K. Aubele: Vertriebene Frauen in der Bundesrepublik Deutschland

Cover
Titel
Vertriebene Frauen in der Bundesrepublik Deutschland. Engagement in Kirchen, Verbänden und Parteien 1945–1970


Autor(en)
Aubele, Katharina
Reihe
Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 138
Erschienen
Göttingen 2018: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
VIII, 472 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Hirschfeld, Fach Geschichte, Universität Vechta

Frauen und Kinder vor einer Trümmerlandschaft: So erfolgt in der Regel die Visualisierung von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Was Katharina Aubele zu Beginn ihres Buches wohl bewusst plakativ als „populäre und scheinbar allgemein gültige Zuschreibung“ charakterisiert, stellt die Folie für ihre Untersuchung dar, „ein differenzierteres Bild vom Engagement vertriebener Frauen in der Bundesrepublik Deutschland nachzuzeichnen“ (S. 1).

Zu Recht weist Aubele in der Einleitung ihrer Studie, mit der sie 2015 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Martin Schulze Wessel promoviert wurde, zwar darauf hin, dass „Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg eine weitgehend weibliche Erfahrung waren“ (S. 2) – diese zugespitzte Perspektive erscheint jedoch etwas einseitig, weil sie die männliche Komponente der Vertreibung bewusst ausblendet. Erstaunlich ist allerdings die Tatsache, dass trotz der Vielzahl an Veröffentlichungen zur deutschen Vertreibung nach 1945 die Beschäftigung mit den vertriebenen Frauen bisher ein Forschungsdesiderat darstellte. Aubele ist nun bemüht, für die Zeit bis 1970 diese Lücke zu schließen, wobei ihr im Rahmen eines sozial- und kulturgeschichtlichen Ansatzes das kirchliche, verbandliche und politische Engagement von Frauen Zugangswege eröffnen.

Für ersteren Bereich geht die Autorin exemplarisch vor (vgl. Kap. III), indem sie mit dem „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode bei Braunschweig und der Caritas-Schulungsstätte in Greding bei Eichstätt je eine Einrichtung für evangelische bzw. katholische Vertriebene in kleinen Fallstudien untersucht. Sehr gut tritt dabei der doppelte Charakter kirchlicher Einrichtungen für Vertriebene hervor, einerseits Anlaufstelle in der Not zu sein, also Heimat und Geborgenheit für Hilfsbedürftige zu vermitteln und somit psychologisch tätig zu werden, und andererseits auch Arbeitgeber für Angehörige verschiedenster sozialer Berufe mit Vertriebenenhintergrund zu werden sowie berufliche Weiterqualifikation anzubieten, etwa im Bereich Hauswirtschaft. Treffend bezeichnet Aubele den kirchlichen Raum als besonderen Bereich für Frauenaktivitäten, klammert aber flächendeckende Aktionsfelder in der Seelsorge weitgehend aus. So bleibt es ein Desiderat, die Rolle der vertriebenen evangelischen Pfarrfrauen vor Ort in den Kirchengemeinden und die Frage von Berührungspunkten zwischen Vertreibungserfahrung und dem Weg zur Frauenordination in den verschiedenen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auszuleuchten und ebenso die Ausbildung und Etablierung von Seelsorgehelferinnen in den Diözesen als möglichen Ausgangspunkt für ein gewandeltes Frauenbild in der katholischen Kirche zu diskutieren. Auch der Beitrag von katholischen Ordensfrauen und Diakonissen im sozialen Bereich kommt zu kurz. In der Bandbreite von Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen wird er durch die beiden Fallbeispiele der Schulungsstätten zwar angedeutet, aber nicht konkretisiert. In diesem ersten Hauptteil („Engagement vertriebener Frauen in kirchlichen Organisationen“) gibt es einige terminologische Unschärfen, wenn etwa von den Diakonissen als „Orden“ (S. 102) gesprochen wird, die evangelische Kirchenleitung als „Episkopat“ (S. 42) apostrophiert oder ein „Deutscher Diözesan-Caritasverband“ (S. 133) konstruiert wird (gemeint ist der 1897 gegründete „Deutsche Caritasverband“). Dies fällt für den Gesamteindruck jedoch kaum ins Gewicht.

Breiter angelegt sind die Ausführungen Aubeles zur Verbandsarbeit der Frauen (Kap. IV), auch wenn hier der Fokus erneut auf Fallbeispiele gerichtet wird: im Bereich der Vertriebenenverbände auf die BdV-Frauenarbeit der Bundes- und Landesebene, Letzteres am Fallbeispiel Nordrhein-Westfalen. Auf dem Sektor der Landsmannschaften werden stellvertretend die Frauen-Arbeitskreise der Sudetendeutschen Landsmannschaft untersucht. Überzeugend vermag die Autorin dabei die einzelnen Entwicklungsphasen vor dem Hintergrund der politisch-gesellschaftlichen Veränderungen der 1950er- und 1960er-Jahre herauszuarbeiten sowie die Konkurrenz zwischen BdV und Landsmannschaften als Problem auch der Frauenarbeit in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht zuletzt aufgrund der dichten Quellenlage erliegt Aubele aber streckenweise der Gefahr, den Strukturfragen innerhalb der Verbände den Vorrang vor der eigentlich zentralen Analyse der Frauenrolle zu geben, wenn sie beispielsweise sehr emsig die verschiedenen Tagungen und Aktivitäten der vertriebenen Frauen aus den Quellen erhebt und chronologisch referiert. Zwar kommen dabei der Alleinvertretungsanspruch und das Selbstverständnis der analysierten Verbände für die Vertriebenen bzw. für eine bestimmte Herkunftsregion deutlich zutage, aber die Reichweite und die soziale Zusammensetzung der jeweiligen Gruppen gehen aus den referierten Archivmaterialien nicht hervor. Beispielsweise wäre es für die Frage nach der Wirkungskraft der Aktivitäten wichtig zu wissen, in welcher Größenordnung der Besuch der Tagungen bzw. Veranstaltungen oder auch der Ausstellungen der Frauenarbeit von BdV bzw. Landsmannschaften anzusetzen ist, welche Trends sich hier abzeichneten und welche Außenwirkung damit über die zitierten Verbandsorgane (z. B. „Deutscher Ostdienst“ des BdV) hinaus erzielt werden konnte.

Klarer fokussiert erweist sich der dritte große Block der Dissertation, die Darstellung des politischen Engagements von Frauen (Kap. V). Auch hier steht die Verfasserin wieder vor dem Dilemma, eine Auswahl von auf Bundes- und Länderebene politisch aktiven Frauen treffen zu müssen. Allzu beiläufig wird diese – etwas versteckt in einer Fußnote (vgl. S. 275, Anm. 1) – mit der Quellenlage begründet. Immerhin gelingt es Aubele, eine stattliche Anzahl von Profilen politisch hervorgetretener Frauen zu präsentieren und dabei ein breites parteipolitisches Spektrum zu berücksichtigen. Inzwischen ist es zunehmend wissenschaftlicher Standard geworden, umfangreichere Angaben zu behandelten Personen nicht mehr in den laufenden Text zu integrieren oder den Fußnoten anzuvertrauen, sondern diese in einen separaten biographischen Anhang zu setzen. So verfährt die Autorin zwar mit den acht Hauptprotagonistinnen der Kapitel III und IV, Margarete (Grete) Hartmann, Martha Krause-Lang, Freda von Loesch, Hanna Magen, Walli Richter, Gretlies von Manteuffel-Szoege, Annie Vogl und Katharina (Käthe) Zeidler (vgl. S. 411–419). Doch wäre es eine Option gewesen, auch das Curriculum vitae der behandelten Politikerinnen aus Kapitel V in den Anhang zu setzen, da die wiederkehrende Aneinanderreihung im Detail zweifelsohne interessanter lebensgeschichtlicher Fakten für den Lesefluss eher störend wirkt. Dass die Protagonistinnen als Frauen und Vertriebene in der Politik im Vergleich zu den anderen beiden Tätigkeitsfeldern unter besonderem Rechtfertigungsdruck standen, wie Aubele detailliert herausarbeitet, verwundert für die 1950er- und 1960er-Jahre kaum. Ähnliches gilt für ihre Affinität zu sozialen Themen und letztlich auch zu den eigenen Schicksalsgenossinnen, den vertriebenen Frauen, die eben per se ein wichtiges Wählerklientel darstellten, wie die Verfasserin zu Recht unterstreicht.

Insgesamt erweist es sich einerseits als kluge Entscheidung, mithilfe der drei gewählten Aktionsfelder Kirche, Verbände und Politik Schneisen in das vielfältige Engagement der Vertriebenen zu schlagen. Dies gelingt Aubele mit Blick auf ihre Protagonistinnen in exzellenter Weise, obgleich sie nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs erfasst, nämlich jene wenigen Frauen, die – wie sie am Ende treffend resümiert – „Pionierinnen bei der Etablierung von Hilfsmaßnahmen und als hochqualifizierte Führungspersönlichkeiten Teil einer Expertenkultur“ wurden (S. 409). Das Ergebnis ist lesenswert, zumal angesichts der Tatsache, dass häufig nur die in Kirche, Politik und Gesellschaft tätigen Frauen Spuren hinterlassen haben und sich an ihnen der zu Beginn formulierte Anspruch einlösen lässt, die Leistungsfähigkeit vertriebener Frauen aufzuzeigen (vgl. S. 1). Ebenso werden die Bedeutung alter und neuer Netzwerke sowie die soziale bzw. kirchliche Prägung der Frauen als wichtige Eckpfeiler des Erfolges deutlich. Klar voneinander abgegrenzt werden außerdem eine Phase primär sozialen Engagements und eine spätere Phase des Primats heimat- und kulturpolitischer Arbeit, ohne diese im Vergleich der drei Aktionsfelder allerdings noch näher auszuschärfen.

Andererseits bleibt durch den gewählten Zugang aber die breite Masse der vertriebenen Frauen im Dunkel der Geschichte, nämlich diejenigen, die als Adressatinnen der analysierten Elite von Vertriebenenfrauen zwar in der vorliegenden Studie stets präsent sind, aber nicht selbst aktiv hervortraten. So wird bei aller Schärfung des Führungssegments von vertriebenen Frauen, die in den eingangs erwähnten Visualisierungen, etwa in Form der zahlreichen Vertriebenendenkmäler oder der Fotos in den entsprechenden Kapiteln von Geschichtsschulbüchern, zu gesellschaftlich omnipräsenten Sinnbildern von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs geworden sind, an der „normalen“ Frau aus dem Osten weiterhin vorbeigesehen. Die in der jüngeren Forschung beklagte Viktimisierung, Anonymisierung und vor allem Feminisierung der Vertriebenenthematik[1] kritisch zu hinterfragen, bleibt ein Desiderat, das neben zusätzlichen exemplarischen auch systematischer Studien bedarf. Nach der anregenden Lektüre dieser Dissertation gilt weiterhin, was Katharina Aubele am Schluss ihres Buches eher beiläufig formuliert: „Die Schicksale sowie die persönlichen und für die Gesellschaft allgemein erbrachten Verdienste vertriebener Frauen blieben zumeist im Verborgenen.“ (S. 398) Deshalb lässt sich resümieren, dass das eingangs projektierte differenziertere Bild der heimatvertriebenen Frau zwar gründlich, aber eben nur für das Spitzensegment und zudem exemplarisch entworfen worden ist. Das ist auf den ersten Blick nicht viel, auf den zweiten Blick aber doch eine ganze Menge, genauer gesagt eine Pionierleistung für die Verbindung von Frauen- und Vertriebenenforschung.

Anmerkung:
[1] Vgl. Stephan Scholz, Zwischen Viktimisierung und Heroisierung. Geschlechterkonstruktionen im deutschen Vertreibungsdiskurs, in: K. Erik Franzen / Martin Schulze Wessel (Hrsg.), Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2012, S. 69–84.