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Titel
Großsiedlungsbau im geteilten Berlin. Das Märkische Viertel und Marzahn als Beispiele des spätmodernen Städtebaus


Autor(en)
Braun, Jascha Philipp
Reihe
Forschungen zur Nachkriegsmoderne des Fachgebietes Kunstgeschichte am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Technischen Universität Berlin
Erschienen
Anzahl Seiten
456 S., 39 Farb- u. 291 SW-Abb.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Reinecke, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück

Noch vor einigen Jahren galten die von Hochhäusern dominierten Großsiedlungen am Rande vieler deutscher Städte als überkommene Produkte einer mehr oder weniger gescheiterten Stadtplanungs- und Wohnungsbaupolitik. Doch während aktuell in zahlreichen Städten die Proteste gegen steigende Mieten und eine wachsende Ungleichheit im Wohnen zunehmen, ändert sich auch die Sicht auf frühere Stadtpolitiken. Der Ruf nach mehr öffentlich subventioniertem Wohnungsbau wird lauter, und eine wachsende Zahl an Ausstellungen, Konferenzen und Publikationen zeugt von einem neuen Interesse am baulichen Erbe der Nachkriegsmoderne.

Dieses Interesse ist nicht auf den deutschen Raum beschränkt. Schließlich war es eine global verzweigte Planungsbewegung, die im Namen der funktionalen Moderne das Aussehen vieler Städte nachhaltig änderte. Zum internationalen Aufstieg des modernistischen Massenwohnens und speziell der Großsiedlungen trug diese Planungsbewegung entscheidend bei. Daher beschränkt sich die neue Aufmerksamkeit für die Großbauprojekte der Nachkriegszeit auch nicht auf die historische Forschung. Mindestens ebenso stark interessieren sich dafür Stadtplaner/innen und Architekt/innen. Die vorliegende Studie von Jascha Philipp Braun, eine an der Technischen Universität Berlin abgeschlossene Dissertation, zeugt von diesem Interesse.

Brauns vergleichender Blick auf die Architektur- und Baugeschichte gerade Berlins verspricht im Kontext der sich ausweitenden Forschung zur internationalen Moderne eigentlich neue Erkenntnisse. Schließlich entwickelte sich die Cold War City Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg zum zentralen Schauplatz einer Systemkonkurrenz, die auch im Wohnungsbau ausgetragen wurde. Dass ausgerechnet dort in den 1960er- bis 1980er-Jahren mit dem Märkischen Viertel und Marzahn zwei der größten Großsiedlungen der Bundesrepublik und der DDR entstanden, ist für diese Rolle der Stadt kennzeichnend.

Und tatsächlich sind es diese beiden Siedlungen, die Braun untersucht. Seine materialreiche Studie ist als eine Stadtplanungsgeschichte angelegt. Der Autor beschreibt darin detailliert die in Marzahn und im Märkischen Viertel realisierten städteplanerischen Ideen. Er vergleicht sie miteinander und situiert die Anlage beider Siedlungen in der weiter zurückreichenden Stadtplanungs- und Baugeschichte der Stadt. Dafür wendet er sich zunächst der konkreten Baugeschichte des zwischen 1963 und 1976 in West-Berlin errichteten Märkischen Viertels sowie des zwischen 1977 und 1990 in Ost-Berlin entstandenen Marzahn zu, um im Anschluss die den Siedlungen zugrundeliegenden Konzeptionen herauszuarbeiten: ihre Lage im Stadtgebiet, ihre architektonische Gestaltung und ihre interne Organisation. In einem weiteren Abschnitt ordnet er diese Analyseergebnisse baugeschichtlich ein und erläutert die Kontinuitäten zu Wohnreformprojekten des späten Kaiserreichs und der Zwischenkriegszeit. Basierend auf Archivrecherchen, wertet er dafür auch Karten- und Bildmaterial aus, das in dem Buch in großem Umfang abgedruckt ist.

Dabei verweist der Autor zwar auf Unterschiede in der konkreten Gestaltung der beiden Siedlungen, die er unter anderem damit erklärt, dass in der DDR die Bauweise stärker industrialisiert und die Tendenz zur einheitlichen Gestaltung dementsprechend ausgeprägter war. In erster Linie betont er aber die Gemeinsamkeiten. Er arbeitet heraus, wie sehr sich das Märkische Viertel und Marzahn in ihrer Anlage ähnelten und wie wenig letztlich „die konzeptionellen und gestalterischen Unterschiede zwischen beiden […] ins Gewicht“ fielen. Auf den Massenwohnungsbau der 1960er- bis 1980er-Jahre wirkten sich ideologische Unterschiede demnach vergleichsweise wenig aus. Dass dem so war, hing Braun zufolge damit zusammen, dass die Form der Großsiedlungen Mitte des 20. Jahrhunderts konzeptionell bereits fertig ausgearbeitet war. Die auf beiden Seiten der Mauer erbauten Siedlungen waren demnach späte Produkte weiter zurückreichender Reformprojekte und sozialtechnologischer Planungsphantasien.

Das ist eine überzeugende These. Neu ist sie allerdings nicht, denn die Kontinuitäten, die Braun beschreibt, sind auch von der bisherigen Forschung zur Geschichte der modernen Stadtplanung hervorgehoben worden.[1] Auffällig ist hingegen, wie stark der Autor die Geschichte beider Siedlungen im Kontext lokaler Entwicklungen situiert und wie wenig er sie in einem transnationalen Rahmen verortet. Das ist mindestens überraschend. Denn sollte es so sein, dass Berlins Planungsverantwortliche mit ihren Entwürfen vor allem auf innerstädtische Debatten reagierten, dann wäre das durchaus erklärungsbedürftig. Ob oder wie stark die den Berliner Großsiedlungen zugrundeliegenden Vorstellungen im internationalen Austausch entwickelt wurden, bleibt bei Braun aber weitgehend außen vor. Ähnliches gilt für die englischsprachige Forschung zur Geschichte des modernistischen Massenwohnens allgemein sowie speziell in Berlin.[2]

Aus zeithistorischer Sicht hätte die Studie gewonnen, wenn der Verfasser aktuelle Studien stärker einbezogen hätte, die in den letzten Jahren vor allem im englischsprachigen Raum zur Geschichte des Massenwohnungsbaus sowohl im sozialistischen als auch im nicht-sozialistischen Kontext entstanden sind.[3] Die intensiven Forschungsdiskussionen zur sozialistischen Moderne sowie zu den Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Verflechtungen zwischen Großbauprojekten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hätten es dem Autor erlaubt, intensiver zu diskutieren, inwiefern die Geschichte der beiden von ihm untersuchten Siedlungen tatsächlich Berlin-spezifisch war oder nicht.

Zugleich ist fraglich, ob es Jascha Philipp Braun in erster Linie um einen Beitrag zu diesen geschichtswissenschaftlichen Debatten geht. Denn er schließt sicher nicht zufällig mit der Beobachtung, dass bei aktuellen städteplanerischen Entscheidungen im Umgang mit Siedlungen wie dem Märkischen Viertel oder Marzahn deren Planungsgeschichte zu wenig einbezogen werde. Das ist letztlich Ausdruck einer stark an Problemen des Denkmalschutzes orientierten Sichtweise. Mehr als für ideen- oder sozialhistorische Probleme interessiert sich Braun in seiner material- und detailreichen Studie dafür, zu einem adäquaten Umgang mit dem baulichen Erbe der Nachkriegsmoderne in der Gegenwart beizutragen. Das ist aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive insofern bereichernd, als damit letztlich die Frage in den Blick rückt, welchen Beitrag historische Analysen generell zu aktuellen Stadtpolitiken leisten können – und sollen.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa Peter Hall, Cities of Tomorrow. An Intellectual History of Urban Planning and Design in the Twentieth Century, Oxford 1988; Rosemary Wakeman, Practicing Utopia. An Intellectual History of the New Town Movement, Chicago 2016.
[2] U.a. Frédéric Dufaux / Annie Fourcaut (Hrsg.), Le monde des grands ensembles, Paris 2004; Florian Urban, Tower and Slab. Histories of Global Mass Housing, London 2012. Speziell zu Marzahn siehe Eli Rubin, Amnesiopolis. Modernity, Space, and Memory in East Germany, Oxford 2016; ders., Amnesiopolis: From Mietskaserne to Wohnungsbauserie 70 in East Berlin’s Northeast, in: Central European History 47 (2014), S. 334–375; Annemarie Sammartino, Mass Housing, Late Modernism, and the Forging of Community in New York City and East Berlin, 1965–1989, in: American Historical Review 121 (2016), S. 492–521.
[3] Siehe ebd. sowie u.a. Kimberly Elman Zarecor, Manufacturing a Socialist Modernity. Housing in Czechoslovakia, 1945–1960, Pittsburgh 2011; Brigitte Le Normand, Designing Tito’s Capital. Urban Planning, Modernism and Socialism in Belgrade, Pittsburgh 2014; Emily Pugh, Architecture, Politics, & Identity in Divided Berlin, Pittsburgh 2014; Moravánszky, Ákos u.a. (Hrsg.), East West Central. Re-Building Europe 1950–1990, 3 Bde., Basel 2017.

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Veröffentlicht am
30.07.2019
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