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Titel
Landschaft und Identität. Versuch einer österreichischen Erfahrungsgeschichte


Autor(en)
Hanisch, Ernst
Reihe
Schriftenreihe des Forschungsinstitutes für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek 67
Erschienen
Anzahl Seiten
401 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Werner Telesko, Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Seit geraumer Zeit bildet die Auseinandersetzung mit Fragen der identitätsstiftenden Rolle von Natur und Landschaft ein wichtiges Aufgabengebiet der Historiografie, der Kunstgeschichte sowie der Kulturwissenschaften. Ernst Hanisch, Professor emeritus an der Universität Salzburg, widmet sich in seinem neuen Werk Fragen der Bedeutung österreichischer Landschaft[en] unter einem speziellen Aspekt. Dieser wird im Untertitel mit dem Begriff „Erfahrungsgeschichte“ konkret angesprochen und in der Einleitung erklärt. In den Fokus genommen werden weniger mentalitätsgeschichtliche Aspekte als vielmehr die (individuelle) Erfahrung, die mit dem Erlebnis von Landschaft[en] untrennbar verbunden ist (S. 12). Nicht ohne Grund oszilliert deshalb Ernst Hanisch in seinen Betrachtungen und Analysen zwischen individuellen Erfahrungshorizonten und der Analyse kollektiver Deutungsmuster. Der Akzent des Untersuchungszeitraums liegt verständlicherweise auf dem 19. und 20. Jahrhundert, trotzdem wäre ein vertiefter Blick in frühneuzeitliche Aneignungen von Regionen und Landstrichen, etwa als „Sakrallandschaften“, nützlich gewesen – auch, um dadurch die von geistlicher Seite vehement vorangetriebene kulturelle und wirtschaftliche Kodierung unterschiedlicher „Archetypen“ (im Sinne Hanischs, S. 13) als Vorbedingung oder aber Kontrastfolie zu Prozessen der Modernisierung besser verstehen zu können.

Der von Hanisch einleitend skizzierten methodischen und inhaltlichen Basis zufolge soll keine vollständige Analyse der Vielfalt österreichischer Landschaftstypen angestrebt werden. Vielmehr steht die Behandlung übergreifender und wohl auch für andere Nationen und Regionen gültiger „Archetypen“ (S. 13) wie Berg, Fluss, Wald, Industrielandschaft und Ebene anhand von charakteristischen Beispielen, die vielen Lesern aus eigener Erfahrung bekannt sein dürften, im Zentrum des Interesses.

Hanischs Auseinandersetzung mit der Frage des identitätsstiftenden Potenzials der österreichischen Landschaft[en] bekennt sich dezidiert zu einer Einbeziehung vieler Kontexte, unter denen Ökonomie, Politik, Gesellschaft und Kultur mit ihren vielfältigen Facetten im Vordergrund stehen. Nach einem Einleitungskapitel, das mit „Orientierungen“ betitelt ist und das Themenspektrum von der öffentlichen Wahrnehmung der österreichischen Landschaft, etwa im „Kronprinzenwerk“ der österreichisch-ungarischen Monarchie, bis zu den Mentalitätsveränderungen im 20. Jahrhundert analysiert, darüber hinaus aber auch Tourismus und Naturschutz als antagonistische Dynamiken einbezieht, widmet sich der Autor den „Bergen“ mit dem Untertitel „Konstruktion und reale Erfahrung“, dem „großen Fluss“, der Donau, dem Wald „als Symbol und Lebensraum“, der Industrielandschaft des Erzberges und dem „flachen Land. Burgenland und Neusiedlersee“.

So aussagekräftig und prominent zugleich diese gewählten Beispiele sind, so stehen sie doch gleichnishaft für zahlreiche andere, weniger bekannte in Österreich sowie in der ganzen Welt, was letztlich unweigerlich zur übergreifenden Frage führt, in welcher Hinsicht Berg, Fluss und Ebene als archetypischen Konstanten für die Landschaften Österreich als spezifisch angesehen werden können. Hanisch macht in seinem Buch deutlich, dass Landschaft im Grunde eine relationale Kategorie darstellt – zum einen in Bezug auf unterschiedliche Sichtweisen und Nutzungen durch den Menschen im Laufe der Zeit, zum anderen, was das Verhältnis von Landschaft zu anderen Lebenssphären des Menschen betrifft: Denn aus Hanischs Ausführungen wird auch deutlich, dass fundamentale österreichische „Staatsmythen“ entweder in die politische und kulturelle Bewältigung von Landschaft eingeschrieben sind bzw. sich aus vitalen Landschaftsnarrativen herausentwickeln.

Im Detail stellt sich dabei zuweilen aber die Frage, ob nicht Erinnerungsorte der österreichischen Geschichte einem bestimmten Landschafts-„Archetyp“, im konkreten Fall der Donau, übergestülpt werden. Dies scheint auf Hanischs Deutung von Mauthausen als „Todeslandschaft“ (S. 215) zuzutreffen, wohingegen in seiner Interpretation der Wachau (S. 221–227) die Region – als politisch und kulturell gleichermaßen durch den Donaustrom geprägt – schlüssige Erklärungen findet. Während die Donau und andere Flüsse bestimmte Landschaften gleichsam einschließen und dadurch erst konstituieren, verzichtet Hanisch in seinem Kapitel zum Wald (S. 239–274) auf die Herausarbeitung spezifischer identitätsstiftender Waldregionen in Österreich. Kundig wird hier das entsprechende thematische Kaleidoskop von Peter Rosegger bis zu aktuellen Fragen der Forstgesetzgebung abgearbeitet. Vom Wald besonders nachhaltig geprägte Regionen bzw. Kulturlandschaften wie der Böhmerwald, der Dunkelsteinerwald oder der Wienerwald, der von Joseph Schöffel (Hanisch, S. 264f.) als dem „Retter“ des Wienerwalds bis zur Installierung der heutigen Schutzgebiete im „Biosphärenpark“ Wienerwald eine ganz eigene Kultur der Bewahrung aufweist, hätten hier vielleicht die stärker allgemein gehaltenen Argumentationen Hanischs aufbrechen können.

Nicht zuletzt aus dieser Perspektive stellt sich die Frage nach Existenz und Disposition von variabel verfassten Mischformen der von Hanisch herausgestellten „Archetypen“. Gerade weite Landstriche, etwa im Mostviertel, entsprechen diesem charakteristischen, von kleineren Flüssen durchzogenen harmonischen Miteinander von Waldlandschaften und prominenten Erhebungen, wie sie etwa konkret die Region um Seitenstetten, Waidhofen/Ybbs und Sonntagberg in besonderer Weise auszeichnet. Diese wichtige, weil Österreich in seiner Gesamtheit betreffende Frage berührt vital die Einschätzung der verschiedengestaltigen und kaum zu kategorisierenden Morphologie der österreichischen Landschaft, die letztlich Gegenstand der Geografie ist.

Hanisch vollzieht mit seinem Buch konsequenterweise eine starke argumentative Fokussierung auf die Landschaft als die vom Menschen gestaltete und veränderte Natur. Gerade die von ihm angesprochene Donauregulierung in Wien (S. 200–202) leitet implizit auch zu Thema der menschlichen Umgestaltung dezidiert städtisch geprägter Räume über. Im direkten Aufeinandertreffen zwischen verdichteter Urbanität einerseits und Landschaftsräumen andererseits werden zugleich Fragen virulent, die inzwischen ganz zentral das Tagesgeschäft der Kommunalpolitik sowie die Erwartungshaltungen einer an Lebensqualität immer stärker interessierten städtischen Bevölkerung bestimmen. Damit erneuert sich in gewisser Weise die Problemstellung der Stadt-Land-Polarität, begünstigte doch seit dem Biedermeier der positiv besetzte „Fluchtort“ Land – im Gegensatz zum „Feindbild“ Stadt – den Aufstieg vieler Phänomene, die Hanisch kenntnisreich beschreibt.

Dem Autor ist mit seinem Werk ein großer Wurf gelungen. Weit über eine enge historische Problemstellung hinaus macht Hanisch mit unzähligen Fakten, Beobachtungen und Analysen aus seiner eigenen Disziplin und vielen benachbarten Wissensbereichen auf ein Phänomen aufmerksam, dessen emotionale und emotionalisierte Facetten lange unterschätzt wurden. Hanisch formuliert mit dem von ihm gewählten Zugang dezidiert auch ein persönliches Bekenntnis, da er die – sich in der Zeit verändernde – unmittelbare Erfahrung von Natur und Landschaft als geeigneten methodischen Einstieg und persönliche Kontrollinstanz ansieht. Auf dieser Basis wurde eine vielschichtige Publikation realisiert, die eine multiperspektivisch verfasste „Umweltgeschichte“ der neuen Art darstellt und den Blick für Fragen zu öffnen imstande ist, welche die zahlreichen Aktualitätsbezüge des Themas unterstreichen helfen.

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Veröffentlicht am
22.07.2019
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