Cover
Titel
The Killing Season. A History of the Indonesian Massacres, 1965-66


Autor(en)
Robinson, Geoffrey B.
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
€ 23,23
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marc Frey, Historisches Institut, Universität der Bundeswehr München

Gut gepflegt und finanziell ausreichend unterstützt liegt es in einem Vorort Jakartas: das „Museum des Verrats der Kommunistischen Partei Indonesiens“. Die Gedenkstätte, 1969 eingeweiht, erinnert an die an diesem Ort am 1. Oktober 1965 ermordeten sieben Generäle der indonesischen Armee. Angeblich wurden sie von einer mit den Kommunisten sympathisierenden obskuren Gruppe von Offizieren ermordet. Diese Ermordung nahm die überlebende Armeeführung unter dem Kommando von General Suharto zum Anlass eines Massenmordes, dem bis Mitte 1966 schätzungsweise eine halbe Million kommunistische oder mit den Kommunisten sympathisierende Indonesier zum Opfer fielen. Weitere geschätzte eine Million Menschen wurde in Lagern inhaftiert. Viele von ihnen erlangten ihre Freiheit erst in den späten 1970er-Jahren wieder, die letzten Häftlinge kamen nach dem Sturz Suhartos 1998 frei. Täglich pilgern Schulklassen durch die an dargestellten Grausamkeiten reiche Diorama-Schau. Sie betrachten die von der „Neuen Ordnung“ Suhartos konstruierte Version der Geschichte. Und sie verlassen diesen gruseligen Ort mit der Gewissheit, dass indonesische Kommunisten schlimmste Verbrechen begangen hatten und dass es gerechtfertigt war, sie zu verfolgen und zu ermorden.

Das Museum findet keine Erwähnung in Robinsons Buch, aber es ist die Geisteshaltung, die die Gedenkstätte ausdrückt, die ihn umtreibt: das fortdauernde Beschweigen des Massenmordes, die Weigerung von Regierungen, Volksvertretern und Armee, historische Verantwortung zu übernehmen, die Mühe von Nichtregierungsorganisationen und Opfern, sich zumindest Gehör zu verschaffen, anerkannt zu werden.

Geoffrey B. Robinson, Historiker an der University of California, Los Angeles, hat ein wütendes, engagiertes, aber auch abwägendes und berührendes Buch geschrieben. Nun lässt sich schwerlich behaupten, das Thema sei nicht beforscht.[1] Eine ganze Reihe von Darstellungen widmet sich dem grausamen Massenmord.[2] Zwei Dokumentarfilme von Joshua Oppenheimer rüttelten seit 2013 ein weltweites Publikum auf.[3] Zentrale Fakten sind also weithin bekannt.

Nach der Ermordung der sieben Generäle setzte sich General Suharto, eigentlich ein Mann der zweiten Reihe, an die Spitze der indonesischen Armee. Die Machtübernahme kam der damaligen amerikanischen und britischen Regierung sehr gelegen. Die USA, verstrickt in den Vietnamkrieg, befürchteten einen Aufstand der aus ihrer Sicht von China gesteuerten indonesischen kommunistischen Partei und betrachteten Präsident Sukarnos pro-kommunistische und pro-chinesische Politik mit wachsender Sorge. Die britische Armee wehrte bewaffnete Infiltrationen der indonesischen Armee auf Borneo/Kalimantan ab, die auf Geheiß Sukarnos versuchte, das Commonwealth-Mitglied Malaysia zu destabilisieren. Suharto konnte sich also der Unterstützung der USA und Großbritanniens sicher sein. In den folgenden acht Monaten verschleppte und ermordete die unter seinem Kommando stehende Armee schätzungsweise eine halbe Million Anhänger und Sympathisanten der kommunistischen Partei. Der Armee nahestehende antikommunistische Milizen, Verbände und Jugendorganisationen verübten ungestraft massenhafte Grausamkeiten und brachten großes Leid über Millionen indonesischer Familien. Etwa eine Million Indonesier wurde ohne Zugang zur Gerichtsbarkeit jahrelang in Lager eingesperrt. Im Verlauf des Massenmordes entmachtete Suharto Präsident Sukarno und errichtete seine „neue Ordnung“ – einen autoritären Staat, der die Gesellschaft in den folgenden drei Jahrzehnten militarisierte und drangsalierte.

Leider kann Robinson dem Forschungsstand in wichtigen Bereichen wenig hinzufügen. Das gilt beispielsweise für die Anzahl der Opfer, die nach wie vor auf groben Schätzungen beruht. Das gilt aber auch für die Zuweisung von Verantwortung. Nach wie vor wissen wir relativ wenig über die Befehlsketten innerhalb der Armee. Auch bleibt unklar, wie sich die Clique um Suharto zusammensetzte oder welche Rolle Präsident Sukarno in diesen Monaten spielte. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Gruppe der Attentäter agents provocateurs gewesen sind.

Was Robinson aber großartig gelingt, ist, den Massenmord genauestens zu rekonstruieren und zu erklären. Er wägt unterschiedliche Theorien über den Ausbruch der Gewalt ab und vergleicht die Entwicklungen in Indonesien mit anderen Massenmorden. Überzeugend argumentiert er, die Armee sei verantwortlich für den Massenmord gewesen. Nur sie habe die institutionellen Fähigkeiten besessen, hunderttausende zu identifizieren und zu ermorden. Nur ihr konnte es gelingen, paramilitärische Schergen zu mobilisieren, die vor Ort mordeten, ein Klima des Terrors und der Angst schürten, Opposition unterdrückten. Neben sozialpsychologischen Motiven macht er primär einen militanten Antikommunismus als Motivation der Täter aus. Im Unterschied zu Teilen der Forschung kann Robinson nachweisen, dass ethnische Motive keine besondere Rolle spielten. Ethnische Chinesen waren Opfer der Massengewalt, und vielfach wurden sie auch aus ökonomischen Gründen verfolgt. Aber die Massengewalt richtete sich nicht per se gegen sie. Vielmehr brachten Javaner Javaner um, Balinesen mordeten Balinesen usw. Das Massenmorden fand auch nicht überall gleichzeitig statt. Wo Suharto-treue Armeeeinheiten stationiert waren, wie etwa in Atjeh, begann das Morden schon einige Tage nach dem Attentat gegen die Generäle. Die Hauptstadt Jakarta war, womöglich auch wegen der Anwesenheit vieler ausländischer Beobachter, wenig betroffen. Auf Bali mussten erst die lokalen Befehlshaber ausgetauscht werden, was das Morden um Monate verzögerte. Nach wie vor wissen wir jedoch wenig darüber, was potentielle Opfer, indonesische Kommunisten und kommunistische Sympathisanten, in diesen Monaten wussten oder taten. Die Darstellung suggeriert, bei wenigen Gegenbeispielen, passives Abwarten.

Ausführlich geht Robinson auf die zwei Jahrzehnte nach Suhartos Sturz 1998 ein. Zaghafte Bemühungen des Nachfolgers Suhartos, Präsident Abdurahman Wahid, den Massenmord überhaupt zu thematisieren und das Leid der Opfer und ihrer Familien zu benennen, versandeten. Nach wie vor ist das Militär ein entscheidender Machtfaktor im Land, gegen den gewählte Politiker nicht aufbegehren wollen. Nichtregierungsorganisationen, die sich des Themas annehmen, operieren in einem anhaltenden Klima der Angst, fürchten Repressalien der Organisationen, die damals mordeten. Eine historische Aufarbeitung steht nach wie vor aus.

Zugang zu indonesischen Regierungsarchiven blieb Robinson, aus guten Gründen, verwehrt. Seine Quellenbasis bilden versprengte Dokumente, die in Privatbesitz gelangten, Interviews, Memoiren, Zeitungsartikel und Sammlungen von Aktivisten, die sich um eine Aufarbeitung des Massenmordes kümmern. Darüber hinaus konnte er zahlreiche amerikanische und britische Dokumente auswerten, die die politische Begünstigung des Massenmordes zeigen. Besonders ertragreich waren die Berichte des schwedischen Botschafters, der als einziger ausländischer Regierungsvertreter während dieser Monate Teile Indonesiens bereiste, um dem Morden Einhalt zu gebieten und das Geschehen zu dokumentieren.

Zweifellos handelt es sich bei The Killing Season um ein wichtiges Buch. Es dokumentiert umfassend wie noch nie den Massenmord an indonesischen Kommunisten vor über 50 Jahren. Robinsons umfassende theoretische Fundierung ordnet seine Arbeit ein in den Kanon der Genozid- und Massenmordforschung.

Anmerkungen:
[1] Folgender Titel konnte für die Rezension leider nicht vergleichend hinzugezogen werden: Jess Melvin, The army and the Indonesian genocide. Mechanics of mass murder, New York 2018.
[2] Christian Gerlach, Extremely violent societies. Mass violence in the twentieth-century world, Cambridge 2010; Douglas Kammen / Katharine McGregor (Hrsg.), The contours of mass violence in Indonesia, 1965-68, Honolulu 2012. Katharine McGregor / Jess Melvin / Annie Pohlman (Hrsg.), The Indonesian Genocide of 1965. Causes, Dynamics and Legacies, Cham 2018; Fritz Schulze, Rezension zu: ebd., in: H-Soz-Kult, https://www.hsozkult.de/review/id/reb-27458 (15.08.2019).
[3] The Art of Killing. Regie: Joshua Oppenheimer, Drafthouse Films 2013; The Look of Silence. Regie: Joshua Oppenheimer, Drafthouse Films 2016.