S. Huhnholz: Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt?

Cover
Titel
Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt?. Heidelberger Entstehungsspuren und bundesrepublikanische Liberalisierungsschichten von Reinhart Kosellecks "Kritik und Krise"


Autor(en)
Huhnholz, Sebastian
Reihe
Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte 95
Erschienen
Anzahl Seiten
172 S., 3 Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Tietze, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Über kaum einen anderen geschichtstheoretischen „Klassiker“ stand das zeitgenössische Urteil so unbezweifelt und sicher fest wie über Reinhart Kosellecks Heidelberger Dissertationsschrift Kritik und Krise von 1954 (veröffentlicht 1959). Doch bekanntlich verdient, frei nach Lichtenberg1, gerade dasjenige hinterfragt zu werden, was jedermann für ausgemacht hält, wie nun in der vom Hannoveraner Politikwissenschaftler Sebastian Huhnholz vorgelegten ideengeschichtlichen Studie geschehen. Mit seiner gelungenen Verknüpfung akribischer Archivarbeit und überzeugender Interpretation publizierter Texte kritisiert Huhnholz nicht allein die von Jürgen Habermas ausgehende Einordnung von Kosellecks Kritik und Krise in die unbedingte Gefolg- und Schülerschaft Carl Schmitts, sondern hinterfragt zugleich auch die Selbstdeutungen des „späten“ Koselleck (1923–2006), der im Rückblick aus über vier Jahrzehnten die weitgehende Übereinstimmung der Hauptlinien seines Erstlingswerks mit denjenigen von Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951/1955) zu erkennen glaubte. Weder die These einer ideologischen Abhängigkeit von Carl Schmitt noch die Gegenthese einer theoriemäßigen Übereinstimmung mit Hannah Arendt lassen sich aufrechterhalten.

Eine so gewissenhafte Auswertung von Kosellecks Leseverhalten anhand der im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrten Privatbibliothek2 und des dortigen umfangreichen Nachlasses mag auf ein breites Publikum ermüdend wirken, fördert aber viele interessante Details zutage. So zeigt Huhnholz etwa, wie früh Schmitt die Arbeiten Arendts intensiv rezipierte und wie Arendt den Kontakt zu westdeutschen Studenten suchte; ein Zusammentreffen Arendts mit Koselleck im Jahr 1956, an das sich dieser rückblickend erinnerte, lässt sich jedoch nicht verifizieren. Gewissenhaft ist diese Arbeit aber nicht nur deshalb, weil Huhnholz kaum einen Aspekt des „frühen“ Koselleck ausspart, sondern auch insofern, als er die Erklärkraft einer solchen Lektüreanalyse nicht überschätzt: Intensive Lesespuren wie Unterstreichungen und Anmerkungen sind nicht direkt gleichzusetzen mit Rezeption und Beeinflussung, zumal teilweise unsicher ist, aus welcher Zeit und von welcher Hand sie stammen. Eingehendere Ausführungen zu diesen methodologischen Überlegungen wären allerdings wünschenswert gewesen.

Es handelt sich jedenfalls nicht um einen apologetischen oder gar hagiographisch verbrämten Rettungsversuch von Kritik und Krise, wenn Huhnholz feststellt, dass „Koselleck sowohl Schmitts radikale wie auch Arendts republikanische Politisierungsantworten suspekt geblieben“ seien (S. 142) und Koselleck vielmehr aus einer dezidiert liberalen Position heraus eine ganz eigenständige Interpretation der Aufklärung und der Moderne entwickelt habe. Demnach blickte Koselleck „von Hobbes aus“ auf die Französische Revolution und vermaß so den „Krisenvorraum“, dessen „seither eskalierende weltbürgerliche Entfaltung“ (S. 71) zu jener krisenhaften Situation geführt habe, mit der sich Koselleck in den 1950er-Jahren konfrontiert sah. In anderen Worten: Koselleck beleuchtete eine „vormoderne Weichenstellung und demaskierte den daraus erwachsenen ‚Weltbürgerkrieg‘ als blinden Automatismus, als willfährigen Vollzug eines teleologischen Gesetzes, mittels dessen man ‚durch die unterstellte Vernunft der Geschichte‘, wie Koselleck seine ‚Doktorthese‘ später rekapitulierte, ‚selber sich der Verantwortung entziehen kann‘“ (S. 73). Dem aufstrebenden Bürgertum dienten der neuzeitliche Geschichtsbegriff und die damit verbundene teleologische Geschichtsphilosophie als moralische Kampfinstrumente gegen den absolutistischen Staat, die das Bürgertum zugleich auch noch von jeglicher politischer Verantwortung freisprachen.

Beim Vergleich der verschiedenen Deutungen von Thomas Hobbes’ politischer Theorie in den Werken von Schmitt, Arendt und Koselleck gelingt es Huhnholz, einerseits den „methodologischen Schmittianismus des frühen Koselleck“ (S. 130) herauszuarbeiten, der – mit Schmitt – von einer Eigendynamik der Moderne ausgeht, aber diese – gegen Schmitt – nicht in politischer Absicht zu einem Determinismus hochstilisiert, der alles an der Moderne als schlecht erscheinen lässt. So vermag Huhnholz andererseits ebenso sehr die Distanz sowohl zu Schmitt als auch zu Arendt in Kosellecks spezifischem Blick auf die Geschichtlichkeit historischer Semantiken offenzulegen. Während Schmitt, sich am Niedergang des liberalen Bürgertums weidend, die vermeintlichen Aporien des Liberalismus in politisches Kapital umzumünzen versuchte (S. 79) und Arendt in Hobbes’ Leviathan eine „proto-totalitäre“ Herrschaftsform erkannte (S. 126), verstand Koselleck die Umbruchszeit der Französischen Revolution laut Huhnholz „als implizit freiheitlichen Beginn einer sich erst in Folge dialektisch radikalisierenden Moderne“ (ebd.). Kosellecks „Liberalität“ ist hiernach nicht einfach gleichzusetzen mit einer „doch allemal etwas boulevardeske[n] Infantilisierung und biographiepolitische[n] Psychologisierung der Sache Kosellecks“ (S. 49) im Sinne einer sich „aus den Klauen Schmitts befreienden Selbstliberalisierung“ (S. 48). Nein, Huhnholz zeigt, dass Koselleck von Anfang an und dezidiert gegen Schmitt gerichtet ein positives Bild des (deutschen) liberalen Bürgertums des 19. Jahrhunderts gehegt hat; eines soziokulturellen Milieus also, dem Koselleck ja auch selbst entsprang (S. 78).3

Führt man diesen Gedanken weiter, so besteht der liberale Kern der Geschichtstheorie des „frühen“ Koselleck nicht primär aus einer Summe politischer Überzeugungen, sondern er ist quasi methodischer Natur: Er stellt eine skeptische Haltung gegenüber Teleologien und Utopien dar, also gegenüber all jenen essentialistischen soziopolitischen Vorstellungen, die sich dem Lauf der Geschichte enthoben zu wissen glauben. Liberalität, Kontingenzbewusstsein und Geschichtlichkeitsdenken gehören somit aufs Engste zusammen.4

Die Studie von Sebastian Huhnholz ist ein gutes Beispiel dafür, dass politische Ideengeschichte nicht zwangsläufig in einem manierierten „Schöner-Denken“ enden muss, sondern durchaus eine wissenskritische Dimension entfalten kann – insbesondere, wenn sie sich wie hier auf intensive Archivarbeit stützt. Nicht nur Koselleck-Kennern ist das Buch zu empfehlen.

Anmerkungen:
1 Vgl. auch Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, hrsg. von Franz H. Mautner, Frankfurt am Main 1984, J 1231: „Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall.“.
2 Siehe https://www.dla-marbach.de/bibliothek/spezialsammlungen/bestandsliste/bibliothek-reinhart-koselleck-provenienz-und-sammlungserschliessung/ (03.08.2019).
3 Auch wenn die Bezeichnung „großbürgerlich sozialisiert“ (S. 78) wohl eher nicht auf Koselleck zutrifft.
4 Vgl. Otto Gerhard Oexle, „Begriffsgeschichte“ – eine noch nicht begriffene Geschichte, in: Philosophisches Jahrbuch 116 (2009), S. 381–400; Peter Tietze, „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Richard Koebners und Reinhart Kosellecks historische Semantikforschungen zwischen Historismus und Posthistoire, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 5/2 (2016), S. 6–22, http://www.zfl-berlin.org/tl_files/zfl/downloads/publikationen/forum_begriffsgeschichte/ZfL_FIB_5_2016_2_Tietze.pdf (03.08.2019).