M. Menke: Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten

Cover
Titel
Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten. Zum kollektiven Umgang mit Medien- und Gesellschaftswandel


Autor(en)
Menke, Manuel
Erschienen
Anzahl Seiten
399 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Björn Bergold, Erfurt

Nostalgie galt im 17. Jahrhundert als eine Krankheit, die ausschließlich Schweizer Soldaten befalle, wenn sie ihr „süßes Vaterland“ (S. 25) verließen – mit diesem Rückblick auf die Begriffsgeschichte beginnt der Kommunikationswissenschaftler Manuel Menke seine Studie zu nostalgischen Erinnerungspraxen. Die Arbeit, die 2017 an der Universität Augsburg als Dissertationsschrift angenommen wurde, zeigt freilich ein weitaus elaborierteres Verständnis nostalgischen Erinnerns. Der Autor konzipiert es als mögliche Reaktion auf den tiefgreifenden Medienwandel, der sich im postmodernen Zeitalter des Digitalen vollzieht. Wie Menschen den empfundenen Umbrüchen begegnen, indem sie sich in digitalen Öffentlichkeiten kommunikativ mit Medienwandel auseinandersetzen, möchte Menke in seiner Arbeit erforschen, und setzt damit gewinnbringend an aktuellen Studien zu mediennostalgischen Phänomenen an.[1]

Der Autor gliedert seine Publikation in zwei große Teile: Einer sehr ausführlichen theoretischen Verortung lässt er eine etwas weniger umfangreiche empirische Untersuchung folgen. In dieser Zweiteilung schlagen sich die Intentionen der Arbeit nieder: Einerseits zielt Menke darauf, „einen theoretischen Rahmen anzubieten, der digitale Öffentlichkeiten als an Lebenswelten angeschlossen konzeptualisiert und darlegt, wie sich dadurch das kollektive Erinnern in vernetzten Mediengesellschaften erweitert und verändert hat“ (S. 18). Andererseits möchte er „einen empirischen Einblick in den kollektiven mediennostalgischen Umgang mit Medien- und Gesellschaftswandel“ (ebd.) geben. Hier wird die kommunikationswissenschaftliche Verortung der Studie erkennbar, aber vor allem im Hinblick auf erinnerungskulturelle Fragestellungen ist sie auch für eine Geschichtswissenschaft von Interesse, die sich für zeitgeschichtliche Prozesse des Medienwandels und das kollektive Erinnern an vergangene Medienerfahrungen interessiert.

Die theoretischen Ausführungen Menkes sind systematisch und fundiert. Nostalgie als eine mögliche Praxis kollektiver Erinnerungsprozesse wird vor allem in ihren öffentlichkeitstheoretischen und sozialpsychologischen Dimensionen beleuchtet. So betrachtet der Autor Nostalgie als Reaktion auf eine „Verlusterfahrung durch Wandel“ (S. 41), bei der sich die Akteur/innen meist positiv „einer miteinander geteilten Vergangenheit“ (S. 79) zuwenden. Er betont dabei insbesondere die affektive Dimension dieser Praxis, die es Individuen ermögliche, im kommunikativen Erinnern den wahrgenommenen Brüchen Kontinuität gegenüber- und somit gemeinschaftlich Identität herzustellen (ebd.). Dass es sich dabei um eine regelrechte „Identitätsarbeit“ (S. 67) handele, wird etwa mit Verweis auf die Welle der „Ostalgie“ illustriert, die insbesondere in den frühen 2000er-Jahren die öffentliche, vor allem popkulturelle Erinnerung an die DDR mitbestimmte. Darin zeigen sich exemplarisch die Anknüpfungspunkte der Studie an die Geschichtswissenschaft, und auch der Bezug zu Theoremen der Erinnerungskulturforschung, den Menke herstellt, verdeutlicht die Anschlussfähigkeit. So zieht er aus der Reihe der Klassiker (u.a. Maurice Halbwachs, Pierre Nora, Jan Vansina) insbesondere Aleida und Jan Assmanns[2] Ansätze zum kollektiven Gedächtnis heran. Menke integriert die Assmann'schen Konzepte vom kommunikativen und kulturellen Gedächtnis in das dreistufige Öffentlichkeitsmodell von Elisabeth Klaus[3], um so seinen Forschungsgegenstand auf einer mittleren Ebene zwischen privat-lebensweltlichen und gesellschaftlichen Formen des Erinnerns zu verorten. Zwar erscheint dieser theoretische Zugriff auf die Strukturen des kollektiven Erinnerns im Hinblick auf die bestehenden Theorien der Erinnerungskultur als nicht ganz neu, aus der Sicht der Kommunikationswissenschaft aber als plausible Perspektivierung des behandelten Gegenstands.

Im empirischen Teil nun untersucht der Autor verschiedene Facebook-Gruppen, in denen nostalgisches Erinnern stattfindet: Dabei rücken Gruppen von User/innen der Social-Media-Plattform in den Blick, die sich einer „Generation“ der in den 1960er-/1970er-Jahren Geborenen zugehörig fühlen, sich für bestimmte Medientechnologien der Vergangenheit interessieren oder ein thematisches Interesse an der DDR teilen. Aus diesen Gruppen stellt Menke ein Sample von Interviewpartner/innen zusammen und wirft zudem mithilfe eines ausführlich dargestellten Codierverfahrens einen quantitativen Blick auf die innerhalb der Gruppen digital verhandelten Inhalte. Am methodischen Vorgehen zeigt sich erneut, dass die Arbeit nicht aus einer historiografischen Perspektive auf den Gegenstand blickt: in Details, wenn etwa in Interviewtranskripten von „DEKRA-Filme[n]“ (S. 262) (statt DEFA-Filmen) die Rede ist oder historische Bezüge digitaler Inhalte lediglich grob mit „existent“ oder „inexistent“ codiert werden (S. 238); vor allem aber darin, dass der Zeitraum, auf den potentiell nostalgisch seitens der Akteur/innen rekurriert wird, nicht auf einen klarer definierten Bereich der Zeitgeschichte eingegrenzt wird. Eine stärkere Fokussierung beispielsweise auf mediennostalgisches Erinnern an die DDR hätte der Arbeit eine vertiefende Analyse und zugleich einen Anschluss an geschichtswissenschaftliche Debatten etwa zum Phänomen der Ostalgie erlaubt.[4]

Aus seinen Daten gewinnt Menke unter anderem Erkenntnisse zu den Akteur/innen und Strukturen der digitalen Erinnerungsgemeinschaften, die konzise dargestellt werden. Nach der Identifikation unterschiedlicher Typen von User/innen, die neugierig auf vertiefende Betrachtungen zu den Motiven der Akteur/innen macht, stellt der Autor nachvollziehbar dar, welche Wahrnehmungen des Medienwandels online verhandelt werden. Erkennbar werden Erfahrungen der User/innen, die von einer kaum kontrollierbaren Beschleunigung der Kommunikation und Information in der digitalen Welt berichten, Qualitätsverluste in der zwischenmenschlichen Kommunikation empfinden oder auch den Verlust der Materialität von Medien wie Briefen oder Musikkassetten im digitalen Zeitalter beklagen. All diese Eindrücke summieren sich zur Wahrnehmung eines tiefgreifenden Medienwandels, der zu dem Wunsch führen kann, „sich den Bedingungen der Spätmoderne zu entziehen“ (S. 296) und nostalgisch auf eine vergangene Medienwelt zu blicken. Dass dies ausgerechnet zu mediennostalgischem Handeln im digitalen Raum führt, erscheint gleichermaßen nachvollziehbar und paradox.

Die quantitativen, inhaltsanalytischen Auswertungen ergänzen den Blick auf den nostalgischen Umgang mit Medienwandel im digitalen Raum. Darin erkennt Menke, dass in den Facebook-Gruppen „primär popkulturelle Medieninhalte des kulturellen Gedächtnisses“ (S. 307f.) aufgegriffen und mit persönlichen Erinnerungen verknüpft werden. Ebenso konstatiert der Autor eine „Romantisierung der Vergangenheit“ (S. 312), wenn in den Gruppen nostalgische Kommunikationen beispielsweise über die heutigen, als minderwertiger eingeschätzten Spielfilme und Fernsehformate für Kinder stattfinden. Gerade darin zeigen sich exemplarisch auch die Begrenzungen des methodischen Zugriffs: Welche Spielfilme und Fernsehsendungen aus Ost und West hier nostalgisch erinnert werden und welche Bedeutung sie individuell und kollektiv für die Erinnernden tragen, wird zugunsten einer rein quantitativen und stärker formal ausgerichteten Analyse vernachlässigt.

Insgesamt liefert Manuel Menke eine in theoretischer Hinsicht sehr profunde Studie, die einen für verschiedene Disziplinen relevanten Forschungsgegenstand betrachtet. Zudem zeigt er methodische Wege auf, die der Geschichtswissenschaft zwar ungewohnt erscheinen mögen, aus der Sicht der Kommunikationsforschung aber zu vielfältigen Erkenntnissen über digitale Erinnerungsgemeinschaften führen. Um dezidiert historiografische Interessen zu bedienen – die mit der Wahl des Gegenstands der Untersuchung durchaus geweckt werden –, sollte die Arbeit wiederum Historiker/innen ansprechen, auf dem weiten Feld der kollektiven Erinnerung im digitalen Zeitalter selbst weiterzuarbeiten.

Anmerkungen:
[1] Dominik Schrey, Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur, Berlin 2017.
[2] Siehe Aleida Assmann / Jan Assmann, Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Klaus Merten / Siegfried J. Schmidt / Siegfried Weischenberg (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen 1994, S. 114–140.
[3] Elisabeth Klaus, Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozess und das Drei-Ebenen-Modell von Öffentlichkeit, in: dies. / Ricarda Drüeke (Hrsg.), Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, Theoretische Perspektiven und empirische Befunde, Bielefeld 2017, S. 17–37.
[4] Siehe beispielsweise Thomas Ahbe, Ostalgie. Zu ostdeutschen Erfahrungen und Reaktionen nach dem Umbruch, Erfurt 2016; Katja Neller, DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen, Wiesbaden 2006.

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Veröffentlicht am
13.01.2020
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