C. Tischler u.a. (Hrsg.): Deutschland und die Sowjetunion 1933–1941

Cover
Titel
Deutschland und die Sowjetunion 1933–1941. Dokumente aus russischen und deutschen Archiven. Band 2: Januar 1935 – April 1937


Herausgeber
Tischler, Carola; Slutsch, Sergej
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 945 S.
Preis
€ 229,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar Wulff, Department of History, Higher School of Economics, Campus St. Petersburg

Fünf Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes der auf vier Bände ausgelegten Quellenedition über die deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 und dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 liegt nun der langerwartete zweite Band vor.[1] Er besteht aus zwei voluminösen Teilbänden mit insgesamt 691 meist unveröffentlichten Dokumenten aus zwölf deutschen und russischen Archiven sowie dem Archiv des Ukrainischen Sicherheitsdienstes, die den Zeitraum zwischen Januar 1935 und April 1937 erfassen.

Es ist ein unbestreitbares Verdienst der Herausgeber, für die vorliegende Quellenedition einen breiten beziehungsgeschichtlichen Zugang gewählt zu haben. Sie beschränkten sich nicht etwa auf die üblichen politischen und diplomatischen Aspekte des Verhältnisses zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion unter Stalin. Eingang fanden auch zahlreiche Dokumente, die die Aufmerksamkeit auf die ideologischen Implikationen des Verhältnisses sowie auf militärische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Felder der Kooperation bzw. Konfrontation lenken. Selbst Tourismus und andere Formen zwischenmenschlicher Begegnungen blieben nicht ausgespart. Die Quellen bestätigen zum einen seit langem von der Forschung formulierte Thesen, so jene von der Doppelgleisigkeit der sowjetischen Außenpolitik gegenüber Deutschland – einerseits Bemühungen um die Aufrechterhaltung von kooperativen Sonderbeziehungen, andererseits „kollektive Sicherheit“, verstanden als Schutzwall Westeuropas und der Sowjetunion gegen Hitler. Wie die Dokumente belegen, blieb der politische Erfolg in beiden Richtungen begrenzt. Auf strittigen Forschungsfeldern liefern sie zum anderen neue Argumente. Während der Bedeutungsverlust des Auswärtigen Amtes nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten auf der Hand zu liegen scheint, in dessen Folge der ungestörte Ausbau des militärischen Potential und die Artikulation ideologischer und rassistischer Ressentiments die Oberhand behielt, ist in Bezug auf die sowjetische Außenpolitik nach wie vor umstritten, ob sie tatsächlich einer einzigen von Stalin vorbestimmten Taktik folgte, Zerwürfnisse zwischen den Staaten der als permanenten Bedrohung empfundenen kapitalistischen Staaten zu provozieren, zu schüren und auszunutzen oder ob nicht doch daneben auch pragmatische, kurzfristige Motiven eine wichtige Rolle spielten. Völlig zu Recht unterstreichen die Herausgeber, dass die Dokumente die Auffassung vom Nebeneinander verschiedener Politiklinien in der sowjetischen Außenpolitik unterstützen.

Immer wieder fördert die weitgefächerte Dokumentenauswahl aber auch überraschende Befunde zu Tage. Während allenthalben in den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland zwischen 1934 und 1937 Niedergang, Rückschritt und enttäuschte Hoffnungen dominierten, so waren es ausgerechnet Historiker/innen und Archivar/innen beider Länder, die entgegen dem allgemeinen Trend unter schwierigsten Bedingungen ein Kooperationsprojekt erfolgreich realisierten. Protagonisten waren die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas, die Redaktion der Zeitschrift „Osteuropa“, die Kommission zur Herausgabe von Dokumenten aus dem Zeitalter des Imperialismus beim Zentralen Exekutivkomitee der UdSSR sowie die Herausgeberschaft der deutschen Ausgabe dieser Edition um den Leiter des Seminars für osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Berliner Universität Professor Otto Hoetzsch. Involviert waren aber auch Diplomat/innen und hochrangige Regierungsbeamt/innen beider Länder. Den Gegenstand der jahrelangen Bemühungen bildete die Edition der im Moskauer Verlag für sozialökonomische Literatur erschienenen russischsprachigen Bände zur diplomatischen Vorgeschichte und Geschichte des Ersten Weltkrieges für das deutsche Publikum. Sie erschienen in der Sowjetunion ab 1931 zunächst unter der Leitung des Nestors der marxistischen Geschichtsschreibung M.N. Pokrowski und verfolgten das Ziel, die aggressive Außenpolitik des Zarenregimes und der Provisorischen Regierung und deren auf Expansion ausgerichtete Ziele im Ersten Weltkrieg zu „entlarven“. Damit wurde dieses Werk für das Auswärtige Amt interessant. Das Amt unterhielt seit dem Versailler Friedensvertrag eine eigene Unterabteilung, die Material sammelte, um Artikel 231 des Versailler Friedens zu widerlegen, der die Schuld am Krieg Deutschland und seinen Verbündeten zuwies. Auch das Naziregime hielt an der schon zu Weimarer Zeiten parteiübergreifend ablehnenden Haltung in der Kriegsschuldfrage fest, sodass sich wenigstens in dieser Frage eine partielle Übereinstimmung mit sowjetischen Standpunkten ergab. Dies war offenbar der hauptsächliche Grund dafür, warum das Auswärtige Amt in dieser Frage Standfestigkeit und Widerstandswillen gegenüber dem außenpolitischen Apparat der NSDAP und dem Propagandaministerium bewies. Selbst Ende 1935, als die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas und die Zeitschrift „Osteuropa“ das Schicksal der Gleichschaltung ereilte und Otto Hoetzsch per Zwangspensionierung von der Leitung seines Seminars an der Berliner Universität verdrängt worden war, blieb das Editionsprojekt nahezu unangetastet. Das Propagandaministerium in Berlin bestand zwar noch im Dezember 1936 darauf, dass Reklame für die Bände der deutschen Ausgabe nur in speziellen Zeitschriften erfolgen dürfe und dass für etwaige Vorworte eine gesonderte Genehmigung nötig sei, beschied aber dennoch, dass dem weiteren Erscheinen nichts im Wege stünde. Es hielt an seinen prinzipiellen Einwänden gegen Hoetzsch fest, dieser stand dem Projekt trotzdem quasi bis zum Schluss vor. Erst nach Kriegsbeginn 1941 erschien der letzte von insgesamt 16 Bänden des Editionsvorhabens, das allerdings unvollendet blieb.[2]

Die Ausstattung des Bandes lässt keine Wünsche offen. Die gründliche und kenntnisreiche Einleitung der Herausgeberin Carola Tischler, ausführliche Kommentare sowie Personen- und Sachregister gestalten die Arbeit mit den Quellen benutzerfreundlich. Die in russischer Sprache verfassten Dokumente wurden von Lothar Kölm kongenial ins Deutsche übertragen. Auf unausweichliche Editionsprobleme verweisen die Autor/innen selbst. Vor allem wurde die Auswahl der Dokumente in den Moskauer Archiven von den dortigen, mehr oder weniger restriktiven Zugangsbedingungen beeinflusst. Die parallel erschienene, erweiterte Neuauflage einer unter der Ägide des Deutschen Historischen Institutes Moskau edierten Publikation zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen im fraglichen Zeitraum mit Dokumenten aus dem der Öffentlichkeit nur bedingt zugänglichen Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation stand den Herausgeber/innen nicht vorab zur Verfügung.[3]

Anlass zum neuerlichen Nachdenken über die deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1933 und 1941 liefert der nun vorliegende zweite Band der Quellenpublikation also zur Genüge. Die Fachwelt darf mit Spannung auf die ausstehenden Bände warten.

Anmerkungen:
[1] Dietmar Wulff, Sammelrezension: Die Sprache der Diplomatie: Deutschland und die Sowjetunion im 20. Jahrhundert, in: Helmut Altrichter / Wiktor Ischtschenko u.a. (Hrsg.), Deutschland – Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte, Orte der Erinnerung. Band 3: Das 20. Jahrhundert, München 2014; Sergej Slutsch / Carola Tischler (Hrsg.), Deutschland und die Sowjetunion 1933 – 1941. Dokumente. Band 1: 30. Januar 1933 – 31. Oktober 1934, München 2014, in: H-Soz-Kult, 09.04.2015, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-21694 (23.12.2019).
[2] Die internationalen Beziehungen im Zeitalter des Imperialismus: Dokumente aus den Archiven der Zarischen und der Provisorischen Regierung, hrsg. von der Kommission beim Zentralexekutivkomitee der Sowjetregierung unter dem Vorsitz von M. N. Pokrowski. Einzig berechtigte dt. Ausg., namens der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas hrsg. von Otto Hoetzsch. Reihe 1: Das Jahr 1914 bis zum Kriegsausbruch; Reihe 2: Vom Kriegsausbruch bis zum Herbst 1915, Reihe 3: Vom Frühjahr 1911 bis zum Ende 1913, Berlin 1931–1943.
[3] Sergej W. Kudrjaschow (Hrsg.), Westnik Archiwa Presidenta Rossiiskoj Federatsii. SSSR – Germanija. 1932–1941, Moskau 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.01.2020
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag