S. Jäger: Bundesdeutscher Protestantismus und Geschlechterdiskurse 1949–1971

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Titel
Bundesdeutscher Protestantismus und Geschlechterdiskurse 1949–1971. Eine Revolution auf leisen Sohlen


Autor(en)
Jäger, Sarah
Erschienen
Tübingen 2019: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
XIII, 456 S.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Gause, Evangelisch-Theologische Fakultät, Ruhr-Universität Bochum

Die vorliegende Monographie stellt die überarbeitete Fassung der Dissertation von Sarah Jäger dar, die sich auf die Frage nach dem Umgang des Protestantismus mit gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen und den ihnen zugrundliegenden Geschlechterrollen fokussiert und ethische Debatten zu Familie, Ehe und Sexualität innerhalb der Anfangsjahre der Bundesrepublik nachzeichnet.

Der einführende Teil widmet sich methodischen Klärungen und den theoretischen Zugriffen auf das Themenfeld, in dem Individualisierungs- und Geschlechtertheorien als einander ergänzende Perspektiven fungieren. Deutlich gemacht wird, dass es in der zeitgeschichtlichen Forschung auch darum gehen muss, den „Konstruktionsprozess der Geschlechterdifferenz sichtbar zu machen“ (S. 35). Der „Mentalitätsraum des Protestantismus“ (S. 43) in der Nachkriegszeit wird so im Hinblick auf Geschlechterrollen an ausgewählten Themenfeldern präsentiert. Im Hauptteil zu materialethischen Themenfeldern werden zunächst Individualisierungsprozesse als Herausforderung für den Protestantismus, ihre Abwehr und Kritik rekonstruiert. Drei Themenbereiche werden untersucht: die Familienbilder, Schriften und Hefte zur sexuellen Aufklärung von Mädchen, Jungen, Eheleuten und Eltern sowie schließlich das protestantische Engagement gegen „‚Schmutz und Schund‘ in Literatur und Film“ (S. 5).

Jäger erläutert, wie der Protestantismus in der Nachkriegszeit zunächst an tradierten Familienleitbildern festhielt, die „Rekonstruktion einer traditionellen bürgerlich-christlichen Familie“ (S. 59) versuchte und eine rigide Sexualmoral vertrat, bis ab den 1960er-Jahren eine Öffnung begann. Fragen des Familienrechts wurden innerhalb von evangelischer Kirche und Theologie engagiert diskutiert. Durch den Gleichberechtigungsparagraphen im Grundgesetz Artikel 3 angestoßen gründete sich unter anderem die evangelische Familienrechtskommission und die Eherechtskommission der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 1951. Die Neugründung von „Mütterschulen“ im evangelischen Raum zeigte bereits Verschiebungen im Frauen- und Mutterbild: Die „essentialisierte Vorstellung einer naturgegebenen Mütterlichkeit“ (S. 75) wurde in den 1960er-Jahren aufgegeben und stattdessen von Rollen bzw. Aufgaben im Leben der Frauen gesprochen.

Das 1950 gegründete Müttergenesungswerk verharrte dagegen in alten Rollenbildern und beklagte die Doppelrolle von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Letztlich blieb als Leitbild die bürgerliche „Normalfamilie“ intakt, die in den Nachkriegsverhältnissen entstandenen variierenden Familienmodelle (Alleinerziehende bzw. unverheiratete Mütter, Witwen mit Kindern und neuen Partnern) wurden nicht als Hinterfragung des traditionellen Ehe- und Familienmodells der intakten (Klein-)Familie verstanden.

Ehevorbereitung, „Geschlechtererziehung“ und Sexualaufklärung bilden das nächste untersuchte Feld. Die evangelische Kirche favorisierte die Ehe als die einzige Institution, in der Sexualität gelebt werden durfte, und engagierte sich im Feld der Ehevorbereitung und -gestaltung. Dies geschah auch in zahlreichen Eheratgebern, die entgegen dem liberalen Kinsey-Report außerehelichen Geschlechtsverkehr strikt ablehnten. Im Bereich der Sexualerziehung Jugendlicher zeigte sich dieselbe Tendenz. Obwohl Partnerschaftlichkeit betont wurde, hielt die Kirche an einer Wesensverschiedenheit fest: „Sie [die Frau] ist, ihrer Veranlagung nach, der Welt des Leiblich-Seelischen näher als der männliche Mensch, der wiederum der geistigen Welt nähersteht.“ (S. 127) Der geforderte verantwortungsvolle Umgang mit Sexualität ging einher mit detaillierter Sexualaufklärung, einer „sexuellen Revolution“ mit anderen Mitteln.

Auch die schon im Kaiserreich entstandene protestantische Sittlichkeitsbewegung veränderte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: In der Bundesrepublik engagierten sich die ProtestantInnen hauptsächlich gegen die sogenannte „Schmutz- und Schundliteratur“. Dass deren Vorgeschichte in der Weimarer Republik eng mit dem starken Engagement der Vereinigung Evangelischer Frauenverbände Deutschlands verknüpft war, hätte eine Erwähnung verdient.[1] 1955 gründete sich der Evangelische Arbeitskreis für Jugendschutz, der sich ab 1961/62 zum Evangelischen Bundesarbeitskreis umbildete. Ziel dieser Initiativen war der Jugendschutz. So wurden beispielsweise Groschenhefte gegen ein „gutes Jugendbuch“ (S. 173) getauscht. Der kirchliche Sittlichkeitskampf verstärkte sich in den 1960er-Jahren. Der „Kampf gegen ‚Schmutz und Schund‘“ richtete sich mit der „Aktion Saubere Leinwand“ auch gegen das Kino (S. 177). Im Vordergrund stand das Bemühen der Kirchen, einer „Entsittlichung“ durch eine Darstellung von Sexualität (außerhalb der Ehe) im Film entgegenzuwirken. Gewaltverherrlichung stieß dagegen auf weit weniger Proteste. 1964 gründete sich die protestantische „Aktion Sorge um Deutschland“. Wiederum ging es wesentlich um einen Kampf gegen „hemmungslosen Lebensgenuß“ (S. 186) und das Ausleben sexueller Bedürfnisse außerhalb der Ehe, gegen die Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft. Die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland lehnte das Aktionsbündnis ab. 1970 folgte eine ebenfalls restriktive Denkschrift „Das Gesetz des Staates und die sittliche Ordnung“, die allen evangelischen und katholischen Pfarrämtern zuging. Der Protestantismus versuchte so, der Pluralisierung der Gesellschaft ein christliches Normensystem entgegenzustellen, das jedoch innerhalb seiner eigenen Klientel nie unumstritten war.

Im zweiten Abschnitt des Hauptteils geht es um die Aufnahme und Förderung von Individualisierungsprozessen durch Vertreter/innen der evangelischen Kirche. Zunächst skizziert Jäger die sogenannte Wirtschaftswunderzeit, in der sich nach und nach das Modell einer Dreiteilung des weiblichen Lebenslaufs durchsetzte: Berufstätigkeit vor der Ehe, Pausieren der Berufstätigkeit in der Zeit mit kleinen Kindern und danach wieder Berufstätigkeit oder Teilzeitarbeit. Jäger weist darauf hin, wie der Umgang mit Frauenberufstätigkeit innerhalb der unterschiedlichen Staatsmodelle von Bundesrepublik und DDR aus einer Systemkonkurrenz heraus beeinflussend wirkte: In der Bundesrepublik wurde die Aufgabe der Berufstätigkeit beziehungsweise Teilzeitarbeit für Frauen verstärkt propagiert, und Frauen waren allein für die Kinderbetreuung zuständig (S. 218–220, S. 236). Zeitgleich begann ab den 1960er-Jahren der Niedergang der Frauendiakonie, der zeigte, dass bisherige evangelische Weiblichkeitsideale des Dienstes in der Gemeinschaft eines Mutterhauses massiv an Bindungskraft verloren. Nicht zuletzt die erste Gesundheitsministerin, die evangelische Juristin Elisabeth Schwarzhaupt, sorgte dafür, dass das Thema der Teilzeitarbeit von Frauen an Virulenz gewann und sich die Evangelische Frauenarbeit dafür einsetzte. Erhalten blieb das stereotype und normierte Frauenbild: Die Frau sei als Hausfrau und Mutter hauptverantwortlich für den häuslichen Bereich. Dies entspräche ihrem weiblichen Wesen (S. 255). Erst in der 1965 vom Ausschuss für die Zusammenarbeit von Mann und Frau in Kirche und Gesellschaft publizierten Denkschrift zeigte sich ein Paradigmenwechsel in der Kirche, insofern als die Erwerbsarbeit nun gleichberechtigt neben die Rolle der Ehefrau und Mutter trat. Sie blieb jedoch ein Sonderfall neben dem Normalfall der männlichen Erwerbsarbeit.

Ethische Entwürfe zu Fragen von Geschlecht und Sexualität aus den 1950er- und 1960er-Jahren zeigten einerseits ein weitgehendes Festhalten an Geschlechterstereotypen – so die Systematiker Althaus und Thielicke –, andererseits vorsichtige Öffnung – so Ringeling und Barczay. Es erfolgte eine behutsame Relativierung bisheriger Sexualvorstellungen, insofern als Sexualität und Generativität nicht mehr zwangsläufig zusammen gedacht wurden. Die Ehe blieb jedoch zentrale Form und „unhinterfragbares Zentrum“ des Zusammenlebens (S. 316). Zwischen 1950 und 1971 – hier bildet die Denkschrift für Sexualethik den Abschluss – wandelte sich die evangelische Ehe- und Familienberatung von einer normierenden zu einer begleitenden und beratenden Institution. Breiten Raum nahmen dabei Fragen der Empfängnisverhütung ein, bedingt wohl auch durch die 1952 gegründete Organisation Pro Familia und die 1961 auf den Markt gekommene Anti-Baby-Pille. Heteronorme Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität blieben lange Zeit die Basis der Beratungen. Immerhin plädierte die Sexualdenkschrift für eine Gleichwertigkeit der Rollen von Ehefrau und Mutter gegenüber der Berufstätigen.

Jäger kommt zu dem Schluss, dass der Protestantismus grundsätzlich gesellschaftliche Individualisierungstendenzen aufnahm und mitgestalten wollte. Dabei blieb Zweigeschlechtlichkeit ein grundlegendes Argumentationsmuster, Mütterlichkeit wurde weiterhin stilisiert und Frauen sexuelles Begehren erst spät zugestanden. Gegenüber der bisherigen kirchlichen Zeitgeschichtsforschung bildet es einen Mehrwert, dass Jäger eine Untersuchung des bundesdeutschen Protestantismus leistet, der überindividuelle Akteur/innen wie den Verbandsprotestantismus und weiterer Aktions- und Interessenbündnisse berücksichtigt. Damit wird der Beitrag solcher Protestant/innen gewürdigt, die ansonsten in ihrer „teilnehmenden Zeitgenossenschaft“ (S. 389) übersehen werden. In Bezug auf Ehe und Familie wurden innerhalb der Geschichte der Bundesrepublik deren Gestalt und Aufgabe auch durch protestantische Protagonist/innen neu verhandelt – die evangelische Beratungsarbeit professionalisierte und individualisierte sich. ProtestantInnen – so das Resümee – nahmen damit an der „stillen Revolution“ (S. 406) der bundesrepublikanischen Gesellschaft teil, einem Paradigmenwechsel weg von Normierungen und hin zu eigenen verantwortungsbewussten Entscheidungen der Individuen.

Als Schwäche des Fazits ist anzumerken, dass Jäger die Individualisierungsthese zu sehr in den Vordergrund stellt. Sie wird meines Erachtens durch die bereits vorhandene Pluralität des Protestantismus spätestens seit dem 19. Jahrhundert, die sich beispielsweise in der vielfältigen evangelischen Zeitschriftenliteratur, aber auch und besonders in der evangelischen Frauenbewegung spiegelt, entkräftet. Die protestantischen Frauen vertraten schon im 19. Jahrhundert durch die unterschiedlichen Zielsetzungen ihrer Verbände und Gemeinschaften gegensätzliche Vorstellungen, zum Beispiel zur Sittlichkeit und zur Berufstätigkeit der Frau.[2] Dass diese Entwicklungen in der Bundesrepublik insofern singulär waren, erscheint mir nicht überzeugend. Das große Verdienst von Jägers Studie ist es, zum einen protestantische Äußerungen jenseits der offiziellen Landeskirchen berücksichtigt, zum anderen dabei die nicht unerhebliche Mitwirkung der Protestant/innen am Moraldiskurs zu Ehe, Sexualität und Familie differenziert gezeigt sowie die maßgeblich zugrundliegende binäre Geschlechterordnung nochmals in ihren Rollenzuschreibungen transparent gemacht zu haben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Doris Kaufmann, Frauen zwischen Aufbruch und Reaktion. Protestantische Frauenbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, München 1988, S. 43–99.
[2] Vgl. Ursula Baumann, Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland. 1850 bis 1920, Frankfurt am Main 1992.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.09.2020
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