J. Danyel u.a. (Hrsg.): Grenzgänger und Brückenbauer

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Title
Grenzgänger und Brückenbauer. Zeitgeschichte durch den Eisernen Vorhang


Editor(s)
Danyel, Jürgen; Behrends, Jan Claas
Published
Göttingen 2019: Wallstein Verlag
Extent
251 S.
Price
€ 24,90
Reviewed for H-Soz-Kult by
Anke Stephan, München

Als Christoph Kleßmann in den 1960er-Jahren seine Dissertation über die nationalsozialistische Kulturpolitik und die polnische Widerstandsbewegung während der deutschen Besatzung verfasste, existierten zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen keine diplomatischen Beziehungen. Da der junge Doktorand kein Visum erhielt, konnte er weder Archive noch Bibliotheken in Polen besuchen. Die einzige Möglichkeit, Zugang zu polnischen Quellen zu erhalten, bestand im Umweg nach London, wo sich Materialien der polnischen Widerstandsbewegung und der Londoner Exilregierung befanden. Erst 1970 konnte Kleßmann das Land bereisen, dessen Geschichte er seit Jahren erforschte – im VW-Käfer, mit einem über Privatkontakte organisierten Visum.

Diese Geschichte der wissenschaftlichen Anfänge des späteren Bielefelder Professors und Direktors des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung ist in einem Interview festgehalten, das seine Schüler und ehemaligen Mitarbeiter Jan Claas Behrends und Jürgen Danyel mit ihm geführt haben. Zu seinem 80. Geburtstag veröffentlichen Behrends und Danyel das Interview nun in einem Sammelband, der zehn weitere Gespräche mit Historikern – und einer Historikerin – umfasst. Sie alle zeichnet aus, dass sie, wie der Buchtitel ankündigt, während des Kalten Krieges als „Grenzgänger und Brückenbauer“ zwischen Ost und West agierten. Neben Christoph Kleßmann sind dies Karl Schlögel, Wolfgang Eichwede, Klaus Zernack, Michael G. Müller, Włodzimierz Borodziej, Jerzy Holzer, Anna Wolff-Powȩska, Dietrich Beyrau, Hans Henning Hahn und Miroslav Hroch.

Angesichts der Vorbehalte gegenüber dem Zeitzeugen als „schlimmstem Feind des Historikers“ erscheint es als spannungsreiches Unterfangen, Historiker selbst als Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Die Herausgeber haben diesen Zugang dennoch gewählt, um Einblicke in die persönliche Erfahrungswelt von Geschichtswissenschaftlern zu gewinnen und zu erfahren, „wie Interesse entstand, Kontakte geknüpft, Probleme überwunden und auch Rückschläge eingesteckt wurden“ (S. 12). Auf diesem Wege möchte der Band dazu beitragen, die politische und gesellschaftliche Rolle der Historiografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auszuleuchten. Wie forschten und kommunizierten Historiker und Historikerinnen in Ost- und Westeuropa während des Kalten Krieges, wo sie einerseits im Zeichen antagonistischer Ideologien arbeiteten, andererseits aber die Erfahrung von Weltkrieg, Gewaltherrschaft und Völkermord – aus unterschiedlichen Perspektiven – teilten? Diese Leitfrage bildet gewissermaßen die Klammer zwischen den Interviews. Die biografische Perspektive fördert dabei nicht nur individuelle Erfahrungen zutage, sondern lenkt den Blick auch auf Institutionen, die den Rahmen für Austausch und Dialog boten, etwa das Institut für Europäische Geschichte in Mainz, die 1972 eingerichtete deutsch-polnische Schulbuchkommission, die deutsch-sowjetische Historikerkonferenz sowie Stipendien- und Gastwissenschaftlerprogramme von Stiftungen und Universitäten.

Wie Claudia Kraft in ihrem Nachwort prägnant zusammenfasst, zeigen die Gespräche eindrucksvoll, wie sich nach den Erfahrungen von Krieg, Diktatur und politischer Neuordnung nach 1945 „Wissenschaft als Kommunikation über den Eisernen Vorhang hinweg so rasch wieder etablierte“ (S. 231), und dies trotz aller Widerstände wie Reisebeschränkungen, streng regulierter Archivzugänge, Zensur und Repression.

Insbesondere für Historikerinnen und Historiker aus Ostmitteleuropa erforderte es Mut und Opferbereitschaft, sich der Parteilinie zu widersetzen. So wurde der polnische Historiker Jerzy Holzer seit den 1960er-Jahren durch den Sicherheitsdienst überwacht, jahrzehntelang nicht zum Professor ernannt und während des Kriegsrechts monatelang interniert – was ihm freilich Zeit bescherte, um sein großes Werk über die Solidarność-Bewegung zu verfassen (S. 135f.). Eine Gratwanderung waren auch Miroslav Hrochs sozialgeschichtliche Forschungen über Nationsbildungsprozesse, kam er doch zu dem Ergebnis, dass sich die Träger der nationalen Bewegung im tschechischen Fall entgegen der marxistischen Theorie nicht aus der Bourgeoisie, sondern aus dem Kleinbürgertum und Handwerk rekrutierten (S. 215f.).

Aber auch im Westen war die Geschichtswissenschaft nicht frei von politischen Einflüssen. Einerseits stellte Willy Brandts „Neue Ostpolitik“ für Historiker wie Wolfgang Eichwede oder Dietrich Beyrau eine Triebfeder für die Verständigung mit Osteuropa dar, andererseits versuchte die Politik der Wissenschaft Grenzen zu setzen, sobald sie ihre Entspannungsbestrebungen gefährdet sah: Beide Interviews erzählen von zähen Verhandlungen über die Gründung der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und des damit verbundenen Samizdat-Archivs zu Beginn der 1980er-Jahre. Die Bonner SPD-Führung befürchtete nämlich, dass Kontakte zur Dissidentenszene die ohnehin schon angespannten Ost-West-Beziehungen weiter belasten könnten (S. 74– 6 und 177– 180).

Dieses Beispiel deutet die Problematik einer politisch motivierten histoire engagée an, die in zahlreichen Gesprächen zum Vorschein kommt und insbesondere mit jenen Kommunikationsforen des Ost-West-Dialogs verknüpft ist, in denen Historikerinnen und Historiker nicht nur den wissenschaftlichen Austausch suchten, sondern de facto in die Rolle von Diplomaten schlüpften. Im Nachhinein fragen sich einige Protagonisten, ob es richtig war, in der deutsch-polnischen Schulbuchkommission oder den deutsch-sowjetischen Konferenzen Tabu-Themen wie den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939, die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa oder die gewaltsame Sowjetisierung nach 1945 auszuklammern. Warum hat man zudem widerspruchslos hingenommen, dass die Kommissionen auf polnischer, und mehr noch auf sowjetischer Seite, mit systemkonformen Fachvertretern besetzt waren, auf deutscher Seite dagegen mit Größen wie Hans-Ulrich Wehler oder Thomas Nipperdey, für die das östliche Europa, wie Beyrau durchblicken lässt, kulturell ähnlich fern lag wie Afrika (S. 176)? Hätte man Menschenrechtsfragen offener thematisieren sollen oder, wie Eichwede es anspricht, aufmerksamer gegenüber nationalistischen, antisemitischen und autoritären Strömungen innerhalb des Dissidentenmilieus sein müssen?

Trotz mancher Zugeständnisse haben Historikerinnen und Historiker, wie der Band zeigt, einen aktiven und kreativen Beitrag zur Aussöhnung und Normalisierung zwischen Deutschland und den ostmittel- und osteuropäischen Ländern geleistet. Die Auseinandersetzung mit den Folgen von Krieg, Besatzung und Völkermord zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Interviews. Große Themen waren auch die Akzeptanz der Nachkriegsgrenzen, die Überwindung von Feindbildern sowie die Entideologisierung der deutschen Osteuropaforschung, die vor allem Klaus Zernack und Gottfried Schramm vorangetrieben haben. Während der 1970er- und 1980er-Jahre wurde der Grundstein für den intensiven Austausch nach 1989/91 gelegt, der dann auch in einer Verständigung über bis dahin tabuisierte oder politisch unerwünschte Themen mündete.

Darüber hinaus bieten die Interviews bemerkenswerte, teils unterhaltsame zeitgeschichtliche Details: Karl Schlögel, der maßgeblich für die räumliche Dimension der Geschichte sensibilisierte und den weiten Raum östlich von Oder und Neiße auch immer wieder persönlich erkundete, reiste das erste Mal 1966 mit einer von Hipp-Babynahrung gesponserten Schülergruppe in die Sowjetunion, das zweite Mal zeitgemäß mit zwei Kommilitonen und einem R4. Włodzimierz Borodziej war „nie auf so vielen Partys wie im ersten Halbjahr 1982“ (S. 113), als man wegen Kriegsrecht und Ausgangssperre immer bis zum nächsten Morgen durchfeiern musste. Wolfgang Eichwede schraubte auf der Rückreise aus Prag, Budapest, Warschau oder Moskau auf Zugtoiletten Spiegel ab, um dahinter Samizdat-Schriften vor der Zollkontrolle zu verbergen – sein Kollege Hans Henning Hahn erhielt hingegen wegen eines Koffers verbotener Literatur für mehrere Jahre Einreiseverbot nach Polen.

Ansprechend ist auch die sorgfältige und liebevolle Gestaltung des Buches. Dennoch sind zwei wesentliche Kritikpunkte zu benennen: Erstens ist die Auswahl der Gesprächspartner, wie Behrends und Danyel selbst offen zugeben, „unbefriedigend“ (S. 12). Neben bundesdeutschen Historikern kommen nur Forschende aus Prag, Warschau und Posen zu Wort. Eine Begrenzung auf Ostmitteleuropa wäre nachvollziehbar, wenn auf deutscher Seite nicht auch Wissenschaftler wie Karl Schlögel oder Dietrich Beyrau vertreten wären, die sich schwerpunktmäßig mit russischer und sowjetischer Geschichte beschäftigen. So bleibt die Perspektive einseitig; fast wirkt es, als fände auch im Nachhinein kein echter wissenschaftlicher Dialog statt. Zumindest seit den 1980er-Jahren gab es auch auf sowjetischer Seite durchaus „Grenzgänger“ oder „Brückenbauer“, etwa Igor Narskij, Elena Zubkova, Natal’ja Lebina, Natal’ja Timofeeva, Gelinada Grinchenko oder Irina Ščerbakova. Mit den Letztgenannten hätte auch der Frauenanteil unter den Interviewten erhöht werden können. Da jenseits des Eisernen Vorhangs deutlich mehr Frauen als Wissenschaftlerinnen arbeiteten als in Westdeutschland, hätten ihre Stimmen dem Ost-West-Dialog durch die Einbeziehung der Kategorie Gender einen weiteren interessanten Aspekt hinzugefügt. Gänzlich außen vor bleibt die ehemalige DDR, was inhaltlich nicht begründet wird. In den Gesprächen kommt immer wieder zum Ausdruck, dass der Dialog mit DDR-Historikern nicht nur aus deutsch-deutscher, sondern auch aus polnischer und tschechischer Perspektive schwierig gewesen sei. Über die Gründe kann mangels Zeitzeugen aber nur spekuliert werden.

Ein zweiter Kritikpunkt hängt mit der Interviewführung zusammen. In der Einleitung werden die Gespräche als „offene biografische Interviews“ auf der Basis von Leitfragen charakterisiert (S. 12f.). Sie führen über das Elternhaus, den Bildungsweg und den wissenschaftlichen Werdegang zu grenzüberschreitenden Kontakten und deren Einfluss auf die eigene Forschung. Zwar bieten die Fragen keine erzählgenerierenden Impulse wie in narrativ angelegten Interviews, aber sie lassen den Gesprächspartnern die Freiheit, aus ihren Erfahrungen diejenigen auszuwählen, die sie selbst für prägend halten. Problematischer wird es, wenn die Interviewer gezielt nach Ereignissen wie dem Ungarnaufstand 1956, dem „Prager Frühling“, dem Kriegsrecht in Polen oder der Wende von 1989 fragen und dabei teilweise stark lenkend in die Erzählung eingreifen (beispielsweise im Interview mit Miroslaw Hroch, S. 217 und S. 220). Im Ergebnis scheint es, als ob die politischen Ereignisse die persönliche Ebene automatisch beeinflussten. Der Reiz der Oral History besteht jedoch gerade darin zu prüfen, ob biografische Brüche mit historischen Zäsuren übereinstimmen oder historische Ereignisse in der Subjektivität der Erinnerung anders bewertet werden.

Trotz dieser Einwände bietet der Sammelband faszinierende Einblicke in die „Werkstatt des Historikers“. Die Interviews zeigen, wie eng individuelle Erfahrungen und Begegnungen mit wissenschaftlichen Werdegängen und Forschungsgegenständen verflochten sind. Geschichtswissenschaft ist standortgebunden – und damit stets politisch.

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11.09.2019
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