N. Freytag: Das Wilhelminische Kaiserreich

Cover
Titel
Das Wilhelminische Kaiserreich 1890-1914.


Autor(en)
Freytag, Nils
Erschienen
Paderborn 2018: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
286 S.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nils Havemann, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Überblicksdarstellungen zu einzelnen Epochen der Geschichte sind nicht nur für Studierende wertvoll, die im Zuge ihrer Vorbereitungen auf Abschlussprüfungen bemüht sind, sich solides Grundwissen anzueignen. Sie können auch für Historiker, die sich bereits länger und intensiver mit entsprechenden Themen beschäftigt haben, von großem Nutzen sein, weil sie Schneisen in das Dickicht der oft kaum noch zu überschauenden Zahl von Publikationen zu schlagen versuchen. Wer sich als Autor solcher grundlegenden Werke der Mühe unterzieht, die Erträge neuerer Forschungen zu ordnen und zu bündeln, gelangt darüber hinaus manchmal zu frischen Einsichten, welche die Lektüre auch für Personen, die vieles bereits zu wissen glauben, zu einer ersprießlichen Angelegenheit machen können.

Die vorliegende Überblicksdarstellung zum Wilhelminischen Reich von Nils Freytag, Studienreferent am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München, gibt keine Veranlassung dazu, die Zeit von 1890 bis 1914 neu zu bewerten. Mit seinem Urteil, dass das Kaiserreich eine „vielfältige und widersprüchliche Modernisierungsetappe“ gewesen sei (S. 254), bewegt er sich auf den Pfaden jüngerer Gesamtdarstellungen, die einen guten Eindruck von der Ambivalenz jener Jahre vermitteln.[1] Freytags wenig spektakuläres Fazit schmälert allerdings nicht den Wert seines Buches, weil es auf knappem Raum zeigt, wie breit das Spektrum der Forschung und das Detailwissen über diese Zeit geworden sind. Dem Autor gelingt dies durch eine klare, einsichtige Gliederung, die der Auseinandersetzung mit den großen politischen Fragen der Zeit Kapitel über die Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt sowie über Gesellschaft, Kultur und Glauben voranstellt, ohne die der „temporeiche Wandel jener ereignisreichen Jahrzehnte“ tatsächlich nicht zu verstehen wäre (S. 7). Freytag demonstriert damit auch, dass der vermeintliche Gegensatz zwischen Ereignis- und Strukturgeschichte, der gerade mit Blick auf das Kaiserreich für zahllose Kontroversen unter Historikern gesorgt hat, längst aufgelöst worden ist.

Zu den Stärken dieses Buches gehört nicht minder, dass es die vielen unterschiedlichen Bewertungen in der Historiographie zu einzelnen Bereichen weitgehend fair und frei von Polemik aufgreift, ohne eigene Positionierungen zu scheuen. Ältere, fast schon vergessene Kontroversen wie um das „persönliche Regiment“ Wilhelms II. (S. 157f.) werden ebenso souverän abgehandelt wie die immer wiederkehrende Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs (S. 245ff.). Selbst Auseinandersetzungen in der noch vergleichsweise jungen Umweltgeschichte, mit deren Berücksichtigung Freytag einen eigenen Akzent zu setzen versteht, werden anschaulich erläutert (S. 62ff.). Klug gewählte Quellen fließen in die Darstellung ein, ein ausführliches Orts-, Personen- und Sachregister erleichtert den Zugriff auf einzelne Teilbereiche. Kleinere Flüchtigkeiten wie das falsche Datum des Untergangs der Titanic (S. 258) können kaum den positiven Eindruck trüben, den das Buch als eine wissenschaftliche Einführung in jene Zeit hinterlässt.

Indes ist es bei einem Thema wie dem Wilhelminischen Kaiserreich, in das die Historiographie in den letzten Jahrzehnten viele ihrer grundlegenden ideologischen, theoretischen und inhaltlichen Streitfragen hineingetragen hat, nahezu unvermeidlich, sich an einigen Aussagen und Bewertungen des Autors zu reiben. So irritieren zunächst angestrengt wirkende Versuche, Bezüge zur jüngsten Vergangenheit und zur Gegenwart herzustellen: Angesichts des „PISA-Schocks“ bedauert Freytag das insgesamt mangelnde Interesse an der historischen Bildungsforschung (S. 131), er verortet „unsere moderne Konsumgesellschaft“ in der Wilhelminischen Ära (S. 120), und er meint in der Jahrhundertwende „die Wiege des heute erkennbaren globalen Treibhauseffektes“ zu erkennen (S. 63). So fruchtbar es sein mag, jene Epoche unter dem Eindruck der Entwicklungen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts unter die Lupe zu nehmen: Wenn man dabei auch noch die „mit populistischen Tendenzen verbundene Ausgrenzungsrhetorik in den westlichen Demokratien“ beklagt (S. 7f.), wäre es gerade für ein wissenschaftliches Seminarbuch empfehlenswert, diesen überaus schwammigen Begriff des „Populismus“ zu definieren.

Ähnliches gilt für den bisweilen etwas leichtfertig wirkenden Umgang mit dem Begriff der „Modernisierung“. Der staunende Leser wird unter anderem mit der kühnen These „Überhaupt modernisierten sich die großen Weltreligionen, die christlichen ebenso wie Buddhismus, Hinduismus oder Islam“ (S. 94) konfrontiert, ohne dass erläutert wird, worin diese Modernisierung konkret bestanden haben soll. Über die politische „Linke“ zeichnet Freytag beim Stichwort Antisemitismus ein allzu schmeichelhaftes Bild – charakterisiert er doch dieses hässliche Phänomen vornehmlich als ein Problem der „neuen Rechten“ und der beiden großen christlichen Konfessionen (S. 105ff.), als seien Sozialdemokraten und Sozialisten immun gegen judenfeindliche Einstellungen gewesen. Und die transnationale Perspektive, die Freytag einnimmt, wird manchmal auf eine absurde Spitze getrieben, etwa wenn im Zusammenhang mit der zunehmenden Popularität des Fußballs im Wilhelminischen Kaiserreich als Beispiele für Vereinsgründungen neben Borussia Dortmund nur noch der FC Barcelona erwähnt wird (S. 126).

Die Liste dieser Eigenwilligkeiten, die sich beträchtlich verlängern ließe, spricht hingegen nicht gegen dieses informative Buch, das für eine Überblicksdarstellung von rund 250 Seiten die reichhaltigen Erträge der Forschung in den allermeisten Bereichen sehr differenziert zusammenfasst. Vielmehr vermitteln die vorgetragenen Einwände eine Ahnung davon, dass das Wilhelminische Reich trotz der gewaltigen Anstrengungen, welche die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten zur Erforschung jener Zeit unternommen hat, auch in Zukunft viel Raum für wissenschaftliche Kontroversen eröffnet.

Anmerkung:
[1] Genannt seien vor allem Frank-Lothar Kroll, Geburt der Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2013 und Christoph Nonn, Das Deutsche Kaiserreich. Von der Gründung bis zum Untergang, München 2017.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.05.2019
Beiträger
Redaktionell betreut durch