J. Surman: Universities in Imperial Austria 1848–1918

Cover
Titel
Universities in Imperial Austria 1848–1918. A Social History of a Multilingual Space


Autor(en)
Surman, Jan
Reihe
Central European Studies
Erschienen
West Lafayette, Indiana 2018: Purdue University Press
Anzahl Seiten
XIV, 458 S.
Preis
$ 49.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniela Haarmann, Institut für Habsburg- und Balkanforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Jan Surmans Monographie untersucht die innermonarchische und zugleich transnationale Sozial- und Wissenschaftsgeschichte der habsburgischen Universitäten in der cisleithanischen Reichshälfte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um eine überarbeitete Fassung seiner gleichnamigen Dissertation, die Surman 2012 an der Universität Wien einreichte.[1] Ziel der Studie ist die sozio-geographische Analyse von Mustern verschiedener akademischer Laufbahnen, akademischer Beschäftigungsverhältnisse, Sicherheiten und Unsicherheiten, der Herausforderungen und Hindernisse von akademischen Karrieren im Kontext der sich forcierenden Nationalismen und Religionskonflikte innerhalb eines multinationalen, multi-linguistischen und multi-konfessionellen Reiches.

Das Buch ist neben einer Einleitung und einer Conclusio in sieben Kapiteln unterteilt. Das erste Kapitel bietet einen Überblick über die habsburgische Universitäts- und Wissenschaftspolitik im Kontext der Wiener Zentralisierungs- und Germanisierungsbestrebungen vor 1848. Diese Zentralisierungsbestrebungen spiegelten sich unter anderem in den von Universität zu Universität unterschiedlichen Besoldungen wider, wobei Wien als kaiserliche Residenzstadt freilich das höchste Gehalt zahlte (S. 45). Dass diese Gehaltspolitik auch ein Ausdruck einer Universitätshierarchie und damit auch Machtpolitik war, bleibt hier allerdings unerwähnt. Auch die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Gehälter auf akademische Laufbahnen deutet Surman nur an (S. 44). Ausführlicher widmet er sich dafür in diesem wie in den folgenden Kapiteln der wachsenden Sprachenproblematik, die sich von einer linguistischen Inklusivität zum Jahrhundertbeginn über eine zunehmende Exklusivität bis hin zu Diskriminierungen zum Jahrhundertende kennzeichnete.

Im zweiten Kapitel verdeutlicht Surman den Versuch der ideologischen Unterwanderung des Bildungssystems durch die Regierung, hier in der Person vom Bildungsminister Thun-Hohenstein. Die Lehrenden an den habsburgischen Universitäten sollten einen gesamt-monarchischen Patriotismus propagieren und Kern dieses Patriotismus waren Deutschtum und Katholizismus (S. 60, 72–73). Die damit einhergehende Diskriminierung von Nicht-Katholiken betont Surman ebenso wie der Qualitätsverlust, der durch dieses strikte Berufungsverfahren von neuen Professoren aufkam. Dass diese von Thun-Hohenstein eingesetzten Gelehrten häufig nicht älter als Anfang 30 waren, garantierte ein zumindest partielles Fortleben dieser deutsch-katholischen Ideologien noch Jahrzehnte nachdem der Minister längst außer Amtes (1860) war (S. 87).

Kapitel 3 schildert dann den Kampf um die universitäre Autonomie, die juristischen Veränderungen, die zunehmende Ideologisierung und Nationalisierung des akademischen Raumes. Im Zuge einer neuen Sprachenpolitik, die immer mehr Universitäten den Unterricht in der Lokalsprache erlaubte, kam es zur Bildung von linguistisch kodifizierten akademischen Subsystemen. Diese schufen ihrerseits wiederum neue Mobilitätsräume (S. 90, 96). Mit der Autonomisierung kam auch die „Depoliticization and Professionalization“ sowie auch die Nationalideologisierung (S. 119, 124–127). Zwar belegt dieses Kapitel überzeugend, dass die Universitätsautonomie eigentlich nur den Ersatz einer Ideologie durch eine andere bedeutete, jedoch werfen die Begriffe der „Depoliticization and Professionalization“ einige Fragen auf: „Depoliticization“ bezieht sich auf den Einfluss des zentralistischen Unterrichtsministerium in Wien, aber findet nicht auch unter der Autonomie eine Form von inneruniversitärer (Ideologie-)Politik statt? Was heißt „Professionalization“ zusammen mit der proklamierten Entwicklung von „stable careers“ ab 1870? Handelt es sich nicht eher um die Etablierung von normierten Karriereschritten, wenn Surman von der Habilitation als ersten und der Professur als letzten Schritt schreibt? So konnten die Karrieren dennoch sehr holprig und instabil verlaufen, wie er selbst in der ganzen Monographie immer wieder anhand von Biographien illustriert.

Die neuen Mobilitätsräume sind dann Gegenstand der Kapitel 4 und 5. Diese untersuchen die Wechselbeziehungen zwischen den habsburgisch-deutschen mit Universitäten im Deutschen Reich (Kap. 4), zwischen habsburgisch-slawischen und ausländischen slawischen Institutionen (Kap. 5). Sie verdeutlichen dabei die Konsequenzen zunehmender Nationalismen und Sprachaffiliationen: Die Universitäten bevorzugten bei der Postenvergabe Wissenschaftler aus dem deutschen beziehungsweise slawischen Ausland, nicht zuletzt auch zur Germanisierung und Slawisierung der eigenen Institution (S. 172, 179–208). Bemerkenswert ist hier Surmans Feststellung, dass sogar inländische Zeitungen diese Besetzungspolitik kritisierten, da es hierdurch zu einem Verfall der Qualität des wissenschaftlichen Personals kam (S. 210). Dieser differenzierende Blick auf die intranationale Bewertung von nationalistischen Tendenzen ist auch für zukünftige Forschungen zu Nationalismen wünschenswert. Kritik ist aber an dem Fokus auf deutsche und de facto nordslawische (polnische, ukrainische, tschechische) Sprachräume zu äußern. Die Frage nach den südslawischen (slowenisch, serbisch, kroatisch) oder auch italienischen Räumen und ihren multiplen Wechselwirkungen bleibt offen.

Kapitel 6 behandelt dann den akademischen Raum innerhalb der Habsburgermonarchie als Schauplatz religiös-säkularer Konflikte mit Schwerpunkt auf dem deutschen „Kulturkampf“. Hierbei analysiert Surman sehr eindrucksvoll den Einfluss religiöser Fragen auf die Universitätspolitik. Von „religious nationalities“ (S. 223–224) sprechend, zeigt er, wie Konfessionszugehörigkeiten im gleichen Maße wie ethnische Zugehörigkeiten die individuelle persönliche Laufbahn fördern oder verhindern konnten. Galt deutsch und katholisch als beste Voraussetzung, änderten sogar zahlreiche Wissenschaftler ihre Konfession für ihre Karriere (S. 228, 233).

Im siebten und letzten Kapitel untersucht Surman schließlich die Nachwirkungen der habsburgischen Universitätspolitik und des Universitätslebens nach dem Ersten Weltkrieg. Neben der obligatorischen Zäsur betont Surman hier auch Kontinuitäten. Zwar waren durch die neuen Staatsverhältnisse unzählige Menschen zu de jure Fremden in ihrer eigenen Heimat geworden, aber die wissenschaftlichen Netzwerke, Systeme, Probleme wie deren Lösungen überlebten zusammen mit einigen Gesetzen den Untergang der Habsburgermonarchie (S. 244, 247–253). Dies zeigt, dass der Erste Weltkrieg nicht nur Brüche verursachte, sondern Fortsetzungen vorheriger Systeme noch möglich waren.

In seinem Werk präsentiert Surman damit eine differenzierende Sicht auf die Universitätsgeschichte Cisleithaniens. Dieser differenzierende und über traditionelle Forschungsgrenzen hinweg denkende Zugang ist eine der größten Stärken dieses ohnehin sehr überzeugenden Buches. Die pointierte Sprache Surmans macht die Lektüre zudem kurzweilig. Es gelingt ihm, ein so komplexes Thema sehr kompakt und gezielt darzustellen. Natürlich wären an manchen Stellen tiefergehende Diskussionen oder nähere Ausführungen zu stark verwandten Themen (etwa Anti-Katholizismus und Ultramontanismus) wünschenswert, doch würde dies wohl zu Lasten der Fokussierung gehen. Die umfassende und aktuelle Bibliographie ermöglicht aber weiterführende und themenorientierte Lektüre.

Die resümierenden Kritikpunkte sind eher kleine Anmerkungen. So ist die Verwendung von einigen Begrifflichkeiten ungenau. Bis zum Ende des Buches bleibt offen, ob Surman „Science“ und „Scholarship“ synonym nutzt oder doch unterscheidet. Auch die Gleichsetzung von „Austria“ und „Cisleithania“ ist nicht konsequent. Jedoch behindern diese Ungenauigkeiten die Verständlichkeit und sehr gute Lesbarkeit des Buches kaum.

Problematischer ist allerdings die Selbstverständlichkeit, mit der Surman Zentrum (= Wien) und Peripherien (= sonstige Universitätsstädte) identifiziert. Grundsätzlich gilt hier zu bemerken, dass Zentrum und Peripherie immer von der jeweiligen Perspektive abhängen. So reflektiert Surman hier ungewollt den in seinem Buch als Universitätshierarchie angemerkten Wien-Zentrismus.

Besonders wünschenswert wäre ein offenerer Mut zur Lücke gewesen. Die Geschichte des akademischen Raumes allein in Cisleithanien zu untersuchen, ist ohnehin ein kaum allein zu meisterndes Unterfangen. Dass Surman hier seinen Fokus vor allem auf die tschechisch-, polnisch- und deutschsprachigen Akademien und Universitäten legt, ist daher nur verständlich. Allerdings hätte er diesen Fokus klar ausdrücken und verfolgen können, anstatt immer wieder den Versuch zu wagen, auch andere Räume einzubringen. Aber auch dies schränkt nicht die Gesamtqualität des Buches ein.

Für die gegenwärtigen Debatten über prekäre Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft, internationale Mobilitätsprogramme und politische Versuche zur nationalistischen Vereinnahmung von Forschungsinstitutionen – wie er selbst betont – ist seine Studie von höchster Relevanz. So soll abschließend die Hoffnung geäußert werden, dass seine Studie Vorbild für weitere Forschungen dieser Art sein wird.

Anmerkung:
[1] Jan Surman, Habsburg Universities 1848–1918. Biography of a Space, Diss. Univ. Wien 2012, in: E-Theses – Hochschulschriften-Service d. Univ. Wien, http://othes.univie.ac.at/18482/ (09.07.2019).

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Veröffentlicht am
07.04.2020
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