S. Miller-Davenport: Gateway State

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Titel
Gateway State. Hawai‘i and the Cultural Transformation of American Empire


Autor(en)
Miller-Davenport, Sarah
Reihe
Politics and Society in Modern America
Erschienen
Princeton, New Jersey 2019: Princeton University Press
Anzahl Seiten
296 S.
Preis
$35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Schmerbauch, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt

Sarah Miller-Davenport untersucht in ihrer Arbeit die politische und kulturelle Bedeutung Hawai’is für die USA in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg. In den Fokus stellt sie dabei die Frage, wie Hawai’i im Zuge seiner Aufnahme als 50. Bundesstaat im Jahr 1959 und in den Folgejahren durch politische, wirtschaftliche und kulturelle Eliten zum Symbol eines entstehenden liberalen Multikulturalismus gemacht wurde. Das ethnisch-kulturell diverse Hawai’i mit seinen europäisch-, asiatisch- und polynesisch-stämmigen Bevölkerungsgruppen sollte als Modell dienen für die Überwindung rassisierter Ungleichheiten und Diskriminierungen im Rest der USA. Gleichzeitig, so Miller-Davenport, waren Repräsentationen eines funktionierenden multikulturellen Hawai’is Teil einer außenpolitischen Strategie, die im Kontext des Kalten Krieges und weltweiter antikolonialer Unabhängigkeitsbestrebungen ein tolerantes Amerika zeigen sollten, das seine Rassismusprobleme überwunden hatte. Als Brücke in den Pazifik und nach Asien sollte Hawai’i dabei zum Baustein einer globalen US-Expansionsstrategie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden.

In den sechs Kapiteln ihres Buches analysiert Miller-Davenport die kulturellen und politischen Aneignungen eines multikulturellen Hawai’is in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Ihre Arbeit verbindet diplomatie-, politik- und kulturgeschichtliche Ansätze und knüpft an imperialismus- und globalgeschichtliche Perspektiven auf die USA an.[1]

Im ersten Kapitel widmet sie sich den Kongress-Debatten über die Aufnahme Hawai’is als Bundesstaat. Die Frage der Aufnahme wurde in diesen Debatten mit einer Vielzahl anderer Themen verknüpft, von der Unterstützung der USA für die globale Dekolonisationsbewegung, über „racial inequality“ bis hin zur globalen US-Expansion. Das außenpolitische Argument habe dabei letztendlich den Ausschlag gegeben: der globale Einfluss der USA hing danach von einer überzeugenden Außendarstellung kultureller Toleranz und der Auflösung rassisierter Ungleichheiten innerhalb der eigenen Gesellschaft ab. Nur so würden Amerikas Unterstützung für das Unabhängigkeitsstreben ehemaliger Kolonien weltweit und das propagierte Selbstbild der „guten“ Macht glaubwürdig. Die Integration eines kulturell diversen Hawai’is sollte der Welt diese Botschaft vermitteln.

Wie Sarah Miller-Davenport im zweiten Kapitel zeigt, eignete sich auch das Civil Rights Movement diese idealisierte Vorstellung von Hawai’i als Modell eines „racial liberalism“ an. Dass Hawai’i nicht das liberale, multikulturelle Paradies war, als das es stilisiert wurde, und selbst unter rassisierten Ungleichheiten litt, die eine Folge der kolonialen Ära waren, sei dabei meist ausgeblendet worden. In einer Phase der US-Geschichte, in der rassistische Diskriminierung eines der drängendsten gesellschaftlichen Probleme war, diente Hawai’i dem Civil Rights Movement als idealisiertes Modell, mit dem sich die Situation der Bürgerrechte im Rest der USA noch dramatischer darstellen ließ.

Das dritte Kapitel analysiert das East-West Center (EWC) und das Peace Corps-Ausbildungsprogramm, die in den frühen 1960er Jahren ebenfalls zum Aushandlungsort eines multikulturellen Hawai’is wurden. Beide Institutionen sollten auf Hawai’i den kulturellen Austausch zwischen den USA, dem Pazifik und Asien ermöglichen. Für die Initiatoren machte das Miteinander asiatischer und amerikanischer Kulturen Hawai’i zu einem idealen Ort für diese Aufgabe. Als Teilinstitut der University of Hawai’i sollte das EWC Studierende und Wissenschaftler/innen aus den beteiligten Nationen zusammenbringen. Das Peace Corps bereitete vor allem amerikanische Freiwillige für die Entwicklungshilfe in pazifischen und asiatischen Ländern vor. Mit einem speziellen „cultural sensitivity“-Training sollten diese auf ihre Aufgaben vorbereitet werden und ein besseres Verständnis für kulturelle Differenzen entwickeln. In der Praxis, so Miller-Davenports Schlussfolgerung, dienten EWC und Peace Corps jedoch vor allem der Verbreitung amerikanischer kultureller, politischer und ökonomischer Werte in den Pazifik und nach Asien, die auf der Annahme kultureller Überlegenheit beruhten. Anhand der Aktivitäten eines weiteren Akteurs auf Hawai‘i, USAID (United States Agency for International Development), sei zudem deutlich geworden, dass die Idee eines über Hawai’i vermittelten kulturellen Austauschs auch für das militärische Vorgehen der USA in Vietnam genutzt wurde. Das von USAID übernommene „cultural sensitivity“-Training auf Hawai‘i sei beispielsweise in die Vorbereitung von US-Soldaten auf den Guerilla-Krieg eingebunden worden. Und auch in der Ausbildung von USAID-Personal habe sich die Verschränkung von militärischen und kulturellen Strategien widergespiegelt, die den militärischen Erfolg in Vietnam befördern sollte. Die propagierte Vorstellung von Hawai‘i als Brücke eines friedlichen Austauschs mit dem asiatisch-pazifischen Raum, so Miller-Davenport, habe dabei die Verbindungen zwischen kultureller Vermittlung und Hawai‘is Militärkomplex – der ein wichtiger Knotenpunkt für die militärische Intervention in Vietnam war – verdeckt.

Der in den 1960er- und 1970er-Jahren zunehmende Tourismus auf Hawai’i steht im Fokus des vierten Kapitels. Urlaubsreisen machten Hawai’i konsumierbar als ein „multicultural paradise where positive racial experiences could be bought and sold“ (S. 17). Gleichzeitig seien unter der Oberfläche multikultureller Harmonie rassisierte Konflikte in Hawai’i verdeckt worden, so Miller-Davenport. Im Kontext des Tourismus sei auch der Zwiespalt zwischen einem friedlichen kulturellen Austausch mit pazifischen und asiatischen Staaten und den gewaltsam durchgesetzten Machtinteressen der USA in Vietnam sichtbar geworden. Das Beispiel von US-Soldaten, die im Rahmen von Rest and Relaxation Tours (R&R) zum Urlaub nach Hawai’i kamen, habe diesen Widerspruch besonders deutlich gemacht. Während andere Touristen die multikulturelle Erfahrung suchten, hätten sich die US-Soldaten mit ihren Familien davon eher abgeschottet.

Kapitel fünf analysiert den boomenden Konsum hawaiianischer Produkte in den USA in den 1960er- und 1970er-Jahren. Hawaiianische Kochbücher, Feste („luaus“) und Mode versprachen insbesondere Frauen der weißen Mittelschicht Selbstverwirklichung und die Überwindung traditioneller Geschlechternormen. Neben der Reproduktion primitivistischer Repräsentationen hawaiianischer Kultur sei durch den Konsum dieser Produkte auch ein modernes multikulturelles Hawai’i konsumierbar geworden. Unter diesem Schein Hawai’is seien aber auch Ungleichheiten verdeckt worden. So habe die erfolgreiche hawaiianische Mode-Industrie auf der Ausbeutung von Arbeiterinneren in Hawai’i und asiatischen Ländern basiert. Der Konsum eines multikulturellen Hawai’i habe auch im Widerspruch zu den rassisierten Konflikten gestanden, die sich zeitgleich in vielen Städten der USA abspielten, so Miller-Davenports Befund. Während sie die multikulturelle Idee in privaten Räumen zelebrierten, schotteten sich weiße Amerikaner/innen in den Vorstädten von den Problemen ab, die im Zusammenhang mit rassistischer Diskriminierung in den eigenen Städten stand.

Im sechsten Kapitel untersucht Miller-Davenport schließlich eine Protestbewegung auf Hawai‘i, die ab den späten 1960er-Jahren das dominante Narrativ Hawai’is als multikulturell-harmonischem Paradies zunehmend in Frage stellte. Im Mittelpunkt ihrer Analyse stehen dabei die Aushandlungen rund um das Ethnic Studies Program der University of Hawai’i. Aktivist/innen sahen dieses als Mittel, um deutlicher zu machen, dass Hawai’i – wie auch der Rest der USA– mit rassisierten und ethnisierten sozialen Ungleichheiten kämpfte. Miller-Davenport zeichnet die Entstehung und Entwicklung des Programms nach und zeigt, wie die auf Hawai’i vertretenen Ethnien durch das Programm ein stärkeres kulturelles Bewusstsein entwickelten. Sie zeigt außerdem, wie sich in den 1970er-Jahren – getragen insbesondere durch die indigen-polynesische hawaiianische Minderheit und inspiriert von den Ideen und der Sprache weltweiter antikolonialer Bewegungen, eine Erzählung entstand, die die Eingliederung Hawai’is in die USA als einen unrechtmäßigen kolonialistischen Akt deutete und als Ursache von Diskriminierung und Ungleichbehandlung insbesondere der indigenen Bevölkerung bewertete.

Sarah Miller-Davenport gelingt mit ihrem Buch eine facettenreiche Analyse der kulturellen und politischen Aneignungen Hawai’is von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren und eine Neubewertung der Rolle Hawai‘is für die globale Expansion der USA. Hervorzuheben ist dabei insbesondere ihr vielfältiges und umfangreiches Quellenkorpus, das nicht nur klassische politik- und diplomatiegeschichtliche Dokumente wie die „Congressional Papers“ umfasst, sondern unter anderem auch Kochbücher, Werbematerialien und Zeitschriftenartikel berücksichtigt. Sehr überzeugend ist darüber hinaus ihre Darstellung der Wechselwirkungen zwischen regionalen, nationalen und globalen Prozessen. Sarah Miller-Davenports Arbeit ist ein wichtiger Beitrag nicht nur zur Geschichtsschreibung Hawai’is und des pazifischen Raums, sondern auch zur weiteren globalgeschichtlichen Einbettung der USA.

Anmerkung:
[1] Thomas Bender, Rethinking American History in a Global Age, Berkeley 2002.