Zwei neue Studien zu Pompeius Trogus und Justin

: Ripensare la storia universale. Giustino e l'Epitome delle Storie Filippiche di Pompeo Trogo. Hildesheim  2018. ISBN 978-3-487-15660-6

: Griechische Weltgeschichte auf Latein. Iustins "Epitoma historiarum Pompei Trogi" und die Geschichtskonzeption des Pompeius Trogus. Stuttgart  2018. ISBN 978-3-515-12143-9

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Günther, Institute for the History of Ancient Civilizations, Northeast Normal University, Changchun, China

Trotz des schon seit einiger Zeit wiedererwachten Interesses an den Breviaria und Epitomai der Spätantike und des Drucks gerade auf jüngere Gelehrte, auch abseits klassischer Themen ihre Qualifikationsarbeiten zu verfassen, um im Forschungs- und Stellenwettbewerb zu bestehen, ist es bemerkenswert, wenn fast zeitgleich zwei Arbeiten zum Geschichtswerk des in der Frühen Kaiserzeit schreibenden Pompeius Trogus, erhalten im spätkaiserzeitlichen Auszug des Justin (und den Inhaltsangaben liefernden Prologi) erscheinen, die zudem ähnliche Forschungsfragen angehen. Zuvorderst besteht beider Ansatz darin, Justin nicht als reinen, stumpfsinnigen Kompilator – wie in der älteren Forschung üblich – zu charakterisieren, sondern dessen bewusste (Re-)Strukturierungen und Intentionen bei der Auswahl aus den Historien des Pompeius Trogus offenzulegen. Anschließend fragen beide Autorinnen nach dem, was eigentlich von Pompeius Trogus und dessen Geschichtsbild im Kontext der Formierung des Prinzipats bleibt.

Dabei wählt Alice Borgna in ihrer Dissertationsschrift einen traditionelleren Ansatz, indem sie nach einer Einleitung mit Entwicklung ihrer Fragestellung zunächst die vorhandenen Informationen über Pompeius Trogus und dessen Werk inklusive Werktitel bietet und sich jeweils kurz mit den Forschungsdiskussionen auseinandersetzt (Kapitel 2 und 3), bevor sie sich intensiv Justin und dessen Arbeit bei der Kompilation widmet (Kapitel 4–7). Hernach lässt sie das Pendel zurückschwingen und fragt nach den Propria des Pompeius Trogus hinsichtlich Werkkonzeption und Ausrichtung, insbesondere dessen oft behauptete romkritische Perspektive (Kapitel 8–12). Ein Resümee, umfangreiche Bibliographie, Indizes sowie eine knappe englische Zusammenfassung beschließen den Band.

Borgna versteht es insgesamt, Justin und Pompeius Trogus mit ihren verschiedenen Stilen und Intentionen voneinander zu scheiden. Justin ist für sie dabei nicht so sehr ein Historiograph, denn ein zu Beginn des 4. Jahrhunderts v.Chr. bewusst eindrucksvolle exempla auswählender Autor. Diese prominent präsentierten Beispiele, die im Vergleich mit den Inhaltsangaben liefernden Prologi als solche identifizierbar sind, seien systematisch im Schema Beginn-Entwicklung-Endpunkt angeordnet, spiegelten hingegen weniger die historische Komplexität von Zeit und Raum. Hiermit antworte Justin auf sein spätantikes Lesepublikum, insbesondere liefere er damit Stoffgrundlage für Rhetorenschulen, deren Schüler mit Beispielen und Anekdoten operieren mussten (bes. S. 121–123).

Durch diese intentionale Neujustierung seitens Justins werde natürlich eine Rekonstruktion des Werkes des Pompeius Trogus in Form und Struktur erschwert (vgl. bes. S. 129f.), jedoch hinsichtlich der Substanz nicht unmöglich gemacht. Im Vordergrund stehen dann Trogus’ Rationalisierungstendenzen in der Beschreibung von Ereignissen, etwa bei konkurrierenden religiösen Erklärungsansätzen, sowie dessen ethnographische und lokalhistorische Interessen (vor allem bezüglich der gallischen Heimat), die sich zu einer Universalgeschichte verknüpfen. Hierhin gehört auch eine intensive Auseinandersetzung mit der angeblichen Romfeindschaft des Pompeius Trogus durch die Ausblendung großer Teile der römischen Geschichte und die Einbindung romkritischer Passagen wie etwa den Partherstücken. Ansprechend deutet Borgna diese weniger als tatsächliche Kritik oder gar Opposition gegen Rom, sondern als Ermahnung, mittels Eintracht (die in dynamischen Widerstreit mit ihrem Gegenstück, der Zwietracht, geschichtliche Verläufe ermögliche) und Frieden menschliche Auswüchse wie Gier zu unterdrücken (bes. S. 184f.), wobei der universale Ansatz ein Komplementärstück zur romzentrierten Geschichte des Titus Livius darstelle.

Umfassend analytisch macht sich Dagmar Hofmann ans Geschichtswerk des Pompeius Trogus und Justins Epitoma. Anstatt allein die traditionellen wenigen Quellen und vermuteten Anspielungen zur Datierung Justins heranzuziehen, wertet sie in ihrer Habilitationsschrift dessen Auswahl und teilweise Umstrukturierung der Geschichte des Pompeius Trogus in sprachlicher wie systematisch-inhaltlicher Hinsicht aus, wobei die entsprechenden Tabellen im Anhang (S. 227–380) beredt Zeugnis von dieser Kärrnerarbeit ablegen. Sie kann damit Eingriffe Justins auf allen Ebenen, von kleineren sprachlichen Veränderungen (festzustellen anhand spätantiken Vokabulars) bis hin zu Gewichtsverschiebungen bei der Auswahl bzw. Auslassung von Episoden ausmachen, die trotzdem durch entsprechende Einschübe und Fazits ausbalanciert werden; somit wird weitgehend das historische Konzept des Pompeius Trogus beibehalten. Vor allem sprachliche Details und die Parallelen zu anderen Epitomai bzw. Breviarien machen für Hofmann eine Datierung ins 4. Jahrhundert wahrscheinlich; anders als Borgna sieht sie für eine potentielle Datierung vor das Jahr 321 n.Chr. keine hinreichende Beweiskraft in einer Passage aus einem der Panegyrici Latini (4/10,20,1–2; vgl. Borgna, S. 41, 124-127; Hofmann, S. 25). Ähnlich wie Borgna, aber umfangreicher, stellt sie die zeittypische Verknüpfung von historischen, bildungsintellektuellen und rhetorischen Elementen in diesen Werken und somit auch als signifikant für Justins Ansatz heraus. Delectare et prodesse, Unterhaltung und Belehrung durch Exempla seien dabei leitend; insbesondere auch „Privates“, das teilweise „Politisches“ verdränge, und zeitgenössisches Interesse an bestimmten Themen oder Völkern lassen sich hier aufzeigen.

Für Pompeius Trogus sieht Hofmann, wie auch im Titel ihres Buches ausgedrückt, das Schreiben einer griechischen Weltgeschichte auf Latein maßgeblich. Dies sei ein spezieller universalhistorischer Ansatz, der chronologische Grundstruktur mit geographischen und thematischen Einschüben respektive Unterbrechungen vereine. Damit erteilt sie sowohl pro- wie anti-römischen Deutungen der Forschung, die unter Verweis auf die Idee einer translatio imperii bzw. auf die als romkritisch lesbaren Passagen (samt einer programmatischen Interpretation des nicht zweifelsfrei gesicherten Werktitels Historiae Philippicae) artikuliert wurden, zugunsten einer griechischen Kulturverbreitung im gesamten orbis terrarum eine Absage. Dass der Historiker dies auf Latein tut, zeigt für sie das Innovative in Pompeius Trogus, der sich damit sowohl von den griechischen Universalhistorikern wie Diodor als auch von der rein Römischen Geschichte des Titus Livius gleichermaßen absetze.

Im direkten Vergleich schneidet Hofmanns Opus trotz vieler ähnlicher Ergebnisse wie bei Borgna überzeugender ab. Sauberer gearbeitet und in tieferer Auseinandersetzung mit Quellen wie Forschungsliteratur setzt ihre Arbeit Akzente und Impulse, die in der Arbeit Borgnas zwar ebenfalls, aber weniger umfassend und manchmal vorsichtiger formuliert aufscheinen. Dies zeigt sich nicht nur in der detaillierten Präsentation von Methode und Analyse, die jeden Schritt gut nachvollziehbar macht, sondern etwa auch in der breiten Diskussion der Konzeption von Universal- bzw. Weltgeschichte in der Antike, besonders zur Zeit des Pompeius Trogus (S. 181–200). Beide Schriften wird man jedoch gerne und stets zusammen nutzen wollen, um den vielen Rätseln um das Werk von Pompeius Trogus in Justins Epitome weiterspüren zu wollen.

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08.10.2019
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