C. E. Hallett: Edith Cavell and her Legend

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Titel
Edith Cavell and her Legend.


Autor(en)
Hallett, Christine E.
Erschienen
Anzahl Seiten
137 S.
Preis
€ 51,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annett Büttner, Geschichtsagentur Kaiserswerth

Um die britische Krankenschwester Edith Cavell (1865–1915) ranken sich zahlreiche Mythen, in Deutschland ist sie dennoch weitgehend unbekannt. Daher zunächst einige Fakten zu ihrem Lebensweg. Ausgebildet nach dem Nightingale-System an einer weltlichen Krankenpflegeschule in England, leitete sie ab 1907 in Brüssel ein ebensolches Institut. Bis zu ihrem Lebensende sorgte sie sich um das persönliche Wohlergehen ihrer Schülerinnen und um die Erziehung im Sinne moralischer Integrität und Berufsethik. Auch berufspolitisch engagierte sie sich im International Nursing Council. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges versorgte sie in Brüssel entgegen den Anweisungen der deutschen Besatzungsbehörden britische, belgische und französische Verwundete und verhalf ca. 200 von ihnen anschließend zur Flucht in die neutralen Niederlande. Nach ihrer Festnahme im August 1915 erfolgte eine Anklage wegen „Verbrechen zum Schaden für die deutschen Streitkräfte“. Daraufhin verurteilte sie ein deutsches Kriegsgericht zum Tod durch Erschießen. Das Urteil wurde trotz internationaler Prozesse sofort vollzogen. Ihr Ansehen im Commonwealth wuchs daraufhin ins Unermessliche, selbst ein Berg im kanadischen Teil der Rocky Mountains trägt ihren Namen. In der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft beschäftigten sich lediglich zwei kurze Lexika-Beiträge mit Cavell.[1] Andere Autoren untersuchten den Fall im Zusammenhang mit der literarischen Arbeit Gottfried Benns, der als Militärarzt bei der Exekution Cavells anwesend war[2] oder als Beispiel internationaler Heldenmythen.[3]

Cavells "Märtyrertod" für die Heimat bot während des Krieges eine Steilvorlage für die alliierte Kriegspropaganda und führte bald zu ihrer internationalen Verehrung. Diese Myriaden von Gesichtern und Personen, die von der Presse, Biographen und Künstlern in der Folge von ihr entworfen wurden, zu hinterfragen, hat sich die Autorin Christine Hallett, Professorin für Pflegegeschichte an der Universität Huddersfield/UK zum Ziel gesetzt.[4] Zunächst zeichnet sie den Lebensweg Cavells an Hand der wenigen überlieferten und über zahlreiche Archive verstreuten Originalquellen nach. Zurecht weißt sie auf die Schwierigkeit einer objektiven Lebensbeschreibung hin, da die meisten Dokumente von Personen verfasst wurden, die Cavell persönlich nicht kannten. Selbst die Berichte von direkten Augenzeugen versah die Öffentlichkeit schnell mit einer heroischen Konnotation. So berichtete der anglikanische Geistliche Gahan Stirling, der mit ihr die letzte Kommunion feierte: „She willingly gave her life for her country“. Bereits kurz nach ihrem Tod wurde daraus in der zeitgenössischen internationalen Presse die wörtliche Aussage: „I am happy to die for my country“ (S. 28f.), obwohl sich Cavell kurz vor ihrem Tod ausdrücklich gegen eine solche Deutung ihres Lebensendes ausgesprochen hatte.

Die Autorin untersucht im Anschluss die Wege der offiziellen Verlautbarungen des britischen Außenministeriums mit den angeblichen Fakten über den Tod der Krankenschwester und ihre weitere Verbreitung durch die nationale Presse. Wie zu erwarten, fielen die Reaktionen überwiegend patriotisch aus und wurden dafür genutzt, Männer zum Eintritt ins Militär zu bewegen, um den Tod Cavells an ihren „Mördern“ zu rächen. Das britische Büro für Propaganda nahm dieses und weitere Kriegsereignisse zum Anlass, nicht nur das deutsche Militär und seine Führung, sondern das gesamte deutsche Volk als brutal und unmenschlich darzustellen. Neutrale Staaten schlossen sich diesem Deutungsmuster in ihrer Presse an. Deutsche Gegendarstellungen, die die Rechtmäßigkeit der Exekution nach dem Kriegsrecht herausstellten, konterten britische und amerikanische Juristen mit dem Argument, Cavells Rechte als Angeklagte wären im Prozess nicht ausreichend vertreten worden. Auch die Abberufung des deutschen Militärgouverneurs in Brüssel General Traugott von Sauberzweigs im Zusammenhang mit der Hinrichtung trug nicht dazu bei, die Wogen zu glätten. Bald wurde Cavells Lebensweg in Zeitschriften und Biographien mit teils zweifelhaftem Wahrheitsgehalt verklärt und ihre differenzierten Handlungsmotive dabei grob vereinfacht.

Unmittelbar nach Kriegsende setzte sich der Prozess der Heroisierung der Person Cavells im internationalen Maßstab fort. Dabei bemühte sich insbesondere die britische Regierung, ihre Zusammenarbeit mit dem belgischen Widerstand zu verschweigen, um die Unrechtmäßigkeit ihrer Verurteilung durch die hasserfüllten Deutschen weiter herausstellen zu können. Die Überführung Cavells sterblicher Überreste im Jahr 1919 nach England und ihr Staatsbegräbnis wurden als Teil nationaler Trauer- und Erinnerungskultur inszeniert, sie selbst zur Nationalheldin stilisiert. Zahlreiche Denkmäler entstanden, das bekannteste befindet sich bis heute in London auf dem St Martin's Place in der Nähe des Trafalger Square. Filme widmeten sich ihrem Andenken, Brücken und Plätze tragen bis heute in vielen Ländern ihren Namen. Die Krankenpflege beteiligte sich durch Einrichtung von Freibetten und Schwesternheimen, die Cavells Namen trugen, an der Erinnerungsarbeit. Durch die Einrichtung des „Cavell Nurses' Trust“ für notleidende Schwestern und Hebammen trägt sie bis heute dazu bei, das von Cavell selbst für sich gewünschte Andenken zu bewahren. Erst in den letzten zwanzig Jahren erschienen Publikationen aus feministischer Sicht, die ihre beruflichen Leistungen und ihr Engagement für die belgische Resistance stärker hervorhoben.

Christine Hallett zeichnet mit ihrer Publikation zum ersten Mal nicht nur den Lebensweg der reellen Person Edith Cavell nach, sondern zeigt auch die Entstehungswege der Märtyrer- und Heldenlegenden auf, die nach ihrem Tod von den verschiedenen Akteuren mit jeweils eigener Zielsetzung produziert wurden. Durch ihr akribisches Quellenstudium gelingt ihr ein differenziertes Lebensbild, das sie den idealisierten Mythenerzählungen der Nachwelt gegenüberstellt. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag für mehrere Teilgebiete der Geschichtswissenschaft, wie beispielsweise der Militär-, der Nationalismus- und der Pflegegeschichte.

In dem bereits erwähnten letzten Gespräch mit Reverend Gahan fasste Edith Cavell ihr Vermächtnis selbst prägnant zusammen: „But this I would say, standing as I do in view of God and eternity, I realize that patriotism is not enough. I must have no hatred or bitterness towards any one“ (S. 28). Die Vermittlung durch einen Geistlichen bot aber wiederum Spielraum für seine persönliche Interpretation.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Horst-Peter Wolff, Cavell, Edith Louise, in: Horst-Peter Wolff (Hrsg.), Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history, Berlin 1997, S. 31–32; sowie Jay Winter, Cavell, Edith Louisa, in: Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich / Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2009, S. 408–409.
[2]Jörg Döring / Erhard Schütz, Benn als Reporter: "Wie Miss Cavell erschossen wurde", Siegen 2007. Benn bezeichnete in einem 1928 erschienenen Artikel die Hinrichtung als juristisch und moralisch gerechtfertigt.
[3] Matthias Berning, Edith Cavell – die britische ‚Jeanne d‘Arc‘ in Brüssel als Heldenfigur in Kriegspropaganda, Film und Literatur zwischen 1915 und 1939, in: Steffen Höhne / Gérard Siary / Philippe Wellnitz (Hrsg.), Helden und Heldenmythen als soziale und kulturelle Konstruktion, Leipzig 2017, S. 321–334.
[4] Die Autorin ist zugleich Vorsitzende der UK Association for the History of Nursing und Präsidentin der European Association for the History of Nursing.

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Veröffentlicht am
12.06.2019
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