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Titel
Grenzen des Sozialismus zu Land und zu Wasser. Die tschechoslowakische Landgrenze und die polnische Seegrenze im Vergleich (1948–1968)


Autor(en)
Nithammer, Jasmin
Reihe
Studien zur Ostmitteleuropaforschung 44
Erschienen
Anzahl Seiten
235 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sarah Lemmen, Departamento de Historia Moderna e Historia Contemporánea, Universidad Complutense de Madrid

Das Bild des “Eisernen Vorhangs“ als unüberwindliche Grenze zwischen den ideologisch oppositär stehenden Blöcken Ost- und Westeuropas hatte sich bereits bald nach der bekannten Rede Winston Churchills im Jahr 1946 im öffentlichen Bewusstsein gefestigt und behielt bis zum Ende des Kalten Krieges Symbolcharakter für die Trennung Europas. Jasmin Nithammer richtet in der Monographie „Grenzen des Sozialismus zu Land und zu Wasser“, die aus ihrer 2016 an der Universität Gießen verteidigten Dissertationsschrift hervorgegangen ist, den Blick auf Teile dieses Grenzverlaufs zwischen Ost und West in ihrer Doppeldeutigkeit als System- und als Staatsgrenzen. Ihr Fokus liegt dabei auf der Entstehungs- und Etablierungsphase (von der frühen Nachkriegszeit bis in die späten 1960er-Jahre) sowohl der tschechoslowakischen Westgrenze nach Deutschland und Österreich als auch – etwas überraschend und neugierig machend – der polnischen Seegrenze, mit dem Ziel, „die Entwicklung von Staatsgrenzen in Ostmitteleuropa zu Systemaußengrenzen des sozialistischen Gesellschaftsmodells zu untersuchen“ (S. 2).

Die Unterschiede der zwei gewählten Grenzabschnitte springen sofort ins Auge, so die Beschaffenheit als „feste“ Landesgrenze oder „nasse“ Seegrenze oder aber die direkte Nähe zum „kapitalistischen Feind“ im Fall der tschechoslowakischen Grenze versus dem Fehlen eines direkten Kontakts zu Staaten aus dem nicht-sozialistischen Lager im polnischen Fall. Diese Aspekte beeinflussten Befestigung, Schutz und Bedeutung der Grenzen deutlich. Dagegen weisen die Grenzabschnitte auch Parallelen auf, die vielleicht nicht ganz so offensichtlich zutage treten. So besaßen beide Regionen nach Vertreibungen und Umsiedlungen kaum noch eine alteingesessene Bevölkerung, was auch für sicherheitspolitische Aspekte und die Zusammenarbeit der Grenzschutzeinheiten mit der lokalen Bevölkerung von großer Bedeutung war.

Nithammer analysiert die „Entwicklung von Staats- zu Systemaußengrenzen“ auf verschiedenen Ebenen, denen sie jeweils ein Kapitel widmet. Dabei greift sie – diese Kritik sei hier vorweggenommen – in den Kapiteln selten die Erkenntnisse der vorausgegangenen Kapitel auf, sondern beginnt die einzelnen Abschnitte teilweise mit Kontextualisierungen von allgemein Bekanntem (so zu den Grenzverschiebungen in Ostmitteleuropa, S. 21–28; oder zu Flucht und Vertreibung ab 1945, S. 147–151) oder mit generellen Überlegungen über Grenzen (als Linien, als „komplexe Konstrukte“ [S. 81], als „Teil eines funktionalen, gesellschaftlichen Gefüges“ [S. 145]), die von der reizvollen Prämisse des Buches eher ablenken als auf sie zusteuern. Insgesamt hätte das Buch von mehr Stringenz im Aufbau des Textes profitiert. So liegt über weite Strecken der Gewinn der Lektüre vor allem im Detail.

Das erste Kapitel nach der Einleitung bietet eine Einführung in die komplexe Geschichte von Grenzen in Ostmitteleuropa. Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Staatsgrenzen in dieser Region sehr mobil, wie vor allem die staatlichen Grenzziehungen nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, aber auch die Grenzverschiebungen infolge des Münchner Abkommens deutlich machen (S. 23). Dennoch gehört gerade die tschechoslowakische Westgrenze zu den ältesten Grenzen Europas, während die polnische Seegrenze eine Novität der politischen Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg war.

In den Ausführungen zu den „Rechtlichen Grundlagen und internationalen Vereinbarungen“ (Kapitel 3) wird die Komplexität der juristischen Fixierung von Grenzen deutlich, die selbst im Falle der tschechoslowakischen Westgrenze trotz lang bestehender Tradition erst nach Jahrzehnten zu einem international anerkannten Vertrag führte. Die Festlegung der polnischen Seegrenze dagegen war ein internationales Drama, das vor allem auf den geographischen Begebenheiten beruhte: So konnte die Danziger Bucht – die mit offener Mündung weit in das polnische Festland ragt – aufgrund internationaler Normen nicht gänzlich als Binnen- oder Küstengewässer nationalisiert werden und blieb somit ein Sicherheitsproblem, während das Frische Haff aufgrund der Grenzziehungen nur noch über sowjetisches Gewässer mit der Ostsee verbunden war (S. 50, 68–78). Unklar bleibt allerdings, welche Relevanz die juristisch uneindeutige Grenzsituation zu einer Zeit, in der der „Eiserne Vorhang“ in der Praxis bereits als weitgehend unüberwindbar galt, eigentlich hatte.

Das vierte Kapitel „Von der Grenzlinie zum Garanten für die Sicherheit“ beschäftigt sich mit der Entwicklung der Grenzsicherung. Nithammer zeigt darin auf, dass der Prozess keineswegs ein gradliniger, sich verschärfender war, sondern sich den jeweiligen politischen und sozialen Bedingungen und lokalen Erfahrungen anpasste. So entwickelte sich, um das tschechoslowakische Beispiel hervorzuheben, erst 1948 überhaupt ein befestigtes Grenzsystem (davor mussten Patrouillen von Grenzschutzsoldaten genügen), bis 1951 schließlich zur besseren Kontrolle die Verbotene Zone (ein 2 Kilometer breiter Grenzstreifen, der nur vom Grenzschutz betreten werden durfte und dem ganze Gemeinden und Ortschaften weichen mussten) und die Grenzzone (ein zweiter Streifen von bis zu mehreren Kilometern, in denen verschärfte Auflagen galten) eingeführt wurden. Ebenso wurde die technische Sicherung der tschechoslowakischen Grenze radikal verschärft, unter anderem mit Stolperdrahtanlagen, Doppelzaun mit Hochspannungsdrähten und sogar Minenfeldern. Diese drastischen Vorkehrungen wurden aber spätestens in den 1960er-Jahren wieder rückgebaut, nachdem sie sich nicht als praktikabel erwiesen hatten (S. 103).

Das für die Argumentation des Buches so zentrale Kapitel über die „Konstruktion der (Systemaußen-)Grenze“ ist etwas versteckt in Punkt 4.2 untergebracht. Der Fokus liegt hier auf der ideologischen Prägung der Grenze durch die Formierung eines Narrativs, das den „Feind“ auf der anderen Seite der Grenze entstehen lässt, der die „Grenzen des sozialistischen Lagers“ (S. 116) bedrohe. Für die Schaffung eines sozialistischen Bewusstseins spielte zum einen die Ausbildung der Grenzschützer eine zentrale Rolle, die über Fachzeitschriften und Schulungen vermittelt wurde, zum anderen sollte die Grenze im öffentlichen Bewusstsein als positiv konnotierter sozialistischer Schutzwall verankert werden, mit den Grenzschützern als Verkörperung der Grenze und ihrer Funktion (S. 128–144).

Das fünfte Kapitel „Grenze zwischen Alltag, Urlaubsidylle und Grenzschutz“ behandelt schließlich die alltäglichen Erfahrungen an und mit der Grenze. In beiden Grenzabschnitten war die Einbindung der Bevölkerung in den Grenzschutz von zentraler Bedeutung. Während in der Tschechoslowakei freiwillige „Grenzschutzhelfer“ aus der Region Augen und Ohren offenhielten, um etwaige Grenzübertretungsversuche zu melden, waren auch die polnischen Grenzschützer auf die Mitteilungsbereitschaft der lokalen Bevölkerung angewiesen, die allerdings nach Einschätzung des Grenzschutzes in den 1960er-Jahren wieder abnahm (S. 172). Mit dem polnischen Pfadfinderbund und den tschechoslowakischen Pionierorganisationen wurden auch die Kinder- und Jugendorganisationen in den Grenzschutz eingebunden.

Der unterschiedliche Umgang mit Urlauber/innen in den Grenzregionen ist schließlich vor allem auf die verschiedenen Grenzformen zurückzuführen. Während nah der tschechoslowakischen Grenze nur als besonders loyal eingestufte Staatsbürger/innen (meist Mitglieder der nationalen Sicherheitsdienste) mit besonderem Passierschein ihren Urlaub verbringen durften, war die polnische Meeresküste das nationale Urlaubsgebiet par excellence. Dem passten sich sogar die Regeln des Grenzschutzes an: Zwischen dem 1. Mai und dem 30. September jeden Jahres wurden die Küstengebiete mitsamt den Stränden für den Urlaubsverkehr freigegeben, während sie den Rest des Jahres unter strenger Bewachung standen.

Zusammengenommen ergibt sich hier ein vielschichtiges Bild zweier unterschiedlicher Grenzsituationen, die beide als Teile der sozialistischen Außengrenze wahrgenommen wurden. Dennoch ist das Ergebnis nicht ganz zufriedenstellend. Zum einen verliert sich die Arbeit teilweise in lokalen Quellenstudien, die nur vage an die Ausgangsüberlegungen zurückgebunden werden. Zum anderen fehlt eine tiefergehende Reflexion der Dynamiken des Kalten Krieges im Allgemeinen sowie eine Kontextualisierung der Grenzproblematik entlang des „Eisernen Vorhangs“ im Besonderen. Inwieweit sind die Veränderungen der polnischen und tschechoslowakischen Grenzräume auch mit anderen Entwicklungen entlang des „Eisernen Vorhangs“ in Verbindung zu bringen, so mit dem Bau der Berliner Mauer?

Ungeachtet der genannten Kritik zeigt diese Monographie anhand von zwei lokal verankerten Fallstudien den Wandel von Grenzen – in ihrer Form und Lage, Bedeutung und Interpretation sowie in ihrer Kontrolle und Überwachung – in einer Zeit der höchsten politischen Anspannung während des Kalten Krieges. Als Beitrag zu Border Studies sowie zu Cold War Studies ist dieses Buch all denen zu empfehlen, die Grenzen in ihrer lokalen Auswirkung neu denken wollen.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.07.2020
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