Cover
Titel
Das radikaldemokratische Museum.


Autor(en)
Sternfeld, Nora
Reihe
Edition Angewandte / curating. ausstellungstheorie & praxis 3
Erschienen
Berlin 2018: de Gruyter
Anzahl Seiten
287 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Walz, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig

Der einzelne Autorenname und der mit nur drei Wörtern betont schlichte Buchtitel versprechen eine Monografie, der Werbetext auf Umschlagseite vier kündigt eine „radikaldemokratische Neudefinition des Museums“ an. Es handelt sich jedoch um eine Sammlung von zwischen 2012 und 2018 publizierten Aufsätzen der Autorin Nora Sternfeld. Sie ist eine international angesehene, profilierte Kunstvermittlerin und Kuratorin, zugleich eine deutschsprachige Vertreterin der „Kritischen Museologie“: Mitglied des kuratorischen Denkfabrik „schnittpunkt“, Wien, selbstständig tätig im „Büro trafo.K“, Wien, Koleiterin des Masterstudiengangs für Ausstellungstheorie und -praxis an der Universität für angewandte Kunst, Wien, und seit 2018 dokumenta-Professorin der Kunsthochschule Kassel.

Der Beitrag „Im postrepräsentativen Museum“ geht von der Krise der Repräsentation aus und beschreibt die Verschränkung von Kuratieren und Vermitteln als „postrepräsentatives Kuratieren“ (S. 55). Antriebskraft der „radikalen Museologie“ ist die „emanzipatorische Funktion“ des Museums, die dessen „Umwertungspotenzial“ in solidarischer Aktion mit den aktuellen sozialen Kämpfen ausnutzt (S. 61f.). Ziel ist ein „Para-Museum“, das institutionelle Kontinuität mit Verweigerung gegenüber Verwertungslogiken verknüpft und vor seiner „parainstitutionellen Dekonstruktion“ steht: „1) das Archiv herausfordern, 2) den Raum aneignen, 3) Gegen-Öffentlichkeit organisieren, 4) alternatives Wissen produzieren, 5) Bildung radikalisieren“ (S. 64f.).

Der Beitrag „Das Museum deprovinzialisieren“ stellt eine Verfahrensweise des „Para-Museums“ vor: Es sei nicht damit getan, die „kolonialen Gewaltgeschichten“ und die „verschwiegenen, unterworfenen und stillgestellten Geschichten des Wissens“ (S. 90f.) wieder vor Augen zu führen, sondern die damit verbundenen Machtstrukturen sollen infrage gestellt und die museumseigenen machtvollen Erzählungen und Deutungsmuster verlernt werden (S. 93) – das ist die neu eingeführte Bedeutung des Titelworts „Deprovinzialisierung“. Eine Option eröffnet der Text „Der unspektakuläre Widerstand des Materials“ mit dem Blick auf das Museumsdepot als Raum „ausgeblendeter Geschichten“, aber auch als Möglichkeitsraum für Bedeutungsverschiebungen.

Der Beitrag „Errungene Erinnerungen“ nimmt historische Orte nationalsozialistischen Unrechts in den Blick, kritisiert deren auf Täter, Opfer und „Bystander“ reduzierte, mit der aktuellen Migrationsgesellschaft wenig kompatible Multiperspektivität. Sternfeld erblickt in Gedenkstätten „geteilte Räume“ und „agonistische Kontaktzonen“, in denen die Konflikte „legitimer Feinde“ respektiert werden, um diskursiv multiple Geschichtsbezüge aushandeln zu können (S. 142f.).

Die Beiträge „Wo steht die Vermittlung?“ und „Wie wir etwas lernen können, das es noch nicht gibt“ konzentrieren sich auf eine der bekannten fünf Kernaufgaben des Museums, die Ver- oder Übermittlung. Den Museen wird eine einheitliche Grundstruktur unterstellt, denn „wie alle öffentlichen, bürgerlichen Bildungsräume sind sie Orte der Erhaltung bestehender Verhältnisse, Orte einer Geschichte der Disziplinierung und der Gewalt. […] Sie tragen das gewaltvolle Erbe des Kolonialismus in sich, genau wie jenes der bürgerlichen Revolution.“ (S. 172) Darin – und dagegen – agiert Sternfelds Vermittlung „als eine solidarische Form des Handelns inmitten der bestehenden Verhältnisse, aus dem Zwischenraum der Institutionen, die keinen Überblick hat und dennoch eine Position bezieht, die sie verfolgt, ohne sie bereits vollends zu kennen.“ (S. 156) Das Axiom, dass keine Situation alternativlos ist, führt zur Grundhaltung, sich für die jeweilige Alternative zu entscheiden, selbst wenn diese noch nicht greifbar erscheint. Diese irrationale, tatsächlich radikale Verfahrensweise hat den klaren politischen Impetus, „trotz der neoliberalen, sich zunehmend faschisierenden Welt an einer anderen, gleicheren, freieren und solidarischeren Welt zu arbeiten“ (S. 157).

Zwei weitere Beiträge, einer mit reicher Illustration, bieten Einblicke in die pädagogische Arbeit vom „Büro trafo.K“, darunter ein feministisches Vermittlungsprojekt in einer Berufsschule ohne expliziten Bezug auf Museumsarbeit. Den Schluss bildet eine Utopie der eigenen Museumsarbeit in einem als Gehege alter Kämpfernaturen übrig gebliebenen Museum des Jahres 2030.

Dieser Sammelband vereint Texte, die – im besten Sinn – essayistisch angelegt sind: Der Einstieg über ein Fallbeispiel oder einen poetischen Text lenkt sanft zu einem kritisch zugespitzten Phänomen. Mit leichter Hand wechselt die Darstellung beispielsweise von bekannten Begriffen wie „postrepräsentativ“ zu einer utopischen Skizze, die philosophischen Tiefgang eröffnet und zugleich einen neuen Terminus propagiert, „Prä-Präsentation“: „Verhältnisse so verstehen zu lernen, wie sie vielleicht erst in einer anderen Welt verstanden werden könnten, während diese dadurch möglicherweise ein bisschen mehr dazu wird“ (S. 221). Nicht nur an dieser Stelle scheint die Neigung zu Neologismen und individuellen Begriffsverwendungen auf, die die gängige museologische Terminologie negiert (z. B. „Archiv“ für Sammlung oder Magazin, „Para-Museen“ nicht als Bezeichnung von Institutionen, die nur einige der fünf musealen Kernaufgaben erfüllen). Die politische Position ist unübersehbar; viele Beiträge haben Aufforderungscharakter. Ein Beitrag endet mit einer offen gelassenen, metaphorischen Frage: „Wenn das Museum also ein Ort voller versteinerter Konflikte ist, wie küssen wir sie und wie küssen sie uns wach?“ (S. 122)

Die gebündelte Zweitveröffentlichung ergibt manche Redundanzen durch wiederholte Verweise auf einschlägige Literatur oder mehrfache Erläuterungen von Organisationen wie „Büro trafo.K“. Nachteiliger erscheint aber, dass die – für die Einzeltexte berechtigte – Form als Essay niemals verlassen wird. So greift es recht kurz, in einem zentralen Feld museologischer Theorie eine eigene These ohne jede Erörterung hinzustellen (S. 121: „Meine These besteht nun darin, dass die Dinge die Erinnerung der Umwertung in sich tragen. Sie sind Träger der Konflikt- und Gewaltgeschichten […]“) oder die bekannte, gleichwohl bestreitbare museumsgeschichtliche These, Museen seien eine bürgerlich-revolutionäre Erfindung, als axiomatischen Ausgangspunkt zu nehmen.

Den titelgebenden Begriff der Radikaldemokratie leitet die Einleitung recht knapp her und rahmt ihn mit aktuellen internationalen Positionen der Kultur- und Sozialwissenschaften. Die Mehrzahl der Texte erhellt leider nicht, was ein „radikaldemokratisches Museum“ ausmacht oder was der jeweils behandelte Aspekt dazu beiträgt. Über die unhinterfragte These, dass es eine identifizierbare Kernform aller Museen gebe, lässt sich streiten – die Gemeinsamkeiten von Naturmuseen und Kunstmuseen halten sich in engen Grenzen; damit wäre das Grundanliegen (S. 21: „Eine radikaldemokratische Museologie nimmt das Museum zugleich beim Wort und fordert es heraus.“) deutlich relativiert.

Die elegante Ausstattung (englische Broschur, durchgehend zweifarbiger Druck violett/schwarz) macht dieses kämpferische und hochpolitische Buch schmackhaft, das (nicht nur) Verantwortliche für Bildungsarbeit in Museen trotz der genannten Kritik als Ansporn lesen sollten.

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Veröffentlicht am
23.07.2019
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