Das Architektenpaar Margarete Schütte-Lihotzky und Wilhelm Schütte

: Warum ich Architektin wurde. Herausgegeben von Karin Zogmayer. Salzburg  2., aktualisierte Aufl. 2019. ISBN 978-3-7017-3497-9

ÖGFA – Österreichische Gesellschaft für Architektur; Waditschatka, Ute (Hrsg.): Wilhelm Schütte, Architekt. Frankfurt – Moskau – Istanbul – Wien. Zürich  2019. ISBN 978-3-03860-140-1

: Margarete Schütte-Lihotzky. Architektin – Widerstandskämpferin – Aktivistin. Die Biografie. Mit einem Nachwort von Uta Graff. Wien  2019. ISBN 978-3-222-15036-4

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcel Bois, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Am 18. Januar jährt sich der Todestag der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) zum zwanzigsten Mal. Anlässlich dieses Jahrestages sind gleich mehrere Publikationen zu Leben und Werk der Wienerin erschienen, von denen hier drei besprochen werden sollen: eine Neuauflage ihrer Memoiren, ein Sammelband zu ihrem Mann Wilhelm Schütte und eine Biografie. Darüber hinaus wurde kürzlich noch ein Tagungsband publiziert, und es ist eine Edition von Briefen aus den frühen 1940er-Jahren angekündigt, die Schütte-Lihotzky wegen ihrer antifaschistischen Aktivitäten in Gefängnissen des NS-Regimes verbringen musste.[1]

Dieses neu erweckte wissenschaftliche Interesse ist sehr zu begrüßen. Denn bis heute gestaltet sich die Rezeption von Schütte-Lihotzkys Leben überaus einseitig. Hierzulande ist die Architektin ohnehin nur in Fachkreisen bekannt. Doch selbst in ihrer Heimat Österreich, wo sie durchaus eine prominente Figur ist, beschränkt sich die Zuschreibung auf wenige Felder: Schütte-Lihotzky gilt als die erste Architektin ihres Landes, als Erfinderin der „Frankfurter Küche“ und als Heldin des Widerstands gegen die NS-Diktatur. Diese Schieflage spiegelt sich auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung wider: Obwohl die Wienerin bis kurz vor ihrem Tod aktiv war, zuletzt vor allem als mahnende Zeitzeugin, liegt der Schwerpunkt der Forschung auf ihrer ersten Lebenshälfte – und hier wiederum vor allem auf drei relativ kurzen Phasen: ihren ersten Berufsjahren im Roten Wien (1920–1925), der Tätigkeit für das Neue Frankfurt (1926–1930) sowie ihrer Widerstands- und Gefängniszeit (1940–1945).

Diese verengte Rezeption resultiert zum Teil auch daraus, wie Schütte-Lihotzkys eigene „life narratives“ angelegt sind, die sie seit den frühen 1980er-Jahren verfasst hat. Damals wurde die Architektin von verschiedenen Seiten gedrängt, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen. „Sie, die das gesamte 20. Jahrhundert erlebt hat, machte sich also weder aus Eitelkeit noch als Zeitvertreib an das Verfassen ihrer Memoiren, sondern sah in ihrem autobiographischen Projekt eine gewisse Verpflichtung“, schreibt Karin Zogmayer in der Einleitung zu Warum ich Architektin wurde. „Wie immer ging sie auch an diese Aufgabe systematisch heran und ließ den Inhalt die Form bestimmen. So plante sie nicht eine chronologische, auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit fokussierte Autobiographie, sondern bereitete zwei getrennte Publikationen zu ihren beiden Lebensthemen Politik und Architektur vor“ (S. 10). Zu Lebzeiten erschien jedoch nur der politische Text, die Erinnerungen aus dem Widerstand.[2]

Kurz nach dem Tod der Architektin entdeckte die Philosophin und Philologin Zogmayer in Schütte-Lihotzkys Nachlass ein Manuskript, das den Titel Erinnerungen und Betrachtungen trug. Dieses umfasste einen „publikationsfertigen Text“ (S. 12), der bis in das Jahr 1930 reichte. Schnell sei ihr klar geworden, „dass mir eine Aufgabe in die Hände gefallen war: den Text seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen, ihn in Buchform zu bringen“ (S. 9). Unter dem neuen Titel Warum ich Architektin wurde publizierte Zogmayer die autobiografische Schrift erstmals im Jahr 2004. Nun hat sie eine zweite Auflage mit einem neuen Vorwort veröffentlicht.

Schütte-Lihotzkys Memoiren sind in drei Abschnitte unterteilt. Der erste behandelt die Studienjahre an der Wiener Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität für angewandte Kunst, wo sie von 1915 bis 1919 eingeschrieben war. Die Kunstgewerbeschule gehörte zu den wenigen Einrichtungen, an denen auch Frauen studieren durften. Margarete Lihotzky, wie sie damals noch hieß, besuchte dort die Architekturklasse von Oskar Strnad. Als sie an einem Wettbewerb für Arbeiterwohnungen teilnehmen wollte, empfahl ihr der Professor, sich zuerst in den Arbeitervierteln ein Bild von den Lebensbedingungen zu machen. Diese Erfahrung war so prägend für die junge Studentin, dass sie später immer wieder davon berichtete. Die Ursachen für das Elend der unteren Schichten seien ihr damals noch nicht bewusst gewesen, „doch wollte ich einen Beruf ergreifen, durch den ich zur Linderung dieser Not beitragen konnte“ (S. 28).

Nach Abschluss des Studiums – und einem mehrmonatigen Aufenthalt in den Niederlanden – blieb Lihotzky der „sozialen Architektur“ treu und nahm eine Tätigkeit für die Wiener Siedlerbewegung auf. Sie entwickelte Prototypen für einfach zu errichtende Häuser, entwarf erste Küchen und beriet Siedler bei ihren Plänen. Diesen Jahren ist der zweite Abschnitt ihrer Erinnerungen gewidmet. Schütte-Lihotzky stellt hier zudem ausführlich die Entwicklung des städtischen Wohnungsbaus im Roten Wien dar, wo bis Anfang der 1930er-Jahre etwa 64.000 Wohneinheiten entstanden, in denen 200.000 Menschen eine neue Heimat fanden. Unterbrochen wird ihr Text von Exkursen über „Persönlichkeiten der Siedlerbewegung“ wie Adolf Loos, Ernst Egli und Otto Neurath, mit denen sie eng zusammenarbeitete.

Auch deutsche Städte begannen in den 1920er-Jahren damit, soziale Wohnbauprojekte zu entwickeln. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Neue Frankfurt, wo Stadtbaudirektor Ernst May und sein Team ästhetische Maßstäbe setzten. May kannte Lihotzky seit einem Besuch in Wien und gewann die Architektin zur Mitarbeit in Frankfurt. Im Frühjahr 1926 begann die damals 29-Jährige ihre Tätigkeit im Hochbauamt, wo sie sich mit dem Wohnungsbau und der Rationalisierung der Hauswirtschaft beschäftigte. Hier entwickelte sie auch ihre berühmte Küche, von der mehr als 10.000 Exemplare in die neuen Wohnungen eingebaut wurden. Diese Frankfurter Zeit behandelt der dritte und letzte Abschnitt von Warum ich Architektin wurde. Die Memoiren enden mit der Abreise von May und seinem Team in die Sowjetunion („Wir verlassen Deutschland“).

Obwohl das Buch „rund“ erscheint, sind Schütte-Lihotzkys Erinnerungen und Betrachtungen unvollendet geblieben. Die Architektin hatte sie ursprünglich bis in die 1960er-Jahre angelegt. Im Wiener Nachlass im Archiv der Universität für angewandte Kunst finden sich Vorarbeiten für ein Kapitel über die Jahre in der Sowjetunion (1930–1937). Leider hat Zogmayer auch für die zweite Auflage auf eine historisch-kritische Edition dieser Passagen verzichtet. Unter arbeitsökonomischen Gesichtspunkten ist diese Entscheidung verständlich. Doch für die Forschung liefern die „neuen“ Memoiren dementsprechend keine zusätzlichen Erkenntnisse. Trotzdem ist es überaus erfreulich, dass sich Zogmayer um eine zweite Auflage bemüht hat. Denn das Buch war seit langem vergriffen. Nun ist „zumindest ein Teil von Schütte-Lihotzkys architektonischem Vermächtnis für eine breite Öffentlichkeit zugänglich“ (S. 9).

Zudem bleibt der Band auch ohne neue Passagen für die Forschung eine wichtige Quelle, die wie alle Egodokumente kritisch gelesen werden muss. Zu Recht hat Bernadette Reinhold kürzlich auf den konstruierten Charakter des Textes hingewiesen. Er folge „einer klaren, chronologischen Struktur, die dem literarischen Äquivalent des Bildungsromans entspricht, eingebettet in teils ausführliche historische Kontexte“. Bei der Lektüre von Schütte-Lihotzkys Erinnerungen seien daher „die Faktoren der Subjektivität und schlicht der ‚Differenz zwischen zwei Zeitebenen, der Abfassungszeit und des beschriebenen Aktes oder Seelenzustands‘, einzukalkulieren“.[3]

Dass eine kritische Lektüre dieser und anderer Quellen tatsächlich sehr produktiv sein kann, unterstreicht der Band, den die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) anlässlich des 50. Todestages von Wilhelm Schütte (1900–1968) herausgebracht hat. Der deutsche Architekt war in den 1920er-Jahren ebenfalls im Frankfurter Hochbauamt tätig. Dort lernte er Margarete Lihotzky kennen. 1927 heirateten die beiden und blieben auch nach ihrer privaten Trennung Anfang der 1950er-Jahre beruflich verbunden. Bislang stand Wilhelm Schütte – eher untypisch für kreative Paare – sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Wahrnehmung im Schatten seiner Frau. Die Rezeption seines Wirkens war bislang „stark von der ‚Jahrhundertgestalt‘ Margarete Schütte-Lihotzkys dominiert“ (Thomas Flierl, S. 25).

Mit Wilhelm Schütte, Architekt. Frankfurt – Moskau – Istanbul – Wien liegt nun die erste umfangreiche Publikation zu Leben und Werk des international anerkannten Schulbauexperten vor. Der Sammelband umfasst vier Beiträge zu unterschiedlichen biografischen Stationen sowie fünf Texte, die sich dem umfangreichen Œuvre widmen. Hinzu kommt die Wiederveröffentlichung eines Nachrufs, den der Freund und Kollege Fritz Weber anlässlich von Schüttes Tod 1968 verfasst hatte.

Zur Beschäftigung mit der Biografie von Margarete Schütte-Lihotzky ergiebig ist vor allem die Lektüre der Beiträge von David Baum über das Neue Frankfurt und über das Nachkriegs-Wien, von Thomas Flierl zu den sowjetischen Jahren und von Burcu Dogramaci über die Tätigkeit in der Türkei, handelte es sich doch um Phasen, die das Paar gemeinsam erlebte. Zudem ist hier der Aufsatz von Gabriele Kaiser zu nennen: Sie rekonstruiert die Entstehungsgeschichte des Gebäudes der Globus Zeitungs-, Druck- und Verlagsanstalt in Wien. Den Neubau planten und realisierten die Schüttes Anfang der 1950er-Jahre gemeinsam mit Fritz Weber und Karl Eder. Im Auftrag der KPÖ sollte ein „‚Musterbetrieb für eine sozialistische Produktion‘ mit ausgezeichneten Arbeitsbedingungen“ entstehen (S. 140).

Allen genannten Beiträgen ist gemeinsam, dass sie – auf einer breiten Quellenbasis – neue Erkenntnisse über bislang wenig erforschte Phasen der Biografie Schütte-Lihotzkys liefern. Thomas Flierl, der sich als Experte zur Arbeit deutschsprachiger Architektinnen und Architekten in der Sowjetunion einen Namen gemacht hat, weist darauf hin, dass über den Aufenthalt der Schüttes in der UdSSR „noch immer nicht viel bekannt“ sei. Unter anderem liege dies daran, dass sich der private Briefwechsel Wilhelm Schüttes mit seiner deutschen Verwandtschaft nicht erhalten habe. „Auch konnten die Archive der Projektierungsbetriebe, in denen die Schüttes […] in der Sowjetunion tätig waren und die für die Rekonstruktion ihrer beruflichen Arbeit so wichtig wären, bisher nicht gefunden werden, ebenso wenig die Originalpläne der Standardprojekte für die Wohn- und Gesellschaftsbauten der sozialistischen Neubaustädte selbst, an denen die ausländischen Spezialistinnen und Spezialisten mit ihrer sowjetischen Kollegenschaft arbeiteten“ (S. 25). Gleichwohl gelingt es Flierl, die verschiedenen beruflichen Stationen Wilhelm Schüttes in der Sowjetunion aufzuspüren und darzustellen.[4]

Darüber hinaus wirft Flierl neues Licht auf die Umstände der Abreise des Ehepaars aus der Sowjetunion. Während ein großer Teil der Architektengruppe um Ernst May das Land schon bald enttäuscht verließ, blieben die Schüttes bis 1937 dort. Bislang hatte sich die Forschung dem Narrativ Schütte-Lihotzkys angeschlossen, dass die Abreise lediglich erfolgt sei, weil die Pässe der beiden abgelaufen seien. Doch Flierl zeigt anhand von Akten aus den Moskauer Komintern-Beständen, dass sie „gerade noch rechtzeitig der geheimen sogenannten ‚Deutschen Operation‘ des NKVD“ entgingen (S. 43), der bis 1938 mehr als 40.000 deutsche Staatsbürger oder deutschstämmige Sowjetbürger zum Opfer fielen (Schütte-Lihotzky besaß seit der Heirat die deutsche Staatsbürgerschaft). Auch Wilhelm Schütte stand offenbar im Visier und wurde in den Akten als „verdächtiges Element“ bezeichnet (S. 44).

Nach kurzen Aufenthalten in Paris und London zog es das Paar im Sommer 1938 nach Istanbul. Dort hatte der befreundete Architekt Bruno Taut seit 1936 eine Professur an der Akademie der schönen Künste inne und lud die beiden zur Mitarbeit ein. Deren dortige berufliche Tätigkeit zeichnet die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci in ihrem Beitrag nach. Auf Grundlage ihrer Habilitationsschrift über deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei der Zwischenkriegszeit rekonstruiert und kontextualisiert sie die Arbeit der Schüttes. Als das Architektenpaar beispielsweise Dorfschulen für das Umland von Ankara und Istanbul entwarf, reagierte es auf die klimatischen und topografischen Bedingungen „mit einem eigenen, modernen Konzept. Ziel war der prototypische Entwurf erweiterungsfähiger Dorfschulen im Lehmbau und aus luftgetrockneten Ziegeln, die von den Dorfbewohnern selbst unter Anweisung von Spezialisten errichtet werden könnten“ (S. 54). Auf diese „Hilfe zur Selbsthilfe“ hatte Schütte-Lihotzky schon im Rahmen der Wiener Siedlerbewegung gesetzt.

Dogramaci skizziert zudem das politische Engagement von Margarete und Wilhelm Schütte. 1939 schloss sich das Ehepaar einem kommunistischen Oppositionskreis an, den der Architekt Herbert Eichholzer initiiert hatte. Die Gruppe organisierte heimliche Kurierreisen nach Österreich, um dort den Widerstand zu stärken. Im Dezember 1940 machte sich Schütte-Lihotzky zu einer solchen Reise auf, wurde aber nach einigen Wochen in Wien von der Gestapo verhaftet und musste die Zeit bis zum Kriegsende zunächst in einem Wiener Gefängnis und dann in einem bayerischen Frauenzuchthaus verbringen. In ihren eingangs erwähnten „Erinnerungen aus dem Widerstand“ berichtete sie später ausführlich über diese Erfahrung. Wilhelm Schütte blieb derweil in der Türkei zurück. Er arbeitete weiterhin an der Akademie und erhielt, wie Dogramaci aufzeigt, dort eine Professur. Als das Land 1944 seine Beziehungen zu Deutschland abbrach, wurde er – wie alle deutschen Staatsbürger, die nicht ausreisten – in der anatolischen Provinz interniert.

Wilhelm Schütte konnte die Türkei erst 1946 verlassen. Seine Frau traf er in Sofia, wo sie seit der Haftentlassung Kindergärten entwickelte. Gemeinsam reisten sie nach Wien; dort trafen sie am Neujahrstag 1947 ein. David Baum, der momentan an der Universität Gent ein Promotionsprojekt zu Wilhelm Schütte bearbeitet, beleuchtet in seinem Beitrag die gemeinsamen Projekte, die das Paar in den folgenden Jahren in der österreichischen Hauptstadt realisierte. Darüber hinaus untersucht er die Rolle der Schüttes in den internationalen Architekturnetzwerken. Schon während der 1920er-Jahre hatten sie an den von Le Corbusier und Walter Gropius initiierten Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) teilgenommen. Hierbei handelte es sich um die wichtigsten Zusammenkünfte von Architektinnen und Architekten des Neuen Bauens der 1920er- bis 1950er-Jahre. Baums Beitrag gibt Einblick in die bislang wenig untersuchte, aber sehr interessante Geschichte der 1948 wiederbelebten CIAM-Austria.[5] Zu den ersten Mitgliedern zählten sowohl Schütte-Lihotzky als auch ihr Mann.

Doch insgesamt verschlechterte sich in der Nachkriegszeit die berufliche Situation für Margarete Schütte-Lihotzky. Das zeigt Mona Horncastle in ihrer Biografie der Architektin, dem dritten hier zu besprechenden Buch. Seit Beginn ihrer Berufstätigkeit sei Schütte-Lihotzky in einer Gemeinschaft aufgehoben gewesen, die ihre Ideale teilte. „Auch im Widerstand und in der Gefangenschaft basiert die Solidarität untereinander auf der gemeinsamen Überzeugung […]“, schreibt Horncastle. „Im Österreich der Nachkriegszeit steht sie das erste Mal auf einer Position, die nicht allgemein positiv beurteilt wird, sondern wird beruflich und politisch an den Rand gedrängt“ (S. 239).

Tatsächlich wurde Schütte-Lihotzky nun zur „persona non grata“, wie sie selbst einmal schrieb. In der Hochzeit des Kalten Krieges erhielt die Kommunistin und ehemalige Widerstandskämpferin lange Zeit kaum mehr öffentliche Bauaufträge. Auch von den Medien ihres Landes wurde sie ignoriert. Daraufhin verstärkte sie ihr politisches Engagement und war unter anderem mehr als zwei Jahrzehnte lang Vorsitzende des KPÖ-nahen Bunds Demokratischer Frauen. Erst in den 1980er-Jahren fand sie die lang verwehrte Anerkennung. Nun, als sie bereits ihr achtzigstes Lebensjahr überschritten hatte, erschienen wieder Reportagen und Berichte über sie. Außerdem erhielt sie mehrere Ehrendoktorwürden und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Um es vorwegzunehmen: Es gehört zu den wenigen positiven Aspekten an Horncastles Buch, dass sie sowohl Schütte-Lihotzkys politisches Engagement in der Nachkriegszeit als auch ihren „verspäteten Ruhm“ thematisiert. Zudem ist lobend hervorzuheben, dass die „bekennende Sprachfetischistin“ (S. 287) ihr Handwerk versteht: Der Band ist gefällig geschrieben. Im historischen Präsens verfasst und mit zahlreichen Abbildungen ausgestattet, lässt er sich gut konsumieren. Interessierten Leserinnen und Lesern, die sich bislang nicht mit dem Leben der Architektin auseinandergesetzt haben, bietet er einen guten Einstieg. Doch ansonsten ist diese Publikation in vielerlei Hinsicht problematisch.

Selbstbewusst nennt die Autorin ihr Werk im Untertitel „Die Biografie“. Tatsächlich liegt trotz der umfangreichen Literatur, die seit den 1990er-Jahren erschienen ist, noch keine monografische Schrift zum Leben der Architektin vor. Insofern leistet Horncastle hier Pionierarbeit. Doch den Ansprüchen an eine zeitgemäße Biografik wird ihr Buch keineswegs gerecht. Nur selten gelingt es der Autorin, sich von den Selbstbeschreibungen Schütte-Lihotzkys zu lösen. Stattdessen gibt sie unkritisch zahlreiche der altbekannten Anekdoten wieder. Wenn Horncastle zudem schreibt, Schütte-Lihotzky sei bereits „von früher Jugend an mit drei zentralen Fragen konfrontiert, die […] in ihrem Leben eine zentrale Rolle spielen werden“ (nämlich der Demokratiefrage, der sozialen Frage und der Frauenfrage), dann macht sie genau das, wovor Pierre Bourdieu Autorinnen und Autoren warnte – nämlich der „biografischen Illusion“ zu verfallen und eine Lebensgeschichte als logische, zielgerichtete Abfolge von Ereignissen erscheinen zu lassen.

Durch den umfangreichen Anmerkungsapparat und ein häufiges Rekurrieren auf den Nachlass Schütte-Lihotzkys an der Universität für angewandte Kunst erweckt Horncastle den Anschein, ihr Buch sei das Produkt eines intensiven Quellenstudiums. Doch beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass dies keineswegs der Fall ist. Dokumente zu Margarete Schütte-Lihotzkys Leben und Werk befinden sich weit verteilt in österreichischen und ausländischen Archiven. Soweit es sich nachvollziehen lässt, hat Horncastle die allermeisten davon nicht besucht. Wenn sie auf Archivbestände verweist, hat es oftmals den Anschein, dass sie diese ungeprüft aus der Sekundärliteratur übernommen hat. Selbst den umfangreichen Wiener Nachlass hat sie offenbar nur sehr selektiv gesichtet. Anders lässt sich beispielsweise die Behauptung nicht erklären, es gebe „keine schriftlichen Zeugnisse oder tiefergehende mündliche Äußerungen von Margarete Schütte-Lihotzky oder ihrem Mann zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen“ in der Sowjetunion (S. 95). Wie eingangs geschildert, befinden sich im Archiv der „Angewandten“ durchaus Textfragmente über diese Zeit. Auch zu der Behauptung, dass über Schütte-Lihotzkys späteren Lebensgefährten Hans Wetzler (1905–1983) „wenig mehr bekannt ist, als dass er als Übersetzer arbeitet“ (S. 212), kann nur jemand kommen, der die Archivboxen im Nachlass ignoriert, in denen sich ein umfassender Briefwechsel zwischen den beiden befindet.

Die wenigen Stellen, für die Horncastle eigene Archivstudien unternommen hat, zählen zweifellos zu den stärkeren ihres Buches. Dies gilt etwa für die Darstellung der Reise zu Bruno Taut nach Japan (1934) oder auch für den Teil über die späte Sowjetzeit. In beiden Fällen bezieht sich die Autorin auf Briefe und Postkarten von Schütte-Lihotzky an ihre Schwester Adele Hanakam. Überaus spannend zu lesen sind auch jene knapp 30 Seiten, auf denen Horncastle ihre eigene Erzählung unterbricht und stattdessen die Briefe dokumentiert, die Margarete aus dem Wiener Gefängnis an Adele und an Wilhelm geschickt hat (S. 154–185). Doch selbst hier bleibt ein Beigeschmack: Warum veröffentlicht sie ausgerechnet diese Briefe – obwohl ein Dokumentenband genau hierzu angekündigt ist? Horncastle war sich dessen bewusst, schließlich weist sie in ihrem Buch auf diesen Band hin.

Womit wir beim nächsten Problem wären: An mehreren Stellen übernimmt Horncastle Thesen und Gedanken von anderen Autorinnen und Autoren – ohne dabei deren Urheberschaft zu nennen. Das Prinzip ist dabei immer dasselbe: Den Ursprung wörtlicher Zitate, die sie aus Fremdtexten bezieht, belegt sie in den Anmerkungen. Woher aber die dazugehörigen Kontexte stammen, gibt sie nicht an. Um es nur an drei Beispielen zu belegen: Einige Fakten zur Entstehungsgeschichte des Frankfurter Hochbauamts hat Horncastle ohne Nachweis aus einem Aufsatz von Renate Allmayer-Beck entnommen. Hier verrät sie sich, weil sie auch eine dort zitierte Aussage des Frankfurter Oberbürgermeisters Ludwig Landmann wiedergibt – und dabei den von dort stammenden unvollständigen Quellenverweis (in leicht abgewandelter Form) ebenfalls verwendet (S. 52). Derweil stammt der Abschnitt zu Schütte-Lihotzkys Aufenthalt in Sofia (S. 209) sinngemäß aus einem Text von Christine Zwingl. Auch hier fehlt ein entsprechender Verweis. Zudem basieren große Teile der Darstellung von Schütte-Lihotzkys politischer Tätigkeit (S. 210, S. 214f., S. 220, S. 242–244) auf einem Aufsatz des Rezensenten. Zum Teil übernimmt sie hier fast wörtlich die Gedanken. Doch abgesehen von einer Stelle verzichtet Horncastle auch hier darauf, deren Urheber zu nennen.[6]

Horncastles Methode, sich vor allem auf vorhandene Veröffentlichungen zu stützen, erklärt auch das seltsame Ungleichgewicht ihres Buches: Der weitgehend gut erforschten Zeit bis 1945 widmet sie den allergrößten Teil ihres Textkorpus, nämlich fast 200 Seiten. Anschließend handelt sie die restlichen 55 Lebensjahre – immerhin mehr als die Hälfte von Schütte-Lihotzkys Leben – auf gerade mal 40 Seiten ab. Davon entfällt wiederum mehr als ein Drittel auf eine China-Reise, zu der bereits eine umfängliche Dokumentation vorliegt.[7] Die bestehenden Forschungslücken – etwa zu den Netzwerken im französischen Exil oder zu Schütte-Lihotzkys Tätigkeit in der DDR – versucht Horncastle gar nicht erst zu schließen.

Angesichts dieser haarsträubenden Herangehensweise fallen zahlreiche kleinere Fehler fast gar nicht mehr ins Gewicht: So hieß die Sozialdemokratische Partei Deutschösterreichs (SDAP) weder 1923 (S. 54) noch 1927 (S. 120) SPÖ, sondern erst seit 1945. Der Schweizer Hans Schmidt war kein „Bauhaus-Architekt“ (S. 81) und Ludwig Landmann kein „liberaler Sozialdemokrat“ (S. 57), sondern in der Weimarer Republik Mitglied der DDP. Und 1919 existierte mit Sicherheit kein „Parteiprogramm der KPdSU“ (S. 83). Denn die Sowjetunion wurde erst 1922 gegründet, die Kommunistische Partei des Landes erst 1952 in KPdSU umbenannt.

Alles in allem macht Mona Horncastles Buch in erster Linie eines deutlich: Eine den wissenschaftlichen Standards entsprechende, kritische Biografie Margarete Schütte-Lihotzkys steht weiterhin aus. Der Band der Österreichischen Gesellschaft für Architektur über Wilhelm Schütte liefert derweil wichtige Vorarbeiten für ein solches Projekt.

Anmerkungen:
[1] Marcel Bois / Bernadette Reinhold (Hrsg.), Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht. Neue Perspektiven auf Leben und Werk, Basel 2019; rezensiert von Riccardo Altieri, in: H-Soz-Kult, 17.01.2020, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-29068 (17.01.2020); Margarete Schütte-Lihotzky / Wilhelm Schütte, „Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden Dich dabei begleiten!“. Der Gefängnis-Briefwechsel 1941–1945, hrsg. von Thomas Flierl, Berlin 2020 (erscheint voraussichtlich im April).
[2] Margarete Schütte-Lihotzky, Erinnerungen aus dem Widerstand 1938–1945, hrsg. von Chup Friemert. Mit einem Gespräch zwischen Margarete Schütte-Lihotzky und Chup Friemert, Hamburg 1985. Zeitgleich erschien das Buch auch im DDR-Verlag „Volk und Welt“; später folgten mehrere Neuauflagen.
[3] Bernadette Reinhold, Das dritte Leben. Überlegungen zu Margarete Schütte-Lihotzkys autobiografischen Arbeiten, in: Bois / Reinhold, Schütte-Lihotzky, S. 52–68, hier S. 62, 65. Das Zitat im Zitat stammt aus Wayne Shumakers klassischem Text „Die englische Autobiographie“ (1954).
[4] Zur Tätigkeit seiner Frau siehe Thomas Flierl, Margarete Schütte-Lihotzkys sowjetische Jahre (1930–1937), in: Bois / Reinhold, Schütte-Lihotzky, S. 100–124.
[5] Siehe jetzt auch Monika Platzer, Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs, hrsg. von Architekturzentrum Wien, Zürich 2019; dort das Kapitel „Multiplikator CIAM-Austria 1947–1959“, S. 237–280. Dies ist der Begleitband einer Ausstellung, die noch bis zum 24. Februar 2020 zu sehen ist: https://www.azw.at/de/termin/kalter-krieg-und-architektur/ (11.01.2020).
[6] Renate Allmayer-Beck, Margarete Schütte-Lihotzkys Tätigkeit am Frankfurter Hochbauamt, in: Peter Noever (Hrsg.), Margarete Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts, Ausstellungskatalog (Museum für angewandte Kunst), 2., verb. Aufl. Wien 1996, S. 71–82, hier S. 71; Christine Zwingl, Aufenthalt in Bulgarien, in: ebd., S. 183; Marcel Bois, „Bis zum Tod einer falschen Ideologie gefolgt“. Margarete Schütte-Lihotzky als kommunistische Intellektuelle, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.), Zeitgeschichte in Hamburg 2017, Hamburg 2018, S. 66–88, https://www.zeitgeschichte-hamburg.de/contao/files/fzh/pdf/Jahresbericht_2017_Inhalt.pdf (11.01.2020).
[7] Margarete Schütte-Lihotzky, Millionenstädte Chinas. Bilder- und Reisetagebuch einer Architektin (1958), hrsg. von Karin Zogmayer. Mit einem Nachwort von Albert Speer, Wien 2007.