Titel
Childhood in Modern Europe.


Autor(en)
Heywood, Colin
Reihe
New Approaches to European History (56)
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 286 S.
Preis
€ 37,85
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Frank Henschel, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Kindheitsgeschichte, das belegt die stetig steigende Zahl von Publikationen und Tagungen in den letzten Jahren, hat sich zu einem florierenden Feld der Historiographie entwickelt. Lange Zeit hindurch bildete die Beschäftigung mit der „Kindheit“ eher einen Annex der Familien-, Bildungs- oder Fürsorgegeschichte, doch mittlerweile wird sie als eine der fundamentalen gesellschaftlichen Differenzkategorien anerkannt, die der Bedeutung von beispielsweise „Geschlecht“, „Nationalität“ oder „Behinderung“ gleichkommt. Die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin und Historikerin Meike S. Baader und ihre Kolleg/innen haben in einem 2014 erschienenen Sammelband, der eine Art Initialzündung für das Revival der deutschsprachigen Kindheitsgeschichte darstellt, betont, „dass sich in den jeweiligen Diskursen über Kindheit charakteristische Elemente – principia media – der jeweiligen Epochen der Moderne wie in einem Brennglas spiegeln.“[1]

„Modern“ steht auch im Titel der hier zu besprechenden Monographie des britischen Historikers Colin Heywood, der sich insbesondere auf die Kindheit in Frankreich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert spezialisiert hat. Nach einem Überblick über die Geschichte der Kindheitsforschung und ihre disziplinären Beziehungen zur Psychologie, Pädagogik und Soziologie steigt er in eine chronologisch und systematisch aufgebaute Darstellung ein. Diese ist in drei große Blöcke geteilt, die mit „Childhood in Villages, Eighteenth and Nineteenth Centuries“, „Childhood in Towns, c. 1700-1870“ und „Childhood in an Industrial and Urban Society, c. 1870-2000“ überschrieben sind und aus jeweils drei bis vier Unterkapiteln bestehen. Die ähnliche Struktur der einzelnen Blöcke erleichtert die Orientierung und spiegelt das Darstellungsinteresse Heywoods: Das erste Unterkapitel präsentiert jeweils die dominanten Vorstellungen und Bilder von Kindheit im zeitlichen und sozialen Rahmen, während in den weiteren Kapiteln die sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Lebenswirklichkeiten von Kindern aufgefächert werden. Arbeit, Schule und Religion sind die primären Felder, die in ihrer Bedeutung für einzelne Klassen und Schichten analysiert werden. Heywood verstrebt also beides: einerseits die Diskurse über Kindheit, ihre zeitlichen, strukturellen und moralischen Grenzen; andererseits das Kindsein, also die materielle und körperliche Ebene, die, darauf weist der Autor ausdrücklich hin, nicht vernachlässigt werden dürfe. In diesem Zusammenhang warnt er vor einem Zuviel an Dekonstruktion und Kritik mit Blick auf die Normen und Bedingungen der Kindheit in historischer Perspektive. Für ihn steht fest, dass Kindheit als distinkte Lebensphase eine globale anthropologische Konstante darstellt: „There is no society that does not acknowledge that children (however they are defined) are very different from adults, have different needs, and have different roles and expectations placed on them.“ (S. 7) Die Bedürfnisse, Rollen und Erwartungen sind es, derer sich die Geschichtsforschung im Einzelnen widmen müsse.

Ein Grundproblem jedoch bleibt: Das fraglos bestehende Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen bedingt eine Quellenarmut auf Seiten der Kinder als historische Akteure. Kindheit, kindliches Leben und Erleben werden meist aus der Perspektive der Erwachsenen überliefert. Diesen Makel versucht Heywood durch die Hinzuziehung von Ego-Dokumenten und Oral History-Quellen abzumildern. Ein anderes Bias wird zwar angesprochen, aber mit weniger Vehemenz zu beseitigen versucht: Der modernen Kindheit nähert sich der Autor nämlich vor allem in West- und Nordeuropa. Heywood reflektiert zwar diesen Umstand und wirft vergleichende oder exemplarische Blicke nach Süd- und Osteuropa. Doch das greift zu kurz, um eine tatsächlich gesamteuropäische Geschichte der Kindheit zu erzählen, und es konterkariert in gewisser Weise auch seine eingangs aufgestellte These über die Universalität der Kindheit. Er begründet diesen Fokus auf den Nordwesten des Kontinents damit, dass hier die wesentlichen Entwicklungen stattfanden: „It was countries such as Britain, France, Germany and Sweden that made much of the running in the changes that occured.“ (S. 11) Diese Behauptung ist kaum haltbar angesichts des mittlerweile breiten Forschungsstandes zur Kindheit in den ostmittel- und osteuropäischen Gesellschaften. Die Literatur zeigt, dass sich hier sehr wohl entscheidende Wandlungsprozesse abgespielt und für eine Geschichte der europäischen Kindheit zu berücksichtigende Spezifika herausgebildet haben.[2]

Heywoods Buch soll aber auch keine erschöpfende Darstellung sein, sondern Über- und Einblicke in kindliche Lebensrealitäten in den letzten 250 Jahren liefern. Das gelingt dem Autor gut, auch wenn aufgrund dieser Anlage eine kritische Kontextualisierung und Analyse der Kindheitskonzepte und Kindheitspolitiken eher knapp ausfällt. Den roten Faden seiner Analyse bildet die kritisch konstatierte Tendenz der Forschung zu einer „Whiggish“, also positivistisch-teleologischen, Perspektive, die die moderne, geschützte Mittelschichtskindheit der Gegenwart als Norm und Ziel der Geschichte betrachte. In jedem Fall ist es dem Autor sehr positiv auszulegen, dass er sich keineswegs auf die leichter greifbaren Kindheiten der Ober- und Mittelschichten beschränkt, sondern alle sozialen Klassen, Schichten und Gruppen einbezieht. Letztlich sieht er in der sozialen Position des Kindes auch den wichtigsten Faktor für die unterschiedlichen Auffassungen und Verläufe von Kindheiten. So ist es im besten Sinne eine Sozialgeschichte der Kindheit, die Heywood auf knapp 250 Seiten anbietet.

Heywood vermeidet auf diese Weise eine Romantisierung wie Verdammung vergangener Kindheiten, sondern arbeitet in jedem einzelnen Kapitel die wichtigsten Punkte des Lebens, Arbeitens und Lernens von Kindern heraus. Gefahren und Belastungen wie Hunger, Krankheit, Armut oder harte körperliche Arbeit werden so zu Merkmalen einer bestimmten, zeitlich-räumlich eingegrenzten Kindheit. Während einige davon gebannt seien, wurden andere transformiert: Standardisierte, normierte und intensivierte Schularbeit, die auf zukünftige Fähigkeiten statt auf die Ausnutzung bestehender Fertigkeiten abhebe, wurde seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zum Surrogat der kindlichen Erwerbsarbeit. Die Kodifizierung von Rechten zum Zweck des Schutzes von Kindern im Verlauf des 20. Jahrhunderts verweise gleichzeitig auf die Fortexistenz von Gefahren und Verletzungen von Kindern. Es sei dennoch nicht hoch genug einzuschätzen, dass sich ausgehend von der Philosophie und Pädagogik des 18. Jahrhunderts – Rousseaus Emile wird als Initialzündung genannt – nach und nach neue Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts Gewaltfreiheit in der Erziehung als Norm durchsetzten. Nur dürften wir nicht davon ausgehen, dass sie für alle oder auch die Mehrheit von Kindern gelten, denn zahlreiche soziale Probleme, die eine erhöhte Verletzlichkeit von Kindern bedingen, bestünden fort. Konsumfixierung, Überforderung und die Ausbeutung von Mensch und Umwelt seien zudem nur einige der Problemkreise, die eine Idealisierung der gegenwärtigen Kindheit verbieten.

Heywood liefert mit seiner fokussierten und trotz der geäußerten Kritik anzuerkennenden Literatur- und Quellenexegese zur Geschichte der Kindheit ein nützliches und sehr gut lesbares Buch. Bahnbrechende Erkenntnisse, neue Zugänge oder eine umfassende Präsentation der Forschungsliteratur – tatsächlich gibt es im Anhang nur eine knappe Liste weiterführender Werke, kein ausführliches Literaturverzeichnis – finden sich nicht. Eine solide Zusammenfassung der Kindheitsgeschichte im Rahmen einer Sozial-, Familien- und Bildungsgeschichte (West-)Europas seit dem 18. Jahrhundert bekommt man aber in jedem Fall.

Anmerkungen:
[1] Meike S. Baader / Florian Eßer / Wolfgang Schröer, Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, in: dies. (Hrsg.), Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, Frankfurt am Main 2014, S. 7–20, bes. S. 16.
[2] Nick Baron (Hrsg.), Displaced Children in Russia and Eastern Europe, 1915-1953. Ideologies, Identities, Experiences, Leiden 2016; Catriona Kelly, Children's World. Growing up in Russia, 1890-1991, London 2007. Für weitere Literatur zu Kindheit in (sozialistischen) Gesellschaften Ost(mittel)europas siehe Martina Winkler, Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, Göttingen 2017, bes. S. 135–138.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.09.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/