Cover
Titel
Ja heißt Ja?. Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex


Autor(en)
Torenz, Rona
Erschienen
Stuttgart 2019: Schmetterling Verlag
Anzahl Seiten
168 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Julia Molin, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

In aktuellen Debatten um sexuelle Zustimmung und Prävention vor sexualisierter Gewalt wird das Zustimmungskonzept „Ja heißt Ja“ – der Nachfolger des feministischen Slogans „Nein heißt Nein“ – international verbreitet und gefeiert. Mit dieser positiven Umformulierung ist Einvernehmlichkeit nur dann vorhanden, wenn alle Beteiligten einer sexuellen Interaktion ihr ausdrückliches Einverständnis dazu kommuniziert haben: Nicht die Abwesenheit eines „Neins“, sondern nur ein ausdrückliches „Ja“ gilt demnach als Zustimmung. Wie ein Kinder-Überraschungs-Ei soll die Formel „Ja heißt Ja“ gleich drei Wünsche im Feld der Sexualkultur erfüllen: sexualisierte Gewalt und Grenzverletzungen präventiv verhindern, die Verantwortung für Grenzverletzungen auf den initiierenden Part verlagern und damit die Beweislast in Fällen sexueller Übergriffe umkehren sowie sexuelle Begegnungen sogar „befriedigender“ machen. Inwiefern das Konsensprinzip seinen Verheißungen gerecht werden kann – und ob es sich aus feministischer Perspektive um ein effektives und emanzipatorisches Konzept zur Prävention vor sexualisierter Gewalt handelt –, untersucht die Sexualwissenschaftlerin Rona Torenz in ihrem Buch Ja heißt Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex. Das Buch beleuchtet die Grundlagen aktueller Debatten um sexuelle Zustimmung und unterzieht das Konsensprinzip und seine expliziten wie impliziten Forderungen einer kritischen Analyse. Zentral ist für Torenz dabei die Frage, inwiefern das Konsensprinzip dazu fähig ist, heteronormative Machtverhältnisse zu verändern – oder ob es diese unbewusst reproduziert.

Auftakt des Buches ist die Feststellung einer auf den ersten Blick paradoxen gesellschaftlichen Ausgangslage: Einerseits wird heute das Einverständnis aller Beteiligten als Grundvoraussetzung gelungener, nicht-gewalttätiger Sexualität allgemein, moralisch und rechtlich anerkannt, andererseits hat zum Beispiel die #Metoo-Bewegung die Allgegenwärtigkeit von sexualisierter Gewalt aufgezeigt und Diskussionen um deren Definition ausgelöst. So wird auf den zweiten Blick klar, dass oft kein Konsens darüber herrscht, wo die Grenze zwischen Einvernehmlichkeit und Gewalt gezogen werden soll. Heteronormative Geschlechterbilder sind im Feld des Sexuellen besonders hartnäckig, erschweren oder verhindern diese Grenzziehungen und können auch in emanzipatorischen Ansätzen reproduziert werden. Ziel der Autorin ist es nun, die stillschweigenden Annahmen des Konsensprinzips herauszuarbeiten, um die „herrschaftsstabilisierenden Momente der Diskurse um ausdrückliches Einverständnis […] reflektierbar und somit veränderbar zu machen.“ (S. 16) Zentral für diesen Versuch sind das Macht- und Sexualitätsverständnis von Michel Foucault sowie Judith Butlers Konzept der Heteronormativität.

Im zweiten Kapitel des Buches werden zunächst die für das Verständnis der heutigen feministischen Debatten um sexuelle Selbstbestimmung und Zustimmung wichtigen historischen Entwicklungen skizziert. Torenz setzt hier bei der „sexuellen Revolution“ um 1968 an und zeichnet eine Linie nach, die von Prozessen gesellschaftlicher Liberalisierung und dem feministischen Kampf für sexuelle Selbstbestimmung über Individualisierungsprozesse bis hin zur neoliberalen Verhandlungsmoral samt ihrer Verinnerlichung normativer Zwänge der heutigen Subjekte führt.

Darauf folgt im dritten Kapitel eine Bestandsaufnahme der Debatten um sexuelle Zustimmung und sexualisierte Gewalt in den USA und Deutschland seit den 1990er-Jahren bis hin zu den aktuellen Debatten von „Ja heißt Ja“ und deren Entstehung, Grundlagen und Merkmale. Torenz arbeitet heraus, wie aktuelle Debatten auf der Subjektebene ansetzen, eher individualistische Lösungsvorschläge liefern und damit die Sicht auf kollektive, politische Bedingungen versperren. Im Neoliberalismus, so eine ihrer zentralen Aussagen, werden Bestrebungen der sexuellen Selbstbestimmung zu einer therapeutisch angeleiteten „Sorge um sich selbst“ (S. 45) und gleichzeitig ein Gradmesser für die eigene Emanzipation.

In den darauffolgenden drei Kapiteln werden unter Zuhilfenahme aktueller empirischer Studien zu Sexualverhalten und Konsens zentrale Merkmale des Konzepts und die damit zusammenhängenden Handlungsanweisungen Schritt für Schritt kritisch diskutiert. Denn „Ja heißt Ja“ formuliert bestimmte Kriterien für Zustimmung: Sie muss ausdrücklich und informiert kommuniziert werden; auf Voraussetzungsfreiheit beruhen (d. h. vor jeder neuen sexuellen Handlung erneut eingeholt werden); dabei liegt die Verantwortung stets auf dem initiierenden Part; und Grundvoraussetzung sind die Zustimmungsfähigkeit und Freiwilligkeit aller Beteiligten. Die Analyse beleuchtet diese Kriterien dabei nicht nur aus liberal- und radikalfeministischen Perspektiven, sondern antizipiert zudem mögliche Erfolgschancen im Kontext der Gewaltprävention. Hier versucht Torenz eine Position zu finden, die sowohl strukturellen Machtverhältnissen als auch der Handlungsmacht der Subjekte innerhalb dieser Rechnung trägt. Vor dem Hintergrund ihrer multiperspektivischen Betrachtung macht die Autorin konkrete Vorschläge für eine Schärfung und Erweiterung von Zustimmungskonzepten. Am Ende kommt Torenz zu dem Schluss, dass das Zustimmungskonzept „Ja heißt Ja“ seinem emanzipatorischen Anspruch nicht gerecht wird. Sowohl auf der Ebene der praktischen Umsetzung als auch auf subjekttheoretischer Ebene setzt ihre zu drei „zugespitzten Thesen“ formulierte Kritik im letzten Kapitel des Buches an.

Erstens setze „Ja heißt Ja“ autonome, rational handelnde Subjekte voraus, die stets wissen, was sie wollen, und dazu fähig sind, ihre sexuellen Wünsche offen und eindeutig zu kommunizieren. Das Konzept bleibe damit einerseits einer neoliberalen Verhandlungsmoral verhaftet, die so tut, als könnten Herrschaftsverhältnisse auf einer kommunikativen Ebene aufgehoben werden. Es stelle andererseits unrealistische, mit Alltagskonventionen häufig unvereinbare Anforderungen an die Individuen. Eindeutigkeit schließe Ambivalenzen und die „Multidimensionalität sexuellen Wollens“ (S. 148) aus. Grenzverletzungen seien damit im „Ja heißt Ja“ die Folge einer Unfähigkeit zu dieser offenen, eindeutigen Kommunikation.

Zweitens werden laut Torenz „Selbst-Techniken der Macht“ (S. 150) unzulänglich reflektiert. Denn „Ja heißt Ja“ impliziere eine Gleichsetzung von Wollen und Begehren und vermittle den Eindruck, dass Zustimmung, die ohne äußere Zwänge und freiwillig gegeben würde, automatisch unproblematisch wäre. Hier würde nicht nur eine Sichtweise auf Begehren als herrschaftsfrei und quasi a priori existierend reproduziert, sondern es würden auch andere soziale Motivationen für und individuelle Bedeutungen von Sexualität ausgeblendet. Konsens werde als Garant für „guten“ im Sinne von lustvollem Sex konzeptualisiert und dabei würden heteronormative Selbstzwänge, die das Wollen und die Begehrensformen strukturieren, unsichtbar gemacht.

Drittens würden heteronormative Sexualitätsvorstellungen wie aktiv/männlich und passiv/weiblich im „Ja heißt Ja“ dadurch reproduziert, dass die „Grammatik“ des Konzepts einen initiierenden und einen passiven Part voraussetze. Das Pendant zur Rolle des verantwortlichen, aktiven Mannes sei dann die Rolle der verletzbaren, schutzbedürftigen Frau.

Aufgrund dieser Kritikpunkte betrachtet Torenz das Konzept zusammengefasst als zu liberal, da es sexuelle Aushandlungspraktiken individualisiere und strukturelle Machtverhältnisse aus dem Blick verliere. Gleichzeitig sei es zu wenig liberal, da es moralisch aufgeladene Aussagen darüber treffe, was „guter“ Sex sei und wie er ablaufen solle. Auf Grundlage ihrer kritischen Analyse entwickelt die Autorin am Schluss Vorschläge zur Neuformulierung feministischer Strategien gegen sexualisierte Gewalt. Sie plädiert unter anderem für eine fehlerfreundliche Sexualkultur, die einen realistischen Umgang mit Ambivalenzen und Grenzverletzungen ermöglicht und diese als Teil der Sexualität versteht. Laut Torenz sollten sich Präventionskonzepte weniger um Zustimmung drehen, sondern vielmehr um die Sichtbarmachung und Bekämpfung von Machtungleichheiten – mit der Befähigung zur Selbstreflexion der Subjekte als Ziel.

Die von Torenz vorgelegte Analyse stellt sich einer großen Herausforderung: Denn will man sexuelle Zustimmung untersuchen und bestimmen, sieht man sich bald mit Fragenkomplexen konfrontiert, in denen sich moralische, philosophische, strafrechtliche, kulturelle und alltagspraktische Problemstellungen überlappen und nach einer differenzierten Analyse verlangen. Ist Zustimmung eine Handlung oder ein Bewusstseinszustand? Ist Einverständnis synonym mit Wille und Lust? Haben Menschen innerhalb gegebener Strukturen überhaupt einen freien Willen? Es gelingt Torenz meines Erachtens, sich dieser Herausforderung zu stellen, souverän innerhalb dieses Komplexes zu navigieren und das Konzept „Ja heißt Ja“ differenziert zu untersuchen. Darin liegt die große Stärke des vorliegenden Buches: Torenz zeigt die Komplexität des Gegenstandes auf, beleuchtet die Verwobenheit von Sexualität und heteronormativen Strukturen und regt zum kritischen Weiterdenken an. Das Buch liefert zudem eine gute Darstellung historischer wie aktueller Debatten um sexualisierte Gewalt und erweitert durch ihre eigene Position die wissenschaftliche und feministische Auseinandersetzung mit sexueller Zustimmung. Für euphorische „Ja heißt Ja“-Befürworter/innen mag das vielleicht eine ernüchternde Lektüre sein. Aber umso wichtiger sind die Implikationen für die Sexualpädagogik und für Präventionsmaßnahmen. Das heißt nicht, dass „Ja heißt Ja“ per se zu verwerfen ist – allerdings erscheint es nach der Lektüre als ratsam und sinnvoll, die Verheißungen des Konzepts mit Vorsicht zu genießen und den Versuch, einzelne Modelle als Allheilmittel zu konzipieren, zu vermeiden.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.07.2019
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/