T. Shepard: Sex, France, and Arab Men

Cover
Titel
Sex, France, and Arab Men, 1962–1979.


Autor(en)
Shepard, Todd
Erschienen
Anzahl Seiten
337 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benno Gammerl, Centre for Queer History, Department of History, Goldsmiths, University of London

Manche werden sich, wenn sie an Bertoluccis “Last Tango in Paris” von 1972 denken, daran erinnern, wie Marlon Brando als Paul in der Butter-Szene Maria Schneider als Jeanne anal penetriert. Dass der Film diese sexuelle Transgression mit Frankreichs Kolonialgeschichte verknüpft, wird dagegen nur wenigen geläufig sein. Jeannes Vater kam als französischer Oberst im algerischen Unabhängigkeitskrieg ums Leben. Auch den meisten zeitgenössischen Kommentator/innen entging diese Verbindung. Der Historiker Todd Shepard von der Johns Hopkins University in Baltimore, Autor einschlägiger Werke zur mediterranen Beziehungsgeschichte Frankreichs[1], zeigt jedoch anhand dieses und zahlreicher anderer Beispiele, wie sehr die „sexuelle Befreiung“ in Frankreich mit der „nationalen Befreiung“ Algeriens verknüpft war. Diese Verknüpfung, so Shepard, prägte die spezifisch französische Variante der „sexuellen Revolution“.

Die Frage, wer wen penetrierte oder als wen penetrierend imaginiert wurde, erweist sich bei der Lektüre immer wieder als ausgesprochen fruchtbar. Mit ihrer Hilfe entwirft Shepard postkoloniale Perspektiven auf die Geschichte der Sexualität und analysiert in erhellender Weise homo- und heterosexuelle Aspekte, radikale Gruppen und breitere Dynamiken sowie schwulenbewegte, feministische und antirassistische Kämpfe.

Das erste Kapitel betrachtet rechts-nationalistische Diskurse, die nach der algerischen Unabhängigkeit von 1962 eine Re-Maskulinisierung Frankreichs forderten angesichts einer vermeintlich dominierenden arabischen Männlichkeit. Im zweiten Kapitel zeigt Shepard dann, wie die rechtsextremen Verweiblichungsvorwürfe nach „1968“ nicht mehr die Gaullisten trafen, die 1962 vor der algerischen FLN buchstäblich ihre Schwänze eingezogen hätten, sondern die Linken und ihren Hedonismus adressierten.

Um die Diskussion über das emanzipatorische Potential sexueller Begegnungen zwischen französischen Schwulen und arabischen Männern, das die front homosexuel d'action révolutionnaire (FHAR) in den frühen 1970er-Jahren propagierte, geht es im dritten Kapitel. Im folgenden Kapitel zeigt Shepard, wie das Bild vom dominanten arabischen Mann, der Männer penetriert, ohne sich selbst als schwul zu begreifen, im der partnerschaftlichen Gleichrangigkeit verpflichteten schwulen Mainstream der späteren 1970er-Jahre zunehmend auf Ablehnung stieß.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Diskussion über das Verbot der Prostitution seit den 1950er-Jahren, das interessanterweise in Algerien und für algerische Soldaten nicht konsequent durchgesetzt wurde. Gleichzeitig diskutiert Shepard die Ängste, die algerische Zuhälter in Frankreich auslösten. Daran anknüpfend analysiert das sechste Kapitel die Kritik, die die Sexarbeiterinnenbewegung ab Mitte der 1970er-Jahre am vermeintlichen Hang arabischer Freier zur Gewalttätigkeit übte. Dass diesen Aktivistinnen dann von linker Seite Rassismus vorgeworfen wurde, thematisiert Shepard ebenfalls. Seine sorgfältig abwägende Darstellung des Gegeneinanders von antisexistischen und antirassistischen Haltungen ist hier besonders lesenswert.

Das siebte Kapitel befasst sich mit verschiedenen Formen der politischen Aufladung des Analverkehrs und mit dessen Entpolitisierung ab Mitte der 1970er-Jahre. Mit den letzten beiden Kapiteln tritt danach die Debatte über Vergewaltigung in den Mittelpunkt. Zunächst schildert Shepard, wie Vergewaltigung als politische Metapher für die brutale Herrschaft der Kolonialmacht über die Kolonie die Stimmen der Opfer übertönte, die von arabischen Männern als Täter berichteten. Dieser Konflikt zwischen Antirassismus und Antisexismus führte, wie das neunte Kapitel überzeugend darlegt, gegen Ende der 1970er-Jahre schließlich dazu, dass sich die feministische Kampagne für eine härtere Bestrafung von Vergewaltigern von dem Versuch verabschiedete, den sexuellen mit dem anti-kolonialen Befreiungskampf zu verbinden. Damit war, so Shepard, die typisch französische Verknüpfung von sexueller und anti-kolonialer Emanzipation an ihr Ende gekommen.

Diese Anordnung jeweils zweier thematisch zusammenhängender Kapitel um eine Zäsur herum – rechtsextreme Diskurse vor und nach 1968, schwuler Radikalismus vor und schwuler Mainstream nach 1975, Diskussionen über Prostitution vor und nach 1962, und Vergewaltigungsdebatten in den frühen und den späten 1970er-Jahren – führt mitunter zu Redundanzen, die das Lesevergnügen aber nicht beeinträchtigen. Das Buch ist sehr gut geschrieben und verliert sich nur selten in allzu vielen Details. Meist zitiert Shepard jedoch in ebenso einleuchtender wie erhellender Manier aus seinen politischen und literarischen Debatten sowie verschiedenen populärkulturellen Genres entstammenden Quellen.

Wie wichtig und lohnend das Buch ist, zeigen Shepards Ausführungen zu Migration, schwulem Aktivismus und mann-männlichem Begehren. Wie die Aktivisten der FHAR die Allianz zwischen schwulen und arabischen Männern beschworen, wird eindrücklich beschrieben. Indem „weiße“ Franzosen sich penetrieren ließen, so das FHAR-Argument, ermöglichten sie es ihren „arabischen“ Partnern, sich für das Leid zu rächen, das Frankreich ihren Heimatländern zugefügt hatte (S. 92). Gleichzeitig sollte den Einwanderern so ein Ausweg aus ihrer von kapitalistischer Ausbeutung und rassistischer Ausgrenzung verursachten „sexuellen Notlage“ eröffnet werden. Und die intimen Kontakte sollten über soziale und kulturelle Grenzen hinweg „echte „ Beziehungen stiften. So geriet der zwischenmännliche Sex zu einer politischen Strategie. „Schwule“ und „Araber“ sollten sich gegenseitig motivieren zum Kampf gegen Homo- und Xenophobie.

Doch bei dieser Selbstdarstellung der FHAR bleibt Shepard erfreulicherweise nicht stehen. Er diskutiert auch die von linken und migrantischen Aktivisten formulierte Sorge, das Bündnis mit den Schwulen könne einheimische wie zugewanderte Genossen abschrecken (S. 84). Außerdem kritisierten einige den impliziten Rassismus des FHAR-Diskurses, der die algerische Männlichkeit vereinnahmte, ohne algerische Männer zu Wort kommen zu lassen, und der im Modus der sexuellen Unterwerfung die imperiale Geste der Bevormundung wiederholte (S. 79). Problematisiert wurde ferner die Idealisierung des arabischen Männerbegehrens, die dessen patriarchale und misogyne Implikationen ausblendete (S. 111). Aus psychoanalytischer Perspektive wurde den radikalen Schwulen sogar eine ödipale Fixierung auf ihre arabischen Sexpartner unterstellt.

Zudem stellte sich die Frage, ob der bloße Tausch der Rollen – „Araber“ nicht mehr als penetrierte Jünglinge, sondern als penetrierende Kerle – eine auf europäischen Privilegien basierende sexuelle Ausbeutung verhindern konnte (S. 88). Schließlich bestand ein weiteres Problem darin, dass arabische Männer, die sich eine schwule Identität im westlichen Sinn zulegten, aufgrund der anti-kolonialen Rahmung der Debatte kein Gehör fanden (S. 124). Hier wäre es spannend gewesen, den Dynamiken der Interaktionen zwischen „arabischen“ und „französischen“ Männern mithilfe von Ego-Dokumenten oder Zeitzeugeninterviews genauer nachzuspüren. Allerdings zeigt Shepard auch so überzeugend, wie die Kämpfe gegen Rassismus und Homophobie in den frühen 1970er-Jahren miteinander verknüpft wurden, und warum diese Verbindung sich wenig später wieder löste.

Damit trägt das Buch ganz maßgeblich zu dem noch jungen Forschungsfeld bei, das Sexualitäten- und Migrationsgeschichte miteinander verschränkt. Zudem interveniert es wohltuend unaufgeregt in die hitzige Debatte über Homonationalismus. Die Forderung nach Akzeptanz sexueller Vielfalt konnte auch im 20. Jahrhundert schon mit rassistischen und islamophoben Haltungen einhergehen. Die Kämpfe für sexuelle Emanzipation und gegen rassistische Ausgrenzung konnten sich jedoch auch gegenseitig verstärken. Welche Variante zum Tragen kam, hing von der Situation ab, aber auch davon, was die einzelnen Akteure daraus machten.

Anmerkung:
[1] Todd Shepard, The Invention of Decolonization. The Algerian War and the Remaking of France, Ithaca 2006; Patricia M. E. Lorcin / Todd Shepard (Hrsg.), French Mediterraneans. Transnational and Imperial Histories, Lincoln 2016.