J. R. Rosés u.a. (Hrsg.): The Economic Development of Europe's Regions

Cover
Titel
The Economic Development of Europe's Regions. A Quantitative History since 1900


Herausgeber
Rosés, Joan Ramón; Wolf, Nikolaus
Reihe
Routledge Explorations in Economic History 82
Erschienen
London 2019: Routledge
Anzahl Seiten
XVII, 436 S.
Preis
£ 105.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Yaman Kouli, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, TU Chemnitz

Wer die europäische Integration und Zusammenarbeit verstehen will, kommt an der Frage der wirtschaftlichen Entwicklung praktisch nicht vorbei. Auf der Lissaboner Sondertagung des Europäischen Rates im März 2000 beispielsweise wurden die regionalen ökonomischen Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten explizit als Schwäche der EU bezeichnet. Lag 2018 das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Dänemark bei 61.000 US-Dollar, erreichte Spanien mit 30.300 US-Dollar knapp die Hälfte.[1] Wirtschaftshistorische Analysen ebenjener Diskrepanzen, die ihre Entsprechung auf der regionalen Ebene innerhalb der Mitgliedsländer haben, hatten jedoch häufig mit einem Datenproblem zu kämpfen. Das lag insbesondere an zwei Schwierigkeiten. Erstens sind sich Wirtschaftshistoriker/innen weitgehend einig, dass sich die Ökonomien Europas eigentlich erheblich besser als Summe von Regionen denn als nationale Volkswirtschaften darstellen und untersuchen lassen, die verfügbaren Quellen sich aber meist auf die gesamte Nationalökonomie beziehen und regionale Unterschiede damit einebnen. Und wenn (zweitens) doch regionale Daten zur Verfügung stehen, liegen diese meist in verschiedenen Währungen vor, was eine weitere Quelle für Unsicherheiten ist. Diese beiden Hürden zu überwinden wird nun durch die in dieser Publikation vorgestellte Datenbank erheblich erleichtert.

Das führt allerdings zu einem auf den ersten Blick etwas untypischen Sammelband. Im Zentrum der gesamten Publikation steht nämlich die Berechnung regionalen Bruttoinlandsprodukts (Bruttoregionalprodukt, BRP) der NUTS2-Regionen sämtlicher Staaten (West-)Europas: Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, das Vereinigte Königreich und Irland. Auf den ersten Blick überraschend ist die Inklusion der USA, dies ist jedoch angesichts der engen Handelsverflechtung mit Europa sowie dem umfangreichen Schrifttum zur transatlantischen Wirtschaft durchaus plausibel. Die im Band versammelten Berechnungen sind nicht lückenlos, sondern für die Jahre 1900, 1910, 1925, 1938, 1950, 1960, 1970, 1980, 1990, 2000 und 2010 durchgeführt worden. Wenngleich das BRP im Vordergrund steht, beinhaltet die Datenbank – das ergibt sich aus der Methodik – auch Zahlen zur Bevölkerung, der geographischen Fläche und den Anteil der Beschäftigten, die in der Landwirtschaft, in der Industrie (inkl. Bergbau) und im Dienstleistungssektor tätig sind. Vervollständigt wird das Buch dadurch, dass zu jedem Land ein eigenständiger Artikel verfasst wurde. Ein umfangreicher einleitender Beitrag der Herausgeber – beide u.a. ausgewiesene Wirtschaftsgeographen – rundet den Band ab.

Von zentraler Bedeutung ist, dass sich die Autor/innen bei den BRP räumlich und politisch an den NUTS2-Gliederungen (mittlere Regionen oder Millionenstädte) der amtlichen Statistik der EU-Mitgliedsstaaten orientieren.[2] Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) hat im Rahmen seiner Nomenclature des unités territoriales statistiques, kurz: NUTS-Methodik, die europäischen Länder in feste Gebiete eingeteilt. Die Autorinnen und Autoren haben diese Regionen historisch zurück-projiziert, indem sie ihre lokalen Daten jeweils entsprechend zuordneten. Das führt in einigen wenigen Fällen zu Einschränkungen: Zum einen hat dieses Vorgehen den Effekt, dass die Länder in den Grenzen der 1990er-Jahre verortet werden. Auch deshalb sind Ungarn und die heute polnischen Gebiete, die bis 1945 Teil des Deutschen Reichs waren, ausgenommen. Der große Vorteil der historischen Rekonstruktion der NUTS2-Regionen ist wiederum, dass es so möglich ist, die wirtschaftliche Entwicklung einzelner Regionen in festen Grenzen zu analysieren – ein Unterfangen, das bisher an zahlreichen Hindernissen scheiterte. Da Eurostat seine Erhebungen fortsetzt, wird der Wert der Datenbank sicherlich noch größer werden. Freilich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Eurostat die Untersuchungsregionen anpassen wird, wenn etwa Bevölkerungsverschiebungen dies nahelegen.

Ein weiteres Merkmal des Sammelbandes ist, dass das Bruttoregionalprodukt (BRP) für alle Gebiete in einer einheitlichen Währung berechnet wurde. Die Autor/innen nutzen hierbei 1990 international dollars, die sich auch in anderen Forschungszusammenhängen als Standard durchgesetzt haben. Die Herausgeber beziehen sich dabei explizit auf die Methodik zweier Ökonomen, die sie passenderweise auch als Beiträger für den vorlegenden Sammelband gewinnen konnten. 2002 veröffentlichten Frank Geary und Tom Stark im „Economic Journal“ einen Artikel mit dem Titel „Examining Ireland’s Post-Famine Economic Growth Performance“.[3] Sie gingen damals der Frage nach, wie auf plausible Weise das regionale Bruttoinlandsprodukt von Wales, Schottland, England und Irland ermittelt werden könne. Bis dato verfügbare Berechnungen gaben nur das Bruttoinlandsprodukt des gesamten Vereinigten Königreichs an. Kern der Strategie von Geary und Stark war die Annahme, dass regionale Lohnentwicklungen lokale Produktivitätssteigerungen widerspiegeln. Unter Heranziehung regionaler Lohndaten sowie der Zahl der Beschäftigten in den einzelnen Wirtschaftszweigen füllten sie die Lücke zwischen 1861 und 1911 mit plausiblen regionalen Daten. So konnten sie das BIP Irlands relativ zu demjenigen des Vereinigten Königreichs kalkulieren. Diese Methodik liegt auch den meisten Beiträgen des vorliegenden Sammelbands zugrunde, Ausnahmen sind nur bei Österreich und den Niederlanden gemacht worden. In diesen Fällen wurde regionalen Preisdaten (Österreich) bzw. der Korrektur bereits bestehender Schätzungen (Niederlande) der Vorzug gegeben.

Es ist davon auszugehen, dass diese Datenbank für zahlreiche Wirtschaftshistoriker eine wichtige quantitative Forschungsgrundlage darstellen wird. Denn bisher musste für Berechnungen zum BIP meistens auf Daten zurückgegriffen werden, die im Kern auf die Arbeit von Angus Maddison zurückgehen.[4] Die hier vorgelegten regionalen Daten erlauben nun transnationale und transregionale Studien. So ist es etwa möglich – um ein willkürliches Beispiel zu nennen – die wirtschaftlichen Entwicklungen von Manchester und dem „deutschen Manchester“ Chemnitz einander gegenüberzustellen. Die zweite wichtige Funktion der zusammengestellten Daten ist, dass nun regionale Langzeitanalysen derselben Region gestattet werden. Drittens können nun auch länderübergreifend NUTS2-Regionen zusammengefügt und untersucht werden.

Die Berechnungen für die einzelnen Regionen wurden in allen Fällen von Autor/innenteams vorgenommen, die sich jeweils einem Land widmen. Die betreffenden Begleitartikel gehen dabei deutlich über eine reine Datenanalyse hinaus. Sie beinhalten zumeist noch genauere Analysen und häufig auch präzisere Daten. Außerdem finden sich in einzelnen Artikeln auch erläuternde Landkarten, die das geographische Muster hinter den quantitativen Daten visualisieren.

In der Gesamtschau zeigen sich so zwei Muster. Erstens – und weniger überraschend – war und ist in vielen Ländern die Hauptstadt das wichtigste Wirtschaftszentrum. Ein Extrembeispiel ist sicherlich Frankreich, für das die Autoren Joan Ramón Rosés und M. Teresa Sanchis feststellen, dass die Wirtschaft – jenseits der Landwirtschaft – während des gesamten Untersuchungszeitraums auf die Region um Paris (Île de France) konzentriert war, wo 2010 mehr als 30 Prozent des französischen Bruttoinlandsprodukts generiert wurden. Dieser Vorsprung der Île de France allein erklärt zwei Drittel der regionalen Ungleichheit in Frankreich (S. 138). Auch für andere Länder (z.B. Österreich, Belgien, Norwegen, Spanien) lässt sich die enorme Bedeutung der Hauptstadtregion belegen. Deutschland hingegen zählt eher als Ausnahme. Zwar lässt sich bis 1938 eine klare Dominanz Berlins konstatieren. Während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügte Deutschland mit Oberbayern, Stuttgart, Hannover, Hamburg, Düsseldorf und Köln jedoch über Wirtschaftszentren, die alle einen ähnlich hohen Anteil am Bruttoinlandsprodukt Deutschlands hatten. Das andere aus den Daten hervorgehende Muster ist, dass es in Westeuropa nur während zweier Epochen zu einem signifikanten Rückgang der Abstände der regionalen Wirtschaftskraft kam: während der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg, sowie während der sog. „goldenen Ära des Kapitalismus“ 1950-1973. In allen anderen Phasen vergrößerte sich der Abstand zwischen den Regionen.

Kritikpunkte an der vorliegenden Datensammlung und der einordnenden Analyse gibt es nur wenige. Jeder Artikel nimmt Bezug auf die Methodik von Geary und Stark, und auch die Arbeit des Wirtschaftsgeographen Paul Krugman[5] wird mehr als einmal erwähnt. Dies führt bei der Lektüre aller Artikel zu gewissen Redundanzen beim Lesen, fällt aber in der Gesamtschau nicht allzu sehr ins Gewicht. Problematischer ist dagegen, dass der Titel des Bandes ein wenig in die Irre führt. Denn tatsächlich erlauben die vorliegenden Daten beinahe ausschließlich Rückschlüsse auf regionale Entwicklungen in Westeuropa. Das ist sicher der Quellenlage geschuldet, hätte aber mit einem genaueren Titel offengelegt werden können. In der Einleitung (S. 4) wird immerhin angekündigt, dass entsprechende Arbeiten zu Mittel- und Osteuropa in Arbeit seien. Ganz sicher positiv hervorzuheben ist, dass die Herausgeber und Autor/innen des Sammelbands die zu Grunde gelegten Daten auch in Dateiform kosten- und barrierefrei zur Verfügung stellen.[6] Dies erhöht den Wert des Bandes enorm und legt die Basis für eine kollektive Anschlussnutzung in künftigen Forschungsvorhaben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?locations=PL-GR-PT-DE-EU (24.05.2020).
[2] Genaueres hierzu siehe unter https://ec.europa.eu/eurostat/web/regions-and-cities/overview (24.05.2020).
[3] Frank Geary / Tom Stark, Examining Ireland‘s Post-Famine Economic Growth Performance, in: The Economic Journal 112 (2002), S. 919–935.
[4]https://www.rug.nl/ggdc/historicaldevelopment/maddison/releases/maddison-project-database-2018 (24.05.2020).
[5] Paul Krugman, Geography and Trade, Cambridge, Massachusetts 1991.
[6] Die Daten können auf folgender Website heruntergeladen werden: https://www.wiwi.hu-berlin.de/de/professuren/vwl/wg/roses-wolf-database-on-regional-gdp/fuer-download-registrtieren (24.05.2020).