M. Hettling u.a. (Hrsg.): Bürgertum

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Titel
Bürgertum. Bilanzen, Perspektiven, Begriffe


Herausgeber
Hettling, Manfred; Pohle, Richard
Reihe
Bürgertum Neue Folge
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
489 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gunilla-Friederike Budde, Institut für Geschichte, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Nein, diesmal kein Untergangsszenario. Stattdessen ein Plädoyer dafür, die Geschichte des Bürgertums weiterzuschreiben – vor allem mit Blick auf das 20. Jahrhundert und über den deutschen Tellerrand hinaus. Nach der Hochphase der deutschen Bürgertumsforschung seit den 1980er-Jahren mit dem Fokus auf das lange 19. Jahrhundert sind in den letzten fünf Dekaden immer wieder Versuche aufgeflackert, entweder nach Kontinuitäten von Bürgertum und Bürgerlichkeit über 1918 und 1945 hinaus zu fragen oder aber die bereits von den Zeitgenossen seit den 1920er-Jahren angestimmten Abgesänge mit einem letzten Schlussakkord zu bekräftigen. Die Beiträge in dem von Manfred Hettling und Richard Pohle herausgegebenen Sammelband fallen dabei ganz überwiegend in die erste Kategorie. Konzeptionelle Ideen zur Fortsetzung der Forschungen entwickelt Hettling in seiner programmatischen Einleitung. In seinem Rückblick auf die deutsche Bürgertumsforschung, die geleitet von der „Sonderwegs-These“ lange von einem deutschen Defizit an Bürgerlichkeit ausging, empfiehlt er nachdrücklich den Abschied von dieser Vorstellung. Stattdessen schlägt er, angelehnt an Max Weber, Karl Eibl und Friedrich Tenbruck, vor, das Bürgertum als eine durch gemeinsame kulturelle und kognitive Herausforderungen sich konstituierende Einheit zu begreifen. Die Beobachtung und Identifizierung spezifischer gesellschaftlicher Ordnungsprobleme und einer sich in dieser Situation konstituierenden „Klasse für sich“ erscheint ihm als Weg für neuere Forschungen auch in Richtung einer globalen Mittelklasse. Als weiterführend betrachtet er eine engere Zusammenschau von Staat und Bürgertum, eine konsequente Berücksichtigung des von Klaus Tenfelde in die Diskussion gebrachten „Formwandels“ von Bürgertum u.a. mit Blick auf die Bedeutung von „Bildung“ und „Selbständigkeit“.

Zunächst blickt der Band zurück auf drei Großprojekte der Bürgertumsforschung. Thomas Mergel tut dies einmal mehr für den Bielefelder SFB „Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums“ und Dieter Hein für das Frankfurter Projekt „Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert“. Beide präsentieren eine prägnant-kritische Zusammenschau der Forschungen und betonen rückblickend durchaus auch Ähnlichkeiten zwischen dem Bielefelder und Frankfurter Studien. Als ein besonders gelungenes Stück Zeitgeschichte erweist sich Dieter Langewiesches Bilanz der Diskussionen des „Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte“ zum „Bildungsbürgertum“. In der „Reflexionsmaschine“ Arbeitskreis (Reinhart Koselleck) identifiziert er, auch mit Rückgriff auf archivierte Korrespondenzen, einen „Gleichklang“ von Theorie und ererbtem bildungsbürgerlichem Familienwissen. Dass einige der dort debattierenden Wissenschaftler sich auf die Reise in die eigene Familiengeschichte begaben und dies ihre Diskussionen einfärbte, ist ein ebenso plausibler wie spannender Befund. Teil II mit zeitlichem Akzent auf dem langen 19. Jahrhundert nimmt den Ansatz der Vergesellschaftungs- und Lebensführungskonzepte ernst und die „Gebildeten Stände um 1800“ (Reinhard Blänkner) und Max Webers „Lebensführungskonzept“ (Hartmann Tyrell) ins Visier. Reinhard Pohles Beitrag zur prekären Existenz des Hauslehrers eröffnet den bislang eher vernachlässigten Horizont auf das (Klein-)Bürgertum auf dem Lande.

Um „Transformationskrisen und -bewältigungen im 20. Jahrhundert“ geht es im III. Teil. Den Aufschlag macht Werner Plumpe, der Krisen des bürgerlichen Lebens „im Zeitalter des Ersten Weltkriegs“ beleuchtet. Sein Beitrag sticht insofern heraus, als er die Untergangsgeschichte des Bürgertums des 20. Jahrhunderts fortschreibt. Mit zeitgenössischen Belegen für die Endzeitstimmung der frühen 1920er-Jahre kann er zuhauf aufwarten, weist aber selbst darauf hin, dass es die Wilhelminer waren, die dem Pessimismus verfielen, nicht unbedingt die jüngere Generation, wie Thomas Mann, aus dessen Tagebüchern Plumpe zitiert, erstaunt feststellte. Entlang vor allem der Biografien von zwei im Kaiserreich aufgewachsenen Bürgern, Carl Duisberg und Karl Hampe, geht es ihm darum, zwei Pole bürgerlicher Existenzen nachzuzeichnen, um den Zerfall der Einheitlichkeit der Lebensführung bereits vor Kriegsausbruch zu pointieren. Der Heidelberger Geschichtsprofessor und mehrfache Familienvater, der mit Bibliothek und Hausmusik den bildungsbürgerlichen Habitus zelebrierte auf der einen Seite, und der Aufsteiger und bald sehr wohlhabende und polyglotte Unternehmer auf der anderen Seite verkörperten in der Tat die zwei Seiten der bürgerlichen Medaille. Nicht ganz zurecht moniert Werner Plumpe das Fehlen einer Untersuchung des komplexen Beziehungsgefüges zwischen Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum. Denn der Wechsel zwischen Distanz und (Wieder-)Annäherung war durchaus Topos der früheren Bürgertumsforschung – Stichwort „Feudalisierungsthese“ – und bereits Thema zeitgenössischer Belletristik (Fontanes „Frau Jenny Treibel“ als Paradebeispiel). Dass die Diskrepanz der Lebensstile dann im und nach dem Ersten Weltkrieg weiter wuchs, ist unbestritten und wird eindringlich durch den vergleichenden biografischen Zugang gezeigt. Aber die These, dass jetzt bildungs- und besitzbürgerliche Welten endgültig auseinanderdrifteten, bedarf weiterer empirischer Überprüfung. Gab es in den bürgerlichen Großfamilien nicht immer noch Angehörige beider Welten? Und gab es nicht weiterhin Anlässe, Räume und Orte, wo man sich traf, verstand und verband? Die genannten Grandhotels dürften dazu gehört haben, wo so manche reiche Tante mit der armen Nichte logierte. Auch das Ende der Dienstmädchen war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert noch längst nicht besiegelt.

Als „Entbürgerlichung“ bezeichnet Plumpe den Verlust bürgerlicher Gestaltungskraft des öffentlichen Raums. Marcus Gräser, der auf die enge und wachsende Beziehung zwischen „Bürgertum und Wohlfahrtsstaat“ abhebt, betont dagegen zwar einerseits den Verlust der Selbständigkeit. Schließlich, so sein Befund, war das Bürgertum auf dem Terrain der Wohlfahrtspolitik nicht mehr nur Subjekt, sondern wurde auch Objekt staatlicher Fürsorge. Aber der sichere Rahmen des Wohlfahrtsstaats schuf gleichzeitig „neue Spielräume für die Wahrung bürgerlicher Interessen“. Dass Denker und Praktiker, die sich in den 1950er- und 1960er-Jahren für die „Politische Bildung“ stark machten, sich auf traditionelle Bürgerleitbilder bezogen, diese gleichzeitig affirmativ als demokratiestärkend umzumünzen verstanden, ist der interessante Befund von Philip Wagner. Die Weite des bürgerlichen Wertehimmels vermisst Bernhard Dietz am Beispiel der Wertewandelsdiskussion der CDU in den 1980er-Jahren. Entlang eines umfassenden Flexibilisierungsparadigmas erfolgte eine Umschichtung der Wertehierarchie: Während die eine Seite die Abkehr vom bürgerlichem Arbeitsethos beklagte, hoben andere nun auf Freiheit, Individualität und Selbstbestimmung ab. Als einzige wagt Isabel Heinemann den komparativen Blick. Bei ihrem Vergleich von Bürgerlichkeit und Familienwerten in Deutschland und den USA sieht sie eine Analogie in dem ideellen Bezug auf die Familie als Essenz des Selbstverständnisses. Aufgrund der fehlenden Sozialstaatlichkeit blieb und bleibt in den USA jedoch der Status der „middle class“ hochgradig fragil.

Im letzten Teil des Bandes richtet sich die Aufmerksamkeit auf Bürgerbegriffe im außereuropäischen Raum. Begriffsverschiebungen als Seismographen gesellschaftlichen Wandels zu deuten war die Grundidee der Begriffsgeschichte. Begriffs-Pendants in nahöstlichen Gesellschaften (Reinhard Schulze), im modernen China (Thomas Fröhlich) und in Japan (Thilo Schölz) auf die Spur zu kommen erweist sich als schwieriges, aber lohnendes Unterfangen. Ähnlichkeiten der Selbstkonzepte sowie mit der Idee der Mittelklasse erkennen alle drei Autoren. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass, wie in China, „Bürger“ bzw. „Bürgertum“ nicht zu den gesellschaftlichen Schlüsselbegriffen gehörten, sondern lange eher als Kampfbegriff fungierten. Dies gilt weniger für Japan, wo sich die politischen und gesellschaftlichen Eliten Mitte des 19. Jahrhunderts stark an europäischen Entwicklungen orientierten und diese mit eigenen Traditionen verflochten. Als begrüßenswertes Plädoyer für eine wieder stärkere Berücksichtigung des sozialhistorischen Ansatzes einerseits und eine weitere Umsetzung empirischer Forschungen lesen sich Christof Dejungs abschließende Überlegungen zur Globalgeschichte der Mittelklassen im langen 19. Jahrhundert als Geschichte der „Bürger der Welt“.

Fraglos gibt der Band einen wichtigen Anstoß zur Diskussion und Weiterführung der Bürgertumsforschung unter neuen Vorzeichen. Fraglos ist auch richtig, dass die zeitliche und räumliche Blickerweiterung, die hier keineswegs zum ersten Mal eingefordert wird, bereichernd wirken kann, auch wenn sie hier nur im Ansatz eingelöst wird. Wie schwierig sie ist, lassen die begriffsgeschichtlichen Beiträge ahnen. Fragwürdig ist allerdings, dass ausgerechnet in einem Aufsatzband zur Geschichte des Bürgertums – mit einer Ausnahme – nur männliche Historiker zu Wort kommen. Auch in einigen der Aufsätze spielen Bürgerinnen nur eine Nebenrolle, was in Anbetracht bisheriger Forschungen Fragen aufwirft. Immerhin schmückt den Bucheinband Caspar David Friedrichs Hochzeitsreisebild „Kreidefelsen auf Rügen“, auf dem Caroline Friedrich prominent sichtbar ist.