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Titel
Freiheit als Kritik. Sozialphilosophie nach Foucault


Autor(en)
Schubert, Karsten
Reihe
Edition Moderne Postmoderne
Anzahl Seiten
357 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Albrecht, Alte Geschichte, Universität Erfurt

Der Freiheitsbegriff ist im alltäglichen Gebrauch ubiquitär. Doch was mit Freiheit überhaupt gemeint ist, wen sie anrufen und wohin sie führen soll, bleibt oft unklar.[1] Auch über die Ambivalenz und den historischen Wandel von Freiheitsvorstellungen sind zahlreiche Debatten geführt worden. Drei politische Freiheitsbegriffe bildeten sich dabei als kanonisch heraus: negative, reflexive/positive und soziale Freiheit.[2] Aus Perspektive der Politischen Theorie stellt Karsten Schubert nun einen sehr voraussetzungsreichen Freiheitsbegriff daneben. Dieser gilt ihm nicht „als viertes Paradigma, das völlig mit den anderen drei Freiheitsbegriffen bricht“, sondern als eine „vierte Stufe […], die auf die pessimistische, dunkle Seite von sozialer Freiheit reagiert“ (S. 12). „Freiheit als Kritik“, so Kernbegriff und Titel der Veröffentlichung seiner Dissertation, beschreibt Schubert als die Fähigkeit, die eigene Subjektivierung zu reflektieren und sie hierdurch zu transformieren (S. 11). Dabei liefert Schuberts Auseinandersetzung mit der Rezeption des Freiheitskonzepts bei Foucault auch Stoff für die Debatte um Gouvernementalität. Das macht die Studie für die Geschichtstheorie höchst interessant.

Schuberts Untersuchung schließt an die zweite Phase sozialphilosophischer Debatten um Michel Foucault an, der in den 1980er-Jahren von bedeutenden Sozialphilosoph/innen als ihresgleichen betrachtet und aus dieser Perspektive kritisiert wurde. Der Vorwurf lautete, er habe die Subjekte als so tief vermachtet beschrieben, dass Freiheit und Widerstand gar nicht mehr konzipiert werden könnten (S. 14). In einer zweiten Phase der Rezeption wurde Foucault gegen diesen Vorwurf verteidigt. Hier setzt Schubert an und rekonstruiert die Argumentationsweisen von vier Autor/innen. Daraus entwickelt er seinen Begriff von Freiheit als Kritik.

Zunächst referiert Schubert die Verteidigung Foucaults von Paul Patton unter dem Motto Foucault ist kohärent.[3] Patton wies die Kritik Charles Taylors zurück, dass Foucault einen negativen Freiheitsbegriff vertrete, der sich über die Abwesenheit äußerer Einmischung konstituiere (S. 43). Schubert macht jedoch bei Patton selbst einen ontologischen Kurzschluss aus, da dieser unausgewiesen mit zwei verschiedenen Freiheitsbegriffen arbeite. Hier entwickelt Schubert das Argument, dass Freiheit als Kritik nur das Ergebnis von ganz bestimmten Subjektivierungsprozessen sein könne (S. 60).

Die Verteidigung Foucaults durch Thomas Lemke rekonstruiert Schubert unter dem Titel Foucault korrigiert sich.[4] Lemke macht in der archäologischen und genealogischen Phase Foucaults ein Freiheitsproblem der Machtdetermination aus – in der Disziplinarmacht bleibe die Möglichkeit von Widerstand unklar. Dieses Problem, so Lemke, habe Foucault selbst erkannt und mit dem Begriff der Regierung gelöst. Schubert resümiert, dass sich Lemkes Interpretation zwar durch seine sozialtheoretische Ausrichtung auszeichne, aber zu sehr dem Theorierahmen Foucaults und einer regierungstranszendenten, staatsphobischen Lesart verhaftet bleibe (S. 132f., S. 135, S. 157, S. 168f.).

Als erfolgreichsten Versuch einer kohärenten sozialphilosophischen Lektüre Foucaults bezeichnet Schubert den Ansatz von Martin Saar (S. 175) im vierten Kapitel.[5] In der Lesart eines Foucault kritisiert kohärent beschreibt Saar die genealogische Kritik als Verfahren: Die dramatisierende Rhetorik spreche Leser/innen direkt an, zeige ihre Verstrickungen in Machtverhältnisse auf, rege so zu Reflexion an und führe zur Kritik der eigenen Subjektivierung (S. 173–178, S. 225). Da Saar nicht konsequent nach den Bedingungen einer Kritik der Subjektivierungsregime frage, fordert Schubert eine normative Differenzierung von Institutionen danach, inwiefern sie eine freiheitliche Subjektivierung ermöglichten (S. 224, S. 240–244, S. 250).

Das fünfte Kapitel bringt die Rekonstruktionen von Lemke und Saar in einen Dialog. Mit Saar zeigt Schubert, dass Lemke ein Kategorienfehler unterlaufe, der in einem aus seiner Sicht wenig plausiblen Anarchismus ende und die Sicht auf unterschiedliche Subjektivierungen in verschiedenen Ordnungen und Institutionen versperre (S. 247–259). Daraus entwickelt Schubert die Forderung nach einer machtsensiblen politischen Theorie, die auf einer Hermeneutik des Verdachts basiert (S. 264–266).

Das sechste Kapitel, Foucault ist nicht genug, dreht sich um Amy Allens Versuch, Foucault als politischen Theoretiker zu lesen, indem er mit Habermas ergänzt und daraus ein kontextualistischer Universalismus entwickelt wird. Freiheit sei zwar ein westlich-spätmodernes Ideal, könne aber mit entsprechender normativer Begründung universalisiert werden (S. 268, S. 274–276). Der Freiheitsbegriff Allens sei jedoch gleichzeitig zu allgemein und durch die Verortung in konkreten Bewegungen zu spezifisch; eine Reflexion auch subtiler Unfreiheiten bleibe bei Allen aus (S. 282–289).

Das abschließende Kapitel stellt Schuberts Begriff der Freiheit als Kritik in den Mittelpunkt, den er aus der Diskussion der vier Autor/innen entwickelt. Freiheit als Kritik müsse demnach die Frage nach Freiheit demokratietheoretisch behandeln und an politische Institutionen richten. Zentral sei ein Wechselverhältnis aus selbstreflexiven Subjekten und änderungsoffenen Institutionen; daraus ließen sich modal robuste Praktiken entwickeln, die mit hoher Wahrscheinlichkeit unter verschiedenen Umständen freiheitlich subjektivieren (S. 312, S. 318).

Der Gewinn von Schuberts Untersuchung ist ein mehrfacher: Er rekonstruiert und systematisiert sozialphilosophische Debatten um den Freiheitsbegriff im Anschluss an Foucault. Damit macht Schubert ein Angebot über seine eigentliche Argumentation hinaus und bespricht für das bessere Verständnis der Debatten zentrale Begriffe wie Macht, Regierung, Ethik oder Gouvernementalität. Im Sinne eines leichteren Einstiegs wäre ein Register hilfreich gewesen. Zudem ist der von Schubert entwickelte Begriff einer Freiheit als Kritik spannend, da er innere Unfreiheit als ein politisch relevantes Problem formuliert (S. 13, S. 319) und auch selbst den naheliegenden Bezug zur Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe herstellt (S. 322).[6] Dennoch scheint Freiheit als Kritik in der Übersetzung in die Praxis nicht unproblematisch. Zum einen stellt sich die Frage, wer überhaupt – auch im Hinblick auf ökonomische Bedingungen – zur kontinuierlichen Selbstreflexion umfänglich befähigt sein kann. Darüber hinaus liegt eine mögliche Gefahr darin, dass die permanente Selbsttransformation entweder eine Bewegung annimmt, die sich gegen sich selbst richtet oder gänzlich richtungslos, frei von ethisch-politischen Programmen bleibt und zur bloßen kybernetischen Feedbackschleife wird – einem dichten Netz zirkulierender Informationen von und über die Subjekte, die so im Gefühl der Freiheit und des freiwillig-kritischen Mitmachens zum Ort einer unendlichen Rückkopplung werden, die sie regiert und reguliert.[7]

Dies mindert jedoch keineswegs den Eindruck einer äußerst ambitionierten und weitgehend überzeugenden Argumentation. Schubert hat mit seinem Buch eine Grammatik entwickelt, die eine systematische Behandlung solcher Fragen aus der Foucault-Rezeption heraus erlaubt. Die große Stärke und Relevanz liegt aber aus geschichtstheoretischer Sicht vor allem darin, dass sich hier der Raum öffnet für eine neue Debatte um Gouvernementalität, die nach einer Konjunktur zur Jahrtausendwende und empirischen Studien, die das Konzept seitdem angewendet haben, wieder theoretisch vorangetrieben werden sollte, nicht allein, aber auch mit Blick auf gegenwärtige Verschiebungen in den politischen Landschaften an vielen Orten. Schuberts Kritik an Allens spezifisch westlich-modernem Freiheitsbegriff legt die Frage nahe, ob und wie Freiheit ebenso nicht-westlich und vormodern gedacht werden kann und muss. Hier sind geschichtswissenschaftliche Anschlüsse gefragt, die eine Freiheit als Kritik als kontinuierliche Praxis auch in jenen Raum-Zeiten ausloten, die in Schuberts Fokussierung auf demokratietheoretische Fragen keine Rolle spielen konnten. Nicht zuletzt im Rückgriff auf Foucaults antike selbstreflexive Subjekte könnten ausgehend von Foucault selbst historisierende Perspektiven auf Freiheit entworfen und mit gouvernementalen Ansätzen neu entwickelt werden.

Anmerkungen:
[1] Birgit Recki, Freiheit, Wien 2009, S. 10.
[2] Axel Honneth, Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin 2011, S. 42f.
[3] Schubert bezieht sich auf: Paul Patton, Taylor and Foucault on Power and Freedom, in: Political Studies 37 (1989), S. 260–276.
[4] Thomas Lemke, Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Berlin 1997.
[5] Martin Saar, Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts bei Nietzsche und Foucault, Frankfurt am Main 2007.
[6] Ernesto Laclau / Chantal Mouffe, Hegemony and Socialist Strategy: Towards a Radical Democratic Politics, 2. Aufl. London 2001.
[7] Zur Kritik der Kybernetik: Tiqqun, Kybernetik und Revolte, Zürich 2007, bes. S. 15–18, S. 97, S. 105f.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.04.2019
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