S. Sørlie: Sonnenrad und Hakenkreuz

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Titel
Sonnenrad und Hakenkreuz. Norweger in der Waffen-SS 1941–1945


Autor(en)
Sørlie, Sigurd Christian
Erschienen
Paderborn 2019: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
545 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franziska Zaugg, Historisches Institut, Universität Bern

In den beiden letzten Jahrzehnten ist hinsichtlich der Diversität und Vielfalt der Mitglieder der Waffen-SS ein reges Forschungsinteresse erwacht. Es ist Historikerinnen und Historikern wie Sigurd Sørlie zu verdanken, dass Publikationen zu einzelnen Facetten der Waffen-SS nicht mehr nur von rechtskonservativen Kreisen besetzt werden, sondern mit der nötigen Distanz, einer Vielzahl von Quellen und größtmöglicher Objektivität neue Erkenntnisse zu Tage fördern und offene Fragen klären helfen. In einer Zeit wiedererstarkender Nationalismen, in der die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg in den Reihen der Waffen-SS erneut salonfähig wird, scheint eine solch differenzierte Herangehensweise zur Aufarbeitung der europäischen Geschichte notwendiger denn je. Mit seiner Monografie Sonnenrad und Hakenkreuz. Norweger in der Waffen-SS 1941–1945 gelingt Sigurd Sørlie eine kritische Untersuchung und Einordnung jener 4.500 Norweger, die Anfang der 1940er-Jahre aus verschiedenen Gründen ihren Weg in die Waffen-SS fanden.

Sørlie beginnt seine Untersuchung mit dem berührenden Einzelschicksal eines jungen Norwegers, der versucht, durch eine Selbstverwundung von der Ostfront wegzukommen, dabei aber entdeckt und hingerichtet wird. Dieser triste Einstieg zeigt, dass sich die vermeintlichen Hoffnungen der Norweger mitnichten bewahrheiteten – im Gegenteil.

Sørlie gliedert die in Geschichtsschreibung und Öffentlichkeit diskutierten Themen in vier Fragekomplexe, welche er im vorliegenden Band untersuchen will. Erstens ist dies die Frage nach Motiven, welche zu einem Beitritt in die Waffen-SS geführt haben. Zweitens, welcher Art jener Teil der Waffen-SS war, in welchem Norweger dienten. Drittens, inwieweit sich norwegische SS-Soldaten mit der nationalsozialistischen Ideologie identifizierten und viertens, in welchem Umfang sie über Verbrechen der Waffen-SS informiert waren bzw. daran teilnahmen.

Im ersten Kapitel stellt Sørlie dem Leser die Waffen-SS als Institution sowie ihre Rekrutierungsanstrengung in Bezug auf „germanische Freiwillige“ vor. Hierbei ist insbesondere Sørlies Unterkapitel lobend zu erwähnen, das einen Ausblick auf das multiethnische Massenheer der Waffen-SS zeigt, in welchem Norweger nur eine unter vielen vertretenen Nationen darstellten. Im Vergleich zur Zahl der in die Hunderttausende gehenden Rekrutierten aus Ost-, Südost- und Mitteleuropa, stellten „germanische“ Freiwillige mit ungefähr 50.000 Mann einen kleinen Teil (S. 47). Im zweiten großen Kapitel geht Sørlie auf die Rolle der Nasjonal Samling bei den Rekrutierungen für die Waffen-SS ein, welche schließlich bis zum Ende des Krieges ein fortwährender Konfliktpunkt zwischen norwegisch-faschistischen Kreisen und den Vertretern der Waffen-SS darstellen sollte. Obwohl jene Kreise auf einen Platz im neuen, nationalsozialistischen Europa hofften, waren sie gleichzeitig höchst nationalistisch eingestellt und forderten die norwegische Souveränität.

Bereits am 12. Januar 1941 startete die erste Rekrutierungskampagne; am 30. Januar nahm Himmler den ersten ungefähr 200 Freiwilligen persönlich ihren Eid ab. In dieses erste Regiment „Nordland“ und aufgeteilt auf andere Formationen der Division „Wiking“ waren bis zum 22. Juni 1941 650 bis 800 Norweger eingetreten. 300 sollen beim Angriff auf die Sowjetunion mitgekämpft haben. Eine zweite norwegische Formation war die Legion „Norwegen“, eine dritte das Regiment „Norge“, beide wurden allerdings erst nach Beginn des Russlandfeldzugs, Ende Juni 1941 und im Februar/März 1943, aufgestellt. Sørlie macht deutlich, dass die Überzeugungen und Motive, welche zu einem Eintritt in die Waffen-SS führten, unterschiedlich sein konnten. Die Bewerber waren fast durchgehend sehr jung, stammten eher aus bürgerlichen Verhältnissen und auch ihr Bildungsniveau lag oft über dem norwegischen Durchschnitt. Meist war ein Kanon aus Antibolschewismus, Solidarität mit Finnland, Begeisterung für die nationalsozialistische Idee und ein Europa unter der Führung der „nordischen Rasse“ sowie der Wunsch, dass Norwegen darin einen souveränen Platz finden würde, ausschlaggebend für einen Beitritt. Sozialer Druck kam dabei vor allem von älteren Brüdern und Freunden. Doch schon bald sollten sich die jungen Norweger an der Ostfront in einer Situation wiederfinden, aus der sie sich nicht mehr befreien konnten. Sørlie beschreibt dabei sehr genau die Umstände für jede einzelne Formation („Wiking“, „Norwegen“ und „Norge“), da sich diese hinsichtlich Kampfhandlungen aber auch Kriegsverbrechen graduell unterschieden: Die ersten Wochen des „Unternehmens Barbarossa“ verliefen nicht unter den gleichen Bedingungen wie etwa die Belagerung von Leningrad.

In den Kapiteln „Frontalltag“ und „Verbrechen“ zeichnet Sørlie eindrücklich die morbide, grausame und scheinbar unausweichliche Gewaltspirale nach, in welcher sich die Norweger seit dem Russlandfeldzug befanden: Zur Radikalisierung an der Front trugen einerseits bereits verinnerlichte Stereotype wie jene vom „bolschewistischen Juden“ bei, andererseits aber auch das Auffinden misshandelter, ermordeter Kameraden. Sørlie versieht dabei die Fakten aus den Akten und der Sekundärliteratur mit eindrücklichen und schonungslosen O-Tönen ehemaliger Soldaten. Die Ausbildung der Norweger verlief nicht wie gewünscht. Zwar zeigt Sørlie mehrfach auf, dass bereits bestehende Einstellungen durch ideologische Schulung gestärkt werden konnten, doch er kann ebenfalls nachweisen, dass viele von ihnen mit der harten, dennoch teilweise unzureichenden, oft kränkenden Erziehung während der Ausbildung haderten. Sie waren enttäuscht, dass die Deutschen ihre Versprechen nicht hielten, und kehrten bei der ersten Gelegenheit, meist nach Ablauf ihrer Verträge, nach Norwegen zurück. Einige waren so verzweifelt, dass sie sich selbst verstümmelten oder Suizid begingen. Somit stellt Sørlie fest, dass das Projekt, Norweger in die Waffen-SS zu integrieren, nicht nur wegen der geringen Anzahl Rekrutierter als gescheitert betrachtet werden kann.

Trotz der Qualität der Studie sind dennoch einige Kritikpunkte anzubringen: Da Leserinnen und Leser mit den demographischen Daten Norwegens meist nicht vertraut sind, wäre eine Einordnung der rund 4.500 Norweger in die Gesamtbevölkerung von rund 3 Millionen am Anfang des Buches hilfreich gewesen. Diese Angaben kommen erst gegen Ende. Zwar werden (Massen-)Vergewaltigungen durch Russen erwähnt (S. 177), solche von deutscher Seite hingegen nur zweimal angedeutet (S. 307, S. 316). Diese einseitige Darstellung entspricht nicht dem sexuellen Verhalten deutscher und verbündeter Soldaten während des Ostfeldzugs.[1] Auch ein allgemeiner Vergleich der Norweger mit anderen Studien, etwa zu Südosteuropäern, wäre spannend gewesen, insbesondere weil sich dabei viele Parallelen hinsichtlich der Erwartungen, aber auch Enttäuschungen von Rekrutierten ergeben. Doch anders als in anderen Waffen-SS-Formationen setzten Enttäuschung und Desillusionierung in den frühen norwegischen Formationen bereits 1942 ein.

Mit seiner Quellendichte und der Erschließung auch privater Archivbestände zeichnet Sørlie ein differenziertes Bild jener jungen Norweger, die in der Waffen-SS Dienst taten. Behutsam seziert er Schicht um Schicht seines Forschungsgegenstands und zeigt, wie facettenreich Beweggründe, Motivation, Verhaltensweisen und die Art der Enttäuschung jener 4.500 Mann waren. Weit davon entfernt, ihr Verhalten zu heroisieren, vermag er dennoch, ihnen ein Gesicht zu geben. Mit all ihren Träumen, Wünschen, ihrem Hass und ihren Ängsten bleiben sie stets Individuen, die das Bild der Waffen-SS als einem „monolithischen Block“ einmal mehr zu dekonstruieren vermögen.[2] Und schließlich soll auch den beiden Übersetzern Michael Schickenberg und Sylvia Kall ein Lob ausgesprochen werden: Die Übersetzung von Sonnenrad und Hakenkreuz ist in einer klaren, verständlichen Sprache gehalten und liest sich trotz des schweren Inhalts ausgezeichnet.

Anmerkungen:
[1] Birgit Beck, Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939–1945, Paderborn 2004; Regina Mühlhäuser, Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945, Hamburg 2010.
[2] Jan Erik Schulte, Zur Geschichte der SS. Erzähltraditionen und Forschungsstand, in: ders. (Hrsg.), Die SS, Himmler und die Wewelsburg, Paderborn 2009, S. XI–XXXV, hier S. XI.

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28.11.2019
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