großen Details und ihre profunde Diskussion kann und soll es nachfolgend nicht gehen – ihr jeweiliger Wert steht ganz außer Frage und in ihrer Gesamtheit bilden diese Ausführungen stets eine überaus solide Grundlage für Hartmanns weiterreichende Überlegungen sowie auch für zukünftige Forschungen.

Vielmehr soll der Blick auf einen anderen Aspekt gelenkt werden. Nicht allein der außergewöhnliche Umfang lässt die Frage nach der Disposition der Arbeit stellen, die als ein Ausbund von „deutscher Gelehrsamkeit“ anzusehen ist. Wesentlich ist in Bezug auf diese Frage dabei nicht, dass es durch den Zuschnitt der Arbeit an der ein oder anderen Stelle geradezu notwendigerweise zu Wiederholungen in den einzelnen Hauptkapiteln kommt. Zentral erscheint vielmehr die Frage nach der Entscheidung Hartmanns, die vier erwähnten philosophischen Lebensbeschreibungen, die vita Plotini des Porphyrios, Eunapios’ Philosophenviten, die Schrift des Marinos über Proklos und Damaskios’ vita Isidori, nicht nur als Ausgangspunkt, sondern gleichsam als Gerüst und zugleich auch als Mauer seines Werkes zu setzen. Welche Konsequenzen dies bedeutet, das führt Hartmann in seinem einleitenden Kapitel selbst aus: den (weitestgehenden) Ausschluss von all denjenigen Personen aus seinem „Spätantiken Philosophen“, die nicht in die angeführten neoplatonischen Lebensbeschreibungen Eingang gefunden haben (S. 8–10). Darunter fallen etwa all diejenigen zahlreichen paganen Personen, die in antiken literarischen Texten, Inschriften oder Papyri als „Philosoph“ bezeichnet werden, „für die aber keine Tätigkeit als Philosoph in Schrifttum, Forschung und Lehre bekannt ist“ (S. 9). Ausgeblendet sind durch Hartmanns Setzung als Themenfelder seiner Arbeit auch die christliche Auseinandersetzung mit der Philosophie, der Westen des Imperium Romanum mit Ausnahme des dritten Jahrhunderts und die letzten einhundert Jahre der Geschichte der Philosophie in der Spätantike nach den 530er-Jahren. Nicht alle Leserinnen und Leser mögen von daher mit der Entscheidung Hartmanns gleichermaßen glücklich sein, das Quartett der neoplatonischen Lebensbeschreibungen als Fixpunkt zu nehmen und von ihnen ausgehend seine Arbeit zu arrangieren. Je nach persönlicher Perspektive auf die Frage nach der Geschichte der Philosophen und der Philosophie in der Spätantike wird man dies als Fokussierung oder Beschränkung, als produktiv oder als Verlust betrachten – konsequent ist die Entscheidung zur Anlage seiner Arbeit auf jeden Fall von Hartmann von Anfang bis Ende in seinem allemal bewundernswerten Werk durchgeführt.

Am Ende des dritten Bandes finden sich ein Verzeichnis der verwendeten Quelleneditionen, welches die griechischen, lateinischen und in orientalischen Sprachen verfassten Texte ebenso umfasst wie Inschriften, Münzen und Papyri (S. 2093–2108), und ein 130-seitiges Literaturverzeichnis, das schon für sich genommen ein äußerst nützliches Arbeitsinstrument darstellt (S. 2108–2238). Dass den Abschluss allein ein auf ausgewählte Personen- und Ortsnamen sowie Sachbegriffe begrenztes Register bildet (S. 2239–2273), ist zwar durchaus verständlich, jedoch wird man gerade in vorliegendem Fall den Verzicht auf ein umfassendes Stellenregister sehr bedauern, das die Erschließung der enzyklopädischen Arbeit auch von dieser Warte aus ermöglicht hätte.

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Veröffentlicht am
05.07.2021
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